Jung
und Alt(er)
C.G.Jung
über das Lebensgefühl im Alter
Auszüge
von Edmond Tondeur

...
und mich für mein "Fortleben" neu auszurichten. Hilfreich
war ein Buch, das ich mitgenommen hatte, um mich ganz darin zu vertiefen:
C.G. Jung, Erinnerungen Träume Gedanken ein Füllhorn
von spannenden, aufregenden und höchst vielschichtigen Aussagen
des grossen Mannes über Bewusstsein und das Unbewusste.
Ganz am
Schluss dieses ebenso luziden wie freimütigen Lebensberichts (Kapitel
Rückblick, S. 357 ff.) sagt Jung Dinge von schlichter
Menschlichkeit . Ich zitiere im Folgenden, auszugsweise:
Wenn man
sagt, ich sei weise oder ein "Wissender", so kann ich das
nicht akzeptieren. Es hat einmal Einer einen Hut voll Wasser aus einem
Strom geschöpft. Was bedeutet das schon? Ich bin nicht dieser Strom.
Ich bin an dem Strom, aber ich mache nichts. Die anderen Menschen sind
an demselben Strom, aber meist finden sie, sie selber müssten es
machen. Ich mache nichts ...
Es gibt eine
schöne Legende von einem Rabbi, zu dem ein Schüler kam und
fragte: "Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht gesehen
haben; warum gibt es sie heute nicht mehr?" Da antwortete der Rabbi:
"Weil sich heute niemand mehr so tief bücken kann". Man
muss sich schon etwas bücken, um aus dem Strom zu schöpfen.
Das Wissen
um die Vorgänge des Hintergrundes hat meine Beziehung zur Welt
schon früh vorgebildet. Als Kind fühlte ich mich einsam, und
ich bin es noch heute, weil ich Dinge weiss und andeuten muss, von denen
die anderen anscheinend nichts wissen und meistens auch gar nichts wissen
wollen. Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um
sich hat, sondern dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig
erscheinen, nicht mitteilen kann ... Einsamkeit entsteht nicht notwendigerweise
im Gegensatz zu Gemeinschaft, Gemeinschaft blüht nur dort, wo jeder
Einzelne sich seiner Eigenart erinnert und sich nicht mit den anderen
identifiziert.
Es ist wichtig,
dass wir ein Geheimnis haben und die Ahnung von etwas nicht Wissbarem.
Es erfüllt das Leben mit etwas Unpersönlichem, einem Numinosum.
Wer das nie erfahren hat, hat Wichtiges verpasst ...

Ich habe
viele Leute vor den Kopf gestossen ... Ich hatte, ausser bei meinen
Patienten, keine Geduld mit den Menschen. Immer musste ich dem inneren
Gesetz folgen, das mir auferlegt war und mir keine Freiheit der Wahl
liess ... Für manche Menschen war ich unmittelbar vorhanden, insofern
sie in einem Kontakt zur inneren Welt standen. Aber dann konnte es sein,
dass ich plötzlich nicht mehr vorhanden war, weil nichts mehr da
war, was mich an sie band ... Für manche Menschen konnte ich mich
intensiv interessieren, aber sobald ich sie durchschaut hatte, war der
Zauber verschwunden. Als schöpferischer Mensch ist man ausgeliefert,
gefesselt und getrieben vom Dämon. "Schmählich / entreisst
das Herz uns eine Gewalt. / Denn Opfer will der Himmlischen jedes, /
wenn aber eines versäumt ward, / nie hat es Gutes gebracht"
(Hölderlin)
Die Unfreiheit
erweckte in mir eine grosse Trauer. Oft kam es mir vor, als sei ich
auf einem Schlachtfeld. Jetzt bist du gefallen, mein guter Kamerad,
aber ich muss weiter! Ich habe dich gern, ja ich liebe dich, aber ich
kann nicht bleiben! Das ist im Augenblick etwas Herzzerreissendes. Ich
bin ja selber das Opfer, ich kann nicht bleiben. Aber der Dämon
bringt es fertig, dass man durchkommt, und die gesegnete Inkonsequenz
bringt es mit sich, dass ich in flagrantestem Gegensatz zu meiner "Untreue"
in ungeahntem Masse Treue halten kann.
Ich bin enttäuscht
über die Menschen und bin enttäuscht über mich selber.
Ich habe Wunderbares von Menschen erfahren und habe selber mehr geleistet,
als ich von mir erwartete. Ich kann mir kein endgültiges Urteil
bilden, weil das Phänomen Leben und das Phänomen Mensch zu
gross sind. Je älter ich wurde, desto weniger verstand oder erkannte
oder wusste ich mich.
Ich bin über
mich erstaunt, enttäuscht, erfreut. Ich bin betrübt, niedergeschlagen,
enthusiastisch. Ich bin das alles auch und kann die Summe nicht ziehen.
In nichts bin ich ganz sicher. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde
und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere
auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne.
Wenn Lao
Tse sagt: "Alle sind klar, nur ich allein bin trübe",
so ist es das, was ich in meinem hohen Alter fühle. Lao Tse ist
das Beispiel für einen Mann mit superiorer Einsicht, der Wert und
Unwert gesehen und erfahren hat, und der am Ende des Lebens in sein
eigenes Sein zurück kehren möchte, in den ewigen unerkennbaren
Sinn. Der Archetypus des alten Menschen, der genug gesehen hat, ist
ewig wahr ... Und doch gibt es so viel, was mich erfüllt: die Pflanzen,
die Tiere, die Wolken, Tag und Nacht und das Ewige in den Menschen.
Je unsicherer ich über mich selber wurde, desto mehr wuchs ein
Gefühl der Verwandtschaft mit allen Dingen.
Lieber
Freund, ich habe nun über C.G.Jung zu Dir gesprochen, mich Dir
mitgeteilt. Die Schmerzen, die Trennung, die Zeit der Prüfung,
der Aufbruch zu Neuem ... dies alles verbindet sich zu einem Gefühl
der bedingungsfreien Lebensbejahung. Ja, ich freue mich, "am Leben
zu sein"!
In herzlicher
Verbundenheit grüsst Dich
E.T.
