REIFE.CH

Frühling 09


WEITERHIN:

So können Sie REIFE.CH fördern

Rückblick auf frühere Ausgaben von REIFE.CH

REIFE.CH CLASSIC

Impressum


 

 

 

Neuland "altern"

Ansätze zu einem selbstbestimmteren Umgang mit dem älter Werden

Von Edmond Tondeur

Dieses Dokument wurde im Frühjahr 1998 von mir verfasst, als Ergebnis von Gesprächen in einem Arbeitskreis namens „Forum A“. Den damals Teilnehmenden ging es um ein „Neues Altern“, in dem es die Lebendigkeit des Augenblicks gibt, Frische der Wahrnehmungen und Beziehungen, Verfügbarkeit für das Lebendige in der Mitwelt und in uns selbst. Wir hatten den Wunsch, unsere Vorstellung von Neuem Altern mit anderen zu teilen, sie breiter zu verankern und einfliessen zu lassen in die Ströme des Zeitgeistes.

„Wir kümmern uns um den Platz der Älteren in dieser Gesellschaft, um ihr gebraucht-sein und abgeschoben-sein. Wir sehen altern sowohl als Weg nach innen wie als Weg nach aussen. Gegebenenfalls helfen wir mit, Alterspolitik zu gestalten.“

„Forum A“ löste sich – wie so oft bei Arbeitskreisen – nach kurzer Zeit wieder auf. Das nachfolgende Dokument ist noch immer einer breiteren Aufmerksamkeit wert. Mein eigenes Altern (ich nähere mich nunmehr dem 80.!) inspiriert sich zu einem guten Teil aus seiner Haltung.


Ein Bild:

Um unsere Erfahrungen beim älter werden benennbar zu machen, gingen wir von einer Energiespirale aus, in deren Mitte „Gott“ steht. Mit vier zur Mitte hinführenden Pfeilen unterschieden wir:

Ø    Erfahrungen mit mir selbst (Ich)

Ø    Erfahrungen mit den Anderen (Beziehungen)

Ø    Erfahrungen in der und mit der Arbeit

Ø    Erfahrungen mit der (aktuellen) Umwelt (Zeitgeist)

Ø    Erfahrungen mit „Gott“ (Transzendenz)

Altern bewirkt in jedem dieser fünf Bezüge Veränderungen, d.h. Dynamiken, die als einschränkend und/oder erweiternd erlebt werden, Verlust oder Gewinn bedeuten je nachdem, wie wir uns darauf einstellen.

Zwischen den fünf Bezügen gibt es Wechselwirkungen, die aufmerksam zu verfolgen sind. Als Versuchung bezeichnen wir jene Tendenzen, die eher lebensmindernd sind, einer Art von Defizit-Dynamik folgend. Also Rückzug!

Den Versuchungen stellen wir Qualitäten gegenüber. Sie entspringen dem bewussten, insofern selbstbestimmteren Umgang mit dem älter werden.

Selbstbestimmt altern meint: den eigenen Lebensentwurf (Lebensauftrag) auch im Zeichen von Vergänglichkeit und Tod zu wagen. Vielleicht mit den Worten von Hilde Domin: „Nicht müde werden / sondern dem Wunder / leise wie einem Vogel / die Hand hinhalten.“


In Bezug auf „Ich“ / Versuchungen

„Ich werde älter“, diese Erfahrung bleibt nur jenen erspart, die in jungen Jahren sterben. Ab wann sich jemand „älter fühlt“, ist im übrigen nur subjektiv auszumachen: dreissigjährige Spitzensportler werden unter ‚Senioren’ eingestuft, während ein 50-jähriger Regierungschef eher als jung gilt. Frauen werden nach anderen Normen älter als Männer. Und wer mit fünfzig Jahren eine neue Stelle sucht, erlebt sich, oft brutal, als Fossil des Arbeitsmarktes.

Altern kann mein Ich-Gefühl, meine Identität, meinen „Selbstwert“ gefährden. Meine Lebenszeit wird eindeutig kürzer, die biografische Uhr tickt. Todesanzeigen in der Zeitung bekommen Nachrichtenwert. Die Kräfte und Säfte des Körpers lassen nach. Der Atem wird kürzer. Rundherum werde ich mir meiner Grenzen bewusst. „Gesundheit“ wird zum kostbaren Gut, wenn ich zum ersten Mal, eventuell auch schon zum zweiten oder dritten Mal, „ins Spital“ musste, eine Operation erlitt, die Wiedergeburt nach der Narkose erfuhr.

Es läuft eine Versuchung in Richtung Selbstverunsicherung, Desorientierung bezüglich meiner physischen Möglichkeiten. Versuchung zur Kapitulation auf ein absehbares Sterben hin. Es liegt an mir, diesen Versuchungen neue Entwürfe und Qualitäten entgegen zu setzen.

In Bezug auf „Ich“ / Qualitäten

Ich erfahre mich in meiner Einmaligkeit, doch nicht als Nabel der Welt, schon eher als Teilchen eines riesigen Getriebes, Welle im Ozean, aber auch: als „Agens“ in einem morphogenetischen Feld (Rupert Sheldrake).

Es fällt mir auf, dass meine Autonomie zwar wächst, weil meine Verpflichtungen (familiär, beruflich) abnehmen. Gleichzeitig bin ich meiner Verflechtung mit der Welt, in der ich lebe, mehr denn je gewahr, weiss um mein Abhängigsein von Ereignissen und Entwicklungen, die mich körperlich, geistig, seelisch beeinflussen. Mein Lebensgefühl pendelt zwischen „vita brevis“ (Vergänglichkeit) und einem unverdrossenen Anfängergeist: Jeder Tag bietet Gelegenheit, etwas zu tun und zu erfahren, das ich in meinem Leben noch nie getan und erfahren habe.


In Bezug auf die Anderen / Versuchungen

Tragende Beziehungen in meinem Leben gehen zu Ende, durch Tod, emotionale Erschöpfung, räumliche Veränderungen u.a. mehr hinfällig geworden. Die Energie für und aus neuen Beziehungen fehlt, die „Aussichtslosigkeit“ neuer Partnerschaften nimmt zu. Es läuft also eine Versuchung in Richtung Vereinzelung, Rückzug, trotziger Unnahbarkeit.

Es liegt an mir, dieser Versuchung neue Entwürfe, neue Qualitäten entgegen zu setzen.

In Bezug auf die Anderen / Qualitäten

Aus allen bisher gelebten Beziehungen prägt sich mir ein: Wir sind Pilger, unterwegs mit dem ganzen Gepäck unserer Sehnsüchte und Ängste, einander brauchend und dann wieder loslassend. Wenn dies alles nicht nur „Transit“ war, blieb vielleicht ein engerer Kreis von konstanten Freundschaften, die Familie, die Wohngemeinschaft, die engste Nachbarschaft, Mitgliedschaften …

Im weiteren Umfeld meiner Beziehungen und Begegnungen (oft einfach Wegkreuzungen) ist mehr Wandel, Unverbindlichkeit, „aus den Augen aus dem Sinn“. Dem Wagnis neuer Beziehungen steht oft der Vorrang des angestammten Bündnisses (z.B. Ehe) zuwider. Eifersucht rechtfertigt sich als Beziehungs-Ökonomie. Der Besitzstand in Paarbeziehungen kann, muss aber nicht zwingend zur Ursache von Vereinsamung werden.

Zweierbeziehungen vereiteln mitunter neue Gemeinschaftsentwürfe. Sind nur die Singles dafür prädestiniert? „Allein und verbunden“, wie sieht das konkret aus?


In Bezug auf die Arbeit / Versuchungen

Berufliche Arbeit, besonders im Anstellungsverhältnis, scheint nach wie vor von der „Alters-Guillotine“ bedroht zu sein. Der Marktwert der Älteren sinkt gleichsam umgekehrt proportional zur steigenden Lebenserwartung. Wer mit fünfzig seine Stelle verliert oder mit achtundfünfzig vorzeitig pensioniert wird, erlebt diese Paradoxie hautnah und abwertend.

Über die berufliche Arbeit entwickeln die meisten Berufstätigen – und vor allem die Männer – ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl. „Arbeiten „ in diesem Sinne bedeutet: involviert und gebraucht sein, Leistungen erbringen, Anerkennung und Lohn bekommen, auf andere einwirken, Erfolg haben, usw.  Wer an alledem nicht mehr Teil hat, kann Versuchungen anheim fallen, die sein Altern bis zur Depression verkommen lassen. Es liegt an mir, diesen Versuchungen neue Entwürfe, ein neues Verständnis von Lebensqualität entgegen zu setzen.

In Bezug auf die Arbeit / Qualitäten

„Ich habe in meinem Leben genug gearbeitet“, sagen manche bei Antritt ihrer Pension. Doch der „Ruhestand“ als Metapher ist fragwürdig geworden angesichts der Tatsache, dass diese Lebensphase gut und gerne zwanzig oder mehr Jahre dauern kann.

Manche Rentner beunruhigt denn auch bald einmal die Frage, wofür in dieser Welt sie noch nützlich (= gefragt) sein könnten. Wofür setze ich meine Energie, meinen Tatendrang noch ein? Welches ist jetzt mein Lebensauftrag? Was kann es für mich bedeuten, dran zu bleiben, dem schöpferischen „daimon“ in mir zu folgen, mich weiterhin in der Spannung von Geben und Nehmen als lebendig zu erfahren?

Antworten findet, wer entspannt und neugierig die neue Offenheit seiner Lebensstruktur erkennt – und sich mit dieser Offenheit auch auf neue Mitmenschen zu bewegt. Ein vertrautes Beispiel dafür ist die Begegnung zwischen Grosseltern und Enkelkindern. Sie ist exemplarisch für das Potenzial, das im Verhältnis von „Alten“ und „Jungen“ auf Entdeckung und Befruchtung wartet.


In Bezug auf die aktuelle Umwelt / Versuchungen

Im Zeitalter der Globalisierung und dramatischer Veränderungen in Technologie, Wirtschaft und Politik dringt die diskriminierende Gleichung Alter = passé fast unbemerkt in unser Denken ein. In jüngster Zeit wird so viel über „Alzheimer“ und „Demenz“ geredet, dass daraus fast Metaphern für das Altern schlechthin geworden sind.

Wo immer die aktuelle Welt – besonders die Medienwelt – auf den Zeitgeist einwirkt, tut sie es hinsichtlich des Alterns mit schlechten Nachrichten. Man denke nur an die Debatten über die Zukunft unserer Sozialwerke. In der Tat fragt es sich: „Bis zu welchem kritischen Punkt dürfen „die Alten“ der Gesellschaft (= den Jüngeren) überhaupt noch zur Last fallen?

Es gehört zu den Versuchungen des älter Werdens, sich diese ganze turbulente Umwelt trotzig vom Leib zu halten – oder ihr medienhörig zu verfallen. Es liegt an mir, den Versuchungen neue Entwürfe und Qualitäten entgegen zu setzen.

In Bezug auf die aktuelle Umwelt / Qualitäten

Mein Interesse an der aktuellen Umwelt wird mit dem älter werden wählerischer, insofern auch kritischer: Ich bin offen für „Das Neue“, wo immer es in Erscheinung tritt. Ich schliesse mich aber nicht blindlings jedem neuen Trend an, womöglich aus Angst, etwas zu verpassen.

Wie komme ich zu Massstäben für dieses selektive „in der Welt sein“ und „mit der Zeit gehen“? In welchen Rollen kann ich mein Verhältnis zur aktuellen Welt selbstbestimmt umsetzen, meine „Sozialkompetenz“ freudig einbringen und erweitern, mich auch im Altern als Lernender begreifen?


In Bezug auf „Gott“ / Versuchungen

Älter werden geht einher mit der Gewissheit, dass mir bald einmal die Stunde schlägt. Der Count down läuft. Ich kann mit dieser Gewissheit verschieden umgehen, zum Beispiel:

- Nachholen, was es noch nachzuholen gibt. Dahinter die Angst, im Leben etwas verpasst zu haben. Also die letzten Chancen packen und nutzen.

„Après moi le déluge!“

- „Rien ne va plus!“ Mein Leben ist passiert, jetzt ist nur noch Sterben angesagt. Jeder sein eigener Sterbebegleiter! Schlimmstenfalls „Exit“.

- Gericht halten über sich selbst – und über alle, die mich daran gehindert haben, „mein eigentliches Leben“ zu führen. Älter werden verkommt bei dieser Ausrichtung mehr und mehr zur Abrechnung, zum Tribunal, mit Anklägern und Angeklagten, ein wüstes Szenarium.

Es liegt an mir, diesen Versuchungen neue Entwürfe, neue Qualitäten entgegen zu setzen.

In Bezug auf „Gott“ / Qualitäten

Altern ist die letzte und grosse Chance im Leben, „Platz zu machen für Gott“ (Else Lasker-Schüler). Vorbereitung und Ausrichtung auf das Sterben bekommt hier eine andere Qualität als die der „Kapitulation“. Sie öffnet mein Bewusstsein für den Reichtum der unmittelbaren Gegenwart, die Achtsamkeit des Augenblicks, den „Gott der kleinen Dinge“.

In Glaubwürdigkeit alt zu werden bedeutet, dass wir für die Eingebungen des Göttlichen aus der Tiefe unserer Seele offen sind; dass wir uns den anderen Menschen mitfühlend öffnen, mit der Natur Zwiesprache halten. Dass wir mit Wagemut und Demut, in realistischer Einschätzung unserer Kräfte, das Notwendige tun.


Wider die Versuchung, nur auf den Tod hin zu altern

Ein Nachtrag

In den Gesprächen zu diesem Dokument beschäftigte uns immer wieder die Frage, was in unserem Leben die Versuchungen begünstigt, und somit: wo praktisch anzusetzen wäre, um unser älter Werden an neuen Qualitäten zu orientieren. Zusammenfassend wurden wir für folgende Prozesse aufmerksam:

Gewohnheiten bestimmen in hohem Masse die Abläufe unseres Lebens.

Gewohnheiten schaffen Geborgenheit (Angewöhnung, Vertrautsein,    Wohnlichkeit.)  Sie machen aber auch blind für die Ansprüche und Angebote des Lebendigen. Insofern ist die Macht der Gewohnheit auch lebensmindernd.

Normen widersetzen sich der lebendigen (unvoreingenommenen) Wahrnehmung der Dinge. Je höriger wir unser Verhalten an Normen (= Vorgaben) orientieren, desto eingeschränkter ist unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Leben reduziert sich dann auf den Vollzug von Vor-Urteilen.

Erfahrung ist häufig nur ein anderes Wort für Fixiertsein auf einmalige Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden. „One trial learning“. Vor allem deswegen ist die derzeitige Entwertung aller Erfahrungen durch den gesellschaftlichen Wandel auch heilsam.

Lebenslanges Lernen wird zwar seit Jahrzehnten beschworen und sektoriell durch Weiterbildung umgesetzt. Es fehlt aber noch weitherum das Bewusstsein dafür, wie sehr Leben immerzu neu erfunden werden will, damit es lebendig bleibt. Den „Anfängergeist“ kennt man allenfalls aus Zen-Büchern, im eigenen Alltag herrscht die reine Routine vor.

Trägheiten und Widerstand gegen Veränderung sind nicht zuletzt eine Auswirkung des Wohlstands. „Ruhestand“ erscheint wohl vielen als die Krönung ihrer Lebenskarriere, gut gepolstert und in unbegrenzter Freizeit schwelgend.

Aktive Mitverantwortung der Älteren gegenüber der Gesellschaft wird inskünftig an Bedeutung zunehmen. Je länger das Leben dauert, desto unerträglicher wird die im letzten Jahrhundert eingerichtete Aufteilung in die sogenannt aktiven und die „geschenkten“ Jahre. Die Senioren als Ressource sind gefragt.

Abschliessend – bzw. ausblickend – wird man sagen dürfen, dass in Bezug auf das älter Werden das gleiche gilt, was die Entwicklung der menschlichen Kultur seit jeher geprägt hat, nämlich: die Fähigkeit wie die Notwendigkeit, auf das eigene Schicksal handelnd und übend (!) Einfluss zu nehmen, im Schöpfungsprozess einen aktiven Part zu übernehmen, in der Spannung zwischen dem Gegebenen und dem Gewollten kreative Wege zu gehen. Bereits Sokrates hatte vom Menschen gesprochen als vom Wesen, das potenziell sich selbst überlegen ist. Soll uns die Erfahrung entmutigen, dass oft auch das Gegenteil zutrifft?

Aktualisierte Fassung, Frühling 2009