Gelingendes
Alter
Zusammenfassende
Gedanken zu einem Vortrag
gehalten
anlässlich des Sommer-Semesterbeginns im C.G.Jung-Institut 2003
von F. Nager u. publiziert in Praxis 2003; 92:1876-1882
von Urs Schlumpf

1.Einleitung
Mit der "Gesellschaft
des langen Lebens" kontrastiert ein auffälliger Jugendkult.
Ein übersteigertes Jugendlichkeitsideal umfasst dabei die Vision
ewiger Jugend und Fitness. Es geht dabei um eine illusorische "neue
Transzendenz" bei mangelhafter Bezogenheit auf das Unendliche,
d.h. bei "transzendentaler Obdachlosigkeit". Technokratisches
Denken um diese neuzeitliche "Transzendenz" blendet Themen
wie Alter und Tod konsequent aus und versteigt sich im Wahn technischer
Besiegbarkeit des Alterungsprozesses. Im Zeitalter der langlebigen Gesellshaft
wird allerdings auch die Landschaft des Alters erforscht. Dass diese
Landschaft nicht nur karg und steinig ist, sondern dank medizinischem
Fortschritt und gesundheitsfördernder Lebensweise auch sanft, ja
sogar idyllisch sein mag, steht ausser Zweifel.
2. Die
Landschaften gelingenden und misslingenden Alters
Zwei Altersbilder
werden hier einander gegenübergestellt: Das Defizitmodell (bis
vor kurzem vorherrschend). Das Defizitmodell des Alters umfasst das
Bild des "Seniums", das Abbau, Verfall, Nutzlosigkeit, Hilfsbedürftigkeit
beinhaltet. Dieses Defizitmodell wird dem
Kompetenzmodell
, dem "Senectus" gegenübergestellt. Das Kompetenzmodell
orientiert sich an den Resourcen, an der inneren Kraft, den letzten
Lebensabschnitt zu meistern und so zu einem reifen Herbst zu gelangen.
Beide Altersmodelle haben ihre partielle komplementäre Wirklichkeit.
Biologische,
psychische, soziale und geistige Determinanten bestimmen das Gelingen
im Alter. Biologisch inhaltlich kontrastieren Altersgebresten
mit weitgehender Beschwerdefreiheit, psychologisch Kummer und
Sorge mit menschenfreundlicher Heiterkeit und mit der Fähigkeit
"sich immerfort zu verändern, erneuern, verjüngen, um
nicht zu verstocken" (J.W. Goethe).
Die soziale
Gegenüberstellung: hier die Aengste der Einsamkeit, "Sozialer
Tod" durch Isolierung, die Unbegehbarkeit einer überstürzt
technisierten Welt, das Gefühl der Nutzlosigkeit und zur Last zu
fallen, dort Geborgenheit in einem liebevollen sozialen Umfeld und Wohlstand.
Dabei muss die besonders schmerzliche Verlusterfahrung erwähnt
werden. Es handelt sich um die Furcht, bald das Leben zu verlieren,
ohne wirklikch gelebt und Menschen verloren zu haben, denen man Vieles
schuldig geblieben ist.
Geistige
Determinante: hier die Vereisung in verbittertem Greisentum: Sinnverlust
in spiritueller Verarmung, Hoffnungslosigkeit in fehlender Bezogenheit
auf Ewiges, dort der Mut, der Vergänglichkeit ins Gesicht zu blicken.
Heisst: Sich auf das Wesentliche beschränken, die Hatz nach den
Offerten dieser Welt zügeln. Heisst auch: die Reiselust nicht nur
in ferne Länder, sondern auch in die eigene Seele zu lenken, sich
mit uns selbst, auch mit unseren Schattenseiten versöhnen. Geistige
Alterskompetenz heisst, sich auf die Gnadengaben des Alters besinnen:
auf gewonnene Erfahrung und Ueberblick, auf die wachsende Unabhängigkeit
vom Urteil anderer, auf die Absage an das "Laster der Ungeduld",
auf die gewonnene Freiheit dank Abschied von beruflichen Zwängen.
Alterslandschaften
sind gekennzeichnet von Verlustbewältigung und Bereitschaft
auf neue Prüfungen, von leidiger Last und köstlichem Gewinn.
Die Utopie ewiger Jugend ist ein gewaltiges Hindernis, sich rechtzeitig
in die Kunst des Alterns einzuüben.

3. Sechs
erstrebenswerte Grundhaltungen im Alter
1. Anerkennung
der Vergänglichkeit (= Vergänglichkeitsbewusstsein)
Altersmeisterung
setzt die Beherzigung unserer Vergänglichkeit voraus. "Vergänglichkeitsbewusstsein"
ist ein notwendiges Postulat der zweiten Lebenshälfte. Man könnte
auch sagen, Alterweisheit umfasst Wachheit, Reife, Bewusstheit, Spiritualität,
innere Entwicklung, Bezogenheit auf Unendliches.
"Omnis
vita sapientis est meditatio mortis" (Das Leben des Weisen ist
ein Nachdenken über den Tod) meint den Tod in das Leben einbinden,
den eigenen Lebensbezug immer mehr aus der Gewissheit des Todes herleiten.
Ununterbrochene
Verlusterfahrungen, gleichsam unablässige kleinere Tode, sind hervorstechendes
Merkmal des Alters. Vertrauensvolle Einwilligung in dieses dauernde
"Stirb und werde" ist ein Merkmal gelingenden Alters.
2. Lebensaufmerksamkeit
Mit zunehmendem
Alter wird der aufmerksame Umgang mit der immer kürzer werdenden
noch verbleibenden Zeit umso dringlicher. Diese Lebensaufmerksamkeit
bewahrt vor einem ausschliesslich nach aussen sich zerstreuenden Leben,
macht das Leben tiefer und kann auch im Alter Lebensgenuss ermöglichen.
Solche von Abschiedlichkeit bestimmte Lebensaufmerksamkeit kann auch
im Alter Lebensgenuss ermöglichen. Lebensgenuss im Alter heisst,
die Fähigkeit, die nahe liegenden Wunder des Lebens in ehrfürchtiger
Achtsamkeit zu kosten.
"Das
Heute nicht dem Gestern, nicht dem Morgen opfern". Gelingende Lebensaufmerksamkeit
erfordert einen ausgewogenen Umgang mit der Zeit, mit der Vergangenheit,
der Gegenwart und der Zukunft. Dieses Gelingen setzt eine Tagesstrukturierung
voraus und keinenfalls eine Heraufbeschwörung alter, guter Zeiten,
aber ebenso wenig ein Nachjagen nach weiterem Ruhm und Wohlstand.
3. Versöhnung
mit sich selbst und Verinnerlichung
Eine weitere
erstrebenswerte Grundhaltung im Alter umfasst Verinnerlichung und Versöhnung
mit sich selbst. Die Geschäftigkeit und atemlose Hetze nach den
Offerten dieser Welt soll einer Musse weichen, die ein Zu-Sich-Kommen,
eine Lebensaufmerksamkeit mit vermehrtem Blick auf das näher rückende
Ende unseres Lebens ermöglichen. Wer im Alter weiterhin der beruflichen
Karriere dient, seine Energie weiter auf die äussere Welt verschwendet,
"beraubt den Lebensabend seines Zieles" (C.G.Jung). Ein gelingender
Lebensabend setzt voraus, dass die berufliche Rastlosigkeit und extravertierte
Hektik übergeht in eine innere Lebendigkeit und einen Wandel zu
Innigkeit. Diese Meisterung des Alters fordert Kenntnis des eigenen
Schattens, versöhnliche Annahme der dunklen Seiten unseres eigenen
Wesens. Diese Versöhnung ist Voraussetzung des gelingenden Allein-Seins
im Alter. Wer da mit sich dann so allein ist, darauf kommt es hier an.
4. Gottessorge
Religion
als vertrauensvolle Rückbindung an ein göttliches Walten,
religiöse Gottessorge im Sinn eines Lauschens auf seine Melodie,
die hörbar ist als leise, aber vernehmliche Stimme im eigenen Herzen.
Glauben in diesem Sinn bleibt oft ein Ausharren im Geheimnis. Dieser
hoffende Glauben trägt wesentlich bei zu einem Gelingen im Alter.
5. Humor
Humor wird
hier verstanden als Ausdruck einer abgeklärten, heiteren und toleranten
Grundhaltung gegenüber dem Leben und den Menschen. Echter Humor
beinhaltet überwundenes Leiden an der Welt, die man so gelten lässt,
wie sie ist. Humor ist letztlich eine Leistung des Herzens, nicht aber
eine intelektuelle Errungenschaft. Grundlagen für diese Art von
Humor sind ein reiches Gemütsleben und die Bezogenheit auf das
Unendliche. Humorvolle Menschen zeigen oft eine gelassene Distanz zum
eigenen Ich und zu allen Alltagssorgen, die mit dem Ater verbunden sind.
Diese Heiterkeit sind echte Hilfe zur Meisterung des Alters, verbreitet
aber auch geistigen Sonnenschein.
6. Höhere
Gesundheit
Gemeint ist
damit eine schöpferische Leistung, nämlich die Lebenskunst.
Diese höhere Gesundheit bedeutet sinnvolle Entfaltung der persönlichen
Bedürfnisse und Lebensentwürfe, auch in der Krankheit, auch
im Alter mit seinen Verlusten, Leiden und Gebresten. Diese höhere
Gesundheit ist ein geheimnisvolles geistiges Phänomen, ein "élan
vital" des Alternden, der sich mit Krankheit und Not in lebensdienlicher
Weise auseinandersetzt. Kraft dieser höheren Gesundheit kann der
Lebensabend trotz Altersverlusten und Altersleiden gelingen. Diese inneren
Determinanten, resp. die geschilderten Grundhaltungen sind bedeutungsvolle
Aspekte der Lebenskunst und ermöglichen Entwicklung und Steigerung
im Alter.
