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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Achtung Bewusstseinserweiterung !

Einer der nicht gedruckten Essays aus REIFE

von Andreas Giger

Achtung Bewusstseinserweiterung !

Es war einmal ein junger Mann, der zufällig in einer Zeit erwachsen wurde (jedenfalls kalendarisch), in der ein ominöser Begriff Kariere machte: Bewusstseinserweiterung. Das muss, wie sich die geneigten Leserinnen und Leser erinnern, ziemlich lange her sein. Tatsächlich sprechen wir von den späten Sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Voran gegangen waren Jahre ziemlicher geistiger Enge, und so kam der Ruf nach Bewusstseinserweiterung nicht allzu über-raschend. Allerlei Methoden wurden zur Erreichung dieses Ziels angeboten: Die Reise nach Innen, die Beschäftigung mit fernöstlicher Religion und Mystik, Meditation und, ja auch, bewusstseinsverändernde Stoffe, allzu pauschal Drogen genannt.

Das genügte, um die ganze Sache verdächtig zu machen. Kam noch dazu, dass jene, die dem Ruf nach Bewusstseinserweiterung folgten und dabei Haschisch rauchten und LSD einwarfen, ohnehin ein dubioses Völkchen waren: Langhaarige Hippies und ähnliche ungewaschene Gesellen. Bewusstseinserweiterung klang deshalb schnell nach Rebellion und Abweichlertum. Brave Bürger ließen besser die Finger davon.

Unser junger Mann lebte in einem biederen Kleinstädtchen und machte seine Gehversuche in Bewusstseinserweiterung deshalb mit gebührender Vorsicht. Nur die Vorsicht gegenüber der Sache oder besser dem Prozess verstand er nicht: Es war doch offensichtlich eine gute Sache, sein Bewusstsein zu erweitern, mehr Platz für mehr Inhalte — Wissen, Ideen, Gefühle und so fort — zu schaffen. Es schien ihm engstirnig, sich davor zu fürchten, bis er merkte, dass Engstirnigkeit auch sprachlich das Gegenteil von Bewusstseinserweiterung ist ...

Die Jahre des jugendlichen Experimentierens gingen vorbei, der junge Mann hatte, wie das so üblich ist in dieser Lebensphase, anderes zu tun. Dann, er war jetzt schon Mitte Dreißig, schrieb er ein Buch mit dem Untertitel "Bewusstseinserweiterung macht Spaß", in dem er versuchte zu schildern, wie lustvoll es sein kann, die Welt und sich selbst immer wieder aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Er vertrat darin die ernsthafte Überzeugung, Bewusstseinserweiterung gehöre zu den wesentlichen Bestimmungen des Menschen und verdiene deshalb viel Aufmerksamkeit.

Die Öffentlichkeit war nicht dieser Ansicht, weshalb der Autor es vorzog, sich anderen Themen zuzuwenden. Als Zukunftsforscher stieß er auf das kaum zu übersehende Phänomen der älter werdenden Gesellschaft und begann sich zu fragen, welche Auswirkungen dies wohl auf unsere Werte haben würde. Seine Antwort lautete: Der Wert "Reife" wird wichtig und zentral, und entsprechende Aufmerksamkeit wird der Prozess der Reifung auf sich ziehen.

Vordergründig erzählt diese Geschichte die Überwindung einer Jugendsünde und einer midlife crisis: Nach der Beschäftigung mit einem völlig brotlosen Thema ist der Mann endlich reif geworden und wendet sich seriöseren Dingen zu. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis der jetzt nicht mehr junge Mann in seiner Geschichte im Gegenteil eine erstaunliche Kontinuität entdeckte, die nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn wenn ein offensichtliches Lebensthema sich in so wandlungsfähiger Form zeigt, ist dies schon ein Schmunzeln wert. Jedenfalls wurde ihm klar: Reifung ist nichts anderes als Bewusstseinserweiterung. Wenn wir reifen, erweitern wir stetig unsere inneren Räume, indem wir immer wieder Neues entdecken, in uns, in der Welt um uns herum, in der Beziehung zwischen uns und der Welt. Und so wie ein Entdeckungsreisender mit jedem Schritt seinen Horizont erweitert und damit sein Bewusstsein, erweitern wir dieses mit jedem Schritt auf unserem Lebensweg. Und mit zunehmender Reife wird uns auch immer klarer, dass es wirklich um das Entdecken geht und nicht um das Erobern.

Es gibt bei der Reifung der älteren Jahrgänge noch andere Unterschiede zum jugendlichen Drang nach Bewusstseins-erweiterung. In den jungen Jahren, in denen wir noch wenig kennen, entdecken wir fast täglich ein ganz neues Land, ja oft noch einen unbekannten Kontinent. Später verlagert sich unser Interesse auf den Nahbereich, wir freuen uns über eine neue Gegend oder Stadt. Ähnlich entdecken wir bei den ersten Schritten ständig neue unbekannte grelle Farben, während wir bei fortgeschrittener Reifung unsere Freude an sanfteren Farbtönen, ja selbst an den unterschiedlichen Schattierungen von Grau entdecken.

Beides hat seine Zeit, und es macht wenig Sinn, sich in reiferen Jahren nach neuen knalligen Neonfarben zu sehnen — es gibt sie nicht. Doch es gibt Tausende und Abertausende von Farben, und wir haben sie noch längst nicht alle wirklich gesehen.

Mehr zum Büchlein REIFE hier. Und mehr über den Inhalt der anderen Essays hier.