
Zu
einer demokratischen Gesellschaft gehört das Prinzip der Erwartbarkeit,
nämlich, dass Bürgerinnen und Bürger wissen, wie staatliche Entscheidungen
zukünftig aussehen und wie gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen werden,
damit sie Vorsorge treffen und planen können.
Vertrauen
ist eine starke emotionale Bastion, wenn Unübersichtlichkeit und Ungewissheit
entstehen infolge chaotischer Verläufe (Georg Simmel). Dann ist Vertrauen ein sicherer
Anhalt bei turbulenten Konstellationen. Ausserdem ist Vertrauen ein Mechanismus
zur „Reduktion von sozialer Komplexität“ (Niklas Luhmann). Angesichts der Flut
von Steuervorschriften kann ich z.B. Komplexität reduzieren, indem der kundige Steuerberater
dies für mich erledigt – dabei muss er mein Vertrauen besitzen. Ganz
allgemein hat Vertrauen eine Orientierungs- und Filterfunktion.
In
der arbeitsteiligen Welt ist Vertrauen die Basis für das Funktionieren von
Wirtschaft und Technik. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, damit die
Bremsen überprüft werden, vertraue ich dem Mechaniker, sonst steige ich nicht
mehr in meinen Wagen. Auch die moderne „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross)
bedarf des Vertrauens infolge des Selektionszwangs.
Verschiedene Vertrauens-Konzepte setzen die Akzente
jeweils anders. Die personale
Auffassung aus psychologischer Sicht thematisiert das Ur-Vertrauen als
Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstvertrauen (z.B.
Erikson). Oder der lerntheoretische Ansatz: Vertrauen ist eine
Erwartungshaltung gegenüber anderen Personen als Ergebnis von Erfahrungen (z.B.
Rotter). Daneben gibt es spieltheoretische Ansätze, die das Vertrauen bei
Entscheidungen und Interaktionen untersuchen.
Beim Vertrauen dringen wir bei Menschen in eine Schicht
vor, die längst vor dem Bewusstsein gelegt wurde und Bestätigung erwartet. Es
ist bemerkenswert, dass die Biochemie jetzt dafür sogar ein Hormon entdeckt
hat, ein Vertrauenshormon, das Oxytocin.
Religiöse
Menschen haben Vertrauen auf Gott, sie setzen darauf, dass das Heilsversprechen
eingelöst wird: Religion ist Vertrauenssache. Und so ist es auch in anderen
Beziehungen, etwa der privaten Partnerschaft. Ohne Vertrauen kann sie nicht
bestehen, und Vertrauen hilft oft, Probleme zu lösen.
Vertrauen
ist ein wichtiges Kapital. Es ist ein soziales Kapital, das nicht in Währungen
zu beziffern und zu berechnen ist, trotzdem ist es für jedes Unternehmen mass-
und ausschlaggebend. Wo Vertrauen fehlt, bleibt der Erfolg aus. Die
gegenwärtige Finanzmarktkrise ist dafür ein schlagender Beweis.
Eine
Personengruppe ist von dem gegenwärtigen allgemeinen Vertrauensschwund
besonders betroffen: die ältere Generation. Im Alter kann man nicht wieder von
vorne anfangen, sondern ist auf Kontinuität angewiesen. Dies betrifft nicht nur
Rente und Pensionskassen.
Ohne
Vertrauen ist keine erfolgreiche Arbeit für ältere Menschen möglich. Neben der
Fachkompetenz ist Vertrauen die Voraussetzung, dass etwa ältere Personen in
eine Residenz oder andere Alterseinrichtung ziehen und ihre Wohnung aufgeben.
Vertrauen ist das Bewusstsein, dass der andere ein glaubwürdiger und
verlässlicher Partner ist, der mit Kompetenz und Aufrichtigkeit sein Geschäft
betreibt. Dieses Bewusstsein muss kontinuierlich gepflegt werden. Vertrauen ist
aber auch ein Geschenk, das man erst durch kontinuierliches, einfühlendes und
verantwortliches Handeln erhält. Vertrauen kann man erwerben, wenn Wort und
Handeln übereinstimmen, wenn Absprachen eingehalten werden und die Person des
anderen respektiert und seine Individualität geachtet wird. Vertrauen basiert
auf ethischen Grundüberzeugungen. Solche ethischen Grundüberzeugungen bestimmen
die Philosophie von Tertianum und vieler anderer Anbieter von Dienstleistungen
für ältere Menschen. Dabei muss ein intergenerativer Ansatz verfolgt werden,
und deshalb plädieren wir seit Jahren für generationenverträgliche Lösungen in
Wirtschaft und Politik. Denn das Vertrauen zwischen den Generationen ist eine
wichtige Voraussetzung für sozialen Frieden.
Lenins
staatstragende Maxime „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ sollte umgedreht
werden, da zunehmende Kontrolle und Überwachung die Autonomie jedes Bürgers und
jede seiner Tätigkeiten tangieren. Nur auf Vertrauen gründen der Generationenvertrag
und eine prosperierende Zukunft unserer Gesellschaft. Deshalb sind vertrauensbildende
Massnahmen neben der staatlichen Setzung eines allgemeinen Rahmens für
wirtschaftliches Handeln zwingend erforderlich.