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Warten...

Gereiftes und Unreifes zu einem Lebensthema

Von Edmond Tondeur

Warten — altgermanisch:   wachen, erwarten, anschauen, Ausschau halten.

Kommendem entgegen sehen. Zweite Bedeutung:  pflegen, auf jemand acht geben.

Siehe Wartung! Wärter!

Warten ist ein Lebensthema, ein grosses und viel häufiger auch ein kleines. Gross und ahnungsvoll ist der ‚Advent’, das Warten auf Gott, das in der Moderne zum ‚Warten auf Godot’ verkommt. Mit dem kleinen Warten schlagen wir uns im Alltag herum, in den zahllosen Begebenheiten, in denen wir uns oft als ‚klein und ungeduldig’ und noch sehr ‚unreif’ erleben. Beispiele:

Wir warten auf den (verspäteten) Zug

Wir warten auf den Freund, die Freundin (zur verabredeten Zeit)

Wir warten auf die gewünschte Telefonverbindung (mit Musik vertröstet bzw. belästigt)

Wir warten auf die Sonne (über der Nebeldecke)

Wir warten auf die Bedienung im Restaurant

Wir warten auf die Saalöffnung im …

Wir warten auf ein längst bestelltes Buch

Wir warten auf den Frühling

Wir warten auf den Bescheid nach einer Stellenbewerbung

Wir warten auf den erlösenden Schlusspfiff im Match

Wir warten auf den Briefträger

Wir warten auf den Schlaf

Jedem Warten eignet eine bestimmte Zeitqualität, in der sich unser ganz persönliches — oder kulturbedingtes — Verhältnis zur Zeit spiegelt. So werden Warteschlangen vor einem Ticketschalter — oder volle Wartsäle beim Arzt und im Spital — verschieden erlebt. Entsprechend kann das Warten beim Arzt Teil des Krankseins oder der Genesung sein. Und: Warteschlangen erhöhen je nachdem den Wert einer Aufführung.

Auf Bahnhöfen und Flughäfen findet sich ein reiches Angebot, um die Wartezeit zu "nutzen". Hier scheint das Geld in der Tasche der Reisenden (= Wartenden) besonders locker zu sitzen. So wird Warten "produktiv", keine "verlorene" Zeit, wie man sie anderswo erfährt, beispielsweise im Verkehrsstau. "Schimpfen Sie nicht über den Stau, Sie sind der Stau!" Der Spruch leuchtet ein. Ob er auch wirkt, ist fraglich, noch eher ist zu beobachten, wie sich Wartekolonnen (z.B. am Gotthard) zu Auszeiten für Gespräche unter Mitbetroffenen entwickeln. Wer möchte darin etwas Negatives erkennen?

Wer sich also beim Warten ärgert oder fremdbestimmt fühlt, möge sein Verhältnis zur Zeit — oder zu den Mitmenschen — überprüfen. In der Tat geht es hier nicht um gestohlene, sondern um geschenkte Zeit. Und "Geduld bringt Rosen", wie das Sprichwort verheisst. Frauen "in Erwartung" wissen darum, das Reifen der Frucht im Leib der Mutter ist der Lohn des Wartens, hier wird die Gleichsetzung von warten mit reifen nahtlos greifbar. Und der Satz "Ich kann es kaum erwarten" übersetzt die Freude auf das neue Leben.

Es soll Sterbende geben, die ihren "Heimgang" ins neue Leben ebenfalls kaum erwarten können.

Und noch ein Gedanke bietet sich hier an, im Bedeutungsfeld von Warten, Abhängigkeit, Schicksal und Macht: Warten erinnert mich daran, wie begrenzt mein Einfluss auf die Dinge, auf das Leben und Sterben in dieser Welt ist. In jedem Warten erkenne und erfahre ich mein Abhängigsein von anderen. Oder umgekehrt formuliert: Die Mächtigen bestimmen, wer wie lange wartet — was nicht nur für Audienzen beim Papst gilt, sondern in jeder Hierarchie. Je höher der Rang, desto kürzer das Warten

Uns anderen, "gewöhnlich Sterblichen", bleibt immer noch der Trost, dass wir uns in eine Haltung des coolen wart’s ab (oder wait and see) hinein begeben können. Wer sich beim Warten "fremd-bestimmt" vorkommt, ist selber schuld. Das Leben ist voller Überraschungen.