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Frühling 2006

Editorial: Reife geschieht


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Editorial (Frühling 06): Reife geschieht

Diesmal von Edmond Tondeur

Reifen:  "Fleischwerdung des Wortes"

Reifen geschieht in der Verbindung zwischen denken, fühlen und handeln. Dies ist gemeint mit "Fleischwerdung des Wortes". Reifen wird nicht beschworen, sondern gelebt.

Reifen heisst also verwirklichen.  Ver-wirklichen = inkarnieren, von Ideen, Wünschen, gutem Wollen, was auch immer.

"An ihren Früchten erkennt man, wer sie sind".

Müssen wir uns etwas vornehmen — oder könnten wir Tag für Tag, Moment für Moment dem Antwort geben, was auf uns zukommt — und damit Tun und Sein zur Deckung bringen?

Es geht nicht darum, ab und wann ein "eindrückliches Erlebnis" zu haben — und danach zur (eingespielten, eingefleischten) Tages-Ordnung zurück zu kehren.

Es geht um die Reife der Tagesordnung! Um die Transformation von Routine in Achtsamkeit. Dies hat Konsequenzen:

Wer sich viel vornimmt, muss auch vieles beiseite lassen, zurück stellen, streichen. Sonst verpufft seine Kraft.

Der Preis kann sein, dass mit der gewonnenen Fülle auch ein Mangel erlebt wird, gleichsam: eine Armut des Seins inmitten der Vision. Wirken deshalb Asketen so häufig freudlos?

Ein Beispiel: Wieviele "Beziehungen", "Bekanntschaften" mussten wir zurück lassen auf dem Weg unseres Lebens, unseres Lebendig-werdens? Was ist davon zurück geblieben in uns ... Groll? Wehmut? Schuldgefühle? Gleichgültigkeit? Könnte es sein, dass von all dem Erlebten nichts wirklich verloren ging, weil es "inkarniert" ist in unserem Lebendig-sein? Weil es uns geformt hat?

Zum Beispiel, wenn sich nach vielen Jahren Wege wieder kreuzen, Altbekanntes neu in unser Leben tritt: Lassen wir uns berühren, freudig oder peinlich? Und finden wir die passenden Worte nach dem biografisch eingetretenen Verstummen?

Leben wächst und entwickelt sich durch Verdichtung, nicht durch Addition. Wir verkommen im Zuviel, wenn wir nur additiv leben, Ereignisse und Erfahrungen aneinander reihen im Fortgang der Jahre, ohne zu sortieren, zu gewichten und eben, zu verdichten. Eine Form dieser Verdichtung kann sein, dass wir (für eine Weile oder länger) "ins Kloster gehen". Wir wollen damit nicht "der Welt entsagen", sondern vielleicht im Gegenteil: zur Welt kommen, zu unserer Welt, unserem unverwechselbaren Kern.

Alles, was in unserem Leben wirklich (wirksam) geschieht, geschieht jetzt, in diesem Moment. Dabei ist unser Alter nicht so wichtig. Ich bin jetzt, an diesem Tag, in dieser Stunde. Alles andere fällt von mir ab, jetzt beginnt meine Zukunft. Ich muss einen Einschnitt machen und sagen, laut sagen: JETZT. Der Einschnitt ist wichtig. Er trennt das, was war, von dem, was sein kann. Er entbindet Energie, die von bisher Erfahrenem und Gewusstem in Anspruch genommen war.

Manche fragen sich: Wie kann ich ändern, was in meinem Leben nach Veränderung ruft? Was hindert mich daran, Wagnisse einzugehen, mich auf Unbekanntes einzulassen, auf "points of no return"? Ich möchte mich entwickeln, aber ...

Ich möchte den Pelz waschen, ohne nass zu werden. So jedoch geschieht kein Reifen, kein neuer Anfang. Alles, was wir sind, ist das, was wir wiederholt getan haben. Dies ist die Messlatte für Veränderungen. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es" (Erich Kästner).

Könnten wir so  w a c h  werden, dass wir hören, riechen, mit allen Sinnen begreifen, was die jeweilige Situation von uns verlangt? Dass wir uns von dieser "Notwendigkeit" leiten lassen, verbunden mit uns selbst und mit unserer Umwelt?

Dies wäre dann ein gelebtes, nicht nur beschworenes Reifen.

 


P.S. Alle Bilder dieser Ausgabe wurden von mir zwischen Januar und März 2006 aufgenommen.