REIFE.CH

Herbst 2003

Editorial: Bunte Reifung


AKTUELLE BEITRÄGE

ET´s reifende Spiralen

Mein Gedächtnis und ich

Vom Tun zum Sein

Herbst im Beruf

Reifende Arbeitgeber und -nehmer

Generation 45plus - Wissen, was zählt

Europa reift

Unterwegs zur reifen Schweiz

Eine reife Leistung - "Seniorenmarketing"


RUBRIKEN

Reifes Kurzfutter

Reife Offline-Links

Reife Online-Links

Reifende Einsichten

Reife als Ressource (Auszug aus "Reife macht Sinn")


WEITERHIN:

Gigers reife Services

Zukunft REIFE.CH

Rückblick auf REIFE.CH vom Frühling und Sommer 03

REIFE.CH CLASSIC

Impressum


 

 

Reife als Ressource

(Auszug aus "Reife macht Sinn" - bisher unveröffentlichte Texte und Bilder von Andreas Giger)

Reife als Ressource

Nicht nur Ölfelder sind Ressourcen. Und das Wort "Quelle", das in "Ressource" enthalten ist, verweist nicht nur auf Geldquellen, sondern ebenso auf Kraftquellen. Was macht Reife als Kraftquelle attraktiv ?

Für das Verständnis des ersten Teils der Antwort bedarf es schon einiger Reife. Man muss nämlich im Laufe seines Lebens gelernt haben, dass die meisten und ergiebigsten Kraftquellen nicht irgendwo außerhalb zu suchen sind, sondern in sich selbst. Natürlich vermögen wir aus dem Zusammensein mit einem geliebten Menschen, aus einem anregenden Gespräch oder durch den Kontakt mit der Natur Kraft zu schöpfen, doch auch nur dann, wenn wir das Fließen dieser Kräfte durch die Quellen in uns selbst hindurch zulassen.

So ist es auch mit Reife als Ressource: Von selbst ist Reife keine Kraftquelle, so wenig wie sie von selbst Sinn macht. Erst wenn wir ihr Sinn geben und sie als innere Kraftquelle zulassen, beginnt Reife als Ressource zu sprudeln. Das ist einerseits eine Herausforderung an unser aktives Engagement, andererseits aber auch ein Grund zur Freude: Wenn wir die Ressource Reife nutzen wollen, sind wir von niemandem abhängig. Nichts und niemand kann uns daran hindern - außer eben wir selber. Im Laufe eines Reifungsprozesses haben wir gelernt, dass man sich auf die Konstanz äußerer Kraftquellen selten verlassen kann. Die Quelle Reife dagegen ist immer zugänglich, und sie sprudelt mit zunehmender Reife immer ergiebiger. Eine ideale Ressource also.

Wissen hat, so viel haben wir gelernt, viel mit Lernen zu tun, und um zu begreifen, wie Lernen zur Reifung führt, müssen wir deshalb ein tieferes Verständnis davon entwickeln, was Lernen heißt. "Wissen erwerben" dürfte die gängigste Antwort darauf sein — doch von welchem Wissen sprechen wir ?

Nehmen wir ein konkretes Beispiel, das jeder kennt, nämlich das Wissen, wie man kocht. Wie lernt man das ? Indem man ein Kochbuch konsultiert. Dort steht dann ziemlich genau, welche Zutaten es in welchen Mengen für ein Gericht braucht, also eine halbwegs befriedigende Antwort auf die Frage "was ?".

Schon tauchen die ersten Probleme auf: Wenn für einen einfachen Drink wie einen Bellini "reife Pfirsiche" verlangt werden: Was genau meint das ? Wie reif sollen sie sein ? Dürfen sie auch ein bisschen überreif sein ?

Dann kommen die Antwortren auf die Frage "wie ?". Also etwa: "Rühre schaumig !" Aber wie macht man das ? Welches Instrument nutzt man dazu ? Wann ist "schaumig" schaumig genug ?

Alle, die auch nur über ein wenig Erfahrung mit Kochen verfügen, wissen natürlich genau, dass die Vorstellung, ein blutiger Anfänger könne nach einem Kochbuchrezept gleich eine perfekte Mahlzeit zaubern, eine ziemliche Schnapsidee ist. Erst die Erfahrung macht die Meisterin oder den Meister. Erst durch Versuch und Irrtum, durch das Abgucken bei Könnern und durch das Aufschnappen von Tipps von Meisterköchinnen lernen wir allmählich, was ein reifer Pfirsich ist und wann genug schaumig gerührt ist. Das "gewusst was" kann man aus Büchern lernen, das "gewusst wie" nur durch Erfahrung. Reife bedeutet also die Existenz eines vielfältigen Erfahrungswissens. Und das Wissen darum, wie man dieses sinnvoll einsetzt.

Eine der angenehmen Eigenschaften von Erfahrungswissen ist es, dass es, wenn es genügend verfestigt ist, aus unserem Bewusstsein verschwindet. Nicht ins Nichts natürlich, sondern in jene Bereiche unseres nicht bewussten Bewusstseins, in denen die Dinge automatisch funktionieren, ohne dass wir einen Gedanken daran verwenden müssten. Sie kennen das vom Autofahren: Während wir am Anfang über jeden Handgriff nachdenken und ihn bewusst steuern müssen, geschieht das alles mit wachsender Fahrpraxis ganz von selbst.

Dieser Mechanismus entlastet unser Bewusstsein ganz ungemein und schafft Platz für Neues. Allerdings funktioniert er nur, wenn wir nicht vom Wahn getrieben sind, alles bewusst zu kontrollieren. Erfahrungswissen meldet sich gerne als Intuition, die wir nicht unbedingt rational begründen können und die trotzdem stimmt. Unser Gehirn hat davor, ohne dass wir davon etwas mitbekommen haben, auf Grund seines Erfahrungswissens das Für und Wider sorgfältig abgewogen und meldet jetzt per Intuition "nur" das Schlussergebnis, also das, was unterm Strich herauskommt. Und nur darum geht es dann auch.

Damit ist eine dritte Art von Wissen angesprochen: das "gewusst wozu". Wo es um messbare Leistungen geht, wird dieser Aspekt von Wissen gegenüber dem "gewusst was" und dem "Gewusst wie" leicht unterschätzt: Es reicht doch, eine Leistung gut zu bringen, was bringt es auch noch zu wissen, wozu sie erbracht wird ?

Das ist, mit Verlaub, eine zu kurzsichtige Denkweise, denn wenn wir wissen, wozu wir etwas tun, tun wir es in der Regel nicht nur lieber, sondern damit auch besser. Nur ein erkennbarer und sinnvoller Zweck motiviert uns zu Höchstleistungen.

Es trifft sicher zu, dass ein Mensch in seinen Sechzigern nicht mehr so schnell von A nach B rennen kann wie einer in seinen Zwanzigern. Aber vielleicht hat er ja mittlerweile herausgefunden, dass es für ihn gar nicht (mehr) so wichtig ist, möglichst schnell von A nach B zu kommen, vielleicht ist es jetzt wichtiger, nach C zu kommen oder in A zu bleiben, und vermutlich macht es jetzt (mehr) Sinn, etwas gemächlicher unterwegs zu sein, weil das ein Mehr an Eindrücken und ein Weniger an Erschöpfung bringt.

Nehmen wir mal an, ein junger Mensch braucht für eine bestimmte Arbeit eine Stunde. Ein älterer braucht zwar eine halbe Stunde mehr, weiß aber auf Grund seiner Erfahrung, dass ein Drittel dieser Arbeit völlig überflüssig ist, und lässt diesen Teil einfach weg, ohne dass dies das Gesamtergebnis beeinträchtigen würde. Beide brauchen also in der Endabrechnung gleich lang. Bewusst sind in diesem Beispiel die Einbussen an Schnelligkeit in reiferen Jahren unrealistisch hoch eingesetzt worden. In der Wirklichkeit hätte der ältere Mensch am Schluss die Nase vorn.

Das Beispiel zeigt: Wissen ist nicht einfach eine Menge Informationen, die wir mal erworben haben und die dann schnell veralten. Wissen bedeutet immer auch, Informationen in einen Kontext einordnen zu können, sie also in Beziehung zu schon vorhandenem Wissen zu bringen, ihnen Bedeutung zu geben, sie nach Wichtigkeit ordnen zu können. Sofern ein stetiger Nachschub an neuen Informationen gewährleistet ist, veraltet Wissen also nicht, sondern es reift, wird umfassender und vielschichtiger, aber auch geordneter und klarer, und damit sicher eines: wertvoller.

Einigermaßen zu wissen, wie die Welt funktioniert, wie man mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Ertrag erzielt, wo es gangbare Abkürzungen gibt und welche in die Irre führen, wie andere Menschen reagieren: All das gehört zu reifem Erfahrungswissen. Mit dessen Hilfe können wir unnötige Umwege vermeiden und brauchen nicht mehr immer alles aufs Neue auszuprobieren. Wir haben gelernt, mit Krisensituationen umzugehen und sind dabei gelassener geworden. So können wir die Früchte unserer Erfahrung genießen und Reife als Ressource nutzen.

Erfahrungswissen heißt aber auch, sich selber besser zu kennen und klarer zu sehen: Was ist mir wichtig ? Was will ich — und was nicht ? Was sind meine Stärken und meine Schwächen ? Wo sind meine Antriebskräfte und Grenzen. Was tut mir gut und was schadet mir ? Aus Erfahrung gewonnene Antworten auf diese Fragen sind die Basis eines geglückten Lebens.

Der Ruf "erkenne Dich selbst !" erschallt grundsätzlich für jede Altersstufe. Doch Selbsterkenntnis ist ein Prozess, der Zeit braucht, Zeit für sprunghafte Erkenntnisse ebenso wie Zeit für die Verfestigung oder Aufweichung von Selbstbildern. Auch Selbsterkenntnis ist ein Reifungsprozess, dessen Früchte ihre Zeit brauchen, um erntereif zu werden.

Reife verliert in dem Moment ihre Kraft als Ressource, in dem wir glauben, sie festhalten zu können. Im Klartext: wenn wir meinen, jetzt seien wir reif genug. Reife ist nie der Zustand, in dem wir uns befinden, sondern immer "nur" der Horizont, auf den wir uns zu bewegen. Wenn wir still stehen, entschwindet dieser Horizont rasch in weite Ferne.