REIFE.CH

Frühling 2005


Qualität im Alter(n)

Die Zukunft der Altersgesellschaft

Alltag in der Altenrepublik

Sinnfindung und älter Werden

Trau keinem unter 35 !

Reifen und Sisyphos

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Reifen heisst, Sisyphos neu interpretieren

Auszüge aus einem Referat von Paul Baltes

Das Negativ-Stereotyp des Alters muss überwunden und die Überzeugung gestärkt werden, dass das Leben ein kontinuierliches Abenteuer mit immer neuen Herausforderungen ist. Es geht um eine Umdeutung der berühmten Sisyphos-Geschichte. Wir kennen die aus dem alten Griechenland stammende Sisyphos-Geschichte meist in folgender Form: Sisyphos, der für seine überirdische Klugheit und Untaten (unter anderem hat er den Tod überlistet !) zu Bestrafende, versucht einen Felsblock auf die Spitze eines Berges zu wälzen. Er ist dabei nie erfolgreich, denn im letzten Augenblick rollt der Stein wieder ins Tal.

In einem 1942 geschriebenen Essay deutet Albert Camus die Sisyphos-Geschichte nicht als eine Versagergeschichte, sondern als tiefe und glücklich machende Lebenseinsicht. Nach ihm ist das Erkennen von Absurdität und Misserfolg Bestandteil des gelungenen Lebens.

Mein Versuch der Neukonstruktion der Sisyphos-Geschichte als Skript fürs Leben beginnt mit einer zentralen Idee der Entwicklungspsychologie; nämlich, den Lebensverlauf als Sequenz von Entwicklungsstufen und Entwicklungszielen zu verstehen, die aufeinander folgen. Und so war es also keineswegs immer derselbe Felsbrocken, derselbe Stein, den Sisyphos versuchte, auf die Bergspitze zu wälzen.

Ganz analog zu den Meilensteinen des Lebens ist es also immer ein neuer Stein, immer der, der sich als nächste Aufgabe im Leben stellt: also etwa der Murmelstein in der Kindheit, der Stein des Anstosses in der Jugend, der Prüfstein des Erwachsenenalters, der Stolperstein des beginnenden Alterns und das Urgestein im reifen Alter. So wird aus Sisyphos ein Erfolgsmensch der Moderne - er arbeitete nacheinander an vielen Steinen und Edelsteinen, jeden dieser Bau- oder Meilensteine des Lebens brachte er sehr weit, fast in den Himmel; eine Höchstleistung nach der anderen. Im Licht der wissenschaftlich-psychologischen Aufklärung reformiert sich auch der Abstieg, von Traurigkeit und Verzweiflung zu einer Phase der Heiterkeit und Neubesinnung. Unten angekommen, weiss man, was man als Nächstes will.

Und so erleben schon heute viele älter werdenden Menschen ihr Leben - als die sequenzielle Perfektion der Unfertigkeit. Und viele sind in der Lage, diese Unfertigkeiten flexibel einzuordnen und entwicklungsfördernd zu deuten. Der gesellschaftliche Fortschritt hat uns die Chancen für ein längeres und gutes Alter eröffnet. Dies trifft vor allem auf das junge, das dritte Alter zu. Das hohe, das vierte Alter ist dagegen die grosse Unbekannte und Herausforderung der Zukunft. das hohe Alter (ab ca. 85, die Red.) ist der radikalste Ausdruck der in der bio-genetischen Natur des Menschen angelegten Unvollkommenheit des Lebens.

Aus dieser Gesamtlage ein differenziertes und, was Hoffnung und Angst angeht, wohl balanciertes Bild vom Alter und seiner Zukunft zu komponieren, ist ein grosses Reformprojekt, das uns alle angeht. Trotz der Melancholie über die Aussichten für das hohe Alter steht zunächst das Positivpotenzial des jungen Alters im Vordergrund. Humor hilft gelegentlich, eine Akzentverschiebung zu markieren. Positiver Altershumor ist sehr selten, man muss ihn wie eine Stecknadel suchen. Aber es gibt ihn.


Auszug aus einem Vortrag von Paul Baltes, Direktor des Max-Planck-Instituts in Berlin, über das Alter, April 2005 in Zürich.

Der gesamte - übrigens hoch interessante - Text des Vortrags kann als PDF-Datei bezgen werden unter www.tageanzeiger.ch/baltes