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Herbst 2003

Editorial: Bunte Reifung


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Reifende Arbeitgeber, reifende Arbeitnehmer

Gedanken eines Reifenden zu Markt-Beobachtungen von Peter Kessler

Man spricht von Verkäufermarkt und Käufermarkt. Auch von Arbeitsmarkt. Und der Begriff Markt kann wohl auch für den täglichen Markt des Miteinanderumgehens verwendet werden.

Auf dem Arbeitsmarkt sind — je nach Konjunkturlage - die Stellensuchenden oben; in den letzten Jahren jedoch sind es die Arbeitgeber (sollten eigentlich Arbeit-Nehmer genannt werden), welche am längeren Hebel sitzen. Wohlstand und Wohlbefinden für die Bewohner der Schweiz, des Kontinentes oder des ganzen Globus werden als Zielsetzung der Marktmechanismen genannt. Was jedoch nur dann funktioniert, wenn der Markt in Balance ist.

Grosses Lob gilt denjenigen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der reifenden Schweiz — es sind deren sehr viele — welche auch in Zeiten von Dis-Balance auf dem Arbeitsmarkt ihre jeweilige Stellung nicht zu Ungunsten der andern Seite ausnützen. Da sie irgendwie spüren, dass es eigentlich gar keine andere Seite gibt. Weil doch letztlich alle von allen abhängig sind. Nicht nur im metaphysischen, sondern auch im materiellen Sinn.

Was leider allzu oft vergessen geht. Beispiel: da ist eine Firma, welche Mitarbeitende bei geringstem Anzeichen eines Absprungs zur Konkurrenz gleichentags vor die Türe stellt. Aus Angst vertrauliche Informationen würden mitgehen. Jedoch geht vergessen, dass solche Ex-Mitarbeitende eines Tages die (teueren) Geräte nicht von der alten Firma für ihren neuen Arbeitgeber einkaufen werden.

Total Quality Management hat meines Erachtens neben den technischen Aspekten eben auch sehr viel mit Human Resources Management zu tun. Und in dieser Hinsicht wäre es wohl angemessen, sich wieder etwas auf die längerfristigen Perspektiven zu besinnen. Eben darauf, dass alles und alles wirklich zusammenhängt.

Anderes Beispiel gefällig: ich bin erstaunt, wie wenig das goldene Instrument des Feedback gebraucht wird. Im Sinne dieser erwähnten Vernetztheit und Abhängigkeit mit allen (und allem) wäre doch ein Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung (im Sinne von: "Bei uns ist der Kunde König" oder "Unsere wichtigste Ressource sind die Mitarbeitenden") auch in scheinbar kleinen Dingen wichtig. So z.B. ein Bescheid auf die eingereichte Bewerbung mit Rücksendung der Unterlagen. Auch wenn diese in Massen eingetroffen sind. Oder: ein Dank an die Organisatoren des Gemeindeanlasses. Oder ein Feedback zu einer eingereichten Beschwerde über ein Produkt. Oder ein Telefon wegen verspäteter Lieferung. Oder eine Dankeskarte an die Person, welche bei der Jobsuche mit Informationen weitergeholfen hat. Tausende weitere tägliche Beispiele könnten erwähnt werden, wo wir uns freuen, wenn wir von der andern (Markt-)Seite einen Feedback bekommen. Nach einer Einladung zur Schifffahrt vielleicht, oder zur Oper. Und wir kehrum das Gleiche tun würden.

Im Kleinen und Alltäglichen könnte geübt werden, was auch zum reifenden Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Bürgerin und Welt-Bewohner führt. Das Ernstnehmen des Gegenübers. Einfach nach der goldenen Regel: so wie ich es selbst von der andern Seite schätzen würde. Es wäre zudem auch "good business". Der vom alten Job zum Konkurrenten und dann zum Anwender Weggehende würde dann viel eher die Ausrüstung, den Service der ehemaligen Firma bestellen, nun da er in eine gehobenen Position aufgestiegen ist.

Schlüssel zu einem reifenden Verhalten der gegenseitigen Achtung und Wertschätzung ist wohl diese Einsicht des Zusammenhängens aller Dinge. Und die Dankbarkeit für die Existenz aller Dinge und Phänomene. Die reifende Schweiz, besser, der reifende Schweizer und die reifende Schweizerin sind eben vielleicht daran zu erkennen, dass sie sich erkenntlich zeigen.