Reifende
Einsichten
Wenn
die Zeit (noch nicht) reif ist ...
Persönliche
Bemerkungen von Andreas Giger

Wenn ich in
meinen Vorträgen über den Begriff der Reife plaudere, komme
ich nebst dem Verweis auf reife Äpfel und Birnen, auf reifen Käse
und Wein sowie auf reife Leistungen unvermeidlich auch auf die schöne
Formulierung Die Zeit ist reif.
Als jemand,
der sich beruflich intensiv mit der Zukunft beschäftigt und unablässig
Ideen dafür entwickelt, wie diese noch schöner oder klüger
werden könnte, kenne ich natürlich auch das Gegenteil, nämlich
dass die Zeit noch nicht reif ist für eine Idee. Was bedeutet,
dass diese Idee zunächst mal "auf Halde" produziert wird:
Sie entsteht, stellt fest, dass ihr der Zeitgeist noch nicht hold ist,
und wird deswegen abgelegt auf der grossen Recycling-Halde.
Denn das
ist eine andere Lehre aus jahrzehntelanger Erfahrung: Wenn für
eine Idee die Zeit noch nicht reif ist, bedeutet dies keineswegs, dass
das auf immer und ewig so bleiben muss. Eines Tages ist die Zeit reif,
und dann ist es gut, die Idee ist nicht endgültig begraben worden,
sondern lässt sich auf der Recycling-Halde wieder aufklauben und
wiederverwerten. Was ja nichts anderes meint, als den Wert aus ihr zu
schöpfen, den sie wert ist.

Das wird
für mich je länger je mehr einer der wertvollsten Vorteile
des älter Werdens: Die Recycling-Halde wächst mit jedem Jahr
- und damit auch die Chance, dass sich dort Brauchbares findet. Seit
ich das begriffen habe, sind meine Augen weit offen für die vielen
losen Fäden, die in meiner Vergangenheit herum hängen und
liegen. Fäden, an denen sich anknüpfen lässt. Nicht so,
als ob dazwischen nichts geschehen wäre. Ich verknüpfe die
Fäden mit erfahreneren, reiferen Händen anders als damals,
webe neue Muster aus ihnen. Die doch in der unerschütterlichen
Kontinuität eines langen Reifungsprozesses stehen.
In der manchmal
kürzeren, manchmal längeren und meist eher frustrierenden
Phase zwischen jenem Moment, in dem die Zeit noch nicht reif ist, und
jenem beglückenden Augenblick, in dem sie endlich reif ist, reift
natürlich nicht die Zeit. Es reifen vielmehr Einsichten unserer
Umgebung - und vor allem reifen wir. Und stellen dann manchmal im Rückblick
fest, dass wir damals, als die Zeit noch nicht reif war, selber auch
noch gar nicht reif für unsere eigenen Ideen waren...
Was mir heute
hilft, mit mehr Gelassenheit darauf zu reagieren, wenn wieder mal die
Zeit noch nicht reif ist für eine Idee - irgendein Sinn wird darin
schon stecken, und eines Tages werde ich ihn entdecken.
Oder auch
nicht. Was ich dann hoffentlich auch mit reifer Gelassenheit nehmen
werde.
Die Idee,
mit REIFE.CH eine Plattform für all jene zu entwickeln, die einfach
weiter reifen, während sie darauf warten, dass die Zeit reif ist,
scheint übrigens zu jenen zu gehören, deren Zeit schon reif
ist. Auch wenn sie noch viel reifer werden kann. Wie wir alle.
In diesem Sinne
fröhliches Reifen:
Andreas Giger
