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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Einspruch gegen Reife ?

Kreisen um einen Begriff

von Edmond Tondeur

Es gibt ihn offensichtlich, diesen Einspruch, wie aus Reaktionen auf diese Website zu erfahren ist. Das hört sich zum Beispiel so an: "Reife ist ein Euphemismus, eine Beschönigung der hässlichen Tatsache, dass wir den Weg allen Fleisches gehen bis hin zur Kompostierung, unentrinnbar für alle, wahrhaft gleichberechtigt wenigstens in diesem Punkt."

Oder so: "Reife ist elitär, gebunden an das Privileg jener Minderheit, die sich ein Altern in Schönheit und Würde finanziell leisten kann." Oder auch so: "Mich schreckt die Vorstellung, dereinst zu den Reifen, oder Gereiften, zu zählen, noch mehr als die Gewissheit des Todes. Warum nicht schlicht und ergreifend der Vergänglichkeit allen Lebens ins Auge blicken, diesem universellen Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, diesem immensen Transit, von dem mein persönlicher Exit nur ein Teilaspekt sein wird?"

Es tut gut, solchem Einspruch zu begegnen, und es wäre ein Zeichen der Unreife, ihn nicht nachdenklich aufzunehmen in die eigene Betrachtung der Dinge. Zunächst nur soviel: Die Urheber und Schrittmacher dieser Website sind nie von einer Doktrin oder einem ‚Programm’ ausgegangen, worin festgelegt ist, was wir unter Reife oder Reifung verstehen. Wegweisend war uns nur das Faktum, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die meisten Menschen immer älter werden, was für die ganze Organisation, Gestaltung, Sinnstiftung dieser Gesellschaft in wirtschaftlicher, politischer und soziokultureller Hinsicht weittragende Folgen hat.

Diesem historisch erstmaligen Tatbestand, mit seiner beschleunigten Dynamik, stellen wir den Begriff der "Reifung" als Arbeitshypothese gegenüber, als neuen Ansatz zur Betrachtung des älter Werdens, auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene. Der Ansatz ist qualitativ: die blosse Menge der gelebten Jahre, der produzierten und konsumierten Güter, der Einkommen und Vermögen besagt ja noch wenig über die von den Menschen erfahrene Lebensqualität. Veränderung allein genügt nicht, wenngleich zu gelten scheint, dass "Stillstand Rückschritt bedeutet". Umgekehrt gilt sicher nicht, dass Fortbewegung ‚per se’ den Fortschritt garantiert.

Die Güte begründet sich anders als die Menge, und auf die Frage, "was ist gut und tut mir/uns gut?" antwortet keine Statistik. Nun hat ja seit zehn oder mehr Jahren die "Qualitätssicherung" in den meisten Organisationen und Dienstleistungen (bis hin zur Spitalseelsorge) Einzug gehalten, bedauerlicherweise im Zeichen der Budgetkürzungen und finanziellen Knappheit. Akribisch wird allenthalben das Verhältnis von Menge und Güte (von Aufwand und Nutzen, Input und Output) erfasst, reflektiert, gesteuert. In "unserer" Wortwahl könnte man auch fragen: WIE REIF IST die Tätigkeit, die Leistung, die Wirkung einer Arbeit, wo auch immer? Es besteht ein offenkundiger Zusammenhang zwischen "Reife" und "Qualität", vor allem dann, wenn beide als Weg und Prozess betrachtet werden und nicht als Ergebnis. Was "reift" im Leben (eines Einzelnen, einer Organisation usw.) wäre somit in Parallele zu setzen mit: was "qualifiziert" dieses Leben, woran "messen" wir die Güte, den spezifischen Wert und Gehalt, das "Erstrebenswerte"?

Wir erkennen die Bedeutung dieser Fragen nicht erst heute, auch nicht erst im Zusammenhang mit dem älter Werden der Menschen. Die Frage nach dem GUTEN LEBEN hat in jeder Kultur die Gemüter bewegt, das Handeln geleitet, Traditionen begründet. Menschsein war wohl zu jeder Zeit ausgerichtet auf "Wertschöpfung", Entwicklung des Geistes und der Lebensstrategien, Evolution. Die Kreisläufe bzw. Spiralen dieser Evolution können als universelles Reifungsgeschehen verstanden werden, in dem der Mensch (als homo sapiens sapiens) seinen bestimmten (ihm bestimmten?) Platz einnimmt.

In seinem köstlich-lesenswerten Rundgang durch die vielfältigen Erscheinungsformen von "Reife" hat Andreas Giger die ganze Begriffsbreite des Wortes ausgelotet (Zusammenfassungen siehe unten). Auch damit war nicht die Absicht einer Reife-Doktrin verknüpft, wohl aber die Einladung, sich von der Wort-Magie inspirieren zu lassen für die ganz persönliche Reife-Erfahrung. "Reifung beginnt mit dem Anfang des Lebens, und sie beginnt jeden Tag neu. Erfolge, Stillstand, Rückschritte gehören dazu. Der Lebenslauf ist ein Werde-Weg, viele sagen: eine Pilgerreise, ein unterwegs sein — "it is better to travel than to arrive" (mittelalterliches Lied).


"Reife macht Sinn"

Zusammenfassung der köstlichen "Lese-Schau" von Andreas Giger

Reife als Richtungsangabe für Entwicklungsprozesse. Reife ist das am Anfang noch verborgene Potenzial, das sich im Laufe der persönlichen Evolution allmählich ent-wickelt. "Wohin gehe ich?" "Hin zur Reife" ... Ich reife, also bin ich.

Reifende Reifung

Es gibt nur individuelle Reifungsprozesse, kein allgemein gültiges "Drehbuch für Reifung". Und diese Reifungsprozesse sind weder linear noch verbal umfassend beschreibbar. Wir reifen mit allen Sinnen, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.

Reife macht Sinn

Alle wollen alt werden (d.h. nicht sterben), doch niemand will alt sein. Nun aber hat sich dies — von der Lebenserwartung her — dramatisch geändert. Der Lebensabend hat sich in kürzester Zeit enorm verlängert, bei voller Erhaltung des Lichts (Vitalität). Die Wahrnehmungskategorie namens ‚Alter’ ist unstimmig, ja unbrauchbar geworden.

Leben bedeutet Wandel und Veränderung, eine Folge von Lebensphasen, die je ihre eigene, besondere Qualität haben. Wir müssen nicht nur älter werden — wir können auch reifer werden. Gerade darin könnte der Sinn des älter Werdens liegen. Dazu ist allerdings Eigeninitiative gefragt.

Jahrringe

Bei Bäumen finden wir sie als Spuren der Zeit faszinierend, die Falten am eigenen Leib jedoch sind uns zuwider. Falten waren schon einmal sexy, und sie könnten es wieder werden. Schönheiten der Landschaften, der Erosionen und Sedimentierungen. Auch der menschliche Körper kann als Landschaft betrachtet werden. Der Zuwachs an Jahrringen kann intensivierte Lebendigkeit bedeuten.

Fliessmuster

Je älter wir werden, desto länger wird die Strecke unseres Lebensflusses, die wir überblicken können. Das ermöglicht es uns, Muster, Sinn und Bedeutung nicht nur in einzelnen Ereignissen zu erkennen, sondern im Fliessmuster des ganzen bisherigen Lebens.

Reifung bedeutet demnach auch die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Differenzierung. Wir unterscheiden zwischen Fliessmustern, die unsere ganz persönlichen sind, unseren Eigensinn ausmachen, und solchen, die allen Menschen gemeinsam sind.

Wasser ist unablässig in Bewegung, muss es bleiben, um nicht faulig zu werden. Und nie zeigt Wasser die gleichen Fliessmuster. Wellenreiten wird zum zeitgemässen Bild für Lebenskunst

Kein Wassertropfen gleicht exakt dem anderen, jeder zeigt beim Trocken seine nur für ihn charakteristischen Muster.

Reifende Beziehungen

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. Dies ist heute teils selbstverständlich, teils der ‘Skandal’ einer Epoche, die nur noch dem Wandel zu frönen scheint, während wir zugleich nach Mustern und Zusammenhängen, Sinn und Bedeutung dürsten.

Ich reife, also bin ich — dies die Idee, evolutionäre Prozesse hätten so etwas wie eine allgemeine Entwicklungsrichtung.

Bis hin zur Co-Evolution in Paarbeziehungen. Wobei Evolution in gewisser Weise stets Co-Evolution ist, immer im Austausch mit andern, mit der Umwelt geschieht.

Co-Evolution heisst Reifung durch Auseinandersetzung mit dem anderen. In diesem Prozess reift auch die Beziehung.

Reife als Ressource

Von selbst ist Reife keine Kraftquelle; erst wenn wir ihr Sinn geben und sie als innere Kraftquelle zulassen, beginnt sie als Ressource zu wirken.

Reife bedeutet die Existenz eines vielfältigen Erfahrungswissens, aus dem immer wieder gelernt wird..

Wissen bedeutet immer auch, Informationen in einen Kontext einordnen zu können, ihnen Bedeutung zu geben. Dieses "interpretierende" Wissen veraltet nicht, es wird vielschichtiger, reifer.

Reife ist nie der Zustand, in dem wir uns befinden, sondern immer der Horizont, auf den wir uns zu bewegen.

Ist Reife langweilig?

Buddha war ein Mann in reiferen Jahren, als er seine Erleuchtung hatte und sie mit anderen zu teilen begann. So kommt uns das Lächeln des Buddha mit seiner Mischung aus vollkommener Distanz mit ebenso vollkommener Güte vor wie der perfekte Ausdruck von Reife: Siddhartas stilles Sitzen am Ufer des Flusses. Widerspricht dieses Bild der Vorstellung von Vitalität in älteren Jahren, ist es gar "abgehoben" und bewegungslos?

Frische ziemt sich für das Bier, Reife für den Wein!

Wahrscheinlich ist in den späteren Lebensphasen weniger los als in den früheren. Doch kann gerade dieses Weniger an Quantität ein Mehr an Qualität bedeuten. Reifung = Wachstum an Lebensqualität.

Reife als Jugendplus

Die Phantasie vom Jungbrunnen scheint tief in uns Menschen zu stecken, und die heutige Schönheitsindustrie findet darin ihren Boden. Wer sein Selbstbewusstsein davon abhängig macht, wie jugendlich er aussieht, identifiziert sich im Uebermass mit seinem Körper.

"Mit der Reife wird man immer jünger" (Hermann Hesse) meint etwas anderes, nämlich, dass manche in mittleren Jahren erloschene junge Eigenschaft im Alter wieder verstärkt hervor tritt.

Vorbei!

Bei der Gestaltung unserer Erinnerungen sind wir (ein Stück weit) autonom. Es braucht eine gewisse Reife, bis wir uns nicht mehr ‚blindlings’ mit den Erinnerungen identifizieren. Menschen, die Gefangene ihrer eigenen Vergangenheit sind, reifen nicht. Sie erstarren — in Ressentiments und/oder Nostalgie.

Vorbei ist vorbei, nichts lässt sich wiederholen oder nachholen. Darum heisst Reifung immer auch los lassen zu lernen. Nur dann öffnet sich der Raum für Neues, für Kontinuität im stetigen Wandel.

Abendrot

Farbqualität des Tageslichts am Morgen anders als am Abend.

Die wärmende Schönheit des Abendlichts, auch mit dem Wissen um das nahende Dunkel der Nacht. So lange wir leben, erleben wir beides, das Morgenrot wie das Abendrot.

Wann beginnt die Reifung?

Pablo Casals übte noch mit 90 Jahren täglich vier bis fünf Stunden auf seinem Cello. Wozu er dies täte? Antwort: Weil ich den Eindruck habe, ich mache Fortschritte.

Einen bestimmten Reifegrad können wir nur im Zeitvergleich erkennen. Schon Zehnjährigen bedeuten wir: dafür bist du jetzt reif genug. Reifung beginnt mit dem Anfang des Lebens — und sie beginnt jeden Tag neu. Stillstand und Rückschritte gehören dazu.

Reifung beginnt, wann Sie es wollen.

Späte Freiheiten

Frühe Freiheiten, späte Freiheiten. Die innere Freiheit zu ihrem vollen Potenzial erblühen zu lassen, erfordert einen langen Reifungsprozess. Je unabhängiger wir werden — von den Urteilen anderer wie von unseren eigenen — desto mehr Raum eröffnet sich für "Freiheit zu". "Freiheit von" macht allein nicht den Sinn des Lebens aus. "Werde, der du bist" — "Erkenne dich selbst".

Je später der (Lebens-)Abend, desto tiefer die Freiheit.

Jenseits von Reife

Gerade jene Früchte, deren Reife uns am köstlichsten mundet, sind auch die fragilsten. Reife als Idealzustand hat ein eng begrenztes Haltbarkeitsdatum. Jenseits davon liegt — Fäulnis.

Ob wir jenseits der für uns hienieden erreichbaren Reife noch einmal Gelegenheit für einen Reifungsprozess bekommen, wissen wir nicht. Nur eines ist gewiss: So lange ich reife, lebe ich und brauche weder vor dem Tod Angst zu haben noch darüber nachzugrübeln, was jenseits von Reife liegen mag.

Eine reife Leistung

Braucht es dafür Anstrengung, Fleiss? Oder geht Reifung auch "mühelos"? Angesichts einer reifen Leistung spüren wir: das ist kein Zufallstreffer, da steckt viel Uebung, viel Lernen dahinter.

Hinter jeder reifen Leistung steckt ein reifer Mensch, ein authentischer Mensch.

Talent zur Reifung? Ja, im Sinne der Mischung aus eigener Leistung und Gnade.

Höhlengereift

Reifung des Käses und des Weines erfolgt im Dunkeln. Gelungene Reifung bedeutet nicht die Abschaffung der Dunkelheit, sondern einen reifen Umgang damit. Alle Tugenden, die wir in dunklen Momenten brauchen, können und müssen reifen. Höhlengereifte Menschen unterscheiden sich von solchen, denen nie ein grösseres Ungemach zugestossen ist.

Achtung Bewusstseinserweiterung!

Die Geschichte von Andreas: als Dreissigjähriger schrieb er "Bewusstseinserweiterung macht Spass", als Vierzigjähriger entdeckte er den Begriff der Reife — und beides meint dasselbe. Wenn wir reifen, erweitern wir stetig unsere inneren Räume. Wir entdecken, was Leben alles bedeutet. Wir "erobern" nicht (mehr).

On the road

Fernweh durch Nahlust nicht zu ersetzen, aber zu ergänzen, könnte ein reifer Umgang mit unserem Drang nach Mobilität sein. Das wäre kein Verrat an unserem nomadischen Erbe.

Piccabia: Man muss Nomade sein, durch die Ideen und Gedanken reisen wie durch Länder und Kontinente. Das tun wir schon, wenn wir von "Lebenslauf" sprechen. Das Leben als Weg, als Reise, als Pilgerfahrt.

Unterwegs zu sein gehört zum Menschen (Jack Kerouac: On the road).

Spinnweben

"Altweibersommer", die dünnen, silbernen Fäden als Haare alter Frauen.

Heute ist allüberall "Vernetzung" angesagt. Auch Netze brauchen Reifungsprozesse.

Sympathische Spinner/innen. Fähigkeit zum Spinnen der Fäden nimmt im älter Werden eher zu.

Reife als Attraktor

Anziehungspunkte. Gibt es die in unserem Lebenslauf? Auf unserem Lebensweg haben wir öfter das Gefühl, von der Vergangenheit geschoben als von der Zukunft angezogen zu werden. Was könnte in unserem Leben die Rolle des Attraktors übernehmen? Was ist meine Lebensbestimmung?

Ist Reife ein Attraktor?

Reine Reife

Wir sehnen uns nach Perfektion, wie sie z.B. der Rauhreif hat. Umrundung des Kailash als gutes Leitbild. Umrunden, nicht besteigen oder gar ‚erobern’. Spirale als Entwicklungsmetapher. Gotthardlinie bei Wassen: dreimal sehen wir die Kirche, immer wieder aus einem andern Blickwinkel.

Und: wir brauchen nicht immer daran zu "denken".

Vergessen Sie (zunächst) die Reife. Reifen Sie einfach.

 

 

Anmerkung des "Zusammenfassers":

Dies ist keine Verdichtung, schon eher eine "Verdünnung" des opus von Andreas, das ja in sich eine bild-textliche Verdichtung ist. Für mich ist die Zusammenhang ein kognitives Hilfsmittel für die bearbeitende Diskussion. Edmond Tondeur

Mehr zum jetzt vorliegenden Privatdruck REIFE hier.