Vom
Reifen, Tüfteln und dem inneren Auftrag, erfinderisch zu leben
...
Ein Bericht
von Edmond
Tondeur

Dieser Bericht
handelt von Martin Flüeler und seinem Tüftel-Labor
in Zürich, genannt TüLab. In dieser Freizeit-Werkstatt
verwirklichen Kinder und Jugendliche "Objekte", die ihrem
Einfallsreichtum entspringen, mit Hilfe von Werkzeugen, Materialien
und kundiger Anleitung (nicht Belehrung) durch pädagogisch
sensible Lotsen.
Martin
Flüeler, geboren in Zürich vor bald fünfzig Jahren,
war ein "Tüftelkind", pausenlos beschäftigt mit
Dingen, Materialien, Abläufen; mit Vorgängen des Fliessens
in der Welt seiner Aufmerksamkeit und seiner Interessen. Ein Kind "anders
als die anderen", begünstigt von einem familiären Umfeld,
das den Eigenarten der heranwachsenden Kinder Raum und Impulse gab.
Im weiteren Bildegang: Rudolf-Steiner-Schule, Math.Nat. Gymnasium, Studium
Elektrotechnik ETH, sechs Jahre Entwicklungs-Ingenieur in der Industrie,
ebenso viele Jahre Software-Projekte in der Computer-Branche, danach
Ausbildung zum Werklehrer, Unterricht an Schulen und besonders in der
Begabtenförderung ...


Einige
Akzente im Profil von Martin Flüeler: Papierflieger-Animator,
kindergerechte Spiel-Flugmodelle, Fetisch-Reparierer, Giessharz-Spezialist,
Scherenschnitte, Forscher/Autodidakt/Lehrer, velomobil ... und, und!
So reifte
die Idee eines Tüftel-Labors für Kinder und Jugendliche
(9-19 jährig) heran, einer Universal-Werkstatt mit allem, was
zur Entfaltung und Umsetzung des Erfindungsgeistes beiträgt: Raum,
Ausrüstung, kundige Anteilnahme. Die Idee nahm Gestalt an, geeignete
Räumlichkeiten wurden gefunden, ein Team engagierter Frauen und
Männer fand sich zusammen, und zum "richtigen Zeitpunkt"
öffnete sich dem Vorhaben auch eine Finanzierungsquelle (siehe
TüLab-Stiftung), die der Verankerung und Bewährung die
notwendige Entwicklungszeit sichert.
"Tüfteln",
annähernd definiert
"Tüfteln"
steht für "Basteln" im alten, weiten Sinne des Wortes:
versuchen, ein eigenes Vorhaben materiell und selbsttätig zu verwirklichen.
Es umfasst also: Ideen und Erfindungen ausprobieren, Behauptungen überprüfen,
Gedanken sichtbar machen, Naturgesetze begreifen, Technik nachvollziehen,
anschaulich, handwerklich.
Echtes Tüfteln
folgt eigener Initiative; es unterscheidet nicht zwischen Prozess und
Produkt (zwischen Weg und Ziel). Es spielt sich immer an der aktuellen
Grenze der eigenen Fähigkeiten ab, nützt jeden Mangel erfinderisch,
oberhalb der Entmutigungsgrenze.
Tüfteln
ist dem Wesen nach immer "ganz": fächerübergreifend,
kopf-herz-händig, eigenmotiviert. Das tüftelnde Kind pendelt
zwischen zielgerichtet-produktiver Versunkenheit, spielerisch-forschender
Neugier und eigendiszipliniertem Durchhalten. Es trainiert gleichzeitig
Scharfsinn, Geschicklichkeit und Hartnäckigkeit, aber auch den
Sinn für Gebrauchswert, Sparsamkeit und Ästhetik, kurz: für
"Rundum-Qualität".
Tüfteln
befasst sich primär mit Sachproblemen, ist damit im Kern "aussersprachlich"
und interkulturell. Gerade weil es um "Etwas" geht, entsteht
leicht Austausch, Hilfs- und Lernbereitschaft. Gelegenheiten zu solchem
Tun sind für viele Kinder rar geworden, sowohl zuhause wie in öffentlichen
Räumen. In der Lehr- und Schulplanung ist "tüfteln"
kein Fach.
Das Tüftel-Labor
stellt den Jugendlichen und Kindern folgende Qualitäten zur Verfügung:
- eine anregende
Infrastruktur: möglichst viel offen, möglichst vielfältig,
anpassungsfähig, als Nebeneinander von Kreativ-Chaotisch-Zufälligem
und Standardisiert-Wohlgeordnetem;
- in einem
sozialen Kontext: Tüfteln selbstbestimmt, aber nicht einsam.
Neben- und miteinander tüftelnde Altersstufen befruchten sich
im kooperativen Umgang. Von gereiften Menschen lernen Kids, was immer
sie sich aus deren Fundus an Erfahrung aneignen möchten;
- lebbare
ethische Leitlinien: Achtung des Lebendigen, Chancengleichheit, ökologische
Achtsamkeit, ökonomische Sparsamkeit, Konfliktkultur, usw.
Errichtung
der TüLab-Stiftung (in Zürich, anfangs 2004)
Die Stiftung
bezweckt den Betrieb und die Weiterentwicklung des Tüftel-Labors,
welches auf Initiative von Martin Flüeler, Zürich, im Oktober
2001 gegründet wurde. Die Stiftung ist gemeinnützig tätig,
sie verfolgt keine kommerziellen Ziele.
"Tüfteln"
im Sinne des Stiftungszweckes bezeichnet ein tiefes sich Einlassen auf
eine Sache, als individuelle und real-physische Auseinandersetzung mit
Gestaltung, Erfahrung und Erkenntnis. Die Stiftung kann auch neue Initiativen
und Tätigkeiten unterstützen, welche die TüLab-Idee direkt
oder indirekt fördern.
Im Anhang
zur Stiftungs-Urkunde ist die TüLab-Philosophie von Martin Flüeler
ausführlicher dokumentiert. Wer sich dafür interessiert, kann
sich an die folgende Adresse wenden:
TüLab-Stiftung
und Tüftel-Labor, Wallisellenstrasse 301, CH-8050 Zürich,
Telefon 01 321 9 123, e-mail: info@tuelab.ch




Tüfteln
ist, wenn ...
Tüfteln
ist, wenn die Köpfe rauschen, wenn Peters Kurbeltrieb immer noch
klemmt, wenn Maja fasziniert zuschaut, wie Tablita an der Bohrmaschine
ein Sackloch bohrt, Mischa am Bleistift kauend zwei Strecken zwecks
Brett-Suche zusammen addiert, der Praktikant den Rocca samt Spritzflasche
und "Kraftwerk" dringendst zum Waschtrog weist, dieweil Andrea
aufschreckt: "Uiii, halbsechs schon lange vorbei!", Mark zur
Entspannung auf dem Taschenrechner Mastermind spielt, der Fallschirm-Clan
mit seinen Tests das Treppenhaus okkupiert, Carla vor sich hinsummend
ihr 87. Stäbchen anschrägt, während Juan den Ausleger
rot-blau bemalt, beim Schrank eine Nägel-Dose zu Boden rasselt,
Kurt und Benjamin ihre Gummitrieb-Flitzer im Zwischengang ins Zeitrennen
schicken, Manuela bittet, ihr den Finger auf den Knoten zu pressen,
es aus der Feuerecke scharf nach Plexiglas riecht, Richard seine Werkskizze
fotokopiert und Isidor seinen blutenden Finger kalt spült ... Tüfteln
ist, wenn es geschäftig summt und grumschelt im Raum ... und keiner
merkt, dass da ständig und intensiv Schule stattfindet ... niemand
ausser dem staunenden Besucher.
Ausblick
(wie immer ohne Gewähr!)
Das TüLab
wird sich, wie alles, verändern nicht unbedingt so, wie
mensch sich vorstellt. Ob sich das TüLab zu einem neuen Schultypus
erweitert, der die freie Projektarbeit in die Mitte des (pädagogischen)
Geschehens stellt? Oder rankt sich eine Vielfalt verschiedener, kinderliebender
Tüftlerinnen-Ateliers drumherum? Wird dieser Keimling gar von einer
"Kinder-Uni" aufgenommen, mit Lern-aus-Interesse-Angeboten
aus jeglichen Künsten, Techniken, Wissensgebieten? Nimmt eine Mode
überhand, wollen plötzlich alle Flugzeuge bauen? Hält
High Tech Einzug? Wirft eine Generation Mädchen die Knaben raus?
Oder ...wir werden sehen! (Martin Flüeler)