Lebensgestaltung im Alter
Interview mit David McLion / albue
übernommen aus seniorweb.ch

David McLion, 66, ist sicher nicht das, was man sich landläufig unter einem Senior vorstellt. Für ihn geht das Leben genau so weiter wie vorher: eigensinnig seinem Lebenstrieb folgend. Er nennt sich selber einen "Workaholic". Sein Lieblingssport ist Brain-Tuning. Lesen Sie das Interview mit ihm!
David McLion, kann man das Alter planen - und wenn ja, wie früh sollte man damit beginnen?
Wie heisst es so schön auf neudeutsch: „Back to the roots". Im Leben dreht man sich im Kreis. Eben, weil alle Fortentwicklung einem Prozess folgt. Immer wieder wird etwas geboren, etwas entdeckt, was danach gestaltet werden will um es auf einen Höhepunkt zu bringen und abzuspeichern - sprich, zu bewahren. So entspricht der Lebensprozess einem Weg aus der noch unentdeckten Vollkommenheit in eine gelebte Vollkommenheit. Das ist mein persönlicher Beitrag zur Evolution: man dreht sich um einzigartige Gaben oder Begabungen... um diese zu optimieren, sein Selbst oder sein Ego in die Höhe zu schrauben, gleich einer Spirale hinauf in gelebte Einzigartigkeit. Oder in die Tiefe seiner Wurzeln, dahin, woher man kommt, woher die Seele ihren Anspruch definiert. Dort bewahrt man es auf, sozusagen als persönliches Schatzkästlein im Urgrund des Kollektivs, der Ursuppe, dem Kreativ-Potential der Schöpfung, an dem ich wie jedes andere Wesen teilhaben darf...
Heisst das, die Planung der letzten Lebensphase beginnt bereits in der Wiege?
Die dritte Lebensstufe ist in diesem Kontext nicht eine plötzliche Entdeckung, nach dem Motto „was... schon wieder Weihnachten?". Nein, sie ist im Idealfall Höhepunkt eines durchplanten Lebens, in dem Zufälligkeiten oder Schicksalswendungen ihren besonderen Beitrag leisten. Es sind die Widerstände, die uns konditionieren, die Schicksalsschläge, welche uns herausfordern, die Ängste, die uns links und rechts den Abgrund zeigen und gleichermassen auf dem schmalen Trampelpfad führen, der uns Authentizität verleiht, Einmaligkeit, Vertrauen schenkt, aufgehoben zu sein, Zuversicht, wieder aufgestellt zu werden, wenn die Kräfte ans Limit gehen. Ja, je früher man das Leben ganzheitlich anpackt, strukturiert, kräftemässig einteilt von „Sturm und Drang" bis hin zu gezieltem Nein-Sagen können, desto lustvoller und kraftvoller bewegt man sich im Alter und findet bis hin zum letzten Atemzug seine Nische, in der man als NON-AGE die Einzigartigkeit seines Lebens in die Gemeinschaft einbringt.
Hat denn jeder die Chance, seinem Leben einen besonderen Stempel aufzudrücken?
Schulsysteme sind leider immer noch so angelegt, dass sie aus unseren angeborenen besonderen, einzigartigen Anlagen austauschbare stumpfe Werkzeuge machen, mit denen wir unser Leben bewältigen sollen. Kein Daumenabdruck gleicht dem anderen, jedes Samenkorn birgt in sich spezifische Muster, welche als Sicherheitsschlüssel ausgefeilt werden sollen, um in ein komplexes Schloss zu passen, in dem kein anderer Schlüssel funktioniert. Wohl dem, der sich von Kindesbeinen an querstellt, wenn man ihm Dinge abverlangt, die nicht zu seinem Profil passen; und der vom Elternhaus darin bestärkt und bestätigt wird, einer inneren Spur zu folgen, welche die seinige ist und nicht die seines Bruders oder seines Nachbarn. Der wird dann idealerweise auch in seiner Endspurtphase über das Mittelmass hinausragen, mit Spitzenleistungen „Seniorkarriere" machen.
Nicht jeder will das.
OK. Warum eigentlich nicht? Warum soll man diesen Planeten verlassen, ohne tiefe, eindeutige Spuren zu hinterlassen? Warum soll sich nicht jeder ein Denkmal schaffen, egal wie gross oder klein? Wer hat uns gelehrt, bescheiden und unauffällig durchs Leben zu gehen, ja nicht anzuecken, immer brav zu nicken, den Kopf zu senken - um dann irgendwann im Alter achselzuckend auf ein anonymes Leben in gähnender Leere zurückzublicken: „Habe ich mein Leben vertan, wozu war ich auf dieser Welt, ich komme mir so unnütz vor, hoffentlich hat das alles bald ein Ende..."
Herr McLion - sie sind 66, wie haben Sie Ihr Leben im Alter geplant?
Ich bin der geborene Querkopf. Über das Rote Kreuz bin ich als unterernährtes Kriegskind in Zürich in guter Familie aufgenommen worden. Zweimal für ein halbes Jahr. Was man nicht geschafft hat in dieser Zeit, ist, mir „Dankeschön" beizubringen. Meine Grundeigenschaften sind Eigensinn, Selbstverwirklichung, nur das machen, was mit Lust verbunden ist, woran ich Freude verspüre, was mich weiterbringt. Es ist das „Pech" mit Vielseitigkeit geboren zu werden. Ich komme aus einer Familie, die über Generationen hinweg Architekten, Mathematiker und Musiker hervorgebracht hat. So richtig das Repertoire für Gestaltende Berufe - aber mit der Schwierigkeit verbunden, all diese Fähigkeiten sinnvoll unter einen Hut zu bringen. Nun muss ich sagen, dass ich mich bereits während der verschiedenen Studien, Aus- und Weiterbildungen ganz einfach neigungsgemäss verhalten habe, in dem ich meiner Neugierde und meiner Lust gefolgt bin und nichts angerührt habe, das mit mir nichts zu tun hat. Lust und immerwährende Bereitschaft, Neues anzupacken, Neues zu lernen hat mein Leben konzentrisch sich entfalten lassen. Neigungen oder Abneigungen sind ein sicherer und vertrauensvoller Führer durchs Leben. Ich habe einmal nachgezählt, wie viele Berufe ich in meinem Leben erlernt habe und in einem einzigen „Computerhirn" als Entscheidungsträger vereine. Es sind dies um die fünfzehn, die alle miteinander verzahnt sind und mich vor Arbeitslosigkeit schützen, insbesondere aber vor Langeweile. Gefahr läuft jedoch der, welcher Neigungen folgt, die nicht konzentrisch über eine gemeinsame Mitte verfügen. Dies führt direkt in einen Zerriss, einen Infarkt, eine Situation, die sich mit schwindenden Kräften im Alter nicht mehr vereinbaren lässt. Wohl dem also, der seiner inneren Stimme von Lust und Neigung zu folgen weiss, bei guter Laune bleibt, dort seine Mitte findet bis in den letzten Atemzug hinein.
Welchen Rat haben Sie für den Ruhestand oder solche, die ruhig gestellt werden ohne eigenes Verschulden?
„Entschleunigung" ist momentan ein Schlagwort und es bringt den Fokus auf das Tempo, in dem wir Leben, das uns lebt und in eine Eigendynamik versetzt hat, welche kaum mehr zu stoppen ist. Wer plötzlich Frührentner wird, weil das Unternehmen, in dem er arbeitet, die Tore schliesst oder er aus anderem Grund wegrationalisiert wurde, steht vor dem Problem, das Tempo seines gewohnten Alltags neu einzustellen, es einem neuen Lebensrhythmus anzupassen. Ich selbst bin ein „Workaholic" zeit meines Lebens - ganz einfach, weil Arbeit bei mir Freude und Erfolg erzeugt und damit lustbetont ist. Deshalb kann ich auch nur weiterhin diesem Trieb folgen, wenngleich mit zunehmend vermindertem Kräfteeinsatz. Da ich mir die Zeit selbst einteilen kann und sehr darauf achte, dass dies auch weiterhin der Fall ist, lebe ich einen selbstgesteuerten Arbeitsrhythmus. Wenn ich ermüde, lege ich mich schlafen, wenn mir im Schlaf eine Idee kommt, stehe ich auf und realisiere sie. Egal, ob es nachts um vier ist oder zu einer Zeit, wo man normalerweise zu Abend isst. Zunehmende Selbststeuerung ist das, was ich jedem mit auf den Weg geben möchte, der sein Leben neu einstellen muss. Der eigenen, inneren Uhr folgen und weniger dem Rhythmus, welcher vom Beruf oder gesellschaftlichen Zwängen aufgedrückt wurde. Sein Selbst leben und nicht das, was andere meinen, wie man leben sollte.
David McLion, danke für das Gespräch.