Reifen "an
der Liebe"?
Ein Texte-Strauss - nicht nur
zum Frühlings-Anfang
von Edmond Tondeur

Gibt es das, ein "Reifen an der Liebe"?
Oder müsste eher vom Reifen "in der Liebe" die Rede
sein, von der Liebe als Lernfeld des Reifens? Das Unterscheiden
von "an" und "in" will mehr sein als Wortklauberei.
An der Liebe zu reifen meint, auch dann zu reifen, wenn die
Liebe nicht gelingt; wenn sich die Sehnsucht nach Liebe letztlich
als unerfüllbar erweist. Mit dieser Erfahrung "anständig"
umgehen zu lernen, erfordert ein Reifen, das zu unterscheiden weiss
zwischen Erfüllbarem und Unerfüllbarem, zwischen Wünschbarem
und Möglichem, zwischen "Erde" und "Himmel".
In der Liebe zu reifen, reiht das Erstreben und Erfahren
von Liebe ein in die durchaus reale und alltägliche Qualität
von Beziehung unter Menschen. Hier geht es grundsätzlich um
die "Kunst des Möglichen", um Kultur und Struktur,
um das grösstmögliche Mass an Akzeptanz und Toleranz
Die nachfolgenden Texte haben insgesamt mit
beidem zu tun: mit der Sehnsucht nach der absoluten Liebe wie mit
den Werten und Gestaltungsmöglichkeiten eines in dieser Welt
lebbaren, liebevollen Verbunden-Seins zwischen Menschen.
Die Auswahl folgt keinem Konzept; sie "ergab"
sich aus Impulsen und Begegnungen der letzten Monate, für die
der "Sträusse-Binder" empfänglich war.
"Wo eine Seele die andere berührt,
entsteht Liebe"
(Barbara Krause, Der blaue Vogel auf
meiner Hand, Herder Spektrum)
Dieser Satz findet sich im warmherzigen Buch,
welches Barbara Krause über die langjährige Partnerschaft
zwischen den Künstlern Alexej von Jawlensky und Marianne
von Werefkin schrieb. Krause schreibt über Werefkin, die
Künstlerin und Lebenspartnerin:
"Die Nachtstunden sind eine schöne
Zeit. Vielleicht, weil es einen Menschen auf der Welt gibt, an den
sie denken kann ... Wie ein Staunen ist es in ihr, ungläubig-gläubig.
Es lässt sich nicht in Worte holen. Es ist, wie den Ursprung
einer Quelle erreicht zu haben. Wo eine Seele die andere berührt,
entsteht Liebe. Sie denkt dieses Wort Liebe. Es ist ein stilles,
ein tiefes Wort für sie, jenseits von dem, was die Welt darunter
versteht. Sie denkt es für sich. Den anderen annehmen zu können
um seiner selbst willen, und angenommen werden mit seinen Fehlern
und Schwächen das ist Geborgenheit. Das ist das lang
entbehrte Gefühl, zu Hause zu sein."

Werte in Beziehungen
(aus Notizen beim Lesen von Verena
Kast, Sich wandeln und sich neu entdecken. Zusammengefügt
von Edmond Tondeur.)
Achtsamkeit.
Achtsamkeit meint, dass Menschen einander wahrnehmen,
Zuwendung geben, Gefühle der Zuneigung ausdrücken und
auch von einander annehmen; Kritik üben im besten Sinne, nämlich
auf eine Verbesserung der Situation hin und nicht zur Entwertung
des anderen. Zur Achtsamkeit gehört Respekt vor der Persönlichkeit
des anderen.
Achtsam kann nur sein, wer mit eigenen Enttäuschungen
umgehen kann; wer akzeptiert, dass das Leben Bewegung ist, dass
nichts für immer gegeben ist, auch nicht eine noch so enge
Beziehung.
Verfügbarkeit.
Eine Haltung, die es zulässt, dass das
Leben von uns Besitz ergreift, uns auch verbraucht. Diese Haltung
lässt zu, dass das Leben eines mir nahestehenden Menschen über
mein Leben verfügt. Es ist möglich, sich gegenseitig zuzumuten,
ohne eine Zumutung zu sein. Du kannst auf mich zählen!
Verfügbarkeit als Wert meint darüber
hinaus, auch offen zu sein für neue Ideen, sich durch neue
Ideen in Frage stellen zu lassen, sich der Offenheit der Zukunft
zu stellen, sich nicht der Gewohnheit zu beugen. Im Staunen darüber,
was alles im menschlichen Leben möglich ist.
Verlässlichkeit.
Sich verlassen können auf einander hat
deshalb Bedeutung, weil die Bindung, die Nähe, die Geborgenheit
auf Gegenrecht hin wichtig sind. Verlässlichkeit meint den
Willen zur Kontinuität trotz aller Konflikte. Verantwortung
übernehmen für die Beziehungsprozesse, die im Gange sind.
Die Verlässlichkeit wird immer wieder neu definiert durch die
an einer Beziehung beteiligten Menschen.
Zärtlichkeit.
Zärtlichkeit ist Ausdruck von nicht zupackender,
sondern umhüllender Liebe; eine Haltung, die auch das Zarte
im anderen Menschen und in sich selber begreift; die sich auch kümmert
um das Neue, das, was werden will.
Freude.
Das Erleben von Freude, Teilen von Freude,
das Anstecken mit Freude, sich freuen aneinander, sich
freuen aufeinander. Freude schafft grössere Verbundenheit durch
die Stimulierung eines guten Selbstwert- und Daseinsgefühls,
sie ist die Emotion, die zu solidarischem Verhalten hinleitet.
Alltagskultur.
Gesten, die Beziehung ausdrücken; eine
liebevolle Aufmerksamkeit; ein Gedicht auf dem überfüllten
Schreibtisch; ein warmes Essen zur richtigen Zeit dies alles
sind Wegmarken einer kultivierten Beziehung. Qualität der kleinen
Dinge.
Menschliche Atmosphäre!

Q u i e r o (Ich will
)
Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über
mich zu urteilen.
Ich will, dass du deine Meinung sagst, ohne
mir Ratschläge zu erteilen.
Ich will, dass du mir vertraust, ohne etwas
zu erwarten.
Ich will, dass du mir hilfst, ohne für
mich zu entscheiden.
Ich will, dass du für mich sorgst, ohne
mich zu erdrücken.
Ich will, dass du mich siehst, ohne dich in
mir zu sehen.
Ich will, dass du mich umarmst, ohne mir den
Atem zu rauben.
Ich will, dass du mir Mut machst, ohne mich
zu bedrängen.
Ich will, dass du mich hältst, ohne mich
festzuhalten.
Ich will, dass du dich näherst, doch nicht
als Eindringling.
Ich will, dass du all das kennst, was dir an
mir missfällt
Dass du es akzeptierst, versuch es nicht zu
ändern.
Ich will, dass du weißt ... dass du heute
auf mich zählen kannst
... bedingungslos.
Jorge Bucay
J.B. ist ein argentinischer
Psychotherapeut und Schriftsteller. Sein jüngstes Buch erschien
im Ammann Verlag in Deutsch, unter dem Titel: "Komm, ich erzähl
dir eine Geschichte". Der obige Text ist ein Gedicht, das nicht
in diesem Buch enthalten ist. (E.T.)

Sehnsucht
Die Sehnsucht
lässt die Erde
durch die Finger rinnen
alle Erde dieser Erde
Boden suchend
für die Pflanze Mensch.
Hilde Domin
27.7.1909 22.2.2006
In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen
(1987/1988) kommentiert die Dichterin wie folgt: "Dass der
Mensch als Pflanze angesehen wird, mag erstaunen. Da doch gerade
die Mobilität als sein Merkmal gilt. Darauf kommt es eben an:
und zwar auf doppelte Weise. Erstens, es scheint kein Ort zu sein
auf diesem Globus, wo der menschliche Mensch gedeihen kann, diese
immer seltener werdende species, nach der wir uns sehnen. Zweitens,
aber nur zweitens, handelt es sich um den Menschen, dem gerade diese
Mobilität zum Verhängnis geworden ist: den Vertriebenen.
Mein allererstes Gedicht, in dem Band Nur eine Rose als Stütze,
beginnt ja schon:
Man muss fortgehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen
fest ...
Die Umkehr des Erwarteten ergibt hier wie dort
Grenzbilder in Grenzsituationen des Lebens. Wie macht man das, fragt
einer. Es kann nicht getan werden, muss aber dennoch getan werden,
wenn man sich nicht ganz verlieren will. Die Paradoxien des Exils,
diese Identitätskrise par excellence ...".
(Aus : Hilde Domin, Das Gedicht
als Augenblick von Freiheit, Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Verlag
Fischer, 1999)
Erwiderung einer Freundin (in reiferen
Jahren ...)
Dein gescheiter Aufsatz über einen Aspekt
der Liebe wird die Herzen mancher Leser (Leserinnen!) ansprechen.
Doch wie viele Menschen gibt es, die in ihrem Leben das Geschenk
einer intensiven Liebe gar nie erfahren haben ob sie auch
die "Sehnsucht nach der absoluten Liebe" kennen? Oder
schon mit weniger glücklich wären? Ob sie sich den Luxus
leisten können, darüber auch nur nachzudenken?
Sicher scheint mir, dass wechselnde Partner
im Leben oder auch eine länger andauernde Liebesbeziehung manche
Menschen nicht davor bewahrt, ihr Leben lang sehnsuchtsvoll auf
die absolute Liebe zu warten. Es stellt sich die Frage, ob man vom
Du berührt ist oder bleibt man vielleicht in die eigene
Sehnsucht verliebt? Und da diese Sehnsucht unendlich ist, muss nach
einiger Zeit der nächste Partner gesucht werden.
Um nicht der unstillbaren Sehnsucht ausgeliefert
zu sein, glaube ich, dass in einer guten Liebesbeziehung nicht nur
genügend Reife, sondern auch ganz viel Phantasie gefragt ist...
Nun ja, ein unerschöpfliches Thema, das
auch von der eigenen Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit geprägt
wird.
Die Sehnsucht nach der absoluten Liebe
Aus einem Aufsatz von Jürg
Willi in: "Wenn die Liebe schwindet. Möglichkeiten
und Grenzen der Paartherapie" (Klett-Cotta, 2005)
Was Liebe ist, lässt sich nicht definieren.
Beschrieben werden kann jedoch, wie Liebe sich zeigt und entwickelt.
In diesem Aufsatz wird ein Aspekt der Liebe, nämlich die Sehnsucht
nach der absoluten Liebe, dargestellt ...
Weiter samt gedanklichem Nachspiel von E.T.
hier.
