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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Alt bist du - jung wirst du werden

Die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden

Rezensionen und Reflexionen von Fridolin Herzog

Leseglück ist kein beiläufiges Phänomen der Lesekultur. Es gehört in die Reihe elementarer Lebenserfahrungen wie Zwiesprache mit der Natur, Nähe eines Freundes, Geniessen von Brot und Wein.*

"Alt bist du, - jung wirst du werden"... Mit diesem verheissungsvollen Satz aus einem afro-brasilianischen Märchen habe ich meine Abhandlung zum Thema "Reifen: Leben und Sterben" (Sommerausgabe 2003 von REIFE.CH) beendet. Seither habe ich weitere Literatur zum Thema Alter und Älterwerden verarbeitet. Im Folgenden berichte ich über eine Auswahl neuer Bücher und darüber, welche Gefühle und Gedanken sie bei mir ausgelöst haben.

Man könnte den Inhalt dieser Publikationen auch unter das Motto stellen: "Die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden". - Wir sind ja so alt, wie wir uns fühlen, nicht wahr? Also kommt alles auf die Haltung, auf die richtige Einstellung und das richtige Verhalten an...

Schönheit des Alters

So die Überschrift eines Buches, das 1991 von einem gewissen K.O. Schmidt herausgegeben wurde und welches zufällig in meine Hand geriet. Vollständig heisst der Titel: "Schönheit des Alters — Die zweite Leistungswelle". Der Autor, ein Meister des positiven Denkens, stellt das Ganze unter das Programm: "Altersreife und Geistesblüte durch dynamische Selbsterneuerung und Lebensverlängerung".- Schon Goethe habe das "Präsenium" als die Zeit der "zweiten Pubertät" erkannt. Schmidt spricht von der "zweiten Leistungswelle", welcher, wenn sie recht genutzt werde, "Jahrzehnte wachsender Leistung, Reifung und fruchtbaren Schaffens, also zunehmender Selbstverwirklichung und Lebenssinn-Erfüllung folgen". Diese Botschaft wird in vielen aufmunternden Kapiteln untermauert, die unter Mottos stehen wie "Gunst und Kunst des Altseins", "Vorzüge des Alters", "Beständiger Aufstieg", "Vom Geiste geh’n die Dinge aus", "Lebensverlängerung durch Selbstdynamisierung" usw.- Schmidt erzählt im Verlaufe seiner Ausführungen von zahlreichen Vorbildern berühmter Alter , die in der Welt der Kunst, der Politik und der Wissenschaften eine beeindruckende Fülle von Altersleistungen erbracht haben. Diese Spätleistungen grosser Geister und Meister in der Kulturgeschichte der Menschheit beweisen, dass die späten Jahre des Lebens "die besten Jahre des Lebens" sein können - und auch sein sollten.

"Die grössten Weisheiten des Alters sind Altersweisheiten", hält K.O. Schmidt fest. Sein Buch ist ein Appell, ein Plädoyer für die Aufwertung des Alters, ganz im Widerspruch zum vorherrschenden Jugendwahn in der modernen Gesellschaft. Dabei werden auch Erkenntnisse der jungen Altersforschung miteinbezogen. Die sozialpolitischen und medizinischen Probleme der "Überalterung" bleiben jedoch weitgehend ausgeklammert; und auch das real existierende Alterselend vieler Menschen heute wird kaum erwähnt. Insofern erscheint mir diese "Schönheit des Alters"dann doch etwas allzu ästhetisch und elitär. Es ist ein Idealbild des junggebliebenen und weisen Alten, das hier schön gemalt wird, und es ist ein paternalistisches Bild, - wenn auch den "weisen Frauen" noch ein Kapitelchen — genannt "Frauen und Freuen"- gewidmet wird...- Trotz der Ironie in meinem Urteil: Das Buch ist eine Fundgrube voller guter Gedanken und Ratschläge, die zu beherzigen sich lohnt: "Wie alt einer körperlich ist, ist nicht wichtig. Entscheidend ist, wie jung er seelisch ist".- "Gib Deinen Jahren mehr Leben, dann gibst Du Deinem Leben mehr Jahre!"- "Wer innerlich jung ist, der bleibt es bis zum letzten Atemzug". — "Richtig lebt, wer zu jeder Zeit in der Gegenwart lebt und die Aufgaben, Freuden und Erfüllungen des Lebensabschnitts, in dem er sich gerade befindet, erkennt, bejaht und das Beste daraus macht. ...Wer so lebt, der wird wohl älter, aber nicht alt, weil er zu jeder Zeit im Jetzt lebt und sich damit der Ewigkeit immer gleich nahe weiss!"

Die Reise ist noch nicht zu Ende

Unter diesem Titel erschien im Kösel-Verlag 2003 ein wertvoller Bericht über die "seelische Entwicklung und neue Spiritualität in späteren Jahren": Eine ältere Frau begegnet einem Psychotherapeuten. Im Gespräch öffnet sie ihm das Tor ihrer Seele. Er beginnt mit ihr eine Reise, die beide durch Vergangenes hindurch über unbekannte Felder und an überraschenden inneren Landschaften vorbei in eine ganz neue, grenzenlose Welt hineinführt. Sie erfahren, dass dort, wo sie glaubten, sie seien am Ende ihrer Reise angelangt. sie nochmals neu beginnt... — Soweit die Zusammenfassung im Klappentext.-

Es ist ein religiöses Buch.- Im ersten Teil, "Psychotherapie und Gotteserfahrung", stellt Karl Guido Rey seine Betrachtungen und Einsichten als erfahrener Psychotherapeut über die menschliche Entwicklung und die Prozesse dar, die geschehen können, wenn wir älter werden; er interpretiert und vertieft sie mit einer spirituellen Perspektive.- Im zweiten Teil, "Wegnotizen", schildert Edith Hess tagebuchartig ihren eigenen Prozess in der dreijährigen Dauer der Therapie. Ihre Worte sind ehrlich und intim; und kostbar sind die Gedichte und Gebete, mit denen sie ihre inneren Erfahrungen und Erschütterungen zum Ausdruck bringt.

Das Buch ist ein authentischer Erfahrungsbericht und ein existenzielles Lebenszeugnis. Hier wird nicht geflunkert und nicht "so getan, als ob nicht" - Ein Textbeispiel aus dem ersten Teil des Buches, von Karl Guido Rey: "Man spricht von der Schönheit des Alters. Ich denke, dass man das Alter wie das Leben oft schön redet. Wenn ich selber kritisch zurückschaue, muss ich feststellen, dass mein Leben hart war. Es war eine riesige Anstrengung, ein oft kaum zu bezwingender Berg. Gefährlich, riskant und ermüdend. Es war freilich ebenso bewegend, erschütternd und voll überwältigender Erlebnisse und Erfahrungen. Ich kann von meinem Leben nicht sagen, dass es einfach schön war. Es ist zu viel Verlust und Trennung in ihm enthalten. Es ist von Enttäuschung, Schuld und Versagen gekennzeichnet. Es war nicht schön. Aber es war gut." — An anderer Stelle: ..."Man spricht jetzt oft vom dritten Lebensabschnitt, um nicht vom Alter zu reden. Man liest, Alter sei etwas Relatives. Wenn man arbeite und noch an den Schönheiten dieser Welt teilnehme, bedeute Alter nicht alt werden. Aber man kann sagen und schreiben, was man will, altern bedeutet altern mit allen Konsequenzen..."

Diese Nüchternheit gefällt mir, sowie die Erkenntnis, dass die Widersprüche und Rätsel der menschlichen Existenz letzlich durch den je persönlichen, inneren Reifungsprozess verstanden und integriert werden.-

"Alt bist du, - jung wirst du werden": Liegt die Lösung dieses "Koans" vielleicht in der Richtung, wie Edith Hess auf ihrem Weg die Resignation gegenüber dem Alter zu überwinden lernt, in der Art, wie sie uns ansteckt, das Bild vom Schmetterling vor Augen zu halten, dessen Kokon abstirbt, damit er farbenbunt und lebendig in den blauen Himmel hineinfliegen kann? Karl Guido Rey bezeugt: "Sie (Frau Hess) enthüllt etwas vom zentralen Geheimnis des Alters: dass wir als Alternde, Absterbende und Vergehende noch immer Werdende sein können". - Fürwahr: diese Lebensreise ist noch nicht zu Ende...

Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot...

Das Buch mit diesem blumigen Titel erschien ebensfalls letztes Jahr (2003). Die Autorin, Elisabeth Schlumpf, geb. 1932, ist Psychotherapeutin und Co-Leiterin des "Zentrums für Form und Wandlung" in Zürich.- Sie sieht die Qualität des Altwerdens darin, "neue Freiheiten zu geniessen". Allerdings werden diese Freiheiten — die "Geschenke des Alters" - uns nicht einfach in den Schoss gelegt, sondern sie sind die Früchte eines Wachstumprozesses, einer geistig-seelische Leistung, die von uns abverlangt wird. So verstehe ich die Botschaft der Autorin, welche sie in den zwei Kapiteln "Sieben wichtige Aspekte des Altseins" und "Sieben zentrale Themen des Alters" darlegt.

Ich verzichte darauf, den Inhalt hier zu rekapitulieren. Hervorheben möchte ich nur die Abschnitte über die Sterbeprozesse im Alter und über die Notwendigkeit, den Tod anzunehmen. (Leben und Tod, Geburt und Sterben sind eins). Und dann ist vor allem spürbar, dass dieses Buch aus der Sicht einer Frau geschrieben ist, einer erfahrenen, ich möchte gerne sagen: "weisen" Frau, die sich um das Ganze kümmert und darum weiss, dass zum menschlichen Leben der Dialog zwischen Mann und Frau gehört, aber auch das Brückenbauen zwischen den Generationen. - Dafür steht das dritte Kapitel "Erfahrenes Alter", in welchem zwei Frauen, - "Luisa", die im Altenheim lebt und in ihrer letzten Zeit noch eine besondere Erfahrung macht, und "Binda", eine von Familie und Beruf ausgefüllte Frau in mittleren Jahren, - sich in einer Zwiesprache begegnen und dabei ihre Fragen nach einem sinnerfüllten Alter, nach Sterben und Tod austauschen: "Der Dialog zeigt Unterschiede zwischen Schicksalen und Generationen, weist auf die Wichtigkeit von lebendigen Vorbildern hin und lässt auf Wandlung selbst im letzten Lebensabschnitt hoffen".

Mir gefällt dieses Buch: Es ist ehrlich und fundiert, es tabuiert nichts, es ist realistisch und macht trotzdem Mut; es setzt neue Akzente und animiert dazu, "sich sein Leben zu eigen zu machen". Die "neue Freiheit", die dabei zu geniessen wäre, kommt in einem Gedicht, das die Autorin ihrem Buch als Leitwort wie eine Klammer zwischen die Buchdeckel gesetzt hat, wunderbar zum Ausdruck: "Wenn ich einst alt bin trage ich Mohnrot"... (In der REIFE-Ausgabe vom Winter 03 steht dieses Gedicht zum Nachlesen).

Das Alter — Ein Traum von Jugend

"Eigentlich gibt es kein Alter, denn wer alt und glücklich ist, kann sich für jung halten". Dieser schlichte Satz steht im ersten Kapitel des Buches von Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend, das jüngst (2003) im Suhrkamp-Verlag herausgekommen ist. Der Satz täuscht über die raffinierte Differenziertheit hinweg, mit welcher die 1939 geboreneAutorin, ihres Zeichens Professorin für neuere deutsche Literatur, Essayistin und Publizistin, das Thema bearbeitet: "Was ist Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? ...Ist man also tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? - Von der Antike, die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der "Selpies" ("second life people"), der "Uhus" (der "Unterhundertjährigen") und der "Mumienpässe" (der "Rentnerausweise") sucht die Autorin alle möglichen Figuren und Orte des Alterns auf und entdeckt dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit und Tod beschäftigt ist. Ernährungswissenschaft, Medizin und Fitnessbewegung gelingt es, Todesangst in Lebenshunger zu verwandeln, und es entstehen neue gesellschaftliche Leitbilder und Statussymbole". - So fasst der Verlag den Inhalt zusammen.

Das Buch enthält eine scharfsichtige Analyse der Selbst- und Fremdbilder, die Menschen sich im Verlaufe der Kultur- und Literaturgeschichte über das Alter und das Altern gemacht haben. Eine anspruchsvolle und streckenweise herausfordernde Lektüre, die einiges an "Bildung" voraussetzt, um mit (reserviertem) Vergnügen genossen zu werden...Und daher ein Buch, über das nicht wiederum geschrieben, sondern das einfach gelesen werden sollte. -

Besonders wertvoll finde ich die von der Autorin zusammengetragene "Bibliographie" der zitierten Autoren und Werke: Hier findet sich das Meiste, was in der Literatur zum Thema Alter bis heute vorliegt.

Ich mag nicht detaillierter auf die Inhalte der spannenden Kapitel des Buches von Hannelore Schlaffer eingehen. Deren Titel "Krankheit und Schönheit", "Todesangst und Lebenshunger", über die "Charaktere": (Der Staatsmann, der Grossvater, der grosse Alte, der Lebensmüde), "Der alte Mann und das Mädchen", "Die unwürdige Greisin", sprechen für sich. - Ich möchte hier nur noch einige wenige Sätze aufgreifen, - gewissermassen als Impulse für "die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden" (Vgl. Überschrift dieses REIFE-Beitrages). Es sind keine poetischen Verse, sondern eher prosaische und oftmals illusionslose Aussagen:

"Heute fühlt sich alt, wer krank ist und den Tod ahnt. Alle anderen Personen verhalten sich, ob jung oder alt, gleich, sie fühlen sich jung und fürchten den Tod nicht". ... "Das Alter umspannt seit dem zwanzigsten Jahrhundert, da es immer länger wird, drei zeitlich ziemlich ausgedehnte Epochen: die ersten Pensionsjahre, das altersschwache Greisenalter und die Sterbezeit; zumindest die erste Phase wird genossen wie eine zweite Jugend." - "Senioren haben — wie Manager — immer einen vollen Terminkalender, klagen über zu wenig Zeit und verschweigen geflissentlich, dass sie diese nur mit Vergnügungen und Bildungsübungen auffüllen"...

"Die Vorstellungen von Würde und Weisheit im Alter erscheinen als schöne Reden, die den heutigen Erfahrungen mit dem Körper, mit seiner nachlassenden Energie, der wachsenden Melancholie im Alter nicht gerecht werden... Es geht mit dem Alter nicht anders als mit der Liebe: ... Die Liebe, wie sie in der Poesie sattfindet, hat wenig mit dem schwierigen Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu tun, wie es gelebt wird; - das Alter, das Philosophie und Erbauungsliteratur als Idee und Ideal entwerfen, ist nicht das, das jedermann durchzustehen hat"...

"Männer haben viel über das Alter geredet und geschrieben, aber dabei — von ein paar bösen Versen abgesehen — kaum ein einziges Mal an eine Frau gedacht. Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalen und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun"...


Diese Aussage wird voll bestätigt, wenn man sich zwei weitere Besprechungen desselben Buches anschaut:

Der alte Traum vom Jungsein

Hannelore Schlaffer zeichnet in ihrem Buch "Das Alter. Ein Traum von Jugend" ein düsteres Bild des Alterns.

Von Eva Pfister. im TagesAnzeiger vom 6. Februar 2004

Am Anfang war die Angst vor dem Tod. Um sich dieser nicht schutzlos auszusetzen, haben die Männer allerlei ersonnen: die Weisheit des Alters etwa, die den Mann - von Cicero bis zu Adenauer - zum Staatenlenker befähigt. Das 19. Jahrhundert hat dazu den "gütigen Grossvater" erfunden sowie den "grossen Alten", meist Künstler oder Wissenschaftler. Michelangelo oder Goethe wurden als solche verehrt - und erotisiert. Wie Faust steht ihnen darum eine junge Frau zu, was mittlerweile zum Statussymbol geworden ist: "Ein Mann ist so bedeutend, wie der Altersunterschied zwischen ihm und seiner Frau oder Freundin gross ist."

Altern nach dem ersten Kuss

Die 63-jährige Germanistikprofessorin Hannelore Schlaffer führt nur wenige Stimmen an, die sich illusionslos mit dem Alter auseinander setzen. Eine solche Ausnahme ist Jean Amery. In seiner Schrift "Über das Altern. Revolte und Resignation" drücke sich angesichts des Verfalls des Körpers der Nihilismus der Verzweiflung aus. Eine Verzweiflung, die ansonsten die Männer an die Frauen delegiert hätten, die diese Aufgabe widerspruchslos zu akzeptieren schienen. Noch immer sei das Alter vor allem für die Frau ein Makel, schreibt Schlaffer, und das Altern beginne mit dem ersten Kuss, denn es bedeute das Schwinden ihrer Schönheit, also ihrer erotischen Attraktivität.

Die Frau sei nun einmal zuerst über ihren Körper definiert, über Gesundheit, Jugendlichkeit und Schönheit. Entsprechend gibt die Autorin alternden Frauen keine Chance: "Alt zu werden, kann eine Frau kaum je als Gewinn verbuchen. Würde, Weisheit, Autorität - diese mit Achtung umgebenen und stets wachsenden Tugenden des alten Mannes - stehen ihnen nicht." Seltsam, dass die Professorin keine positiven Figuren unter den älteren Frauen findet, dass sie nichts über die heute so verbreiteten neuen Aufbrüche in deren Leben berichtet.

Zwar gesteht sie den rüstigen Seniorinnen zu, voller Lebensfreude ihren Ruhestand zu gemessen, ja sogar die kulturtragende Schicht zu verkörpern, aber sich macht sich nun Sorgen um die Emanzipation des Mannes. Denn der Rentner sei am Gängelband gelandet und müsse seiner Frau die Einkaufstaschen nachtragen: "Der erfolgreiche Geschäftsmann ist zum Ladendiener seiner Frau geworden."

Das Bild der verlassenen Frau

Einzig Brechts kleinem Text über seine Grossmutter kann Schlaffer Positives abgewinnen: "Die unwürdige Greisin", die lustige Witwe also, habe in Ausnahmefällen die Chance auf ein zweites Leben. Sie führt als Beispiel Bettina Brentano an, die intellektuell beeindruckend aktiv blieb und erst noch Jünglinge umschwärmte. Sie aber sei von der Rezeption als lächerliche Figur überliefert worden. So grämlich bleibt der Grundton im ganzen Buch, das ausgerechnet in der Reihe "Bibliothek der Lebenskunst" erschienen ist, aber eher als "Anleitung zum Unglücklichsein" für älter werdende Menschen daherkommt. Vor allem für Frauen: "Entgegen allen Behauptungen der Presse ist das Heer der einsamen, verlassenen alternden Weiblichkeit gross und wird es bleiben. Es gibt keine alte Venus."

Der Traum der Jugend als Falle

Betty Friedan hat in ihrer grossen Studie über das Alter, die Schlaffer bezeichnenderweise übergeht, vor zehn Jahren schon erkannt, dass der "Traum von Jugend" eine Falle ist: "Wer daran festhält, verstrickt sich in ein verzweifeltes Spiel, das er nur verlieren kann."


Das Alter

Ein schlankes, wunderbares Buch, meint Edmond Tondeur

Was ist Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? "Eigentlich gibt es kein Alter", schreibt Hannelore Schlaffer, "denn wer alt und glücklich ist, kann sich für jung halten." Ist man also tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? Von der Antike, die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der "Selpies" (second life people), der "Uhus" (der Unterhundertjährigen) und der "Mumienpässe" (der Rentnerausweise) sucht die Autorin die möglichen Figuren und Orte des Alterns auf und entdeckt dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit und Tod beschäftigt ist ...

Nur eines hat sich anscheinend seit der Antike nicht geändert: Auch im Alter gibt es zwei Kulturen. Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalen und wie Frauen es erleben, hat wenig miteinander zu tun.


Ich habe in diesem Beitrag vier Bücher, bzw. Autoren und Autorinnen "über das Alter" vorgestellt und meinen Kommentar dazu formuliert. - Was habe ich dabei gelernt? - Ich habe entdeckt, dass die Bibliothek der Altersliteratur immens ist. Seit Menschengedenken reflektiert und schreibt man darüber; und die gegenwärtigen, literarischen und fachlichen Publikationen zum Thema wachsen ins Uferlose.

Weil das menschliche Schicksal sich zwischen Geburt und Tod abspielt, wird man auch in Zukunft immer wieder neu darüber nachdenken, dem Sinn der Lebensrätsel nachspüren, - und Worte der Verzweiflung, der Hoffnung und des Glaubens darüber äussern. - Das hindert mich nicht daran, es schön zu finden, wenn ich jetzt als "Grossvater", als einer, der aus dem Leben heraus schreitet, mit meinen Enkeln, die ins Leben hineinschreiten, einen gemeinsamen Spaziergang mache...


Vorgestellte Bücher:

K.O. Schmidt: Schönheit des Alters; Reichl Verlag St. Goar, 1991

Karl Guido Rey/Edith Hess: Die Reise ist noch nicht zu Ende; Kösel-Verlag, München 2003

Elisabeth Schlumpf: Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot; Kösel-Verlag ,München 2003

Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2003


Und noch eine Buchbesprechung von LILITH FREY im "Blick" vom 13. März 2004

Klugheit, Neugier, Langeweile, Wissen

Judith Giovanelli-Blocher: Das Glück der späten Jahre. Mein Plädoyer für das Alter

218 Seiten, Pendo-Verlag, Fr. 29.80

AUTORIN

Judith Giovannelli-Blocher (72) veröffentlichte mit 67 ihren ersten Roman "Das gefrorene Meer" (1999), autobiografisch gefärbt. Sie war Sozialarbeiterin. Heute leitet und betreut sie Kurse zum Thema Älterwerden.

INHALT

Das Alter ist ein Lebensabschnitt wie Kindheit und Jugend. Was das Alter anders macht, ist, dass es keinen gesellschaftlichen Status hat. Und dass am Ende der Tod steht.

Um beides auszublenden, trimmen sich viele ältere Menschen auf jugendlich mit Fitness, Lifting, Hungerkuren. Ihnen haftet etwas Verzweifeltes an. Etwas Verklärendes stellt sich bei denen ein, die glauben, nach der Pensionierung beginne nun endlich die grosse Ferienzeit.

Am besten man akzeptiert sein Alter und plant die Zeit nach der Pensionierung. Das spannendste Kapitel ist deshalb ´Der Höhenweg des Altersª. Er bedeutet: ´Leichtwerden, Ballast abwerfen, loslassen, mit weniger auskommen, zu persönlicher Souveränität und Unabhängigkeit kommen.ª Dazu gehört Klugheit. Sich seiner schwindenden Kräfte bewusst sein, es die anderen aber nicht merken lassen. Neugier. Das können Computerkurse sein. Talente. Sich ihrer wieder besinnen, wie Schreiben, Malen, Politisieren Vorträge halten. Die Langeweile. Kreativität entwickelt sich nur in der langen Weile. Künstler haben kein Alter, sie haben Werke.

"In Wirklichkeit unterschätzt die aktive Generation die Alter notorisch." Alte Menschen haben eine Geschichte und sind verwoben mit der Geschichte. Sie erinnern sich an den Zweiten Weltkrieg, an die Krise der dreissiger Jahre, an die Landi 1939, an die Achtundsechziger Bewegung. Man muss ihr Wissen nutzen.

Das entscheidende Übel ist, dass "die Gesellschaft keine herausfordernden Aufgaben für rüstige Senioren hat". Gebraucht werden, gefordert und respektiert sein, stärkt das Selbstwertgefühl älterer Menschen. Profitieren davon würde aber die ganze Gesellschaft.

KRITIK

Ein unbequemes Buch, aber ein notwendiges. Mit sehr viel Zuneigung zum Leben und zu den Menschen geschrieben. Wenig praktische Anleitungen, dafür viel Denkanleitungen. Ob man alt ist, entscheidet man selbst. Schriftsteller und Künstler werden zitiert. Beispiele aus dem Leben.


Wenn ein Buch herausfordert, ohne zu überfordern, wenn es in einem ungestörten Fluss aufgenommen werden kann, in Konzentration und Hingabe, wenn sich ein anderes Welt- und Zeitgefühl einstellt, wenn der Leser von sich loskommt und doch in einem tieferen Sinne bei sich ist, dann, in diesem Augenblick zweckfreien Daseins, wird das Lesen glückhaft erlebt.*

 

*Sätze aus einem Artikel von Ludwig Muth "Die Lust am Lesen. Einige theoretische Anmerkungen über ein traumhaftes Vergnügen", NZZ 28. Februr 2004, gefunden von Arthur Uehlinger


Und weil es grad so schön ist, hier noch ein Text eines Literaten über sein eigenes Alter:

Wie ich und der andere zusammen alt werden

Der Zürcher Schriftsteller Peter Zeindler wird heute 70 Jahre alt. Wir baten ihn, sich seinen Geburtstagsartikel selber zu schreiben.

Von Peter Zeindler, im TagesAnzeiger vom 18. Februar 2004

Jetzt bin ich also 70 Jahre alt. Ich weiss, was man so von alten Leuten denkt. Ich denke ja dasselbe: Sie erzählen nur noch von früher. Sie sind rückwärts orientiert. Das Kurzzeitgedächtnis ist ihnen abhanden gekommen. Und die Zukunftsperspektiven sind geschrumpft.

Also mache ich mich auf die Suche nach den Fotoalben von damals, die anfangs mein Vater angelegt und die einzelnen Aufnahmen mit einem Kommentar versehen hat. Später habe ich diese Arbeit, wenn auch in Bezug auf den Begleittext weniger aufwändig, weitergeführt. Und dann habe ich auch keine Alben mehr angelegt. Die Fotos sind jetzt in Briefumschlägen mehr oder weniger chronologisch untergebracht.

1936. Ein zweijähriger Junge steht im Schnee. Im Hintergrund ein Stück dunkler Wald. Der Bub hat einen verlorenen Blick. Er scheint seine Umgebung nicht wahrzunehmen.

Im Kommentar meines Vaters zu dieser Fotografie lese ich, dass er seinen Sohn ein paar Jahre später gefragt habe, was er wohl im Moment der Aufnahme gedacht habe. Die Antwort hat er nachträglich an meinem 10. Geburtstag in einer Fussnote festgehalten. "Ich dachte, dass ich so allein bin." (18. 2.1944)

Blick auf das scheinbar fremde Kind

Ich bin damals als Zweijähriger im Augenblick der Aufnahme sicher nicht allein gewesen. Mein Vater hat mich fotografiert. Und meine Mutter ist wohl auch in der Nähe gewesen. Aber auf dem Bild war niemand zu sehen als dieses Kind. Ausserhalb des gezackten Bildrandes hörte für den Betrachter die Welt auf, und so habe ich mich selbst wohl wie einen Fremden betrachtet, habe diesem scheinbar fremden Kind, durch den Bildausschnitt provoziert, diesen Gedanken der Einsamkeit unterschoben. Ich fühlte mich wohl schon damals nicht identisch mit dem Jungen auf dem Foto. Nur mit mir selbst im Augenblick des Kommentars.

Ich blättere weiter im Fotoalbum. 1944. Ein Jahr vor Kriegsende. Ein Zehnjähriger mit einem Schweizer Militärhelm aus Papiermache. 1946. Der Krieg ist vorbei. Winnetou steht auf dem Schild, hinter dem sich ein blond gelockter Indianer mit zerzaustem Federbusch zu verstecken versucht. 1950: Ein Konfirmand im dunklen Doppelreiher schaut feierlich ins Objektiv der Fotokamera. 1957: Paris. Der Zweite von rechts zeigt ein Siegerlächeln. Die ändern acht unserer Rudermannschaft, Steuermann inklusive, schauen grimmig.

Ich schliesse das Album.

Auch ein fiktionales Leben Wenn ich heute auf mein Leben, immer wieder in gestellten Bildern und Momentaufnahmen dokumentiert, zurückblicke, stelle ich irritiert fest, dass dieses Leben, selbst in all seinen privaten Ausprägungen und eingebettet in einen historisch verbürgten Ablauf, immer etwas Fiktionales hat. Den Zweiten Weltkrieg habe ich, in Schaffhausen aufgewachsen, an dessen Peripherie miterlebt. Ich habe noch die verlorene Melodie des Zapfenstreichs der Grenzschutzsoldaten im Ohr, auch die näselnden quengelnden Luftschutzsirenen, sehe die Rauchsäulen über der bombardierten Stadt. Ich sehe die golden gleissenden Buchstaben auf dem Tender der reichsdeutschen Dampflokomotiven, die das Schaffhauser Schienennetz mit benützen durften: "Räder müssen rollen für den Sieg."

Ich erinnere mich an Schüler- und Lehrersituationen, an Vorlesungen in der

überfüllten Aula der Zürcher Uni, an die Vaterrolle, an die heissen 68er-Tage, an den Tod der Eltern. Aber ich erinnere mich an all das auf eine sehr distanzierte Weise, in der Zuschauerrolle mit einem Protagonisten, der nicht ich selbst war.

Dieses Fremdsein der eigenen Person gegenüber, das ich beim Durchblättern des Albums registriert habe, eingebettet in Erinnerungen, die sich ins Gedächtnis eingeprägt haben, ist wohl wie bei einer Uhr Teil dieser "Unruhe", die mich zum Schreiben bringt. Das Eins-Sein, die Übereinstimmung von schreibendem und beschriebenem Ich, verunmöglicht Literatur. Die eigene Individualität tritt mir als Alter Ego entgegen, als Maske meiner selbst, auf durch die es sich hindurchzuschreiben gilt. Diese Realität, gelebtes Leben, das mir als Fundus zur Verfügung steht, wird erst im Umweg über die Fiktion wieder wirklich, als Realität fassbar, im Prozess der Annäherung vom schreibenden zum beschriebenen Ich. Was ich heute bin, ist die Addition von diesen vielen ändern, die meine Biografie ausmachen.

Wenn ich mich heute auf einem Foto betrachte, das mich als 70-Jährigen zeigt, überkommt mich erneut dieses selbe Gefühl von Fremdheit meinem eigenen Gesicht gegenüber. Der Mann im Kopf drin will sich nicht mit dem Mann auf dem Foto zur Deckung bringen lassen. Vielleicht hat es zu tun mit der Abwehr gegen die schrumpfende Zeit, die noch vor mir liegt. Die Sehnsucht, die in der Jugend bald einmal, zuerst ungerichtet, aber ungestüm vorwärts drängte, die später konkrete Ziele meinte, ist eher wieder wie beim Kind eine Sehnsucht der kleinen Schritte geworden.

Wo bleibt die Altersweisheit?

Im Rücken liegt nur dieses grosse Stück Biografie, eine Wegstrecke mit vielen Stationen und auch Leerstellen, die einen nicht auffangen. Maske und wahre Identität kommen immer mehr zur Deckung, selbst wenn ich schreibend weiss, dass dieses Fremdsein in mir selbst im Alter eine Art Überlebensgarantie ist. Die viel zitierte traute, trauliche Abgeklärtheit und Altersweisheit, der nicht zu trauen ist, will sich noch nicht einstellen.

Vielleicht ist dieses grosse Stück gelebten Lebens im Rücken auch eine Art Proviant, eine Garantie dafür, das mir die Stoffe nicht ausgehen, solange mich die Sehnsucht nicht verlässt und nicht diese Aufbruchstimmung wie vor Beginn einer grossen Reise, die allen Schreibprozessen vorangeht. Solange ich dieses Bedürfnis in mir spüre, mich auf einen fernen Horizont zuzuschreiben, in gemässigterem Tempo als früher zwar, weil ich ja mittlerweile erfahren habe, dass nicht der ferne Horizont das Ziel ist, sondern dass sich das Ende des nächsten Stoffes unterwegs dahin befindet, ist das Alter nur noch eine Bedrohung in der Realität.