"Qualität"
meint Güte; die besondere Ausprägung von Eigenschaften,
die einen Gegenstand, ein Ereignis, eine Dienstleistung, eine Darbietung
(einen Menschen!?) als gut und wertvoll erleben lassen.
Qualitäts-Erfahrungen
sind subjektiv,
mit der ganzen erfahrenden Person verknüpft; was nicht heisst,
dass es keine objektiven Massstäbe für Qualität gibt.
Beispiel: Die Qualität eines Konzerts ist teils abhängig vom musikalisch-instrumentellen
Können der Musiker ("Kunst kommt von Können").
Gleichermassen, wenn nicht mehr, hat sie mit dem Erleben der Zuhörenden
zu tun, mit deren Empfänglichkeit für die vorgetragene Musik.
Diese Empfänglichkeit
hat ihre Geschichte im Werdeweg des Einzelnen ... in seinen Bedürfnissen,
Erfahrun gen und Erwartungen, seinen Wertvorstellungen, auch seiner
aktuellen Befindlichkeit. Hier liegt der Grund, weshalb ich eine Aufführung
mit Werken von - zum Beispiel: - Bach, Mozart, Beethoven Mal für
Mal neu und mit unterschiedlicher Ergriffenheit
erleben kann.
In allen Bereichen, die
mit Genuss/geniessen zu tun haben, reden wir auch von "Kennerschaft".
Der Kenner (connaisseur) ist einer, der seine Empfänglichkeit
für die Qualität ... eines Weins, einer Speise, eines Kunstwerks,
oder auch: einer erotischen Erfahrung ... so verfeinert und vertieft
hat, dass er den ganzen Reichtum (Schatz!)
des Angebots auszukosten vermag. Die Verbindung zwischen "Produkt"
und "Konsum" ist dann besonders intensiv, ja intim. Das
Können und das Kennen (sich auskennen) verschmelzen zum Ereignis,
einmalig und zugleich wiederholbar (oder eben nicht
wiederholbar!).
Im älter Werden liegt
somit die Chance zu Qualitäts-Erfahrungen von ungeahnter Tragweite.
Im Reifen verbirgt sich ein Qualitäts-Potenzial, dem im Englischen
auch schon der Name "fountain of age" gegeben wurde (Betty
Friedan). Bedingung dafür ist, dass ich offen bleibe für
die "Gnade des Jetzt"; dass ich frei bin von Vor-Urteilen,
von den Anmassungen des Verstandes, der "immer schon weiss, was
er noch nicht erfahren hat".
Leben könnte dann
auch als fortgesetzte Wertschöpfung betrachtet werden. Mit Volkswirtschaft
hat dies weniger zu tun als mit Kultur.
Wir leben in einer Gesellschaft,
in der jeder seinen "Wert" ständig verdienen und beweisen
muss. Wir suchen andauernd nach Möglichkeiten, uns selbst und
anderen zu bekunden, dass wir wertvoll und wichtig sind, sei es durch
unser Einkommen, unseren Konsum, unser Auto, unser Haus - und andere
Attribute des Wohlstandes. Viel schwerer fällt es uns, unseren
Wert von innen heraus zu bestimmen, aus dieser Mitte heraus zu leben
und älter zu werden. Je mehr wir an Materiellem besitzen, desto
mehr scheinen wir davon besessen zu sein. Das Ergebnis ist dann nicht
"Lebens-Qualität", sondern "Existenz-Angst";
die Angst vor dem Tod als unwiderruflicher Verlust all dessen,
woraus wir im Leben unsere Identität bezogen haben.
Mit zunehmendem Alter
reduziere sich die Anzahl möglicher "Premieren", sagte
neulich jemand in einer Gesprächsrunde. Zum Älterwerden
gehöre nun einmal die Erfahrung, dass wir immer weniger Dingen
im Leben zum ersten Mal begegnen; das Meiste seien Wiederholungen,
déja-vus,
"Schnee von gestern". Ist das so? frage ich mich.
Hat sich denn mit den Jahren nicht unsere Wahrnehmung und Empfänglichkeit
für die Themen und Ereignisse des Lebens verändert, eventuell
so stark verändert, dass wir uns gleichsam "von Premiere
zu Premiere" bewegen und mit Staunen bemerken, dass uns das Leben
immer wieder überrascht? Im Zen wird von Anfängergeist
gesprochen, und dies ist genau die Haltung, die uns davor bewahrt,
im Alter nur noch mit einem blasierten Achselzucken auf alles zu reagieren,
was auf uns zukommt.
Der Psychotherapeut
Peter Schelenbaum spricht von der "jetzt stattfindenden Begegnung"
(in seinem Buch "Im Einverständnis mit dem Wunderbaren",
dtv 2003). Jeder Schritt ins Wunderbare fange damit an, dass wir,
ungeplant und ohne Vorurteile, uns mit Leib und Seele ergreifen lassen.
Darin wirkt die elementare Feststellung "du lebst" und die
damit verknüpfte Aufforderung "Also lebe!".
Dies alles mag im Alter(n)
zu Qualitäts-Erfahrungen führen, die Mal für Mal
Premieren-Charakter
haben. Eine Grundstimmung von Dankbarkeit kann damit einher gehen,
ein Ja zum Leben, dem das Ja zum Sterben (zu unserer Vergänglichkeit)
nicht unvereinbar gegenüber steht. Zur Qualitäts-Erfahrung
im Alter(n) gehört auch dies.