Reifende
Einsichten
Reifung
zwischen Verdienst und Gnade
Persönliche
Bemerkungen von Andreas Giger

Der astronomische
Frühlingsbeginn hat für mich eine wichtige Bedeutung: Ziemlich
genau zu diesem Zeitpunkt, wenn auch vor 18 Jahren, hat Amors berühmter
Pfeil bei meiner Liebsten und mir getroffen. Womit unsere Liebe, die
noch immer andauert, just zu diesem Zeitpunkt volljährig wird.
Und das ruft gebieterisch die Frage, ob sie damit auch erwachsen oder
gar reif sei...
Nun, das
mit dem erwachsen Werden dauert heut zu Tage bekanntlich seine Zeit,
und die Behauptung, jemand oder etwas sei wirklich reif, hat immer etwas
Überhebliches. Gereift allerdings ist unsere Liebe in diesen vielen
Jahren mit Gewissheit. Üppige, fruchtbare Zeiten haben dazu ebenso
beigetragen wie schwere und schwierige.
Gereift sind
in diesem Prozess zunächst beide Partner. Sie hatten herauszufinden,
wer sie wirklich sind und was sie wollen, und das geht nirgends so wirkungsvoll
wie in einer engene Liebesbeziehung. Dass wir beide dabei entdeckt haben,
dass wir uns am wohlsten fühlen, wenn beide in ihrem Lebenskreis
leben und diese sich nur temporär überschneiden lassen, ist
kein Modell für alle. Eine Liebesbeziehung auf Distanz zu leben,
ist nur eines von vielen möglichen Modellen. Zu einem Reifungsprozess
aber gehört es, das für einem selbst passendste zu entwickeln...
Doch gereift
ist in diesen Jahren auch die Einsicht, ein Liebespaar sei über
die beiden Beteiligten hinaus ein eigenständiges Wesen, das ebenfalls
reifen könne. Von loderndem Verliebtheitsfeuer etwa zur lang anhaltend
intensiv wärmenden Glut, oder von der Projektion eigener Wunschvorstellungen
auf den Anderen zu Respekt vor dessen Andersartigkeit, ja zu Freude
daran.
Wir sind
diesem reifen Miteinander im Laufe eines langen Reifungsprozesses näher
gekommen, und ich empfinde diese gereifte Liebe als die grösste
Bereicherung meines an Schönem auch sonst nicht armen Lebens. Und
immer klarer ist während dieser Entwicklung eines geworden: Reifung
geht nicht ohne aktive Mitarbeit der Beteiligten, nicht ohne deren Einsichts-
und Wandlungsfähigkeit. Doch ebenso wenig ist Reifung ausschliesslich
eigenes Verdienst. Sie gelingt nur, wenn auch so etwas wie Gnade dabei
ist, eine Zufuhr an Wissen und Energie, die kommen mag, woher sie will,
doch niemals allein erklärbar durch eigene Anstrengung oder eigenes
Verdienst.
Wenn also
zu diesem Zeitpunkt des Jahres zärtliche Erinnerungen hoch kommen
und lebendige Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Reifung unserer Liebe
nähren, ist immer beides dabei: Ein bisschen Stolz auf unsere eigene
Leistung, und viel Dankbarkeit für die empfangene Gnade.
