Alt
bist du - jung wirst du werden
Die Kunst,
älter, aber nicht alt zu werden
Rezensionen
und Reflexionen von Fridolin Herzog

Leseglück
ist kein beiläufiges Phänomen der Lesekultur. Es gehört
in die Reihe elementarer Lebenserfahrungen wie Zwiesprache mit der Natur,
Nähe eines Freundes, Geniessen von Brot und Wein.*
"Alt
bist du, - jung wirst du werden"... Mit diesem verheissungsvollen
Satz aus einem afro-brasilianischen Märchen habe ich meine Abhandlung
zum Thema "Reifen: Leben und Sterben" (Sommerausgabe
2003 von REIFE.CH) beendet. Seither habe ich weitere Literatur zum
Thema Alter und Älterwerden verarbeitet. Im Folgenden berichte
ich über eine Auswahl neuer Bücher und darüber, welche
Gefühle und Gedanken sie bei mir ausgelöst haben.
Man könnte
den Inhalt dieser Publikationen auch unter das Motto stellen: "Die
Kunst, älter, aber nicht alt zu werden". - Wir sind ja so
alt, wie wir uns fühlen, nicht wahr? Also kommt alles auf die Haltung,
auf die richtige Einstellung und das richtige Verhalten an...
Schönheit
des Alters
So die Überschrift
eines Buches, das 1991 von einem gewissen K.O. Schmidt herausgegeben
wurde und welches zufällig in meine Hand geriet. Vollständig
heisst der Titel: "Schönheit des Alters Die zweite
Leistungswelle". Der Autor, ein Meister des positiven Denkens,
stellt das Ganze unter das Programm: "Altersreife und Geistesblüte
durch dynamische Selbsterneuerung und Lebensverlängerung".-
Schon Goethe habe das "Präsenium" als die Zeit
der "zweiten Pubertät" erkannt. Schmidt spricht von der
"zweiten Leistungswelle", welcher, wenn sie recht genutzt
werde, "Jahrzehnte wachsender Leistung, Reifung und fruchtbaren
Schaffens, also zunehmender Selbstverwirklichung und Lebenssinn-Erfüllung
folgen". Diese Botschaft wird in vielen aufmunternden Kapiteln
untermauert, die unter Mottos stehen wie "Gunst und Kunst des Altseins",
"Vorzüge des Alters", "Beständiger Aufstieg",
"Vom Geiste gehn die Dinge aus", "Lebensverlängerung
durch Selbstdynamisierung" usw.- Schmidt erzählt im Verlaufe
seiner Ausführungen von zahlreichen Vorbildern berühmter Alter
, die in der Welt der Kunst, der Politik und der Wissenschaften eine
beeindruckende Fülle von Altersleistungen erbracht haben. Diese
Spätleistungen grosser Geister und Meister in der Kulturgeschichte
der Menschheit beweisen, dass die späten Jahre des Lebens "die
besten Jahre des Lebens" sein können - und auch sein sollten.
"Die
grössten Weisheiten des Alters sind Altersweisheiten", hält
K.O. Schmidt fest. Sein Buch ist ein Appell, ein Plädoyer für
die Aufwertung des Alters, ganz im Widerspruch zum vorherrschenden Jugendwahn
in der modernen Gesellschaft. Dabei werden auch Erkenntnisse der jungen
Altersforschung miteinbezogen. Die sozialpolitischen und medizinischen
Probleme der "Überalterung" bleiben jedoch weitgehend
ausgeklammert; und auch das real existierende Alterselend vieler Menschen
heute wird kaum erwähnt. Insofern erscheint mir diese "Schönheit
des Alters"dann doch etwas allzu ästhetisch und elitär.
Es ist ein Idealbild des junggebliebenen und weisen Alten, das hier
schön gemalt wird, und es ist ein paternalistisches Bild, - wenn
auch den "weisen Frauen" noch ein Kapitelchen genannt
"Frauen und Freuen"- gewidmet wird...- Trotz der Ironie in
meinem Urteil: Das Buch ist eine Fundgrube voller guter Gedanken und
Ratschläge, die zu beherzigen sich lohnt: "Wie alt einer körperlich
ist, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, wie jung er seelisch ist".-
"Gib Deinen Jahren mehr Leben, dann gibst Du Deinem Leben mehr
Jahre!"- "Wer innerlich jung ist, der bleibt es bis zum letzten
Atemzug". "Richtig lebt, wer zu jeder Zeit in der Gegenwart
lebt und die Aufgaben, Freuden und Erfüllungen des Lebensabschnitts,
in dem er sich gerade befindet, erkennt, bejaht und das Beste daraus
macht. ...Wer so lebt, der wird wohl älter, aber nicht alt, weil
er zu jeder Zeit im Jetzt lebt und sich damit der Ewigkeit immer gleich
nahe weiss!"

Die Reise
ist noch nicht zu Ende
Unter diesem
Titel erschien im Kösel-Verlag 2003 ein wertvoller Bericht über
die "seelische Entwicklung und neue Spiritualität in späteren
Jahren": Eine ältere Frau begegnet einem Psychotherapeuten.
Im Gespräch öffnet sie ihm das Tor ihrer Seele. Er beginnt
mit ihr eine Reise, die beide durch Vergangenes hindurch über unbekannte
Felder und an überraschenden inneren Landschaften vorbei in eine
ganz neue, grenzenlose Welt hineinführt. Sie erfahren, dass dort,
wo sie glaubten, sie seien am Ende ihrer Reise angelangt. sie nochmals
neu beginnt... Soweit die Zusammenfassung im Klappentext.-
Es ist ein
religiöses Buch.- Im ersten Teil, "Psychotherapie und Gotteserfahrung",
stellt Karl Guido Rey seine Betrachtungen und Einsichten als
erfahrener Psychotherapeut über die menschliche Entwicklung und
die Prozesse dar, die geschehen können, wenn wir älter werden;
er interpretiert und vertieft sie mit einer spirituellen Perspektive.-
Im zweiten Teil, "Wegnotizen", schildert Edith Hess
tagebuchartig ihren eigenen Prozess in der dreijährigen Dauer der
Therapie. Ihre Worte sind ehrlich und intim; und kostbar sind die Gedichte
und Gebete, mit denen sie ihre inneren Erfahrungen und Erschütterungen
zum Ausdruck bringt.
Das Buch
ist ein authentischer Erfahrungsbericht und ein existenzielles Lebenszeugnis.
Hier wird nicht geflunkert und nicht "so getan, als ob nicht"
- Ein Textbeispiel aus dem ersten Teil des Buches, von Karl Guido Rey:
"Man spricht von der Schönheit des Alters. Ich denke, dass
man das Alter wie das Leben oft schön redet. Wenn ich selber kritisch
zurückschaue, muss ich feststellen, dass mein Leben hart war. Es
war eine riesige Anstrengung, ein oft kaum zu bezwingender Berg. Gefährlich,
riskant und ermüdend. Es war freilich ebenso bewegend, erschütternd
und voll überwältigender Erlebnisse und Erfahrungen. Ich kann
von meinem Leben nicht sagen, dass es einfach schön war. Es ist
zu viel Verlust und Trennung in ihm enthalten. Es ist von Enttäuschung,
Schuld und Versagen gekennzeichnet. Es war nicht schön. Aber es
war gut." An anderer Stelle: ..."Man spricht jetzt
oft vom dritten Lebensabschnitt, um nicht vom Alter zu reden. Man liest,
Alter sei etwas Relatives. Wenn man arbeite und noch an den Schönheiten
dieser Welt teilnehme, bedeute Alter nicht alt werden. Aber man kann
sagen und schreiben, was man will, altern bedeutet altern mit allen
Konsequenzen..."
Diese Nüchternheit
gefällt mir, sowie die Erkenntnis, dass die Widersprüche und
Rätsel der menschlichen Existenz letzlich durch den je persönlichen,
inneren Reifungsprozess verstanden und integriert werden.-
"Alt
bist du, - jung wirst du werden": Liegt die Lösung dieses
"Koans" vielleicht in der Richtung, wie Edith Hess auf ihrem
Weg die Resignation gegenüber dem Alter zu überwinden lernt,
in der Art, wie sie uns ansteckt, das Bild vom Schmetterling vor Augen
zu halten, dessen Kokon abstirbt, damit er farbenbunt und lebendig in
den blauen Himmel hineinfliegen kann? Karl Guido Rey bezeugt: "Sie
(Frau Hess) enthüllt etwas vom zentralen Geheimnis des Alters:
dass wir als Alternde, Absterbende und Vergehende noch immer Werdende
sein können". - Fürwahr: diese Lebensreise ist noch nicht
zu Ende...

Wenn ich
einst alt bin, trage ich Mohnrot...
Das Buch
mit diesem blumigen Titel erschien ebensfalls letztes Jahr (2003). Die
Autorin, Elisabeth Schlumpf, geb. 1932, ist Psychotherapeutin
und Co-Leiterin des "Zentrums für Form und Wandlung"
in Zürich.- Sie sieht die Qualität des Altwerdens darin, "neue
Freiheiten zu geniessen". Allerdings werden diese Freiheiten
die "Geschenke des Alters" - uns nicht einfach in den Schoss
gelegt, sondern sie sind die Früchte eines Wachstumprozesses, einer
geistig-seelische Leistung, die von uns abverlangt wird. So verstehe
ich die Botschaft der Autorin, welche sie in den zwei Kapiteln "Sieben
wichtige Aspekte des Altseins" und "Sieben zentrale Themen
des Alters" darlegt.
Ich verzichte
darauf, den Inhalt hier zu rekapitulieren. Hervorheben möchte ich
nur die Abschnitte über die Sterbeprozesse im Alter und über
die Notwendigkeit, den Tod anzunehmen. (Leben und Tod, Geburt und Sterben
sind eins). Und dann ist vor allem spürbar, dass dieses Buch aus
der Sicht einer Frau geschrieben ist, einer erfahrenen, ich möchte
gerne sagen: "weisen" Frau, die sich um das Ganze kümmert
und darum weiss, dass zum menschlichen Leben der Dialog zwischen Mann
und Frau gehört, aber auch das Brückenbauen zwischen den Generationen.
- Dafür steht das dritte Kapitel "Erfahrenes Alter",
in welchem zwei Frauen, - "Luisa", die im Altenheim lebt und
in ihrer letzten Zeit noch eine besondere Erfahrung macht, und "Binda",
eine von Familie und Beruf ausgefüllte Frau in mittleren Jahren,
- sich in einer Zwiesprache begegnen und dabei ihre Fragen nach einem
sinnerfüllten Alter, nach Sterben und Tod austauschen: "Der
Dialog zeigt Unterschiede zwischen Schicksalen und Generationen, weist
auf die Wichtigkeit von lebendigen Vorbildern hin und lässt auf
Wandlung selbst im letzten Lebensabschnitt hoffen".
Mir gefällt
dieses Buch: Es ist ehrlich und fundiert, es tabuiert nichts, es ist
realistisch und macht trotzdem Mut; es setzt neue Akzente und animiert
dazu, "sich sein Leben zu eigen zu machen". Die "neue
Freiheit", die dabei zu geniessen wäre, kommt in einem Gedicht,
das die Autorin ihrem Buch als Leitwort wie eine Klammer zwischen die
Buchdeckel gesetzt hat, wunderbar zum Ausdruck: "Wenn ich einst
alt bin trage ich Mohnrot"... (In der REIFE-Ausgabe vom Winter
03 steht dieses Gedicht zum Nachlesen).

Das Alter
Ein Traum von Jugend
"Eigentlich
gibt es kein Alter, denn wer alt und glücklich ist, kann sich für
jung halten". Dieser schlichte Satz steht im ersten Kapitel des
Buches von Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend,
das jüngst (2003) im Suhrkamp-Verlag herausgekommen ist. Der Satz
täuscht über die raffinierte Differenziertheit hinweg, mit
welcher die 1939 geboreneAutorin, ihres Zeichens Professorin für
neuere deutsche Literatur, Essayistin und Publizistin, das Thema bearbeitet:
"Was ist Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? ...Ist man also
tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? - Von der Antike,
die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der "Selpies" ("second
life people"), der "Uhus" (der "Unterhundertjährigen")
und der "Mumienpässe" (der "Rentnerausweise")
sucht die Autorin alle möglichen Figuren und Orte des Alterns auf
und entdeckt dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit
und Tod beschäftigt ist. Ernährungswissenschaft, Medizin und
Fitnessbewegung gelingt es, Todesangst in Lebenshunger zu verwandeln,
und es entstehen neue gesellschaftliche Leitbilder und Statussymbole".
- So fasst der Verlag den Inhalt zusammen.
Das Buch
enthält eine scharfsichtige Analyse der Selbst- und Fremdbilder,
die Menschen sich im Verlaufe der Kultur- und Literaturgeschichte über
das Alter und das Altern gemacht haben. Eine anspruchsvolle und streckenweise
herausfordernde Lektüre, die einiges an "Bildung" voraussetzt,
um mit (reserviertem) Vergnügen genossen zu werden...Und daher
ein Buch, über das nicht wiederum geschrieben, sondern das einfach
gelesen werden sollte. -
Besonders
wertvoll finde ich die von der Autorin zusammengetragene "Bibliographie"
der zitierten Autoren und Werke: Hier findet sich das Meiste, was
in der Literatur zum Thema Alter bis heute vorliegt.
Ich mag nicht
detaillierter auf die Inhalte der spannenden Kapitel des Buches von
Hannelore Schlaffer eingehen. Deren Titel "Krankheit und Schönheit",
"Todesangst und Lebenshunger", über die "Charaktere":
(Der Staatsmann, der Grossvater, der grosse Alte, der Lebensmüde),
"Der alte Mann und das Mädchen", "Die unwürdige
Greisin", sprechen für sich. - Ich möchte hier nur noch
einige wenige Sätze aufgreifen, - gewissermassen als Impulse für
"die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden"
(Vgl. Überschrift dieses REIFE-Beitrages). Es sind keine poetischen
Verse, sondern eher prosaische und oftmals illusionslose Aussagen:
"Heute
fühlt sich alt, wer krank ist und den Tod ahnt. Alle anderen Personen
verhalten sich, ob jung oder alt, gleich, sie fühlen sich jung
und fürchten den Tod nicht". ... "Das Alter umspannt
seit dem zwanzigsten Jahrhundert, da es immer länger wird, drei
zeitlich ziemlich ausgedehnte Epochen: die ersten Pensionsjahre, das
altersschwache Greisenalter und die Sterbezeit; zumindest die erste
Phase wird genossen wie eine zweite Jugend." - "Senioren haben
wie Manager immer einen vollen Terminkalender, klagen
über zu wenig Zeit und verschweigen geflissentlich, dass sie diese
nur mit Vergnügungen und Bildungsübungen auffüllen"...
"Die
Vorstellungen von Würde und Weisheit im Alter erscheinen als schöne
Reden, die den heutigen Erfahrungen mit dem Körper, mit seiner
nachlassenden Energie, der wachsenden Melancholie im Alter nicht gerecht
werden... Es geht mit dem Alter nicht anders als mit der Liebe: ...
Die Liebe, wie sie in der Poesie sattfindet, hat wenig mit dem schwierigen
Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu tun, wie es gelebt wird;
- das Alter, das Philosophie und Erbauungsliteratur als Idee und Ideal
entwerfen, ist nicht das, das jedermann durchzustehen hat"...
"Männer
haben viel über das Alter geredet und geschrieben, aber dabei
von ein paar bösen Versen abgesehen kaum ein einziges Mal
an eine Frau gedacht. Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalen
und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun"...
Diese
Aussage wird voll bestätigt, wenn man sich zwei weitere Besprechungen
desselben Buches anschaut:
Der
alte Traum vom Jungsein
Hannelore
Schlaffer zeichnet in ihrem Buch "Das Alter. Ein Traum von Jugend"
ein düsteres Bild des Alterns.
Von Eva
Pfister. im TagesAnzeiger vom 6. Februar 2004
Am Anfang
war die Angst vor dem Tod. Um sich dieser nicht schutzlos auszusetzen,
haben die Männer allerlei ersonnen: die Weisheit des Alters etwa,
die den Mann - von Cicero bis zu Adenauer - zum Staatenlenker befähigt.
Das 19. Jahrhundert hat dazu den "gütigen Grossvater"
erfunden sowie den "grossen Alten", meist Künstler
oder Wissenschaftler. Michelangelo oder Goethe wurden als solche verehrt
- und erotisiert. Wie Faust steht ihnen darum eine junge Frau zu,
was mittlerweile zum Statussymbol geworden ist: "Ein Mann ist so bedeutend,
wie der Altersunterschied zwischen ihm und seiner Frau oder Freundin
gross ist."
Altern
nach dem ersten Kuss
Die 63-jährige
Germanistikprofessorin Hannelore Schlaffer führt nur wenige Stimmen
an, die sich illusionslos mit dem Alter auseinander setzen. Eine solche
Ausnahme ist Jean Amery. In seiner Schrift "Über das Altern.
Revolte und Resignation" drücke sich angesichts des Verfalls
des Körpers der Nihilismus der Verzweiflung aus. Eine Verzweiflung,
die ansonsten die Männer an die Frauen delegiert hätten,
die diese Aufgabe widerspruchslos zu akzeptieren schienen. Noch immer
sei das Alter vor allem für die Frau ein Makel, schreibt Schlaffer,
und das Altern beginne mit dem ersten Kuss, denn es bedeute das Schwinden
ihrer Schönheit, also ihrer erotischen Attraktivität.
Die Frau
sei nun einmal zuerst über ihren Körper definiert, über
Gesundheit, Jugendlichkeit und Schönheit. Entsprechend gibt die
Autorin alternden Frauen keine Chance: "Alt zu werden, kann eine Frau
kaum je als Gewinn verbuchen. Würde, Weisheit, Autorität
- diese mit Achtung umgebenen und stets wachsenden Tugenden des alten
Mannes - stehen ihnen nicht." Seltsam, dass die Professorin keine
positiven Figuren unter den älteren Frauen findet, dass sie nichts
über die heute so verbreiteten neuen Aufbrüche in deren
Leben berichtet.
Zwar gesteht
sie den rüstigen Seniorinnen zu, voller Lebensfreude ihren Ruhestand
zu gemessen, ja sogar die kulturtragende Schicht zu verkörpern,
aber sich macht sich nun Sorgen um die Emanzipation des Mannes. Denn
der Rentner sei am Gängelband gelandet und müsse seiner
Frau die Einkaufstaschen nachtragen: "Der erfolgreiche Geschäftsmann
ist zum Ladendiener seiner Frau geworden."
Das Bild
der verlassenen Frau
Einzig
Brechts kleinem Text über seine Grossmutter kann Schlaffer Positives
abgewinnen: "Die unwürdige Greisin", die lustige Witwe
also, habe in Ausnahmefällen die Chance auf ein zweites Leben.
Sie führt als Beispiel Bettina Brentano an, die intellektuell
beeindruckend aktiv blieb und erst noch Jünglinge umschwärmte.
Sie aber sei von der Rezeption als lächerliche Figur überliefert
worden. So grämlich bleibt der Grundton im ganzen Buch, das ausgerechnet
in der Reihe "Bibliothek der Lebenskunst" erschienen ist,
aber eher als "Anleitung zum Unglücklichsein" für
älter werdende Menschen daherkommt. Vor allem für Frauen:
"Entgegen allen Behauptungen der Presse ist das Heer der einsamen,
verlassenen alternden Weiblichkeit gross und wird es bleiben. Es gibt
keine alte Venus."
Der Traum
der Jugend als Falle
Betty Friedan
hat in ihrer grossen Studie über das Alter, die Schlaffer bezeichnenderweise
übergeht, vor zehn Jahren schon erkannt, dass der "Traum
von Jugend" eine Falle ist: "Wer daran festhält, verstrickt
sich in ein verzweifeltes Spiel, das er nur verlieren kann."
Das
Alter
Ein schlankes,
wunderbares Buch,
meint Edmond Tondeur
Was ist
Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? "Eigentlich gibt es
kein Alter", schreibt Hannelore Schlaffer, "denn wer alt
und glücklich ist, kann sich für jung halten." Ist
man also tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? Von der
Antike, die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der "Selpies"
(second life people), der "Uhus" (der Unterhundertjährigen)
und der "Mumienpässe" (der Rentnerausweise) sucht die
Autorin die möglichen Figuren und Orte des Alterns auf und entdeckt
dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit und Tod
beschäftigt ist ...
Nur eines
hat sich anscheinend seit der Antike nicht geändert: Auch im
Alter gibt es zwei Kulturen. Die Art, wie Männer sich das Alter
ausmalen und wie Frauen es erleben, hat wenig miteinander zu tun.
Ich
habe in diesem Beitrag vier Bücher, bzw. Autoren und Autorinnen
"über das Alter" vorgestellt und meinen Kommentar dazu
formuliert. - Was habe ich dabei gelernt? - Ich habe entdeckt, dass
die Bibliothek der Altersliteratur immens ist. Seit Menschengedenken
reflektiert und schreibt man darüber; und die gegenwärtigen,
literarischen und fachlichen Publikationen zum Thema wachsen ins Uferlose.
Weil
das menschliche Schicksal sich zwischen Geburt und Tod abspielt, wird
man auch in Zukunft immer wieder neu darüber nachdenken, dem Sinn
der Lebensrätsel nachspüren, - und Worte der Verzweiflung,
der Hoffnung und des Glaubens darüber äussern. - Das hindert
mich nicht daran, es schön zu finden, wenn ich jetzt als "Grossvater",
als einer, der aus dem Leben heraus schreitet, mit meinen Enkeln, die
ins Leben hineinschreiten, einen gemeinsamen Spaziergang mache...
Vorgestellte
Bücher:
K.O. Schmidt:
Schönheit des Alters; Reichl Verlag St. Goar, 1991
Karl Guido
Rey/Edith Hess: Die Reise ist noch nicht zu Ende; Kösel-Verlag,
München 2003
Elisabeth
Schlumpf: Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot; Kösel-Verlag
,München 2003
Hannelore
Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend; Suhrkamp Verlag, Frankfurt
a.M. 2003
Und noch
eine Buchbesprechung von LILITH FREY im "Blick" vom 13. März 2004
Klugheit,
Neugier, Langeweile, Wissen
Judith Giovanelli-Blocher:
Das Glück der späten Jahre. Mein Plädoyer für
das Alter
218 Seiten,
Pendo-Verlag, Fr. 29.80
AUTORIN
Judith Giovannelli-Blocher
(72) veröffentlichte mit 67 ihren ersten Roman "Das gefrorene
Meer" (1999), autobiografisch gefärbt. Sie war Sozialarbeiterin.
Heute leitet und betreut sie Kurse zum Thema Älterwerden.
INHALT
Das Alter
ist ein Lebensabschnitt wie Kindheit und Jugend. Was das Alter anders
macht, ist, dass es keinen gesellschaftlichen Status hat. Und dass am
Ende der Tod steht.
Um beides
auszublenden, trimmen sich viele ältere Menschen auf jugendlich
mit Fitness, Lifting, Hungerkuren. Ihnen haftet etwas Verzweifeltes
an. Etwas Verklärendes stellt sich bei denen ein, die glauben,
nach der Pensionierung beginne nun endlich die grosse Ferienzeit.
Am besten
man akzeptiert sein Alter und plant die Zeit nach der Pensionierung.
Das spannendste Kapitel ist deshalb ´Der Höhenweg des Altersª.
Er bedeutet: ´Leichtwerden, Ballast abwerfen, loslassen, mit weniger
auskommen, zu persönlicher Souveränität und Unabhängigkeit
kommen.ª Dazu gehört Klugheit. Sich seiner schwindenden Kräfte
bewusst sein, es die anderen aber nicht merken lassen. Neugier. Das
können Computerkurse sein. Talente. Sich ihrer wieder besinnen,
wie Schreiben, Malen, Politisieren Vorträge halten. Die Langeweile.
Kreativität entwickelt sich nur in der langen Weile. Künstler
haben kein Alter, sie haben Werke.
"In Wirklichkeit
unterschätzt die aktive Generation die Alter notorisch." Alte Menschen
haben eine Geschichte und sind verwoben mit der Geschichte. Sie erinnern
sich an den Zweiten Weltkrieg, an die Krise der dreissiger Jahre, an
die Landi 1939, an die Achtundsechziger Bewegung. Man muss ihr Wissen
nutzen.
Das entscheidende
Übel ist, dass "die Gesellschaft keine herausfordernden Aufgaben
für rüstige Senioren hat". Gebraucht werden, gefordert und
respektiert sein, stärkt das Selbstwertgefühl älterer
Menschen. Profitieren davon würde aber die ganze Gesellschaft.
KRITIK
Ein unbequemes
Buch, aber ein notwendiges. Mit sehr viel Zuneigung zum Leben und zu
den Menschen geschrieben. Wenig praktische Anleitungen, dafür viel
Denkanleitungen. Ob man alt ist, entscheidet man selbst. Schriftsteller
und Künstler werden zitiert. Beispiele aus dem Leben.
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Wenn
ein Buch herausfordert, ohne zu überfordern, wenn es in einem
ungestörten Fluss aufgenommen werden kann, in Konzentration
und Hingabe, wenn sich ein anderes Welt- und Zeitgefühl einstellt,
wenn der Leser von sich loskommt und doch in einem tieferen Sinne
bei sich ist, dann, in diesem Augenblick zweckfreien Daseins,
wird das Lesen glückhaft erlebt.*
*Sätze
aus einem Artikel von Ludwig Muth "Die Lust am Lesen. Einige
theoretische Anmerkungen über ein traumhaftes Vergnügen",
NZZ 28. Februr 2004, gefunden von Arthur Uehlinger
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Und
weil es grad so schön ist, hier noch ein Text eines Literaten über
sein eigenes Alter:
Wie ich
und der andere zusammen alt werden
Der Zürcher
Schriftsteller Peter Zeindler wird heute 70 Jahre alt. Wir baten ihn,
sich seinen Geburtstagsartikel selber zu schreiben.
Von Peter
Zeindler, im TagesAnzeiger vom 18. Februar 2004
Jetzt bin
ich also 70 Jahre alt. Ich weiss, was man so von alten Leuten denkt.
Ich denke ja dasselbe: Sie erzählen nur noch von früher. Sie
sind rückwärts orientiert. Das Kurzzeitgedächtnis ist
ihnen abhanden gekommen. Und die Zukunftsperspektiven sind geschrumpft.
Also mache
ich mich auf die Suche nach den Fotoalben von damals, die anfangs mein
Vater angelegt und die einzelnen Aufnahmen mit einem Kommentar versehen
hat. Später habe ich diese Arbeit, wenn auch in Bezug auf den Begleittext
weniger aufwändig, weitergeführt. Und dann habe ich auch keine
Alben mehr angelegt. Die Fotos sind jetzt in Briefumschlägen mehr
oder weniger chronologisch untergebracht.
1936. Ein
zweijähriger Junge steht im Schnee. Im Hintergrund ein Stück
dunkler Wald. Der Bub hat einen verlorenen Blick. Er scheint seine Umgebung
nicht wahrzunehmen.
Im Kommentar
meines Vaters zu dieser Fotografie lese ich, dass er seinen Sohn ein
paar Jahre später gefragt habe, was er wohl im Moment der Aufnahme
gedacht habe. Die Antwort hat er nachträglich an meinem 10. Geburtstag
in einer Fussnote festgehalten. "Ich dachte, dass ich so allein bin."
(18. 2.1944)
Blick auf
das scheinbar fremde Kind
Ich bin damals
als Zweijähriger im Augenblick der Aufnahme sicher nicht allein
gewesen. Mein Vater hat mich fotografiert. Und meine Mutter ist wohl
auch in der Nähe gewesen. Aber auf dem Bild war niemand zu sehen
als dieses Kind. Ausserhalb des gezackten Bildrandes hörte für
den Betrachter die Welt auf, und so habe ich mich selbst wohl wie einen
Fremden betrachtet, habe diesem scheinbar fremden Kind, durch den Bildausschnitt
provoziert, diesen Gedanken der Einsamkeit unterschoben. Ich fühlte
mich wohl schon damals nicht identisch mit dem Jungen auf dem Foto.
Nur mit mir selbst im Augenblick des Kommentars.
Ich blättere
weiter im Fotoalbum. 1944. Ein Jahr vor Kriegsende. Ein Zehnjähriger
mit einem Schweizer Militärhelm aus Papiermache. 1946. Der Krieg
ist vorbei. Winnetou steht auf dem Schild, hinter dem sich ein blond
gelockter Indianer mit zerzaustem Federbusch zu verstecken versucht.
1950: Ein Konfirmand im dunklen Doppelreiher schaut feierlich ins Objektiv
der Fotokamera. 1957: Paris. Der Zweite von rechts zeigt ein Siegerlächeln.
Die ändern acht unserer Rudermannschaft, Steuermann inklusive,
schauen grimmig.
Ich schliesse
das Album.
Auch ein
fiktionales Leben Wenn ich heute auf mein Leben, immer wieder in gestellten
Bildern und Momentaufnahmen dokumentiert, zurückblicke, stelle
ich irritiert fest, dass dieses Leben, selbst in all seinen privaten
Ausprägungen und eingebettet in einen historisch verbürgten
Ablauf, immer etwas Fiktionales hat. Den Zweiten Weltkrieg habe ich,
in Schaffhausen aufgewachsen, an dessen Peripherie miterlebt. Ich habe
noch die verlorene Melodie des Zapfenstreichs der Grenzschutzsoldaten
im Ohr, auch die näselnden quengelnden Luftschutzsirenen, sehe
die Rauchsäulen über der bombardierten Stadt. Ich sehe die
golden gleissenden Buchstaben auf dem Tender der reichsdeutschen Dampflokomotiven,
die das Schaffhauser Schienennetz mit benützen durften: "Räder
müssen rollen für den Sieg."
Ich erinnere
mich an Schüler- und Lehrersituationen, an Vorlesungen in der
überfüllten
Aula der Zürcher Uni, an die Vaterrolle, an die heissen 68er-Tage,
an den Tod der Eltern. Aber ich erinnere mich an all das auf eine sehr
distanzierte Weise, in der Zuschauerrolle mit einem Protagonisten, der
nicht ich selbst war.
Dieses Fremdsein
der eigenen Person gegenüber, das ich beim Durchblättern des
Albums registriert habe, eingebettet in Erinnerungen, die sich ins Gedächtnis
eingeprägt haben, ist wohl wie bei einer Uhr Teil dieser "Unruhe",
die mich zum Schreiben bringt. Das Eins-Sein, die Übereinstimmung
von schreibendem und beschriebenem Ich, verunmöglicht Literatur.
Die eigene Individualität tritt mir als Alter Ego entgegen, als
Maske meiner selbst, auf durch die es sich hindurchzuschreiben gilt.
Diese Realität, gelebtes Leben, das mir als Fundus zur Verfügung
steht, wird erst im Umweg über die Fiktion wieder wirklich, als
Realität fassbar, im Prozess der Annäherung vom schreibenden
zum beschriebenen Ich. Was ich heute bin, ist die Addition von diesen
vielen ändern, die meine Biografie ausmachen.
Wenn ich
mich heute auf einem Foto betrachte, das mich als 70-Jährigen zeigt,
überkommt mich erneut dieses selbe Gefühl von Fremdheit meinem
eigenen Gesicht gegenüber. Der Mann im Kopf drin will sich nicht
mit dem Mann auf dem Foto zur Deckung bringen lassen. Vielleicht hat
es zu tun mit der Abwehr gegen die schrumpfende Zeit, die noch vor mir
liegt. Die Sehnsucht, die in der Jugend bald einmal, zuerst ungerichtet,
aber ungestüm vorwärts drängte, die später konkrete
Ziele meinte, ist eher wieder wie beim Kind eine Sehnsucht der kleinen
Schritte geworden.
Wo bleibt
die Altersweisheit?
Im Rücken
liegt nur dieses grosse Stück Biografie, eine Wegstrecke mit vielen
Stationen und auch Leerstellen, die einen nicht auffangen. Maske und
wahre Identität kommen immer mehr zur Deckung, selbst wenn ich
schreibend weiss, dass dieses Fremdsein in mir selbst im Alter eine
Art Überlebensgarantie ist. Die viel zitierte traute, trauliche
Abgeklärtheit und Altersweisheit, der nicht zu trauen ist, will
sich noch nicht einstellen.
Vielleicht
ist dieses grosse Stück gelebten Lebens im Rücken auch eine
Art Proviant, eine Garantie dafür, das mir die Stoffe nicht ausgehen,
solange mich die Sehnsucht nicht verlässt und nicht diese Aufbruchstimmung
wie vor Beginn einer grossen Reise, die allen Schreibprozessen vorangeht.
Solange ich dieses Bedürfnis in mir spüre, mich auf einen
fernen Horizont zuzuschreiben, in gemässigterem Tempo als früher
zwar, weil ich ja mittlerweile erfahren habe, dass nicht der ferne Horizont
das Ziel ist, sondern dass sich das Ende des nächsten Stoffes unterwegs
dahin befindet, ist das Alter nur noch eine Bedrohung in der Realität.