Von
Andreas Giger

»Mit Zahlen
kann man keine Qualität herstellen!« Diesen bemerkenswerten Satz hörte ich
neulich in einer TV-Reportage über Tee-Anbau in Japan. Gesprochen wurde er vom
Seniorchef eines kleinen Familienbetriebs, in dem eine Wachablösung der
Generationen bevorstand. Und
Adressat war sein Sohn, der eine hervorragende akademische Ausbildung erhalten
hatte, und nun ganz auf rationale Betriebsführung setzte, in der eben Zahlen
eine entscheidende Rolle spielen.
Etwas überspitzt
formuliert standen in diesem Generationenkonflikt für den Sohn Maschinen im
Zentrum der Strategie, während für den Vater Intuition der entscheidende Faktor war. Dieser
Konflikt lässt sich verallgemeinern: Was ist die bessere
Entscheidungsgrundlage? Ist es kühle, analytische Rationalität, oder ist es
intuitives Wissen?
Lange
schien es, als ob dieser Kampf längst entschieden wäre, und zwar zugunsten der
Rationalität. Bestes Symbol dafür sind nach wie vor die Heerscharen von jungen
Beratern, die direkt ab ihrem Studium angeheuert und in die zu beratenden
Unternehmen geschickt werden, wo sie dann ihr erlerntes analytisches System der
Wirklichkeit überstülpen. Logisch, es bleibt ihnen auch gar nichts anderes
übrig, haben sie doch von dieser Wirklichkeit noch keine Ahnung, weshalb sie
gar nicht anders können, als sich an ein abstraktes rationales Modell
festzuklammern.
Intuition
dagegen galt lange Zeit als verdächtig, was sich nicht zuletzt darin äußerte,
dass man sie in einer durch und durch männlich geprägten Wirtschaftswelt gerne
als weiblich diffamierte. Intuition, so hieß es, lasse sich nicht auf ein
System abstützen und nicht rational nachvollziehen und begründen. Im Klartext:
Intuition ist nicht kontrollierbar, und das macht sie in einer vom Kontrollwahn
befallenen Welt natürlich mehr als verdächtig.
Etwas
wachere Geister dagegen haben längst erkannt, dass Rationalität und Intuition
zwei gleichberechtigte Pfade der Entscheidungsfindung sind. Voraussetzung für
diese Erkenntnis ist ein neuer Blick auf das, womit wir entscheiden, also auf
unseren Geist, auf unser Bewusstsein – und auf dessen Gegenstück, nämlich
auf unser Unbewusstes.
Spätestens
seit Sigmund Freud wissen wir, dass es dieses Unbewusste gibt, doch das machte
uns alles andere als froh. In den unbewussten Tiefen unserer Psyche, so lehrte
uns Freud, steckt allerhand Verdrängtes und Unerfreuliches, das gerne die Macht
über uns übernehmen würde, wenn es nicht vom Licht des Bewussteins in Schach
gehalten würde. Die so genannten Freud’schen Versprecher, bei denen uns unser
Unbewusstes einen Streich spielt, sind nur die harmloseste Variante dieses
insgesamt als unheimlich und gefährlich empfundenen Einflusses unserer dunklen,
unbewussten und unkontrollierbaren Elemente auf unsere Entscheidungen. Abzuwehren
sind diese Gefahren nur mit einem hellen, klaren, rationalen und bewussten
Geist.
Dieses
polarisierende Bild steckt tief in unserer Kultur: Dem dunklen,
gefühlsbetonten, chaotischen Unbewussten steht der klare, helle, analytische
Geist unseres bewussten Denkens gegenüber, der selbstverständlich die Oberhand
gewinnen muss, auch wenn dies manchmal hart erscheint. Und so kommen wir gar
nicht auf die Idee, dass es auch unbewusste geistige Prozesse geben könnte, die
zu mindestens so wertvollen Ergebnissen führen wie bewusstes analytisches
Denken.
Doch genau
darum geht es bei unserer Intuition: Eine intuitive Erkenntnis oder
Entscheidung ist nichts anderes als das sichtbare, bewusste Ergebnis eines
unbewusst abgelaufenen geistigen Prozesses. Anders als bei einem analytischen
Denkprozess, bei dem wir jeden Teilschritt bewusst vollziehen, sind diese
Teilschritte bei einem intuitiven Prozess für unser Bewusstsein nicht sichtbar.
Einen analytischen Denkprozess können wir mit einer offenen Parlamentsdebatte vergleichen,
bei der jedes Votum sicht- und hörbar wird, während ein intuitiver Prozess eher
der Delegation an einen Ausschuss gleicht, der hinter verschlossenen Türen
tagt, und zum Schluss nur das Ergebnis verkündet, während der Prozess, der dazu
geführt hat, im Verborgenen bleibt.
Beide
Verfahren haben durchaus etwas für sich – und beide funktionieren. Über
die Gründe für die Existenz beider Wege lässt sich derzeit nur spekulieren,
doch liegt es nahe anzunehmen, dass unser Gehirn völlig überfordert wäre, wenn
es alles bewusst und analytisch entscheiden müsste. Unser bewusstes Denken hat
eine reichlich begrenzte Kapazität, verglichen mit den vielen Leistungen
unseres Gehirns, die völlig oder weitgehend unbewusst ablaufen. Dass das Gehirn
da auch bei Denkprozessen auf die Möglichkeiten unbewusster, also intuitiver
Formen zurückgreift, liegt deshalb nahe – übrigens gerade bei hoch
komplexen Problemen und Fragestellungen, die so typisch für unsere Zeit sind.
Dass
Intuition funktioniert, zeigt sich ausgerechnet dort, wo die analytische,
bewusste Rationalität besonders hoch gehalten wird, nämlich in den
Wissenschaften. Jede unvoreingenommene Wissenschaftsgeschichte macht deutlich,
dass auch intuitive „Geistesblitze“ zu Erkenntnisfortschritt führen können. Beispiele
dafür gibt es genug, wenngleich sie nicht immer gebührend zur Kenntnis genommen
werden.
Das liegt
daran, dass die Vorstellung, eine Erkenntnis könne sich einstellen wie ein
Geistesblitz aus dem Nichts, etwas zugleich Kränkendes wie Unheimliches hat. Kränkend,
weil sie scheinbar all jene benachteiligt, die mühsam Schritt für Schritt eines
bewussten analytischen Denkprozesses im Schweiße ihres Angesichts vollziehen
müssen, und unheimlich, weil sich solche Geistesblitze weder planen noch
kontrollieren lassen.
Dagegen
könnte man argumentieren wie seinerzeit der deutsche Bundeskanzler Helmuth
Kohl: »Entscheidend ist nur, was hinten heraus kommt...« Doch selbst die
Einsicht, dass intuitive Erkenntnis oft (wenngleich nicht immer) stimmig sind,
genügt vielen Menschen noch nicht zur Ehrenrettung der Intuition. Wirklich
überzeugen kann nur eine neue Sicht derselbigen.
Und die
wiederum kann nur heißen: Intuition ist das Ergebnis eines mindestens so
komplexen Denkprozesses wie bei der bewussten rationalen Analyse. Mit dem
einzigen Unterschied, dass diese Denkprozesse unbewusst ablaufen. Und das
wiederum heißt: Intuitive Geistesblitze kommen keineswegs aus dem Nichts. Das
Gegenteil ist der Fall: Für erfolgreiche unbewusste
Informationsverarbeitungsprozesse braucht unser Gehirn eine Menge Input an
Informationen, denn aus Nichts kann nichts Gescheites werden.
Jemand, der
nichts weiß, kann also keine sinnvolle und stimmige Intuition produzieren. Im
Umkehrschluss gilt: Je mehr Wissen wir haben – und damit ist primär das
gemeint, was wir als Erfahrungswissen bezeichnen – desto besser und stimmiger wird
unsere Intuition. Und zudem gilt: Je mehr Erfahrungen wir mit unbewussten,
intuitiven Denkprozessen haben, desto besser wird die Qualität unserer
Intuition.
Beides, das
Ansammeln von Erfahrungswissen wie die Übung in intuitivem Denken, braucht
Zeit. Bei einem reifen Menschen ist die Chance auf qualitativ hoch stehende
Intuition deshalb wesentlich größer als bei einem ganz jungen. Reife Intuition
wird so zu einer wertvollen Ressource, deren Entdeckung und Würdigung uns
weitgehend erst noch bevorsteht.
Um zum
Anfang zurückzukehren: Welcher Tee schmeckt wohl besser, der auf Rationalität
oder der auf Intuition beruhende? Die Antwort liegt ganz bei Ihnen...