Einspruch
gegen Reife ?
Kreisen
um einen Begriff
von Edmond
Tondeur

Es gibt ihn
offensichtlich, diesen Einspruch, wie aus Reaktionen auf diese Website
zu erfahren ist. Das hört sich zum Beispiel so an: "Reife
ist ein Euphemismus, eine Beschönigung der hässlichen Tatsache,
dass wir den Weg allen Fleisches gehen bis hin zur Kompostierung, unentrinnbar
für alle, wahrhaft gleichberechtigt wenigstens in diesem Punkt."
Oder so:
"Reife ist elitär, gebunden an das Privileg jener Minderheit,
die sich ein Altern in Schönheit und Würde finanziell leisten
kann." Oder auch so: "Mich schreckt die Vorstellung, dereinst
zu den Reifen, oder Gereiften, zu zählen, noch mehr als die Gewissheit
des Todes. Warum nicht schlicht und ergreifend der Vergänglichkeit
allen Lebens ins Auge blicken, diesem universellen Kommen und Gehen,
Werden und Vergehen, diesem immensen Transit, von dem mein persönlicher
Exit nur ein Teilaspekt sein wird?"
Es tut gut,
solchem Einspruch zu begegnen, und es wäre ein Zeichen der Unreife,
ihn nicht nachdenklich aufzunehmen in die eigene Betrachtung der Dinge.
Zunächst nur soviel: Die Urheber und Schrittmacher dieser Website
sind nie von einer Doktrin oder einem Programm ausgegangen,
worin festgelegt ist, was wir unter Reife oder Reifung verstehen. Wegweisend
war uns nur das Faktum, dass wir in einer Gesellschaft leben,
in der die meisten Menschen immer älter werden, was für die
ganze Organisation, Gestaltung, Sinnstiftung dieser Gesellschaft in
wirtschaftlicher, politischer und soziokultureller Hinsicht weittragende
Folgen hat.
Diesem historisch
erstmaligen Tatbestand, mit seiner beschleunigten Dynamik, stellen wir
den Begriff der "Reifung" als Arbeitshypothese gegenüber,
als neuen Ansatz zur Betrachtung des älter Werdens, auf der individuellen
wie auf der kollektiven Ebene. Der Ansatz ist qualitativ: die
blosse Menge der gelebten Jahre, der produzierten und konsumierten Güter,
der Einkommen und Vermögen besagt ja noch wenig über die
von den Menschen erfahrene Lebensqualität. Veränderung
allein genügt nicht, wenngleich zu gelten scheint, dass "Stillstand
Rückschritt bedeutet". Umgekehrt gilt sicher nicht, dass Fortbewegung
per se den Fortschritt garantiert.
Die Güte
begründet sich anders als die Menge, und auf die Frage,
"was ist gut und tut mir/uns gut?" antwortet keine Statistik.
Nun hat ja seit zehn oder mehr Jahren die "Qualitätssicherung"
in den meisten Organisationen und Dienstleistungen (bis hin zur Spitalseelsorge)
Einzug gehalten, bedauerlicherweise im Zeichen der Budgetkürzungen
und finanziellen Knappheit. Akribisch wird allenthalben das Verhältnis
von Menge und Güte (von Aufwand und Nutzen, Input und Output) erfasst,
reflektiert, gesteuert. In "unserer" Wortwahl könnte
man auch fragen: WIE REIF IST die Tätigkeit, die Leistung, die
Wirkung einer Arbeit, wo auch immer? Es besteht ein offenkundiger Zusammenhang
zwischen "Reife" und "Qualität", vor allem
dann, wenn beide als Weg und Prozess betrachtet werden und nicht als
Ergebnis. Was "reift" im Leben (eines Einzelnen, einer Organisation
usw.) wäre somit in Parallele zu setzen mit: was "qualifiziert"
dieses Leben, woran "messen" wir die Güte, den spezifischen
Wert und Gehalt, das "Erstrebenswerte"?
Wir erkennen
die Bedeutung dieser Fragen nicht erst heute, auch nicht erst im Zusammenhang
mit dem älter Werden der Menschen. Die Frage nach dem GUTEN LEBEN
hat in jeder Kultur die Gemüter bewegt, das Handeln geleitet, Traditionen
begründet. Menschsein war wohl zu jeder Zeit ausgerichtet auf "Wertschöpfung",
Entwicklung des Geistes und der Lebensstrategien, Evolution. Die Kreisläufe
bzw. Spiralen dieser Evolution können als universelles Reifungsgeschehen
verstanden werden, in dem der Mensch (als homo sapiens sapiens) seinen
bestimmten (ihm bestimmten?) Platz einnimmt.
In seinem
köstlich-lesenswerten Rundgang durch die vielfältigen Erscheinungsformen
von "Reife" hat Andreas Giger die ganze Begriffsbreite
des Wortes ausgelotet (Zusammenfassungen siehe unten). Auch damit war
nicht die Absicht einer Reife-Doktrin verknüpft, wohl aber die
Einladung, sich von der Wort-Magie inspirieren zu lassen für die
ganz persönliche Reife-Erfahrung. "Reifung beginnt mit dem
Anfang des Lebens, und sie beginnt jeden Tag neu. Erfolge, Stillstand,
Rückschritte gehören dazu. Der Lebenslauf ist ein Werde-Weg,
viele sagen: eine Pilgerreise, ein unterwegs sein "it is
better to travel than to arrive" (mittelalterliches Lied).

"Reife
macht Sinn"
Zusammenfassung
der köstlichen "Lese-Schau" von Andreas Giger
Reife als
Richtungsangabe für Entwicklungsprozesse. Reife ist das am Anfang
noch verborgene Potenzial, das sich im Laufe der persönlichen Evolution
allmählich ent-wickelt. "Wohin gehe ich?" "Hin zur
Reife" ... Ich reife, also bin ich.
Reifende
Reifung
Es gibt nur
individuelle Reifungsprozesse, kein allgemein gültiges "Drehbuch
für Reifung". Und diese Reifungsprozesse sind weder linear
noch verbal umfassend beschreibbar. Wir reifen mit allen Sinnen, von
Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.
Reife
macht Sinn
Alle wollen
alt werden (d.h. nicht sterben), doch niemand will alt sein. Nun aber
hat sich dies von der Lebenserwartung her dramatisch geändert.
Der Lebensabend hat sich in kürzester Zeit enorm verlängert,
bei voller Erhaltung des Lichts (Vitalität). Die Wahrnehmungskategorie
namens Alter ist unstimmig, ja unbrauchbar geworden.
Leben bedeutet
Wandel und Veränderung, eine Folge von Lebensphasen, die je ihre
eigene, besondere Qualität haben. Wir müssen nicht nur älter
werden wir können auch reifer werden. Gerade darin könnte
der Sinn des älter Werdens liegen. Dazu ist allerdings Eigeninitiative
gefragt.
Jahrringe
Bei Bäumen
finden wir sie als Spuren der Zeit faszinierend, die Falten am eigenen
Leib jedoch sind uns zuwider. Falten waren schon einmal sexy, und sie
könnten es wieder werden. Schönheiten der Landschaften, der
Erosionen und Sedimentierungen. Auch der menschliche Körper kann
als Landschaft betrachtet werden. Der Zuwachs an Jahrringen kann intensivierte
Lebendigkeit bedeuten.
Fliessmuster
Je älter
wir werden, desto länger wird die Strecke unseres Lebensflusses,
die wir überblicken können. Das ermöglicht es uns, Muster,
Sinn und Bedeutung nicht nur in einzelnen Ereignissen zu erkennen, sondern
im Fliessmuster des ganzen bisherigen Lebens.
Reifung bedeutet
demnach auch die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Differenzierung.
Wir unterscheiden zwischen Fliessmustern, die unsere ganz persönlichen
sind, unseren Eigensinn ausmachen, und solchen, die allen Menschen gemeinsam
sind.
Wasser ist
unablässig in Bewegung, muss es bleiben, um nicht faulig zu werden.
Und nie zeigt Wasser die gleichen Fliessmuster. Wellenreiten wird zum
zeitgemässen Bild für Lebenskunst
Kein Wassertropfen
gleicht exakt dem anderen, jeder zeigt beim Trocken seine nur für
ihn charakteristischen Muster.
Reifende
Beziehungen
Tempora mutantur,
et nos mutamur in illis. Dies ist heute teils selbstverständlich,
teils der Skandal einer Epoche, die nur noch dem Wandel
zu frönen scheint, während wir zugleich nach Mustern und Zusammenhängen,
Sinn und Bedeutung dürsten.
Ich reife,
also bin ich dies die Idee, evolutionäre Prozesse hätten
so etwas wie eine allgemeine Entwicklungsrichtung.
Bis hin zur
Co-Evolution in Paarbeziehungen. Wobei Evolution in gewisser Weise stets
Co-Evolution ist, immer im Austausch mit andern, mit der Umwelt geschieht.
Co-Evolution
heisst Reifung durch Auseinandersetzung mit dem anderen. In diesem Prozess
reift auch die Beziehung.
Reife
als Ressource
Von selbst
ist Reife keine Kraftquelle; erst wenn wir ihr Sinn geben und sie als
innere Kraftquelle zulassen, beginnt sie als Ressource zu wirken.
Reife bedeutet
die Existenz eines vielfältigen Erfahrungswissens, aus dem immer
wieder gelernt wird..
Wissen bedeutet
immer auch, Informationen in einen Kontext einordnen zu können,
ihnen Bedeutung zu geben. Dieses "interpretierende" Wissen
veraltet nicht, es wird vielschichtiger, reifer.
Reife ist
nie der Zustand, in dem wir uns befinden, sondern immer der Horizont,
auf den wir uns zu bewegen.
Ist Reife
langweilig?
Buddha war
ein Mann in reiferen Jahren, als er seine Erleuchtung hatte und sie
mit anderen zu teilen begann. So kommt uns das Lächeln des Buddha
mit seiner Mischung aus vollkommener Distanz mit ebenso vollkommener
Güte vor wie der perfekte Ausdruck von Reife: Siddhartas stilles
Sitzen am Ufer des Flusses. Widerspricht dieses Bild der Vorstellung
von Vitalität in älteren Jahren, ist es gar "abgehoben"
und bewegungslos?
Frische ziemt
sich für das Bier, Reife für den Wein!
Wahrscheinlich
ist in den späteren Lebensphasen weniger los als in den früheren.
Doch kann gerade dieses Weniger an Quantität ein Mehr an Qualität
bedeuten. Reifung = Wachstum an Lebensqualität.
Reife
als Jugendplus
Die Phantasie
vom Jungbrunnen scheint tief in uns Menschen zu stecken, und die heutige
Schönheitsindustrie findet darin ihren Boden. Wer sein Selbstbewusstsein
davon abhängig macht, wie jugendlich er aussieht, identifiziert
sich im Uebermass mit seinem Körper.
"Mit
der Reife wird man immer jünger" (Hermann Hesse) meint etwas
anderes, nämlich, dass manche in mittleren Jahren erloschene junge
Eigenschaft im Alter wieder verstärkt hervor tritt.
Vorbei!
Bei der Gestaltung
unserer Erinnerungen sind wir (ein Stück weit) autonom. Es braucht
eine gewisse Reife, bis wir uns nicht mehr blindlings mit
den Erinnerungen identifizieren. Menschen, die Gefangene ihrer eigenen
Vergangenheit sind, reifen nicht. Sie erstarren in Ressentiments
und/oder Nostalgie.
Vorbei ist
vorbei, nichts lässt sich wiederholen oder nachholen. Darum heisst
Reifung immer auch los lassen zu lernen. Nur dann öffnet sich der
Raum für Neues, für Kontinuität im stetigen Wandel.
Abendrot
Farbqualität
des Tageslichts am Morgen anders als am Abend.
Die wärmende
Schönheit des Abendlichts, auch mit dem Wissen um das nahende Dunkel
der Nacht. So lange wir leben, erleben wir beides, das Morgenrot wie
das Abendrot.
Wann beginnt
die Reifung?
Pablo Casals
übte noch mit 90 Jahren täglich vier bis fünf Stunden
auf seinem Cello. Wozu er dies täte? Antwort: Weil ich den Eindruck
habe, ich mache Fortschritte.
Einen bestimmten
Reifegrad können wir nur im Zeitvergleich erkennen. Schon Zehnjährigen
bedeuten wir: dafür bist du jetzt reif genug. Reifung beginnt mit
dem Anfang des Lebens und sie beginnt jeden Tag neu. Stillstand
und Rückschritte gehören dazu.
Reifung beginnt,
wann Sie es wollen.
Späte
Freiheiten
Frühe
Freiheiten, späte Freiheiten. Die innere Freiheit zu ihrem vollen
Potenzial erblühen zu lassen, erfordert einen langen Reifungsprozess.
Je unabhängiger wir werden von den Urteilen anderer wie
von unseren eigenen desto mehr Raum eröffnet sich für
"Freiheit zu". "Freiheit von" macht allein nicht
den Sinn des Lebens aus. "Werde, der du bist" "Erkenne
dich selbst".
Je später
der (Lebens-)Abend, desto tiefer die Freiheit.
Jenseits
von Reife
Gerade jene
Früchte, deren Reife uns am köstlichsten mundet, sind auch
die fragilsten. Reife als Idealzustand hat ein eng begrenztes Haltbarkeitsdatum.
Jenseits davon liegt Fäulnis.
Ob wir jenseits
der für uns hienieden erreichbaren Reife noch einmal Gelegenheit
für einen Reifungsprozess bekommen, wissen wir nicht. Nur eines
ist gewiss: So lange ich reife, lebe ich und brauche weder vor dem Tod
Angst zu haben noch darüber nachzugrübeln, was jenseits von
Reife liegen mag.
Eine reife
Leistung
Braucht es
dafür Anstrengung, Fleiss? Oder geht Reifung auch "mühelos"?
Angesichts einer reifen Leistung spüren wir: das ist kein Zufallstreffer,
da steckt viel Uebung, viel Lernen dahinter.
Hinter jeder
reifen Leistung steckt ein reifer Mensch, ein authentischer Mensch.
Talent zur
Reifung? Ja, im Sinne der Mischung aus eigener Leistung und Gnade.
Höhlengereift
Reifung des
Käses und des Weines erfolgt im Dunkeln. Gelungene Reifung bedeutet
nicht die Abschaffung der Dunkelheit, sondern einen reifen Umgang damit.
Alle Tugenden, die wir in dunklen Momenten brauchen, können und
müssen reifen. Höhlengereifte Menschen unterscheiden sich
von solchen, denen nie ein grösseres Ungemach zugestossen ist.
Achtung
Bewusstseinserweiterung!
Die Geschichte
von Andreas: als Dreissigjähriger schrieb er "Bewusstseinserweiterung
macht Spass", als Vierzigjähriger entdeckte er den Begriff
der Reife und beides meint dasselbe. Wenn wir reifen, erweitern
wir stetig unsere inneren Räume. Wir entdecken, was Leben alles
bedeutet. Wir "erobern" nicht (mehr).
On the
road
Fernweh durch
Nahlust nicht zu ersetzen, aber zu ergänzen, könnte ein reifer
Umgang mit unserem Drang nach Mobilität sein. Das wäre kein
Verrat an unserem nomadischen Erbe.
Piccabia:
Man muss Nomade sein, durch die Ideen und Gedanken reisen wie durch
Länder und Kontinente. Das tun wir schon, wenn wir von "Lebenslauf"
sprechen. Das Leben als Weg, als Reise, als Pilgerfahrt.
Unterwegs
zu sein gehört zum Menschen (Jack Kerouac: On the road).
Spinnweben
"Altweibersommer",
die dünnen, silbernen Fäden als Haare alter Frauen.
Heute ist
allüberall "Vernetzung" angesagt. Auch Netze brauchen
Reifungsprozesse.
Sympathische
Spinner/innen. Fähigkeit zum Spinnen der Fäden nimmt im älter
Werden eher zu.
Reife
als Attraktor
Anziehungspunkte.
Gibt es die in unserem Lebenslauf? Auf unserem Lebensweg haben wir öfter
das Gefühl, von der Vergangenheit geschoben als von der Zukunft
angezogen zu werden. Was könnte in unserem Leben die Rolle des
Attraktors übernehmen? Was ist meine Lebensbestimmung?
Ist Reife
ein Attraktor?
Reine
Reife
Wir sehnen
uns nach Perfektion, wie sie z.B. der Rauhreif hat. Umrundung des Kailash
als gutes Leitbild. Umrunden, nicht besteigen oder gar erobern.
Spirale als Entwicklungsmetapher. Gotthardlinie bei Wassen: dreimal
sehen wir die Kirche, immer wieder aus einem andern Blickwinkel.
Und: wir
brauchen nicht immer daran zu "denken".
Vergessen
Sie (zunächst) die Reife. Reifen Sie einfach.
Anmerkung
des "Zusammenfassers":
Dies ist
keine Verdichtung, schon eher eine "Verdünnung" des opus
von Andreas, das ja in sich eine bild-textliche Verdichtung ist. Für
mich ist die Zusammenhang ein kognitives Hilfsmittel für die bearbeitende
Diskussion. Edmond Tondeur
Mehr zum
jetzt vorliegenden Privatdruck REIFE hier.