REIFE.CH

Frühling 2006

Editorial: Reife geschieht


AKTUELLE BEITRÄGE

Reifen "an der Liebe"?

Konfliktlösung auf reife Weise

Das Reifen eines Künstlers

Reife hat viele Facetten


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Reifen "an der Liebe"?

Ein Texte-Strauss - nicht nur zum Frühlings-Anfang

von Edmond Tondeur

Gibt es das, ein "Reifen an der Liebe"? Oder müsste eher vom Reifen "in der Liebe" die Rede sein, von der Liebe als Lernfeld des Reifens? Das Unterscheiden von "an" und "in" will mehr sein als Wortklauberei. An der Liebe zu reifen meint, auch dann zu reifen, wenn die Liebe nicht gelingt; wenn sich die Sehnsucht nach Liebe letztlich als unerfüllbar erweist. Mit dieser Erfahrung "anständig" umgehen zu lernen, erfordert ein Reifen, das zu unterscheiden weiss zwischen Erfüllbarem und Unerfüllbarem, zwischen Wünschbarem und Möglichem, zwischen "Erde" und "Himmel". In der Liebe zu reifen, reiht das Erstreben und Erfahren von Liebe ein in die durchaus reale und alltägliche Qualität von Beziehung unter Menschen. Hier geht es grundsätzlich um die "Kunst des Möglichen", um Kultur und Struktur, um das grösstmögliche Mass an Akzeptanz und Toleranz

Die nachfolgenden Texte haben insgesamt mit beidem zu tun: mit der Sehnsucht nach der absoluten Liebe wie mit den Werten und Gestaltungsmöglichkeiten eines in dieser Welt lebbaren, liebevollen Verbunden-Seins zwischen Menschen.

Die Auswahl folgt keinem Konzept; sie "ergab" sich aus Impulsen und Begegnungen der letzten Monate, für die der "Sträusse-Binder" empfänglich war.


"Wo eine Seele die andere berührt, entsteht Liebe"

(Barbara Krause, Der blaue Vogel auf meiner Hand, Herder Spektrum)

Dieser Satz findet sich im warmherzigen Buch, welches Barbara Krause über die langjährige Partnerschaft zwischen den Künstlern Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin schrieb. Krause schreibt über Werefkin, die Künstlerin und Lebenspartnerin:

"Die Nachtstunden sind eine schöne Zeit. Vielleicht, weil es einen Menschen auf der Welt gibt, an den sie denken kann ... Wie ein Staunen ist es in ihr, ungläubig-gläubig. Es lässt sich nicht in Worte holen. Es ist, wie den Ursprung einer Quelle erreicht zu haben. Wo eine Seele die andere berührt, entsteht Liebe. Sie denkt dieses Wort — Liebe. Es ist ein stilles, ein tiefes Wort für sie, jenseits von dem, was die Welt darunter versteht. Sie denkt es für sich. Den anderen annehmen zu können um seiner selbst willen, und angenommen werden mit seinen Fehlern und Schwächen — das ist Geborgenheit. Das ist das lang entbehrte Gefühl, zu Hause zu sein."

Werte in Beziehungen

(aus Notizen beim Lesen von Verena Kast, ‘Sich wandeln und sich neu entdecken’. Zusammengefügt von Edmond Tondeur.)

Achtsamkeit.

Achtsamkeit meint, dass Menschen einander wahrnehmen, Zuwendung geben, Gefühle der Zuneigung ausdrücken und auch von einander annehmen; Kritik üben im besten Sinne, nämlich auf eine Verbesserung der Situation hin und nicht zur Entwertung des anderen. Zur Achtsamkeit gehört Respekt vor der Persönlichkeit des anderen.

Achtsam kann nur sein, wer mit eigenen Enttäuschungen umgehen kann; wer akzeptiert, dass das Leben Bewegung ist, dass nichts für immer gegeben ist, auch nicht eine noch so enge Beziehung.

Verfügbarkeit.

Eine Haltung, die es zulässt, dass das Leben von uns Besitz ergreift, uns auch verbraucht. Diese Haltung lässt zu, dass das Leben eines mir nahestehenden Menschen über mein Leben verfügt. Es ist möglich, sich gegenseitig zuzumuten, ohne eine ‚Zumutung’ zu sein. Du kannst auf mich zählen!

Verfügbarkeit als Wert meint darüber hinaus, auch offen zu sein für neue Ideen, sich durch neue Ideen in Frage stellen zu lassen, sich der Offenheit der Zukunft zu stellen, sich nicht der Gewohnheit zu beugen. Im Staunen darüber, was alles im menschlichen Leben möglich ist.

Verlässlichkeit.

Sich verlassen können auf einander hat deshalb Bedeutung, weil die Bindung, die Nähe, die Geborgenheit auf Gegenrecht hin wichtig sind. Verlässlichkeit meint den Willen zur Kontinuität trotz aller Konflikte. Verantwortung übernehmen für die Beziehungsprozesse, die im Gange sind. Die Verlässlichkeit wird immer wieder neu definiert durch die an einer Beziehung beteiligten Menschen.

Zärtlichkeit.

Zärtlichkeit ist Ausdruck von nicht zupackender, sondern umhüllender Liebe; eine Haltung, die auch das Zarte im anderen Menschen und in sich selber begreift; die sich auch kümmert um das Neue, das, was werden will.

Freude.

Das Erleben von Freude, Teilen von Freude, das Anstecken mit Freude,  sich freuen aneinander,  sich freuen aufeinander. Freude schafft grössere Verbundenheit durch die Stimulierung eines guten Selbstwert- und Daseinsgefühls, sie ist die Emotion, die zu solidarischem Verhalten hinleitet.

Alltagskultur.

Gesten, die Beziehung ausdrücken; eine liebevolle Aufmerksamkeit; ein Gedicht auf dem überfüllten Schreibtisch; ein warmes Essen zur richtigen Zeit — dies alles sind Wegmarken einer kultivierten Beziehung. Qualität der kleinen Dinge.

Menschliche Atmosphäre!

Q u i e r o    (Ich will …)

Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen.

Ich will, dass du deine Meinung sagst, ohne mir Ratschläge zu erteilen.

Ich will, dass du mir vertraust, ohne etwas zu erwarten.

Ich will, dass du mir hilfst, ohne für mich zu entscheiden.

Ich will, dass du für mich sorgst, ohne mich zu erdrücken.

Ich will, dass du mich siehst, ohne dich in mir zu sehen.

Ich will, dass du mich umarmst, ohne mir den Atem zu rauben.

Ich will, dass du mir Mut machst, ohne mich zu bedrängen.

Ich will, dass du mich hältst, ohne mich festzuhalten.

Ich will, dass du dich näherst, doch nicht als Eindringling.

Ich will, dass du all das kennst, was dir an mir missfällt —

Dass du es akzeptierst, versuch es nicht zu ändern.

Ich will, dass du weißt ... dass du heute auf mich zählen kannst

... bedingungslos.

Jorge Bucay

J.B. ist ein argentinischer Psychotherapeut und Schriftsteller. Sein jüngstes Buch erschien im Ammann Verlag in Deutsch, unter dem Titel: "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte". Der obige Text ist ein Gedicht, das nicht in diesem Buch enthalten ist. (E.T.)

 

Sehnsucht

Die Sehnsucht

lässt die Erde

durch die Finger rinnen

alle Erde dieser Erde

Boden suchend

für die Pflanze Mensch.

Hilde Domin

27.7.1909 — 22.2.2006

In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1987/1988) kommentiert die Dichterin wie folgt: "Dass der Mensch als Pflanze angesehen wird, mag erstaunen. Da doch gerade die Mobilität als sein Merkmal gilt. Darauf kommt es eben an: und zwar auf doppelte Weise. Erstens, es scheint kein Ort zu sein auf diesem Globus, wo der menschliche Mensch gedeihen kann, diese immer seltener werdende species, nach der wir uns sehnen. Zweitens, aber nur zweitens, handelt es sich um den Menschen, dem gerade diese Mobilität zum Verhängnis geworden ist: den Vertriebenen. Mein allererstes Gedicht, in dem Band Nur eine Rose als Stütze, beginnt ja schon:

Man muss fortgehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest ...

Die Umkehr des Erwarteten ergibt hier wie dort Grenzbilder in Grenzsituationen des Lebens. Wie macht man das, fragt einer. Es kann nicht getan werden, muss aber dennoch getan werden, wenn man sich nicht ganz verlieren will. Die Paradoxien des Exils, diese Identitätskrise par excellence ...".

(Aus : Hilde Domin, Das Gedicht als Augenblick von Freiheit, Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Verlag Fischer, 1999)


Erwiderung einer Freundin  (in reiferen Jahren ...)

Dein gescheiter Aufsatz über einen Aspekt der Liebe wird die Herzen mancher Leser (Leserinnen!) ansprechen. Doch wie viele Menschen gibt es, die in ihrem Leben das Geschenk einer intensiven Liebe gar nie erfahren haben — ob sie auch die "Sehnsucht nach der absoluten Liebe" kennen? Oder schon mit weniger glücklich wären? Ob sie sich den Luxus leisten können, darüber auch nur nachzudenken?

Sicher scheint mir, dass wechselnde Partner im Leben oder auch eine länger andauernde Liebesbeziehung manche Menschen nicht davor bewahrt, ihr Leben lang sehnsuchtsvoll auf die absolute Liebe zu warten. Es stellt sich die Frage, ob man vom Du berührt ist — oder bleibt man vielleicht in die eigene Sehnsucht verliebt? Und da diese Sehnsucht unendlich ist, muss nach einiger Zeit der nächste Partner gesucht werden.

Um nicht der unstillbaren Sehnsucht ausgeliefert zu sein, glaube ich, dass in einer guten Liebesbeziehung nicht nur genügend Reife, sondern auch ganz viel Phantasie gefragt ist...

Nun ja, ein unerschöpfliches Thema, das auch von der eigenen Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit geprägt wird.


Die Sehnsucht nach der absoluten Liebe

Aus einem Aufsatz von Jürg Willi in: "Wenn die Liebe schwindet. Möglichkeiten und Grenzen der Paartherapie" (Klett-Cotta, 2005)

Was Liebe ist, lässt sich nicht definieren. Beschrieben werden kann jedoch, wie Liebe sich zeigt und entwickelt. In diesem Aufsatz wird ein Aspekt der Liebe, nämlich die Sehnsucht nach der absoluten Liebe, dargestellt ...

Weiter samt gedanklichem Nachspiel von E.T. hier.