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Frühling 2004

Editorial: Reifende Reife


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Vom Reifen, Tüfteln und dem inneren Auftrag, erfinderisch zu leben ...

Ein Bericht von Edmond Tondeur

Dieser Bericht handelt von Martin Flüeler und seinem Tüftel-Labor in Zürich, genannt TüLab. In dieser Freizeit-Werkstatt verwirklichen Kinder und Jugendliche "Objekte", die ihrem Einfallsreichtum entspringen, mit Hilfe von Werkzeugen, Materialien und kundiger Anleitung (nicht ‚Belehrung’) durch pädagogisch sensible Lotsen.

Martin Flüeler, geboren in Zürich vor bald fünfzig Jahren, war ein "Tüftelkind", pausenlos beschäftigt mit Dingen, Materialien, Abläufen; mit Vorgängen des Fliessens in der Welt seiner Aufmerksamkeit und seiner Interessen. Ein Kind "anders als die anderen", begünstigt von einem familiären Umfeld, das den Eigenarten der heranwachsenden Kinder Raum und Impulse gab. Im weiteren Bildegang: Rudolf-Steiner-Schule, Math.Nat. Gymnasium, Studium Elektrotechnik ETH, sechs Jahre Entwicklungs-Ingenieur in der Industrie, ebenso viele Jahre Software-Projekte in der Computer-Branche, danach Ausbildung zum Werklehrer, Unterricht an Schulen und besonders in der Begabtenförderung ...

Einige Akzente im ‚Profil’ von Martin Flüeler: Papierflieger-Animator, kindergerechte Spiel-Flugmodelle, Fetisch-Reparierer, Giessharz-Spezialist, Scherenschnitte, Forscher/Autodidakt/Lehrer, velomobil ... und, und!


So reifte die Idee eines Tüftel-Labors für Kinder und Jugendliche (9-19 jährig) heran, einer Universal-Werkstatt mit allem, was zur Entfaltung und Umsetzung des Erfindungsgeistes beiträgt: Raum, Ausrüstung, kundige Anteilnahme. Die Idee nahm Gestalt an, geeignete Räumlichkeiten wurden gefunden, ein Team engagierter Frauen und Männer fand sich zusammen, und zum "richtigen Zeitpunkt" öffnete sich dem Vorhaben auch eine Finanzierungsquelle (siehe TüLab-Stiftung), die der Verankerung und Bewährung die notwendige Entwicklungszeit sichert.

"Tüfteln", annähernd definiert

"Tüfteln" steht für "Basteln" im alten, weiten Sinne des Wortes: versuchen, ein eigenes Vorhaben materiell und selbsttätig zu verwirklichen. Es umfasst also: Ideen und Erfindungen ausprobieren, Behauptungen überprüfen, Gedanken sichtbar machen, Naturgesetze begreifen, Technik nachvollziehen, anschaulich, handwerklich.

Echtes Tüfteln folgt eigener Initiative; es unterscheidet nicht zwischen Prozess und Produkt (zwischen Weg und Ziel). Es spielt sich immer an der aktuellen Grenze der eigenen Fähigkeiten ab, nützt jeden Mangel erfinderisch, oberhalb der Entmutigungsgrenze.

Tüfteln ist dem Wesen nach immer "ganz": fächerübergreifend, kopf-herz-händig, eigenmotiviert. Das tüftelnde Kind pendelt zwischen zielgerichtet-produktiver Versunkenheit, spielerisch-forschender Neugier und eigendiszipliniertem Durchhalten. Es trainiert gleichzeitig Scharfsinn, Geschicklichkeit und Hartnäckigkeit, aber auch den Sinn für Gebrauchswert, Sparsamkeit und Ästhetik, kurz: für "Rundum-Qualität".

Tüfteln befasst sich primär mit Sachproblemen, ist damit im Kern "aussersprachlich" und interkulturell. Gerade weil es um "Etwas" geht, entsteht leicht Austausch, Hilfs- und Lernbereitschaft. Gelegenheiten zu solchem Tun sind für viele Kinder rar geworden, sowohl zuhause wie in öffentlichen Räumen. In der Lehr- und Schulplanung ist "tüfteln" kein Fach.

Das Tüftel-Labor stellt den Jugendlichen und Kindern folgende Qualitäten zur Verfügung:

  • eine anregende Infrastruktur: möglichst viel offen, möglichst vielfältig, anpassungsfähig, als Nebeneinander von Kreativ-Chaotisch-Zufälligem und Standardisiert-Wohlgeordnetem;
  • in einem sozialen Kontext: Tüfteln selbstbestimmt, aber nicht einsam. Neben- und miteinander tüftelnde Altersstufen befruchten sich im kooperativen Umgang. Von gereiften Menschen lernen Kids, was immer sie sich aus deren Fundus an Erfahrung aneignen möchten;
  • lebbare ethische Leitlinien: Achtung des Lebendigen, Chancengleichheit, ökologische Achtsamkeit, ökonomische Sparsamkeit, Konfliktkultur, usw.

Errichtung der TüLab-Stiftung (in Zürich, anfangs 2004)

Die Stiftung bezweckt den Betrieb und die Weiterentwicklung des Tüftel-Labors, welches auf Initiative von Martin Flüeler, Zürich, im Oktober 2001 gegründet wurde. Die Stiftung ist gemeinnützig tätig, sie verfolgt keine kommerziellen Ziele.

"Tüfteln" im Sinne des Stiftungszweckes bezeichnet ein tiefes sich Einlassen auf eine Sache, als individuelle und real-physische Auseinandersetzung mit Gestaltung, Erfahrung und Erkenntnis. Die Stiftung kann auch neue Initiativen und Tätigkeiten unterstützen, welche die TüLab-Idee direkt oder indirekt fördern.

Im Anhang zur Stiftungs-Urkunde ist die TüLab-Philosophie von Martin Flüeler ausführlicher dokumentiert. Wer sich dafür interessiert, kann sich an die folgende Adresse wenden:

TüLab-Stiftung und Tüftel-Labor, Wallisellenstrasse 301, CH-8050 Zürich, Telefon 01 321 9 123, e-mail: info@tuelab.ch


Tüfteln ist, wenn ...

Tüfteln ist, wenn die Köpfe rauschen, wenn Peters Kurbeltrieb immer noch klemmt, wenn Maja fasziniert zuschaut, wie Tablita an der Bohrmaschine ein Sackloch bohrt, Mischa am Bleistift kauend zwei Strecken zwecks Brett-Suche zusammen addiert, der Praktikant den Rocca samt Spritzflasche und "Kraftwerk" dringendst zum Waschtrog weist, dieweil Andrea aufschreckt: "Uiii, halbsechs schon lange vorbei!", Mark zur Entspannung auf dem Taschenrechner Mastermind spielt, der Fallschirm-Clan mit seinen Tests das Treppenhaus okkupiert, Carla vor sich hinsummend ihr 87. Stäbchen anschrägt, während Juan den Ausleger rot-blau bemalt, beim Schrank eine Nägel-Dose zu Boden rasselt, Kurt und Benjamin ihre Gummitrieb-Flitzer im Zwischengang ins Zeitrennen schicken, Manuela bittet, ihr den Finger auf den Knoten zu pressen, es aus der Feuerecke scharf nach Plexiglas riecht, Richard seine Werkskizze fotokopiert und Isidor seinen blutenden Finger kalt spült ... Tüfteln ist, wenn es geschäftig summt und grumschelt im Raum ... und keiner merkt, dass da ständig und intensiv Schule stattfindet ... niemand ausser dem staunenden Besucher.


Ausblick (wie immer ohne Gewähr!)

Das TüLab wird sich, wie alles, verändern — nicht unbedingt so, wie mensch sich vorstellt. Ob sich das TüLab zu einem neuen Schultypus erweitert, der die freie Projektarbeit in die Mitte des (pädagogischen) Geschehens stellt? Oder rankt sich eine Vielfalt verschiedener, kinderliebender Tüftlerinnen-Ateliers drumherum? Wird dieser Keimling gar von einer "Kinder-Uni" aufgenommen, mit Lern-aus-Interesse-Angeboten aus jeglichen Künsten, Techniken, Wissensgebieten? Nimmt eine Mode überhand, wollen plötzlich alle Flugzeuge bauen? Hält High Tech Einzug? Wirft eine Generation Mädchen die Knaben raus? Oder ...wir werden sehen! (Martin Flüeler)