Reife
als Ressource
(Auszug
aus "Reife macht Sinn" - bisher unveröffentlichte Texte
und Bilder von Andreas Giger)

Reife
als Ressource
Nicht
nur Ölfelder sind Ressourcen. Und das Wort "Quelle", das in
"Ressource" enthalten ist, verweist nicht nur auf Geldquellen, sondern
ebenso auf Kraftquellen. Was macht Reife als Kraftquelle attraktiv ?
Für
das Verständnis des ersten Teils der Antwort bedarf es schon einiger
Reife. Man muss nämlich im Laufe seines Lebens gelernt haben, dass
die meisten und ergiebigsten Kraftquellen nicht irgendwo außerhalb
zu suchen sind, sondern in sich selbst. Natürlich vermögen
wir aus dem Zusammensein mit einem geliebten Menschen, aus einem anregenden
Gespräch oder durch den Kontakt mit der Natur Kraft zu schöpfen,
doch auch nur dann, wenn wir das Fließen dieser Kräfte durch
die Quellen in uns selbst hindurch zulassen.
So
ist es auch mit Reife als Ressource: Von selbst ist Reife keine Kraftquelle,
so wenig wie sie von selbst Sinn macht. Erst wenn wir ihr Sinn geben
und sie als innere Kraftquelle zulassen, beginnt Reife als Ressource
zu sprudeln. Das ist einerseits eine Herausforderung an unser aktives
Engagement, andererseits aber auch ein Grund zur Freude: Wenn wir die
Ressource Reife nutzen wollen, sind wir von niemandem abhängig.
Nichts und niemand kann uns daran hindern - außer eben wir selber.
Im Laufe eines Reifungsprozesses haben wir gelernt, dass man sich auf
die Konstanz äußerer Kraftquellen selten verlassen kann.
Die Quelle Reife dagegen ist immer zugänglich, und sie sprudelt
mit zunehmender Reife immer ergiebiger. Eine ideale Ressource also.
Wissen
hat, so viel haben wir gelernt, viel mit Lernen zu tun, und um zu begreifen,
wie Lernen zur Reifung führt, müssen wir deshalb ein tieferes
Verständnis davon entwickeln, was Lernen heißt. "Wissen
erwerben" dürfte die gängigste Antwort darauf sein
doch von welchem Wissen sprechen wir ?
Nehmen
wir ein konkretes Beispiel, das jeder kennt, nämlich das Wissen,
wie man kocht. Wie lernt man das ? Indem man ein Kochbuch konsultiert.
Dort steht dann ziemlich genau, welche Zutaten es in welchen Mengen
für ein Gericht braucht, also eine halbwegs befriedigende Antwort
auf die Frage "was ?".
Schon
tauchen die ersten Probleme auf: Wenn für einen einfachen Drink
wie einen Bellini "reife Pfirsiche" verlangt werden: Was genau
meint das ? Wie reif sollen sie sein ? Dürfen sie auch ein bisschen
überreif sein ?
Dann
kommen die Antwortren auf die Frage "wie ?". Also etwa: "Rühre
schaumig !" Aber wie macht man das ? Welches Instrument nutzt man
dazu ? Wann ist "schaumig" schaumig genug ?
Alle, die
auch nur über ein wenig Erfahrung mit Kochen verfügen, wissen
natürlich genau, dass die Vorstellung, ein blutiger Anfänger
könne nach einem Kochbuchrezept gleich eine perfekte Mahlzeit zaubern,
eine ziemliche Schnapsidee ist. Erst die Erfahrung macht die Meisterin
oder den Meister. Erst durch Versuch und Irrtum, durch das Abgucken
bei Könnern und durch das Aufschnappen von Tipps von Meisterköchinnen
lernen wir allmählich, was ein reifer Pfirsich ist und wann genug
schaumig gerührt ist. Das "gewusst was" kann man aus
Büchern lernen, das "gewusst wie" nur durch Erfahrung.
Reife bedeutet also die Existenz eines vielfältigen Erfahrungswissens.
Und das Wissen darum, wie man dieses sinnvoll einsetzt.

Eine
der angenehmen Eigenschaften von Erfahrungswissen ist es, dass es, wenn
es genügend verfestigt ist, aus unserem Bewusstsein verschwindet.
Nicht ins Nichts natürlich, sondern in jene Bereiche unseres nicht
bewussten Bewusstseins, in denen die Dinge automatisch funktionieren,
ohne dass wir einen Gedanken daran verwenden müssten. Sie kennen
das vom Autofahren: Während wir am Anfang über jeden Handgriff
nachdenken und ihn bewusst steuern müssen, geschieht das alles
mit wachsender Fahrpraxis ganz von selbst.
Dieser
Mechanismus entlastet unser Bewusstsein ganz ungemein und schafft Platz
für Neues. Allerdings funktioniert er nur, wenn wir nicht vom Wahn
getrieben sind, alles bewusst zu kontrollieren. Erfahrungswissen meldet
sich gerne als Intuition, die wir nicht unbedingt rational begründen
können und die trotzdem stimmt. Unser Gehirn hat davor, ohne dass
wir davon etwas mitbekommen haben, auf Grund seines Erfahrungswissens
das Für und Wider sorgfältig abgewogen und meldet jetzt per
Intuition "nur" das Schlussergebnis, also das, was unterm
Strich herauskommt. Und nur darum geht es dann auch.
Damit
ist eine dritte Art von Wissen angesprochen: das "gewusst wozu".
Wo es um messbare Leistungen geht, wird dieser Aspekt von Wissen gegenüber
dem "gewusst was" und dem "Gewusst wie" leicht unterschätzt:
Es reicht doch, eine Leistung gut zu bringen, was bringt es auch noch
zu wissen, wozu sie erbracht wird ?
Das ist,
mit Verlaub, eine zu kurzsichtige Denkweise, denn wenn wir wissen, wozu
wir etwas tun, tun wir es in der Regel nicht nur lieber, sondern damit
auch besser. Nur ein erkennbarer und sinnvoller Zweck motiviert uns
zu Höchstleistungen.
Es
trifft sicher zu, dass ein Mensch in seinen Sechzigern nicht mehr so
schnell von A nach B rennen kann wie einer in seinen Zwanzigern. Aber
vielleicht hat er ja mittlerweile herausgefunden, dass es für ihn
gar nicht (mehr) so wichtig ist, möglichst schnell von A nach B
zu kommen, vielleicht ist es jetzt wichtiger, nach C zu kommen oder
in A zu bleiben, und vermutlich macht es jetzt (mehr) Sinn, etwas gemächlicher
unterwegs zu sein, weil das ein Mehr an Eindrücken und ein Weniger
an Erschöpfung bringt.
Nehmen
wir mal an, ein junger Mensch braucht für eine bestimmte Arbeit
eine Stunde. Ein älterer braucht zwar eine halbe Stunde mehr, weiß
aber auf Grund seiner Erfahrung, dass ein Drittel dieser Arbeit völlig
überflüssig ist, und lässt diesen Teil einfach weg, ohne
dass dies das Gesamtergebnis beeinträchtigen würde. Beide
brauchen also in der Endabrechnung gleich lang. Bewusst sind in diesem
Beispiel die Einbussen an Schnelligkeit in reiferen Jahren unrealistisch
hoch eingesetzt worden. In der Wirklichkeit hätte der ältere
Mensch am Schluss die Nase vorn.
Das Beispiel
zeigt: Wissen ist nicht einfach eine Menge Informationen, die wir mal
erworben haben und die dann schnell veralten. Wissen bedeutet immer
auch, Informationen in einen Kontext einordnen zu können, sie also
in Beziehung zu schon vorhandenem Wissen zu bringen, ihnen Bedeutung
zu geben, sie nach Wichtigkeit ordnen zu können. Sofern ein stetiger
Nachschub an neuen Informationen gewährleistet ist, veraltet Wissen
also nicht, sondern es reift, wird umfassender und vielschichtiger,
aber auch geordneter und klarer, und damit sicher eines: wertvoller.

Einigermaßen
zu wissen, wie die Welt funktioniert, wie man mit möglichst wenig
Aufwand möglichst viel Ertrag erzielt, wo es gangbare Abkürzungen
gibt und welche in die Irre führen, wie andere Menschen reagieren:
All das gehört zu reifem Erfahrungswissen. Mit dessen Hilfe können
wir unnötige Umwege vermeiden und brauchen nicht mehr immer alles
aufs Neue auszuprobieren. Wir haben gelernt, mit Krisensituationen umzugehen
und sind dabei gelassener geworden. So können wir die Früchte
unserer Erfahrung genießen und Reife als Ressource nutzen.
Erfahrungswissen
heißt aber auch, sich selber besser zu kennen und klarer zu sehen:
Was ist mir wichtig ? Was will ich und was nicht ? Was sind meine
Stärken und meine Schwächen ? Wo sind meine Antriebskräfte
und Grenzen. Was tut mir gut und was schadet mir ? Aus Erfahrung gewonnene
Antworten auf diese Fragen sind die Basis eines geglückten Lebens.
Der
Ruf "erkenne Dich selbst !" erschallt grundsätzlich für
jede Altersstufe. Doch Selbsterkenntnis ist ein Prozess, der Zeit braucht,
Zeit für sprunghafte Erkenntnisse ebenso wie Zeit für die
Verfestigung oder Aufweichung von Selbstbildern. Auch Selbsterkenntnis
ist ein Reifungsprozess, dessen Früchte ihre Zeit brauchen, um
erntereif zu werden.
Reife verliert
in dem Moment ihre Kraft als Ressource, in dem wir glauben, sie festhalten
zu können. Im Klartext: wenn wir meinen, jetzt seien wir reif genug.
Reife ist nie der Zustand, in dem wir uns befinden, sondern immer "nur"
der Horizont, auf den wir uns zu bewegen. Wenn wir still stehen, entschwindet
dieser Horizont rasch in weite Ferne.