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Herbst 2003

Editorial: Bunte Reifung


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Wenn die Zeit (noch nicht) reif ist ...

Persönliche Bemerkungen von Andreas Giger


Wenn ich in meinen Vorträgen über den Begriff der Reife plaudere, komme ich nebst dem Verweis auf reife Äpfel und Birnen, auf reifen Käse und Wein sowie auf reife Leistungen unvermeidlich auch auf die schöne Formulierung Die Zeit ist reif.

Als jemand, der sich beruflich intensiv mit der Zukunft beschäftigt und unablässig Ideen dafür entwickelt, wie diese noch schöner oder klüger werden könnte, kenne ich natürlich auch das Gegenteil, nämlich dass die Zeit noch nicht reif ist für eine Idee. Was bedeutet, dass diese Idee zunächst mal "auf Halde" produziert wird: Sie entsteht, stellt fest, dass ihr der Zeitgeist noch nicht hold ist, und wird deswegen abgelegt auf der grossen Recycling-Halde.

Denn das ist eine andere Lehre aus jahrzehntelanger Erfahrung: Wenn für eine Idee die Zeit noch nicht reif ist, bedeutet dies keineswegs, dass das auf immer und ewig so bleiben muss. Eines Tages ist die Zeit reif, und dann ist es gut, die Idee ist nicht endgültig begraben worden, sondern lässt sich auf der Recycling-Halde wieder aufklauben und wiederverwerten. Was ja nichts anderes meint, als den Wert aus ihr zu schöpfen, den sie wert ist.


Das wird für mich je länger je mehr einer der wertvollsten Vorteile des älter Werdens: Die Recycling-Halde wächst mit jedem Jahr - und damit auch die Chance, dass sich dort Brauchbares findet. Seit ich das begriffen habe, sind meine Augen weit offen für die vielen losen Fäden, die in meiner Vergangenheit herum hängen und liegen. Fäden, an denen sich anknüpfen lässt. Nicht so, als ob dazwischen nichts geschehen wäre. Ich verknüpfe die Fäden mit erfahreneren, reiferen Händen anders als damals, webe neue Muster aus ihnen. Die doch in der unerschütterlichen Kontinuität eines langen Reifungsprozesses stehen.

In der manchmal kürzeren, manchmal längeren und meist eher frustrierenden Phase zwischen jenem Moment, in dem die Zeit noch nicht reif ist, und jenem beglückenden Augenblick, in dem sie endlich reif ist, reift natürlich nicht die Zeit. Es reifen vielmehr Einsichten unserer Umgebung - und vor allem reifen wir. Und stellen dann manchmal im Rückblick fest, dass wir damals, als die Zeit noch nicht reif war, selber auch noch gar nicht reif für unsere eigenen Ideen waren...

Was mir heute hilft, mit mehr Gelassenheit darauf zu reagieren, wenn wieder mal die Zeit noch nicht reif ist für eine Idee - irgendein Sinn wird darin schon stecken, und eines Tages werde ich ihn entdecken.

Oder auch nicht. Was ich dann hoffentlich auch mit reifer Gelassenheit nehmen werde.


Die Idee, mit REIFE.CH eine Plattform für all jene zu entwickeln, die einfach weiter reifen, während sie darauf warten, dass die Zeit reif ist, scheint übrigens zu jenen zu gehören, deren Zeit schon reif ist. Auch wenn sie noch viel reifer werden kann. Wie wir alle.


In diesem Sinne fröhliches Reifen:

Andreas Giger