Ansätze zu einem selbstbestimmteren Umgang mit dem älter Werden
Von Edmond Tondeur

Dieses Dokument wurde im Frühjahr 1998 von mir verfasst, als Ergebnis
von Gesprächen in einem Arbeitskreis namens „Forum A“. Den damals Teilnehmenden
ging es um ein „Neues Altern“, in dem es die Lebendigkeit des Augenblicks gibt,
Frische der Wahrnehmungen und Beziehungen, Verfügbarkeit für das Lebendige in
der Mitwelt und in uns selbst. Wir hatten den Wunsch, unsere Vorstellung von
Neuem Altern mit anderen zu teilen, sie breiter zu verankern und einfliessen zu
lassen in die Ströme des Zeitgeistes.
„Wir kümmern uns um den Platz der Älteren in dieser Gesellschaft, um
ihr gebraucht-sein und abgeschoben-sein. Wir sehen altern sowohl als Weg nach
innen wie als Weg nach aussen. Gegebenenfalls helfen wir mit, Alterspolitik zu
gestalten.“
„Forum A“ löste sich – wie so oft bei Arbeitskreisen –
nach kurzer Zeit wieder auf. Das nachfolgende Dokument ist noch immer einer
breiteren Aufmerksamkeit wert. Mein eigenes Altern (ich nähere mich nunmehr dem
80.!) inspiriert sich zu einem guten Teil aus seiner Haltung.
Ein Bild:
Um unsere Erfahrungen beim älter werden benennbar zu machen, gingen wir
von einer Energiespirale aus, in deren Mitte „Gott“ steht. Mit vier zur Mitte
hinführenden Pfeilen unterschieden wir:
Ø Erfahrungen mit mir selbst (Ich)
Ø Erfahrungen mit den Anderen (Beziehungen)
Ø Erfahrungen in der und mit der Arbeit
Ø Erfahrungen mit der (aktuellen) Umwelt (Zeitgeist)
Ø Erfahrungen mit „Gott“ (Transzendenz)
Altern bewirkt in jedem dieser fünf Bezüge Veränderungen, d.h. Dynamiken,
die als einschränkend und/oder erweiternd erlebt werden, Verlust oder Gewinn bedeuten je
nachdem, wie wir uns darauf einstellen.
Zwischen den fünf Bezügen gibt es Wechselwirkungen, die aufmerksam zu
verfolgen sind. Als Versuchung bezeichnen wir jene Tendenzen, die eher
lebensmindernd sind, einer Art von Defizit-Dynamik folgend. Also
Rückzug!
Den Versuchungen stellen wir Qualitäten gegenüber. Sie entspringen
dem bewussten, insofern selbstbestimmteren Umgang mit dem älter werden.
Selbstbestimmt altern meint: den eigenen Lebensentwurf
(Lebensauftrag) auch im Zeichen von Vergänglichkeit und Tod zu wagen. Vielleicht mit
den Worten von Hilde Domin: „Nicht müde werden / sondern dem Wunder / leise
wie einem Vogel / die Hand hinhalten.“

In Bezug auf „Ich“ / Versuchungen
„Ich werde älter“, diese Erfahrung bleibt nur jenen erspart, die in
jungen Jahren sterben. Ab wann sich jemand „älter fühlt“, ist im übrigen nur
subjektiv auszumachen: dreissigjährige Spitzensportler werden unter ‚Senioren’
eingestuft, während ein 50-jähriger Regierungschef eher als jung gilt. Frauen
werden nach anderen Normen älter als Männer. Und wer mit fünfzig Jahren eine
neue Stelle sucht, erlebt sich, oft brutal, als Fossil des Arbeitsmarktes.
Altern kann mein Ich-Gefühl, meine Identität, meinen „Selbstwert“
gefährden. Meine Lebenszeit wird eindeutig kürzer, die biografische Uhr tickt.
Todesanzeigen in der Zeitung bekommen Nachrichtenwert. Die Kräfte und Säfte des
Körpers lassen nach. Der Atem wird kürzer. Rundherum werde ich mir meiner
Grenzen bewusst. „Gesundheit“ wird zum kostbaren Gut, wenn ich zum ersten Mal,
eventuell auch schon zum zweiten oder dritten Mal, „ins Spital“ musste, eine
Operation erlitt, die Wiedergeburt nach der Narkose erfuhr.
Es läuft eine Versuchung in Richtung Selbstverunsicherung,
Desorientierung bezüglich meiner physischen Möglichkeiten. Versuchung zur
Kapitulation auf ein absehbares Sterben hin. Es liegt an mir, diesen
Versuchungen neue Entwürfe und Qualitäten entgegen zu setzen.
In Bezug auf „Ich“ / Qualitäten
Ich erfahre mich in meiner Einmaligkeit, doch nicht als Nabel der Welt,
schon eher als Teilchen eines riesigen Getriebes, Welle im Ozean, aber auch:
als „Agens“ in einem morphogenetischen Feld (Rupert Sheldrake).
Es fällt mir auf, dass meine Autonomie zwar wächst, weil meine
Verpflichtungen (familiär, beruflich) abnehmen. Gleichzeitig bin ich meiner
Verflechtung mit der Welt, in der ich lebe, mehr denn je gewahr, weiss um mein
Abhängigsein von Ereignissen und Entwicklungen, die mich körperlich, geistig,
seelisch beeinflussen. Mein Lebensgefühl pendelt zwischen „vita brevis“
(Vergänglichkeit) und einem unverdrossenen Anfängergeist: Jeder Tag bietet
Gelegenheit, etwas zu tun und zu erfahren, das ich in meinem Leben noch nie
getan und erfahren habe.

In Bezug auf die Anderen / Versuchungen
Tragende Beziehungen in meinem Leben gehen zu Ende, durch Tod,
emotionale Erschöpfung, räumliche Veränderungen u.a. mehr hinfällig geworden.
Die Energie für und aus neuen Beziehungen fehlt, die „Aussichtslosigkeit“ neuer
Partnerschaften nimmt zu. Es läuft also eine Versuchung in Richtung
Vereinzelung, Rückzug, trotziger Unnahbarkeit.
Es liegt an mir, dieser Versuchung neue Entwürfe, neue Qualitäten
entgegen zu setzen.
In Bezug auf die Anderen / Qualitäten
Aus allen bisher gelebten Beziehungen prägt sich mir ein: Wir sind Pilger, unterwegs mit dem
ganzen Gepäck unserer Sehnsüchte und Ängste, einander brauchend und dann wieder
loslassend. Wenn dies alles nicht nur „Transit“ war, blieb vielleicht ein
engerer Kreis von konstanten Freundschaften, die Familie, die Wohngemeinschaft,
die engste Nachbarschaft, Mitgliedschaften …
Im weiteren Umfeld meiner Beziehungen und Begegnungen (oft einfach
Wegkreuzungen) ist mehr Wandel, Unverbindlichkeit, „aus den Augen aus dem
Sinn“. Dem Wagnis neuer Beziehungen steht oft der Vorrang des angestammten
Bündnisses (z.B. Ehe) zuwider. Eifersucht rechtfertigt sich als Beziehungs-Ökonomie. Der Besitzstand
in Paarbeziehungen kann, muss aber nicht zwingend zur Ursache von Vereinsamung
werden.
Zweierbeziehungen vereiteln mitunter neue Gemeinschaftsentwürfe. Sind
nur die Singles dafür prädestiniert? „Allein und verbunden“, wie
sieht das konkret aus?

In Bezug auf die Arbeit / Versuchungen
Berufliche Arbeit, besonders im Anstellungsverhältnis, scheint nach wie
vor von der „Alters-Guillotine“ bedroht zu sein. Der Marktwert der Älteren sinkt gleichsam
umgekehrt proportional zur steigenden Lebenserwartung. Wer mit fünfzig seine
Stelle verliert oder mit achtundfünfzig vorzeitig pensioniert wird, erlebt
diese Paradoxie hautnah und abwertend.
Über die berufliche Arbeit entwickeln die meisten Berufstätigen –
und vor allem die Männer – ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl.
„Arbeiten „ in diesem Sinne bedeutet: involviert und gebraucht sein, Leistungen
erbringen, Anerkennung und Lohn bekommen, auf andere einwirken, Erfolg haben,
usw. Wer an alledem nicht mehr
Teil hat, kann Versuchungen anheim fallen, die sein Altern bis zur
Depression verkommen lassen. Es liegt an mir, diesen Versuchungen neue
Entwürfe, ein neues Verständnis von Lebensqualität entgegen zu setzen.
In Bezug auf die Arbeit / Qualitäten
„Ich habe in meinem Leben genug gearbeitet“, sagen manche bei Antritt
ihrer Pension. Doch der „Ruhestand“ als Metapher ist fragwürdig geworden
angesichts der Tatsache, dass diese Lebensphase gut und gerne zwanzig oder mehr
Jahre dauern kann.
Manche Rentner beunruhigt denn auch bald einmal die Frage, wofür in
dieser Welt sie noch nützlich (= gefragt) sein könnten. Wofür setze ich
meine Energie, meinen Tatendrang noch ein? Welches ist jetzt mein
Lebensauftrag? Was kann es für mich bedeuten, dran zu bleiben, dem
schöpferischen „daimon“ in mir zu folgen, mich weiterhin in der Spannung von
Geben und Nehmen als lebendig zu erfahren?
Antworten findet, wer entspannt und neugierig die neue
Offenheit seiner Lebensstruktur erkennt – und sich mit dieser Offenheit
auch auf neue Mitmenschen zu bewegt. Ein vertrautes Beispiel dafür ist die
Begegnung zwischen Grosseltern und Enkelkindern. Sie ist
exemplarisch für das Potenzial, das im Verhältnis von „Alten“ und „Jungen“ auf
Entdeckung und Befruchtung wartet.

In Bezug auf die aktuelle Umwelt / Versuchungen
Im Zeitalter der Globalisierung und dramatischer
Veränderungen in Technologie, Wirtschaft und Politik dringt die
diskriminierende Gleichung Alter = passé fast unbemerkt in unser
Denken ein. In jüngster Zeit wird so viel über „Alzheimer“ und „Demenz“
geredet, dass daraus fast Metaphern für das Altern schlechthin geworden sind.
Wo immer die aktuelle Welt – besonders die Medienwelt – auf
den Zeitgeist einwirkt, tut sie es hinsichtlich des Alterns mit schlechten
Nachrichten. Man denke nur an die Debatten über die Zukunft unserer Sozialwerke. In der Tat fragt
es sich: „Bis zu welchem kritischen Punkt dürfen „die Alten“ der Gesellschaft
(= den Jüngeren) überhaupt noch zur Last fallen?
Es gehört zu den Versuchungen des älter Werdens, sich
diese ganze turbulente Umwelt trotzig vom Leib zu halten – oder ihr medienhörig
zu verfallen. Es liegt an mir, den Versuchungen neue Entwürfe und Qualitäten
entgegen zu setzen.
In Bezug auf die aktuelle Umwelt / Qualitäten
Mein Interesse an der aktuellen Umwelt wird mit dem älter werden wählerischer,
insofern auch kritischer: Ich bin offen für „Das Neue“, wo immer es in
Erscheinung tritt. Ich schliesse mich aber nicht blindlings jedem neuen Trend
an, womöglich aus Angst, etwas zu verpassen.
Wie komme ich zu Massstäben für dieses selektive „in der
Welt sein“ und „mit der Zeit gehen“? In welchen Rollen kann ich mein
Verhältnis zur aktuellen Welt selbstbestimmt umsetzen, meine „Sozialkompetenz“
freudig einbringen und erweitern, mich auch im Altern als Lernender begreifen?

In Bezug auf „Gott“ / Versuchungen
Älter werden geht einher mit der Gewissheit, dass mir bald einmal die
Stunde schlägt. Der Count down läuft. Ich kann mit dieser
Gewissheit verschieden umgehen, zum Beispiel:
- Nachholen, was es noch nachzuholen gibt. Dahinter die Angst, im Leben
etwas verpasst zu haben. Also die letzten Chancen packen und nutzen.
„Après moi le déluge!“
- „Rien ne va plus!“ Mein Leben ist passiert, jetzt ist nur noch Sterben
angesagt. Jeder sein eigener Sterbebegleiter! Schlimmstenfalls „Exit“.
- Gericht halten über sich selbst – und über alle, die mich daran
gehindert haben, „mein eigentliches Leben“ zu führen. Älter werden verkommt bei
dieser Ausrichtung mehr und mehr zur Abrechnung, zum Tribunal, mit Anklägern
und Angeklagten, ein wüstes Szenarium.
Es liegt an mir, diesen Versuchungen neue Entwürfe, neue Qualitäten
entgegen zu setzen.
In Bezug auf „Gott“ / Qualitäten
Altern ist die letzte und grosse Chance im Leben, „Platz zu machen für
Gott“ (Else Lasker-Schüler). Vorbereitung und Ausrichtung auf das Sterben
bekommt hier eine andere Qualität als die der „Kapitulation“. Sie öffnet mein
Bewusstsein für den Reichtum der unmittelbaren Gegenwart, die Achtsamkeit des
Augenblicks, den „Gott der kleinen Dinge“.
In Glaubwürdigkeit alt zu werden bedeutet, dass wir für die Eingebungen
des Göttlichen aus der Tiefe unserer Seele offen sind; dass wir uns den anderen
Menschen mitfühlend öffnen, mit der Natur Zwiesprache halten. Dass wir mit
Wagemut und Demut, in realistischer Einschätzung unserer Kräfte, das Notwendige
tun.

Wider die Versuchung, nur auf den Tod hin zu altern
Ein Nachtrag
In den Gesprächen zu diesem Dokument beschäftigte uns immer wieder
die Frage, was in unserem Leben die Versuchungen begünstigt,
und somit: wo praktisch anzusetzen wäre, um unser älter Werden an neuen Qualitäten zu
orientieren. Zusammenfassend wurden wir für folgende Prozesse aufmerksam:
Gewohnheiten bestimmen in hohem Masse die Abläufe unseres Lebens.
Gewohnheiten schaffen Geborgenheit (Angewöhnung, Vertrautsein, Wohnlichkeit.) Sie machen aber auch blind für die
Ansprüche und Angebote des Lebendigen. Insofern ist die Macht der Gewohnheit auch
lebensmindernd.
Normen widersetzen sich der lebendigen (unvoreingenommenen)
Wahrnehmung der Dinge. Je höriger wir unser Verhalten an Normen (= Vorgaben)
orientieren, desto eingeschränkter ist unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Leben
reduziert sich dann auf den Vollzug von Vor-Urteilen.
Erfahrung ist häufig nur ein anderes Wort für Fixiertsein auf
einmalige Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden. „One trial learning“. Vor
allem deswegen ist die derzeitige Entwertung aller Erfahrungen durch den
gesellschaftlichen Wandel auch heilsam.
Lebenslanges Lernen wird zwar seit Jahrzehnten beschworen und
sektoriell durch Weiterbildung umgesetzt. Es fehlt aber noch weitherum das
Bewusstsein dafür, wie sehr Leben immerzu neu erfunden werden will, damit es
lebendig bleibt. Den „Anfängergeist“ kennt man allenfalls aus
Zen-Büchern, im eigenen Alltag herrscht die reine Routine vor.
Trägheiten und Widerstand gegen Veränderung sind nicht zuletzt
eine Auswirkung des Wohlstands. „Ruhestand“ erscheint wohl vielen als die
Krönung ihrer Lebenskarriere, gut gepolstert und in unbegrenzter Freizeit
schwelgend.
Aktive Mitverantwortung der Älteren gegenüber der Gesellschaft
wird inskünftig an Bedeutung zunehmen. Je länger das Leben dauert, desto
unerträglicher wird die im letzten Jahrhundert eingerichtete Aufteilung in die
sogenannt aktiven und die „geschenkten“ Jahre. Die Senioren als Ressource
sind gefragt.
Abschliessend – bzw. ausblickend – wird man sagen dürfen,
dass in Bezug auf das älter Werden das gleiche gilt, was die Entwicklung der menschlichen
Kultur seit jeher geprägt hat, nämlich: die Fähigkeit wie die Notwendigkeit,
auf das eigene Schicksal handelnd und übend (!) Einfluss zu nehmen, im
Schöpfungsprozess einen aktiven Part zu übernehmen, in der Spannung zwischen
dem Gegebenen und dem Gewollten kreative Wege zu gehen.
Bereits Sokrates hatte vom Menschen gesprochen als vom Wesen, das
potenziell sich selbst überlegen ist. Soll uns die Erfahrung entmutigen, dass
oft auch das Gegenteil zutrifft?
Aktualisierte Fassung, Frühling 2009