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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Reifende Einsichten

Reifung zwischen Verdienst und Gnade

Persönliche Bemerkungen von Andreas Giger

Der astronomische Frühlingsbeginn hat für mich eine wichtige Bedeutung: Ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt, wenn auch vor 18 Jahren, hat Amors berühmter Pfeil bei meiner Liebsten und mir getroffen. Womit unsere Liebe, die noch immer andauert, just zu diesem Zeitpunkt volljährig wird. Und das ruft gebieterisch die Frage, ob sie damit auch erwachsen oder gar reif sei...

Nun, das mit dem erwachsen Werden dauert heut zu Tage bekanntlich seine Zeit, und die Behauptung, jemand oder etwas sei wirklich reif, hat immer etwas Überhebliches. Gereift allerdings ist unsere Liebe in diesen vielen Jahren mit Gewissheit. Üppige, fruchtbare Zeiten haben dazu ebenso beigetragen wie schwere und schwierige.

Gereift sind in diesem Prozess zunächst beide Partner. Sie hatten herauszufinden, wer sie wirklich sind und was sie wollen, und das geht nirgends so wirkungsvoll wie in einer engene Liebesbeziehung. Dass wir beide dabei entdeckt haben, dass wir uns am wohlsten fühlen, wenn beide in ihrem Lebenskreis leben und diese sich nur temporär überschneiden lassen, ist kein Modell für alle. Eine Liebesbeziehung auf Distanz zu leben, ist nur eines von vielen möglichen Modellen. Zu einem Reifungsprozess aber gehört es, das für einem selbst passendste zu entwickeln...

Doch gereift ist in diesen Jahren auch die Einsicht, ein Liebespaar sei über die beiden Beteiligten hinaus ein eigenständiges Wesen, das ebenfalls reifen könne. Von loderndem Verliebtheitsfeuer etwa zur lang anhaltend intensiv wärmenden Glut, oder von der Projektion eigener Wunschvorstellungen auf den Anderen zu Respekt vor dessen Andersartigkeit, ja zu Freude daran.

Wir sind diesem reifen Miteinander im Laufe eines langen Reifungsprozesses näher gekommen, und ich empfinde diese gereifte Liebe als die grösste Bereicherung meines an Schönem auch sonst nicht armen Lebens. Und immer klarer ist während dieser Entwicklung eines geworden: Reifung geht nicht ohne aktive Mitarbeit der Beteiligten, nicht ohne deren Einsichts- und Wandlungsfähigkeit. Doch ebenso wenig ist Reifung ausschliesslich eigenes Verdienst. Sie gelingt nur, wenn auch so etwas wie Gnade dabei ist, eine Zufuhr an Wissen und Energie, die kommen mag, woher sie will, doch niemals allein erklärbar durch eigene Anstrengung oder eigenes Verdienst.

Wenn also zu diesem Zeitpunkt des Jahres zärtliche Erinnerungen hoch kommen und lebendige Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Reifung unserer Liebe nähren, ist immer beides dabei: Ein bisschen Stolz auf unsere eigene Leistung, und viel Dankbarkeit für die empfangene Gnade.