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Qualität im Alter(n)

Qualitäts-Erfahrungen beim älter werden

Gedanken von Edmond Tondeur

"Qualität" meint Güte; die besondere Ausprägung von Eigenschaften, die einen Gegenstand, ein Ereignis, eine Dienstleistung, eine Darbietung (einen Menschen!?) als gut und wertvoll erleben lassen.

Qualitäts-Erfahrungen sind subjektiv, mit der ganzen erfahrenden Person verknüpft; was nicht heisst, dass es keine objektiven Massstäbe für Qualität gibt. Beispiel: Die Qualität eines Konzerts ist teils abhängig vom musikalisch-instrumentellen Können der Musiker ("Kunst kommt von Können"). Gleichermassen, wenn nicht mehr, hat sie mit dem Erleben der Zuhörenden zu tun, mit deren Empfänglichkeit für die vorgetragene Musik.

Diese Empfänglichkeit hat ihre Geschichte im Werdeweg des Einzelnen ... in seinen Bedürfnissen, Erfahrun gen und Erwartungen, seinen Wertvorstellungen, auch seiner aktuellen Befindlichkeit. Hier liegt der Grund, weshalb ich eine Aufführung mit Werken von - zum Beispiel: - Bach, Mozart, Beethoven Mal für Mal neu und mit unterschiedlicher Ergriffenheit erleben kann.

In allen Bereichen, die mit Genuss/geniessen zu tun haben, reden wir auch von "Kennerschaft". Der Kenner (connaisseur) ist einer, der seine Empfänglichkeit für die Qualität ... eines Weins, einer Speise, eines Kunstwerks, oder auch: einer erotischen Erfahrung ... so verfeinert und vertieft hat, dass er den ganzen Reichtum (Schatz!) des Angebots auszukosten vermag. Die Verbindung zwischen "Produkt" und "Konsum" ist dann besonders intensiv, ja intim. Das Können und das Kennen (sich auskennen) verschmelzen zum Ereignis, einmalig und zugleich wiederholbar (oder eben nicht wiederholbar!).

Im älter Werden liegt somit die Chance zu Qualitäts-Erfahrungen von ungeahnter Tragweite. Im Reifen verbirgt sich ein Qualitäts-Potenzial, dem im Englischen auch schon der Name "fountain of age" gegeben wurde (Betty Friedan). Bedingung dafür ist, dass ich offen bleibe für die "Gnade des Jetzt"; dass ich frei bin von Vor-Urteilen, von den Anmassungen des Verstandes, der "immer schon weiss, was er noch nicht erfahren hat".

Leben könnte dann auch als fortgesetzte Wertschöpfung betrachtet werden. Mit Volkswirtschaft hat dies weniger zu tun als mit Kultur.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder seinen "Wert" ständig verdienen und beweisen muss. Wir suchen andauernd nach Möglichkeiten, uns selbst und anderen zu bekunden, dass wir wertvoll und wichtig sind, sei es durch unser Einkommen, unseren Konsum, unser Auto, unser Haus - und andere Attribute des Wohlstandes. Viel schwerer fällt es uns, unseren Wert von innen heraus zu bestimmen, aus dieser Mitte heraus zu leben und älter zu werden. Je mehr wir an Materiellem besitzen, desto mehr scheinen wir davon besessen zu sein. Das Ergebnis ist dann nicht "Lebens-Qualität", sondern "Existenz-Angst"; die Angst vor dem Tod als  unwiderruflicher Verlust all dessen, woraus wir im Leben unsere Identität bezogen haben.

Mit zunehmendem Alter reduziere sich die Anzahl möglicher "Premieren", sagte neulich jemand in einer Gesprächsrunde. Zum Älterwerden gehöre nun einmal die Erfahrung, dass wir immer weniger Dingen im Leben zum ersten Mal begegnen; das Meiste seien Wiederholungen, déja-vus, "Schnee von gestern". Ist das so? frage ich mich. Hat sich denn mit den Jahren nicht unsere Wahrnehmung und Empfänglichkeit für die Themen und Ereignisse des Lebens verändert, eventuell so stark verändert, dass wir uns gleichsam "von Premiere zu Premiere" bewegen und mit Staunen bemerken, dass uns das Leben immer wieder überrascht? Im Zen wird von Anfängergeist gesprochen, und dies ist genau die Haltung, die uns davor bewahrt, im Alter nur noch mit einem blasierten Achselzucken auf alles zu reagieren, was auf uns zukommt.

Der Psychotherapeut Peter Schelenbaum spricht von der "jetzt stattfindenden Begegnung" (in seinem Buch "Im Einverständnis mit dem Wunderbaren", dtv 2003). Jeder Schritt ins Wunderbare fange damit an, dass wir, ungeplant und ohne Vorurteile, uns mit Leib und Seele ergreifen lassen. Darin wirkt die elementare Feststellung "du lebst" und die damit verknüpfte Aufforderung "Also lebe!".

Dies alles mag im Alter(n) zu Qualitäts-Erfahrungen führen, die Mal für Mal Premieren-Charakter haben. Eine Grundstimmung von Dankbarkeit kann damit einher gehen, ein Ja zum Leben, dem das Ja zum Sterben (zu unserer Vergänglichkeit) nicht unvereinbar gegenüber steht. Zur Qualitäts-Erfahrung im Alter(n) gehört auch dies.