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Herbst 2003

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Herbst im Beruf - Herbst des Lebens

Von Fridolin Herzog

Der Herbst ist eine Jahreszeit, die auch als Sinnbild für unser Leben steht.

Dichter haben ihn besungen und in reichen Stimmungsgemälden zum Ausdruck gebracht. Wohl bekannt sind die Zeilen von Rainer Maria Rilke: "Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los."

Die Entwicklungsphasen des menschlichen Lebens selbst gleichen den Jahreszeiten der Natur. Wie jede Jahreszeit beim Wachstum auf der Erde ihre besonderen Aufgaben und Eigenarten hat, so auch im menschlichen Leben: "Der Frühling ist die Zeit des Wachstums, der Entwicklung und der Entfaltung. Der Herbst ist die Zeit der Reife und der Ernte, viele Früchte erlangen im Herbst erst ihre Genussreife und auch das Leben wird in der zweiten Lebenshälfte oft farbiger. Im Herbst werden die Tage zumeist als kürzer empfunden; viele Menschen haben das Gefühl, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Parallelen zwischen Natur und Lebenslauf können viele gezogen werden". (Peter Bachmann, Lebensperspektiven) So hat jede Lebensperiode ihren eigenen Sinn, ihre eigene Aufgabe. Diese zu finden und sich darin zu schicken ist eines der wichtigsten Probleme der Anpassung an das Leben. (Erich Stern) Wer sich in das Studium der "Lebensalter" vertiefen will, der lese darüber die weisen Betrachtungen des Philosophen Romano Guardini, oder auch das Standardwerk von Bernard Lievegoed: "Lebenskrisen — Lebenschancen. — Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter."

Bei den nachfolgenden Gedanken versuche ich mir die Frage zu stellen, was der "Herbst im Beruf" in der heutigen Arbeitswelt für den " Herbst des Lebens" mit sich bringt, für den einzelnen Menschen wie für die Gesellschaften. Ich gehe aus von Tatsachen und Tendenzen und stelle dazu Fragen, die ich zwar auch nicht beantworten kann, für die wir alle jedoch in naher Zukunft Antworten finden oder entwickeln müssen.

Herbst des Berufslebens (ab 50 bis 65)

Viele Menschen befinden sich um die 50 in Höchstform. Sie können ihre persönlichen und beruflichen Erfahrungen in ihrem Arbeitsfeld intensiv umsetzen. Sie fühlen sich gesund und vital und haben die Übersicht. Es scheint, dass man nun "die Früchte ernten" kann, die Früchte des Wachstums einer oft mühevollen Lebens- und Berufsentwicklung. Viele übernehmen in dieser Lebensphase anspruchsvolle Führungsaufgaben oder schaffen als künstlerische Menschen grosse Werke: "Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süsse in den schweren Wein." (Rilke)

Es ist andererseits auch die Zeit einer "endgültigen" Bestandesaufnahme über das, was man im beruflichen und gesellschaftlichen Leben erreicht oder eben nicht erreicht hat. Es gilt, den "Erfolg" der eigenen Karriere zu bilanzieren, denn: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr"... Früher oder später kommt der "point of no return", der kritische Augenblick, wo man sich von den Dingen lösen muss, die man selbst aufgebaut hat und die andere sicher anders fortführen werden; und es wird Zeit, sich auf das vorzubereiten, was man noch tun will, das auszusondern, was man bleiben lassen kann, und das in Angriff zu nehmen, was man noch zu Ende führen will. (Lievegoed)

Tatsache ist aber auch, dass zahlreiche Menschen in diesem Alter heute infolge der wirtschaftlichen Entwicklung (Flexibilisierung, Fusionierung, Globalisierung) aus dem Kreis der produktiven Arbeitswelt herausgeschleudert werden oder dass sie dem enormen Druck in der Welt des "neuen Kapitalismus"(Richard Sennett) psychisch nicht mehr standhalten, krank werden und sich frühpensionieren lassen...Tatsache ist ferner, dass viele Menschen, wenn sie in diesem Alter ihren "Job" verlieren, kaum mehr eine neue Stelle finden. Ihnen winkt die sogenannte "Altersguillotine". Da richten die "Tugenden der Alten" wie Erfahrung, Zuverlässigkeit, Loyalität und Verantwortungsbewusstsein nicht mehr viel aus. Die Praxis der Arbeitsvermittlung zeigt: Wenn sich zwei Gleichqualifizierte für dieselbe Stelle bewerben und einer ist über 50 Jahre alt, wird eher der Jüngere bevorzugt. Ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gelten als zu teuer, krankheitsanfällig und unflexibel. Für sie wird, auch wenn sie noch angestellt sind, nichts mehr investiert (z.B. in Weiterbildung). Erstaunlich ist, dass in der betrieblichen Realität nicht einmal so sehr die vorerwähnten Vorurteile entscheidend sind, sondern die Tatsache, dass ältere Menschen nicht mehr in die modernen Arbeitsteams integriert werden können, da diese zumeist aus jungen Mitgliedern bestehen...Wie ich beobachte, ist dies nicht nur in den Bereichen Technik und Handel der Fall, sondern auch in sozialen Einrichtungen.

Wie passt dies alles zu den Erkenntnissen der Gerontologen, wonach die "Alten" immer jünger werden? Wie kann sich eine vernünftige Gesellschaft leisten, auf die "reifen" Ressourcen ihrer älterer Mitglieder zu verzichten?

Ein Brennpunkt der gegenwärtigen Kontroversen über die Sozialpolitik in den europäischen Ländern liegt in der künftigen Gestaltung und Finanzierung der Altersversicherungen. Ein möglicher Lösungsansatz gegen die Diskriminierung älterer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen scheint in der Flexibilisierung des Rentenalters zu liegen. (Vgl. den Beitrag "Reife und das liebe Geld" von Urs Schnider in der Sommer-Ausgabe von REIFE.CH). In welchem Dilemma wir in der Diskussion dieses Problems stecken, zeigt die gegenwärtige Abstimmungsrhetorik: "Wollen Sie oder Ihre Kinder bis 67 auf die Pension warten — in einer Zeit, wo jeder glücklich ist, wenn er nicht schon mit 55 aus dem Erwerbsleben geschasst und dann als "Scheininvalider" diffamiert wird?" (Christiane Brunner, Präsidentin SP Schweiz)

Eine Trendwende scheint sich abzuzeichnen: "Im Hinblick auf die demographische Entwicklung kann es sich die Wirtschaft gar nicht leisten, auf ältere Mitarbeiter zu verzichten. Im Jahr 2020 werden 47 Prozent der Schweizer Bevölkerung über 45 Jahre alt sein. Das Durchschnittsalter der Berufstätigen wird also ohnehin steigen und bedingt ein Umdenken auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Es gilt, das Potential älterer Mitarbeiter auszuschöpfen und ihre Attraktivität zu steigern, weil wir schon in kurzer Zeit dringend auf sie angewiesen sind... Unternehmen täten also gut daran, die Qualitäten älterer Mitarbeiter vermehrt zu nutzen und in ihrem Personalbestand eine Durchmischung von Jung und Alt anzustreben. Vom generationenübergreifenden Miteinander und dem daraus resultierenden Lerneffekt profitiert letztlich das Unternehmen selbst und damit auch die Wirtschaft" (Ida Arnold. Publikation "der arbeitsmarkt" 12/2002).

 

Spätherbst: Die "jungen Alten" (zwischen 65 und 75)

Die dritte Strophe des Gedichts "Herbsttag" von Rilke lautet: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben"...

Muss das so sein? Sicher ist es ein "Schock", wenn man infolge "Pensionierung" plötzlich - obwohl man sich theoretisch darauf vorbereitet hat - die alltägliche Einbindung in die Zeitstruktur der Erwerbsarbeit und das vielfältige Beziehungsnetz des gewohnten beruflichen Umfeldes verliert. Man wiegt sich vielleicht in der Illusion, man könne die Beziehungen zu einigen der besten Berufskollegen und Kolleginnen aufrechterhalten und weiterpflegen. Nach einiger Zeit hat man jedoch zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Menschen andere Beschäftigungen und Sorgen haben als an deine verblichene Freundschaft zu denken... Soll man deshalb resignieren? - Schliesslich gibt es noch wichtige "ausserberufliche" Beziehungen: die Lebenspartnerin (der Lebenspartner), die Familie, die Verwandtschaft, Nachbarschaft, Vereine, Gruppen und Gemeinschaften, in die wir eingebunden sind; und wenn wir wach und lebendig bleiben, werden wir auch als ältere Menschen noch viele neue Begegnungen haben können.

Solange sie noch in die Hektik der Arbeitswelt verstrickt sind, träumen viele davon, was sie alles unternehmen und nachholen werden, "wenn sie dann einmal pensioniert sind". Die wenigsten verwirklichen später diese aufgeschobenen Lebensprojekte... Die beste Vorbereitung auf die "Pensionierung" ist, - jetzt und jederzeit - zu tun und zu realisieren, was mir wichtig und teuer ist, was mich wirklich interessiert, was meinem wahren Wesen entspricht und wofür es sich zu leben lohnt. - Nach der Pensionierungsschwelle erhält diese "Berufung" erst recht eine radikale und existentielle Tiefe. Man hat wirklich die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Mann muss sich mit der neuen Situation auseinandersetzen, sie kennen lernen, sie akzeptieren, sich an sie anpassen und sich mit ihr anfreunden. Dann werden wir allmählich neue Perspektiven entdecken. Dieser Prozess macht uns zu "reifen Menschen", welche aus Erfahrung wissen, was den Unterschied ausmacht zwischen Klugheit und Weisheit, zwischen Stolz und Bescheidenheit...

Übrigens: Die neuesten gerontologischen Untersuchungen zeigen, dass es mit der "Lebenszufriedenheit" der jungen Alten nicht so schlecht bestellt sein kann. (Vgl. den Beitrag von Urs Schlumpf: "Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden im höheren Lebensalter", im Sommermagazin 2003 von REIFE.CH). Die älteren Menschen entsprechen kaum den in unserer Gesellschaft gängigen "Altersbildern". Die Schweizer Bevölkerung erlebt den "Ruhestand nach der Pensionierung" entgegen früheren Annahmen nach einer kurzen Übergangszeit als durchwegs positiv. Kürzlich las ich dazu eine interessante Diplomarbeit mit dem Titel "Altern als individuelle Phase in der Gesellschaft - Das individuell erlebte Alter in Diskrepanz zu den gesellschaftlich definierten Altersrollen". Die Verfasserin, Claudia Brunner, führt dort aus, dass es heute darum geht, die defizitorientierte Einseitigkeit in der vorherrschenden Diskussion der gesellschaftlichen Altersproblematik zu überwinden, die Vielfältigkeit des Alters zu erkennen und die darin verborgenen Ressourcen zugänglich zu machen. "Für die ‚jungen Alten’ gehören persönliche Aktivitäten, soziale Teilnahme und gute Generationenbeziehungen zusammen. Gleichzeitig verfügt diese Altersgruppe über immer mehr fachliche und soziale Kompetenzen und bildet dadurch eine enorme Erweiterung gesellschaftlicher Ressourcen und Kräfte". Der bekannte Alterssoziologe François Höpflinger hat vorgeschlagen, zwei verschiedene "Alterskulturen" zu entwickeln: eine Alterskultur für die aktiven Rentner sowie eine Alterskultur für behinderte und pflegebedürftige Menschen. Neben den institutionalisierten wirtschaftlichen und sozialmedizinischen Unterstützungen, welche die Gesellschaft dem Alter bereitzustellen bemüht ist, fehlen jedoch zur Zeit noch griffige Modelle und Konzepte, um das Engagement älterer Menschen wirksam zu fördern und das Know how der "jungen Alten" gesellschaftlich nutzbar zu machen. Es gilt, in Zukunft dieses "vergrabene" Potential ans Licht zu bringen und zum Wohle des Ganzen einzusetzen. Eine schöne Herausforderung für die Alten selbst sowie für ihre professionellen Helfer...

Eigentlich müsste hier noch ein Abschnitt über den "Winter des Lebens", über die "richtigen Alten", die hochbetagten (75 bis 100jährigen) Menschen folgen. Doch das hat an dieser Stelle keinen Raum mehr. Angeklungen ist das Thema in meinem Beitrag "Reifen: Leben und Sterben" im Sommermagazin von REIFE.CH. Persönlich stehe ich noch nicht in diesem hohen Alter und weiss auch nicht, ob ich es je erreichen werde... Der alte Goethe soll die menschlichen Lebensphasen einmal so charakterisiert haben: "das Kind ist Realist, der Jüngling Idealist, der Mann Skeptiker und der Greis Mystiker"... Wie dem immer sei, es gefällt mir, meine Gedanken hier mit einem Vers von Bertold Brecht zu beenden:

Ich sah ein grosses Herbstblatt,

das der Wind

Die Strasse lang trieb, und ich

dachte: Schwierig

Den künftigen Weg des Blattes

auszurechnen!

 

Verwendete Literatur:

Das Herbstbuch: Gedichte und Prosa. Hrsg. von Hans Bender, Insel Verlag 1982

Bernard Lievegoed: Lebenskrisen — Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen

zwischen Kindheit und Alter. — Kösel Verlag 1979

Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus.

Berlin Verlag 1998

Claudia Brunner: Altern als individuelle Phase in der Gesellschaft. - Das individuell

erlebte Alter in Diskrepanz zu gesellschaftlich definierten Altersrollen.

Diplomarbeit an der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz, Bereich Soziales, 2003,

sowie die im Text erwähnten REIFE-Beiträge von Urs Schnider und Urs Schlumpf.