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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Jung und Alt(er)

C.G.Jung über das Lebensgefühl im Alter

Auszüge von Edmond Tondeur

... und mich für mein "Fortleben" neu auszurichten. Hilfreich war ein Buch, das ich mitgenommen hatte, um mich ganz darin zu vertiefen: C.G. Jung, Erinnerungen Träume Gedanken — ein Füllhorn von spannenden, aufregenden und höchst vielschichtigen Aussagen des grossen Mannes über Bewusstsein und das Unbewusste.

Ganz am Schluss dieses ebenso luziden wie freimütigen Lebensberichts (Kapitel ‚Rückblick’, S. 357 ff.) sagt Jung Dinge von schlichter Menschlichkeit . Ich zitiere im Folgenden, auszugsweise:

Wenn man sagt, ich sei weise oder ein "Wissender", so kann ich das nicht akzeptieren. Es hat einmal Einer einen Hut voll Wasser aus einem Strom geschöpft. Was bedeutet das schon? Ich bin nicht dieser Strom. Ich bin an dem Strom, aber ich mache nichts. Die anderen Menschen sind an demselben Strom, aber meist finden sie, sie selber müssten es machen. Ich mache nichts ...

Es gibt eine schöne Legende von einem Rabbi, zu dem ein Schüler kam und fragte: "Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht gesehen haben; warum gibt es sie heute nicht mehr?" Da antwortete der Rabbi: "Weil sich heute niemand mehr so tief bücken kann". Man muss sich schon etwas bücken, um aus dem Strom zu schöpfen.

Das Wissen um die Vorgänge des Hintergrundes hat meine Beziehung zur Welt schon früh vorgebildet. Als Kind fühlte ich mich einsam, und ich bin es noch heute, weil ich Dinge weiss und andeuten muss, von denen die anderen anscheinend nichts wissen und meistens auch gar nichts wissen wollen. Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann ... Einsamkeit entsteht nicht notwendigerweise im Gegensatz zu Gemeinschaft, Gemeinschaft blüht nur dort, wo jeder Einzelne sich seiner Eigenart erinnert und sich nicht mit den anderen identifiziert.

Es ist wichtig, dass wir ein Geheimnis haben und die Ahnung von etwas nicht Wissbarem. Es erfüllt das Leben mit etwas Unpersönlichem, einem Numinosum. Wer das nie erfahren hat, hat Wichtiges verpasst ...

Ich habe viele Leute vor den Kopf gestossen ... Ich hatte, ausser bei meinen Patienten, keine Geduld mit den Menschen. Immer musste ich dem inneren Gesetz folgen, das mir auferlegt war und mir keine Freiheit der Wahl liess ... Für manche Menschen war ich unmittelbar vorhanden, insofern sie in einem Kontakt zur inneren Welt standen. Aber dann konnte es sein, dass ich plötzlich nicht mehr vorhanden war, weil nichts mehr da war, was mich an sie band ... Für manche Menschen konnte ich mich intensiv interessieren, aber sobald ich sie durchschaut hatte, war der Zauber verschwunden. Als schöpferischer Mensch ist man ausgeliefert, gefesselt und getrieben vom Dämon. "Schmählich / entreisst das Herz uns eine Gewalt. / Denn Opfer will der Himmlischen jedes, / wenn aber eines versäumt ward, / nie hat es Gutes gebracht" (Hölderlin)

Die Unfreiheit erweckte in mir eine grosse Trauer. Oft kam es mir vor, als sei ich auf einem Schlachtfeld. Jetzt bist du gefallen, mein guter Kamerad, aber ich muss weiter! Ich habe dich gern, ja ich liebe dich, aber ich kann nicht bleiben! Das ist im Augenblick etwas Herzzerreissendes. Ich bin ja selber das Opfer, ich kann nicht bleiben. Aber der Dämon bringt es fertig, dass man durchkommt, und die gesegnete Inkonsequenz bringt es mit sich, dass ich in flagrantestem Gegensatz zu meiner "Untreue" in ungeahntem Masse Treue halten kann.

Ich bin enttäuscht über die Menschen und bin enttäuscht über mich selber. Ich habe Wunderbares von Menschen erfahren und habe selber mehr geleistet, als ich von mir erwartete. Ich kann mir kein endgültiges Urteil bilden, weil das Phänomen Leben und das Phänomen Mensch zu gross sind. Je älter ich wurde, desto weniger verstand oder erkannte oder wusste ich mich.

Ich bin über mich erstaunt, enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen, enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen. In nichts bin ich ganz sicher. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne.

Wenn Lao Tse sagt: "Alle sind klar, nur ich allein bin trübe", so ist es das, was ich in meinem hohen Alter fühle. Lao Tse ist das Beispiel für einen Mann mit superiorer Einsicht, der Wert und Unwert gesehen und erfahren hat, und der am Ende des Lebens in sein eigenes Sein zurück kehren möchte, in den ewigen unerkennbaren Sinn. Der Archetypus des alten Menschen, der genug gesehen hat, ist ewig wahr ... Und doch gibt es so viel, was mich erfüllt: die Pflanzen, die Tiere, die Wolken, Tag und Nacht und das Ewige in den Menschen. Je unsicherer ich über mich selber wurde, desto mehr wuchs ein Gefühl der Verwandtschaft mit allen Dingen.

Lieber Freund, ich habe nun über C.G.Jung zu Dir gesprochen, mich Dir mitgeteilt. Die Schmerzen, die Trennung, die Zeit der Prüfung, der Aufbruch zu Neuem ... dies alles verbindet sich zu einem Gefühl der bedingungsfreien Lebensbejahung. Ja, ich freue mich, "am Leben zu sein"!

In herzlicher Verbundenheit grüsst Dich

E.T.