Herbst
im Beruf - Herbst des Lebens
Von
Fridolin Herzog

Der Herbst ist eine Jahreszeit,
die auch als Sinnbild für unser Leben steht.
Dichter haben ihn besungen und
in reichen Stimmungsgemälden zum Ausdruck gebracht. Wohl bekannt
sind die Zeilen von Rainer Maria Rilke: "Herr: es ist Zeit.
Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los."
Die Entwicklungsphasen des menschlichen
Lebens selbst gleichen den Jahreszeiten der Natur. Wie jede Jahreszeit
beim Wachstum auf der Erde ihre besonderen Aufgaben und Eigenarten hat,
so auch im menschlichen Leben: "Der Frühling ist die Zeit
des Wachstums, der Entwicklung und der Entfaltung. Der Herbst ist die
Zeit der Reife und der Ernte, viele Früchte erlangen im Herbst
erst ihre Genussreife und auch das Leben wird in der zweiten Lebenshälfte
oft farbiger. Im Herbst werden die Tage zumeist als kürzer empfunden;
viele Menschen haben das Gefühl, dass die Zeit mit zunehmendem
Alter schneller vergeht. Parallelen zwischen Natur und Lebenslauf können
viele gezogen werden". (Peter Bachmann, Lebensperspektiven) So
hat jede Lebensperiode ihren eigenen Sinn, ihre eigene Aufgabe. Diese
zu finden und sich darin zu schicken ist eines der wichtigsten Probleme
der Anpassung an das Leben. (Erich Stern) Wer sich in das Studium der
"Lebensalter" vertiefen will, der lese darüber die weisen
Betrachtungen des Philosophen Romano Guardini, oder auch das Standardwerk
von Bernard Lievegoed: "Lebenskrisen Lebenschancen.
Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter."
Bei den nachfolgenden Gedanken
versuche ich mir die Frage zu stellen, was der "Herbst im Beruf"
in der heutigen Arbeitswelt für den " Herbst des Lebens"
mit sich bringt, für den einzelnen Menschen wie für die Gesellschaften.
Ich gehe aus von Tatsachen und Tendenzen und stelle dazu Fragen, die
ich zwar auch nicht beantworten kann, für die wir alle jedoch in
naher Zukunft Antworten finden oder entwickeln müssen.
Herbst des Berufslebens (ab
50 bis 65)
Viele Menschen befinden sich
um die 50 in Höchstform. Sie können ihre persönlichen
und beruflichen Erfahrungen in ihrem Arbeitsfeld intensiv umsetzen.
Sie fühlen sich gesund und vital und haben die Übersicht.
Es scheint, dass man nun "die Früchte ernten" kann, die
Früchte des Wachstums einer oft mühevollen Lebens- und Berufsentwicklung.
Viele übernehmen in dieser Lebensphase anspruchsvolle Führungsaufgaben
oder schaffen als künstlerische Menschen grosse Werke: "Befiehl
den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei
südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die
letzte Süsse in den schweren Wein." (Rilke)
Es ist andererseits auch die
Zeit einer "endgültigen" Bestandesaufnahme über
das, was man im beruflichen und gesellschaftlichen Leben erreicht oder
eben nicht erreicht hat. Es gilt, den "Erfolg" der eigenen
Karriere zu bilanzieren, denn: "Wer jetzt kein Haus hat, baut
sich keines mehr"... Früher oder später kommt der
"point of no return", der kritische Augenblick, wo man sich
von den Dingen lösen muss, die man selbst aufgebaut hat und die
andere sicher anders fortführen werden; und es wird Zeit, sich
auf das vorzubereiten, was man noch tun will, das auszusondern, was
man bleiben lassen kann, und das in Angriff zu nehmen, was man noch
zu Ende führen will. (Lievegoed)
Tatsache ist aber auch, dass
zahlreiche Menschen in diesem Alter heute infolge der wirtschaftlichen
Entwicklung (Flexibilisierung, Fusionierung, Globalisierung) aus dem
Kreis der produktiven Arbeitswelt herausgeschleudert werden oder dass
sie dem enormen Druck in der Welt des "neuen Kapitalismus"(Richard
Sennett) psychisch nicht mehr standhalten, krank werden und sich frühpensionieren
lassen...Tatsache ist ferner, dass viele Menschen, wenn sie in diesem
Alter ihren "Job" verlieren, kaum mehr eine neue Stelle finden.
Ihnen winkt die sogenannte "Altersguillotine". Da richten
die "Tugenden der Alten" wie Erfahrung, Zuverlässigkeit,
Loyalität und Verantwortungsbewusstsein nicht mehr viel aus. Die
Praxis der Arbeitsvermittlung zeigt: Wenn sich zwei Gleichqualifizierte
für dieselbe Stelle bewerben und einer ist über 50 Jahre alt,
wird eher der Jüngere bevorzugt. Ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
gelten als zu teuer, krankheitsanfällig und unflexibel. Für
sie wird, auch wenn sie noch angestellt sind, nichts mehr investiert
(z.B. in Weiterbildung). Erstaunlich ist, dass in der betrieblichen
Realität nicht einmal so sehr die vorerwähnten Vorurteile
entscheidend sind, sondern die Tatsache, dass ältere Menschen nicht
mehr in die modernen Arbeitsteams integriert werden können, da
diese zumeist aus jungen Mitgliedern bestehen...Wie ich beobachte, ist
dies nicht nur in den Bereichen Technik und Handel der Fall, sondern
auch in sozialen Einrichtungen.
Wie passt dies alles zu den
Erkenntnissen der Gerontologen, wonach die "Alten" immer jünger
werden? Wie kann sich eine vernünftige Gesellschaft leisten, auf
die "reifen" Ressourcen ihrer älterer Mitglieder zu verzichten?
Ein Brennpunkt der gegenwärtigen
Kontroversen über die Sozialpolitik in den europäischen Ländern
liegt in der künftigen Gestaltung und Finanzierung der Altersversicherungen.
Ein möglicher Lösungsansatz gegen die Diskriminierung älterer
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen scheint in der Flexibilisierung des
Rentenalters zu liegen. (Vgl. den Beitrag
"Reife und das liebe Geld" von Urs Schnider in der Sommer-Ausgabe
von REIFE.CH). In welchem Dilemma wir in der Diskussion dieses Problems
stecken, zeigt die gegenwärtige Abstimmungsrhetorik: "Wollen
Sie oder Ihre Kinder bis 67 auf die Pension warten in einer Zeit,
wo jeder glücklich ist, wenn er nicht schon mit 55 aus dem Erwerbsleben
geschasst und dann als "Scheininvalider" diffamiert wird?"
(Christiane Brunner, Präsidentin SP Schweiz)
Eine Trendwende scheint sich
abzuzeichnen: "Im Hinblick auf die demographische Entwicklung kann
es sich die Wirtschaft gar nicht leisten, auf ältere Mitarbeiter
zu verzichten. Im Jahr 2020 werden 47 Prozent der Schweizer Bevölkerung
über 45 Jahre alt sein. Das Durchschnittsalter der Berufstätigen
wird also ohnehin steigen und bedingt ein Umdenken auf Arbeitgeber-
und Arbeitnehmerseite. Es gilt, das Potential älterer Mitarbeiter
auszuschöpfen und ihre Attraktivität zu steigern, weil wir
schon in kurzer Zeit dringend auf sie angewiesen sind... Unternehmen
täten also gut daran, die Qualitäten älterer Mitarbeiter
vermehrt zu nutzen und in ihrem Personalbestand eine Durchmischung von
Jung und Alt anzustreben. Vom generationenübergreifenden Miteinander
und dem daraus resultierenden Lerneffekt profitiert letztlich das Unternehmen
selbst und damit auch die Wirtschaft" (Ida Arnold. Publikation
"der arbeitsmarkt" 12/2002).

Spätherbst: Die "jungen
Alten" (zwischen 65 und 75)
Die dritte Strophe des Gedichts
"Herbsttag" von Rilke lautet: Wer jetzt kein Haus hat,
baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin
und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben"...
Muss das so sein? Sicher ist
es ein "Schock", wenn man infolge "Pensionierung"
plötzlich - obwohl man sich theoretisch darauf vorbereitet hat
- die alltägliche Einbindung in die Zeitstruktur der Erwerbsarbeit
und das vielfältige Beziehungsnetz des gewohnten beruflichen Umfeldes
verliert. Man wiegt sich vielleicht in der Illusion, man könne
die Beziehungen zu einigen der besten Berufskollegen und Kolleginnen
aufrechterhalten und weiterpflegen. Nach einiger Zeit hat man jedoch
zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Menschen andere Beschäftigungen
und Sorgen haben als an deine verblichene Freundschaft zu denken...
Soll man deshalb resignieren? - Schliesslich gibt es noch wichtige "ausserberufliche"
Beziehungen: die Lebenspartnerin (der Lebenspartner), die Familie, die
Verwandtschaft, Nachbarschaft, Vereine, Gruppen und Gemeinschaften,
in die wir eingebunden sind; und wenn wir wach und lebendig bleiben,
werden wir auch als ältere Menschen noch viele neue Begegnungen
haben können.
Solange sie noch in die Hektik
der Arbeitswelt verstrickt sind, träumen viele davon, was sie alles
unternehmen und nachholen werden, "wenn sie dann einmal pensioniert
sind". Die wenigsten verwirklichen später diese aufgeschobenen
Lebensprojekte... Die beste Vorbereitung auf die "Pensionierung"
ist, - jetzt und jederzeit - zu tun und zu realisieren, was mir wichtig
und teuer ist, was mich wirklich interessiert, was meinem wahren Wesen
entspricht und wofür es sich zu leben lohnt. - Nach der Pensionierungsschwelle
erhält diese "Berufung" erst recht eine radikale und
existentielle Tiefe. Man hat wirklich die Chance, ein neues Leben zu
beginnen. Mann muss sich mit der neuen Situation auseinandersetzen,
sie kennen lernen, sie akzeptieren, sich an sie anpassen und sich mit
ihr anfreunden. Dann werden wir allmählich neue Perspektiven entdecken.
Dieser Prozess macht uns zu "reifen Menschen", welche aus
Erfahrung wissen, was den Unterschied ausmacht zwischen Klugheit und
Weisheit, zwischen Stolz und Bescheidenheit...
Übrigens: Die neuesten
gerontologischen Untersuchungen zeigen, dass es mit der "Lebenszufriedenheit"
der jungen Alten nicht so schlecht bestellt sein kann. (Vgl. den Beitrag
von Urs Schlumpf: "Lebenszufriedenheit
und Wohlbefinden im höheren Lebensalter", im Sommermagazin
2003 von REIFE.CH). Die älteren Menschen entsprechen kaum den in
unserer Gesellschaft gängigen "Altersbildern". Die Schweizer
Bevölkerung erlebt den "Ruhestand nach der Pensionierung"
entgegen früheren Annahmen nach einer kurzen Übergangszeit
als durchwegs positiv. Kürzlich las ich dazu eine interessante
Diplomarbeit mit dem Titel "Altern als individuelle Phase in der
Gesellschaft - Das individuell erlebte Alter in Diskrepanz zu den gesellschaftlich
definierten Altersrollen". Die Verfasserin, Claudia Brunner, führt
dort aus, dass es heute darum geht, die defizitorientierte Einseitigkeit
in der vorherrschenden Diskussion der gesellschaftlichen Altersproblematik
zu überwinden, die Vielfältigkeit des Alters zu erkennen und
die darin verborgenen Ressourcen zugänglich zu machen. "Für
die jungen Alten gehören persönliche Aktivitäten,
soziale Teilnahme und gute Generationenbeziehungen zusammen. Gleichzeitig
verfügt diese Altersgruppe über immer mehr fachliche und soziale
Kompetenzen und bildet dadurch eine enorme Erweiterung gesellschaftlicher
Ressourcen und Kräfte". Der bekannte Alterssoziologe François
Höpflinger hat vorgeschlagen, zwei verschiedene "Alterskulturen"
zu entwickeln: eine Alterskultur für die aktiven Rentner sowie
eine Alterskultur für behinderte und pflegebedürftige Menschen.
Neben den institutionalisierten wirtschaftlichen und sozialmedizinischen
Unterstützungen, welche die Gesellschaft dem Alter bereitzustellen
bemüht ist, fehlen jedoch zur Zeit noch griffige Modelle und Konzepte,
um das Engagement älterer Menschen wirksam zu fördern und
das Know how der "jungen Alten" gesellschaftlich nutzbar zu
machen. Es gilt, in Zukunft dieses "vergrabene" Potential
ans Licht zu bringen und zum Wohle des Ganzen einzusetzen. Eine schöne
Herausforderung für die Alten selbst sowie für ihre professionellen
Helfer...
Eigentlich müsste hier
noch ein Abschnitt über den "Winter des Lebens", über
die "richtigen Alten", die hochbetagten (75 bis 100jährigen)
Menschen folgen. Doch das hat an dieser Stelle keinen Raum mehr. Angeklungen
ist das Thema in meinem Beitrag "Reifen: Leben und Sterben"
im Sommermagazin von REIFE.CH. Persönlich stehe ich noch nicht
in diesem hohen Alter und weiss auch nicht, ob ich es je erreichen werde...
Der alte Goethe soll die menschlichen Lebensphasen einmal so charakterisiert
haben: "das Kind ist Realist, der Jüngling Idealist, der Mann
Skeptiker und der Greis Mystiker"... Wie dem immer sei, es gefällt
mir, meine Gedanken hier mit einem Vers von Bertold Brecht zu
beenden:
Ich sah ein
grosses Herbstblatt,
das der Wind
Die Strasse
lang trieb, und ich
dachte: Schwierig
Den künftigen
Weg des Blattes
auszurechnen!

Verwendete Literatur:
Das Herbstbuch: Gedichte
und Prosa. Hrsg. von Hans Bender, Insel Verlag 1982
Bernard Lievegoed: Lebenskrisen
Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen
zwischen Kindheit und Alter.
Kösel Verlag 1979
Richard Sennett: Der flexible
Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus.
Berlin Verlag 1998
Claudia Brunner: Altern als
individuelle Phase in der Gesellschaft. - Das individuell
erlebte Alter in Diskrepanz
zu gesellschaftlich definierten Altersrollen.
Diplomarbeit an der Fachhochschule
Solothurn Nordwestschweiz, Bereich Soziales, 2003,
sowie die im Text erwähnten
REIFE-Beiträge von Urs Schnider und Urs Schlumpf.