Achtung
Bewusstseinserweiterung !
Einer
der nicht gedruckten Essays aus REIFE
von Andreas
Giger

Achtung Bewusstseinserweiterung
!
Es war einmal ein
junger Mann, der zufällig in einer Zeit erwachsen wurde (jedenfalls
kalendarisch), in der ein ominöser Begriff Kariere machte: Bewusstseinserweiterung.
Das muss, wie sich die geneigten Leserinnen und Leser erinnern, ziemlich
lange her sein. Tatsächlich sprechen wir von den späten Sechziger
Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Voran gegangen waren
Jahre ziemlicher geistiger Enge, und so kam der Ruf nach Bewusstseinserweiterung
nicht allzu über-raschend. Allerlei Methoden wurden zur Erreichung
dieses Ziels angeboten: Die Reise nach Innen, die Beschäftigung
mit fernöstlicher Religion und Mystik, Meditation und, ja auch,
bewusstseinsverändernde Stoffe, allzu pauschal Drogen genannt.
Das genügte,
um die ganze Sache verdächtig zu machen. Kam noch dazu, dass jene,
die dem Ruf nach Bewusstseinserweiterung folgten und dabei Haschisch
rauchten und LSD einwarfen, ohnehin ein dubioses Völkchen waren:
Langhaarige Hippies und ähnliche ungewaschene Gesellen. Bewusstseinserweiterung
klang deshalb schnell nach Rebellion und Abweichlertum. Brave Bürger
ließen besser die Finger davon.
Unser junger Mann
lebte in einem biederen Kleinstädtchen und machte seine Gehversuche
in Bewusstseinserweiterung deshalb mit gebührender Vorsicht. Nur
die Vorsicht gegenüber der Sache oder besser dem Prozess verstand
er nicht: Es war doch offensichtlich eine gute Sache, sein Bewusstsein
zu erweitern, mehr Platz für mehr Inhalte Wissen, Ideen,
Gefühle und so fort zu schaffen. Es schien ihm engstirnig,
sich davor zu fürchten, bis er merkte, dass Engstirnigkeit auch
sprachlich das Gegenteil von Bewusstseinserweiterung ist ...
Die Jahre des jugendlichen
Experimentierens gingen vorbei, der junge Mann hatte, wie das so üblich
ist in dieser Lebensphase, anderes zu tun. Dann, er war jetzt schon
Mitte Dreißig, schrieb er ein Buch mit dem Untertitel "Bewusstseinserweiterung
macht Spaß", in dem er versuchte zu schildern, wie lustvoll
es sein kann, die Welt und sich selbst immer wieder aus einer neuen
Perspektive zu betrachten. Er vertrat darin die ernsthafte Überzeugung,
Bewusstseinserweiterung gehöre zu den wesentlichen Bestimmungen
des Menschen und verdiene deshalb viel Aufmerksamkeit.
Die Öffentlichkeit
war nicht dieser Ansicht, weshalb der Autor es vorzog, sich anderen
Themen zuzuwenden. Als Zukunftsforscher stieß er auf das kaum
zu übersehende Phänomen der älter werdenden Gesellschaft
und begann sich zu fragen, welche Auswirkungen dies wohl auf unsere
Werte haben würde. Seine Antwort lautete: Der Wert "Reife"
wird wichtig und zentral, und entsprechende Aufmerksamkeit wird der
Prozess der Reifung auf sich ziehen.
Vordergründig
erzählt diese Geschichte die Überwindung einer Jugendsünde
und einer midlife crisis: Nach der Beschäftigung mit einem völlig
brotlosen Thema ist der Mann endlich reif geworden und wendet sich seriöseren
Dingen zu. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis der jetzt nicht mehr
junge Mann in seiner Geschichte im Gegenteil eine erstaunliche Kontinuität
entdeckte, die nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn wenn ein offensichtliches
Lebensthema sich in so wandlungsfähiger Form zeigt, ist dies schon
ein Schmunzeln wert. Jedenfalls wurde ihm klar: Reifung ist nichts anderes
als Bewusstseinserweiterung. Wenn wir reifen, erweitern wir stetig unsere
inneren Räume, indem wir immer wieder Neues entdecken, in uns,
in der Welt um uns herum, in der Beziehung zwischen uns und der Welt.
Und so wie ein Entdeckungsreisender mit jedem Schritt seinen Horizont
erweitert und damit sein Bewusstsein, erweitern wir dieses mit jedem
Schritt auf unserem Lebensweg. Und mit zunehmender Reife wird uns auch
immer klarer, dass es wirklich um das Entdecken geht und nicht um das
Erobern.
Es gibt bei der
Reifung der älteren Jahrgänge noch andere Unterschiede zum
jugendlichen Drang nach Bewusstseins-erweiterung. In den jungen Jahren,
in denen wir noch wenig kennen, entdecken wir fast täglich ein
ganz neues Land, ja oft noch einen unbekannten Kontinent. Später
verlagert sich unser Interesse auf den Nahbereich, wir freuen uns über
eine neue Gegend oder Stadt. Ähnlich entdecken wir bei den ersten
Schritten ständig neue unbekannte grelle Farben, während wir
bei fortgeschrittener Reifung unsere Freude an sanfteren Farbtönen,
ja selbst an den unterschiedlichen Schattierungen von Grau entdecken.
Beides hat seine Zeit, und es macht
wenig Sinn, sich in reiferen Jahren nach neuen knalligen Neonfarben
zu sehnen es gibt sie nicht. Doch es gibt Tausende und Abertausende
von Farben, und wir haben sie noch längst nicht alle wirklich gesehen.

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