Reifes
Kurzfutter (Herbst 2003)
Vielleicht
ist Heimat dort, wo ich das Gefühl habe, meine Verantwortung wahrnehmen
zu können: als Bürger, Autor und Mensch. Ich bin lange genug
abgehauen. Bin die Verantwortung geflohen. Ich bin älter geworden,
verstehe jetzt, wie wichtig Verantwortung im Leben ist. Das hat vielleicht
mit Reife zu tun. ... Als ich jünger war, interessierte ich
mich nur für mich selbst, jetzt frage ich mich, was kann ich für
andere tun.
Haruki
Murakami, populärer japanischer Schriftsteller
Sehr geehrter
Herr Giger
Leider müssen
wir Ihnen mitteilen, dass die geplante Neuveranstaltung BESTlife (Die
Trend-Messe für Junggebliebene), die Ende November 2003 auf dem
neuen Messegelände Friedrichshafen stattfinden sollte, vorerst
auf Eis gelegt wird.
Lob des
Müssiggangs
Du
weisst nicht mehr, wie Blumen duften,
kennst
nur die Arbeit und das Schuften -
...
so geh´n sie hin, die schönsten Jahre,
am
Ende liegst du auf der Bahre
und
hinter dir, da grinst der Tod:
Kaputtgerackert
- Vollitiot !
Joachim
Ringelnatz (1883 - 1934)
Weiterführendes
zum Projekt Müssiggang im Internet:
www.otium-bremen.de
www.zeitverein.com
www.zeitpolitik.de

Je älter
man wird, desto mehr sieht man die Welt und das Leben als Einheit.
Ein Fortschrtitt
des Alters ist es, den Mut zu haben zum Weglassen, zur Konzentration
auf das Wesentliche.
Jakob
Schmid, geb. 1918, in einer Serie des St.Galler Tagblatts zum Alter.
THESE 3-DIE GROSSMUTTER STIRBT AUS.
FRAUEN ÜBER FÜNFZIG WOLLEN MEHR VOM LEBEN
Vor hundert Jahren betrug die Lebenserwartung
fünfzig Jahre, das Erreichen der Menopause stellte eher die Ausnahme
dar. Heute ist die Lebenserwartung der Frauen auf zirka achtzig Jahre
gestiegen, in die Menopause kommen sie mit 52. Damit findet die Hälfte
ihres Erwachsenenlebens in der Postmenopause statt. Für die Evolutionsbiologie
ist die Menopause ein unlösbares Problem. Es gibt keine Erklärung,
weshalb weibliche Säuger ihre fruchtbare Lebensphase lange vor
Ablauf ihrer statistischen Lebenserwartung beenden - ausser, dass die
Fürsorge der Grossmutter die Überlebenschancen der Enkel verbessert.
Auch die Gesellschaft kann keine bessere Geschichte über alternde
Frauen erzählen, diese bleiben ohne klares Profil, ihre Einstellungen,
Wünsche und Verhaltensweisen sind wenig erforscht.
Ältere Frauen verschwinden
vom Fernsehschirm und bleiben in der Welt des Marketings nahezu unsichtbar:
Sie werden in der Werbung zwar mitgemeint, aber selten direkt angesprochen.
Doch mit dem massenhaften Eintritt der Babyboomer in die Wechseljahre
werden zunehmend die "coolen" Seiten des Alterns entdeckt.
Entgegen Patricia Aburdenes und John Naisbitts Prognosen in "Megatrends:
Frauen" (Econ 1993) wurde die Menopause nicht zum wichtigsten Frauenthema
der Neunzigerjahre. Statt neuer Leiden ist neues Leben angesagt.
Gemäss Marktforschungsstudien
erleben Frauen nach fünfzig ihre besten Jahre und fühlen sich
so gut wie nie zuvor. Die überwiegende Mehrheit gibt an, dass ihr
Leben nach der Menopause besser ist als zuvor: Gesundheit, Arbeit, Sex,
Karriere, Beziehungen, Reisen, Interessen, Energie, Glück - alle
Aspekte des Lebens wurden besser, schöner, positiver. In der Lebensmitte
werden latente Begabungen genutzt und auf Neues gerichtet: ein neuer
Partner, ein neuer Wohnort, erneutes Single-Dasein, eine neue Karriere.
Im Gegensatz zum tradierten Bild von alten Menschen wollen Frauen über
fünfzig nicht schlicht und zurückhaltend leben, sich kleiden
und einrichten. Sie haben noch viel vor, wollen nicht dauernd an ihr
Alter erinnert und schon gar nicht als asexuelle Wesen behandelt werde.
Im Gegensatz zu den Jugendmärkten
gibt es für über Fünfzigjährige jedoch erst ein
kaum differenziertes Angebot. Senioren-Märkte orientieren sich
vorwiegend an den mit dem Altern verbundenen Defiziten und Ängsten.
Stoff für Träume, Abenteuer, Neugier bieten sie nicht. Doch
der neue Markt liegt nicht bei Gehhilfen von Ralph Lauren und orthopädischen
Einlagen von Prada, sondern bei neuartigen Konsum- und Freizeitangeboten,
die erst ab fünfzig richtig Spass machen. Hier entsteht der spannendste
Markt seit der Erfindung der Teenager.
Aus: Die Zukunft von Mann,
Frau und Familie, in GDI_Implus 2.03
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Zurück in die Zukunft:
Der rotierende Jungbrunnen
Die Mundwinkel hängen,
der alte Mann beugt und krümmt sich, er wird zur Erde gezerrt,
seine Augenlider fallen wie Rollläden am Abend. Was mit einer
Person im hohen Alter geschieht, ist die Folge der Gravitation,
die ein Leben lang an seinem Körper zerrte. Dagegen kann
etwas getan werden. Der Jungbrunnen kommt in Gestalt einer grossen
rotierenden Scheibe, die etwas schneller dreht als ein Karussell.
Zehn bis zwanzig Betten könnten darauf stehen, in die sich
Altersschwache für eine Nacht legen (genaue Dauer und Geschwindigkeit
müssen noch bestimmt werden). Solche Perioden der Zentrifugalisation
werden vor allem bei Herzbeschwerden empfohlen. (Everyday Science
and Mechanics, August 1935 zitiert in NZZ-Folio Juli 03)
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Japan
begeht den Tag des Respekts vor dem Alter
Am 15. September
ist dieser Feiertag, arbeitsfrei für die meisten Berufstätigen,
Schulen und Kindergärten bleiben geschlossen. Gemeindezentren laden
die betagten Bürger zu Vorträgen, Restaurants bieten Senioren-Rabatte,
Kinder basteln für die Grosseltern. Anders als der Valentinstag
oder Weihnachten ist der Alten-Tag nicht vom Kommerz in Beschlag genommen,
es ranken sich keine traditionellen Bräuche um ihn, denn der "Keiro
no Hi" wurde erst 1966 Nationalfeiertag. Damals sahen die Regierenden
mit Sorge, dass sich unter dem Einfluss von Landflucht und Industrialisierung
die Bande zwischen den Generationen zu lösen schienen, die natürliche
Autorität der Alten zu schwinden, die aus der Volksreligion Shinto
überkommene Ahnenverehrung einem neuen Pragmatismus zu weichen
drohte. Der Feiertag sollte die Probleme der Alten stärker ins
Bewusstsein rücken. Doch wer heutzutage die Kommentare zu diesem
Anlass liest, merkt schnell, dass nicht der mangelnde Resepkt vor dem
Alter, sondern die Masse der Alten das Problem Japans ist.
(Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung, 14.9.03)

Alte
Männer in einem Onsen-Bad in den japanischen Alpen
Hormone
können jung erhalten. Doch ein gesunder Lebensstil ist mindestens
ebenso wichtig, um jung und schön zu altern.
Quintessenz
eines Artikels (Tages-Anzeiger vom 22.5.03) zum Thema Hormonkur
Reifer
wäre es allerdings gewesen, sich nach Alternativen umzuschauen.
Dann wäre einer der Autoren vielleicht auf die Initiationsriten
von Naturvölkern gestossen. Darauf, dass in der beginnenden Industriegesellschaft
der Übergang vom Kind zum Erwachsenen auf dem Feld oder in der
Fabrik vollzogen wurde. Darauf, dass Jugend erst nach dem Zweiten Weltkrieg
zur Kategirie wurde, als die Industrie die neue Zielgruppe entdeckte.
Darauf, dass verlogene Imperative wie "Be cool" oder "Lebe
deinen Traum" auch dafür gesorgt haben, dass Jugend ein zeitlich
so gedehnter Begriff geworden ist, der mitnichten bei den 49-Jährigen
endet, sondern von dort direkt zu den "jungen Alten" führt
- die in wenigen Jahren 50 Prozent der Gesellschaft ausmachen werden.
Aus
einem Artiel der SonntagsZeitung (7.9.03) über "Manifeste
des Jugendstarrsinns"
Forever
young: Mick Jagger wird 60, und der Rock ist noch immer jugendgeil.
Wann lernt er vom schwarzen Entertainment, in Wüde zu altern ?

Das
weisse Showbusiness kennt keine Kultur des Alterns. Jung sein ist Pflicht.
Wann
lernt das weisse Showbiz, dass Altern keine Schande ist ?

Bänz
Friedli in FACTS 30/03