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Herbst 2003

Editorial: Bunte Reifung


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Vom Tun zum Sein

Von Lilian Stähli


Wer um Gelehrtheit sich bemüht,

Weiss mehr von Tag zu Tag.

Wer um das Tao sich bemüht,

Macht weniger an jedemTag.

Macht weniger und weniger,

Bis er dann schliesslich nicht mehr macht.

Wenn er gar nichts mehr macht,

Bleibt gar nichts ungemacht.

Laotse

Magisch zogen sie mich an diese Zeilen des alten Weisen. Und das zu einer Zeit, wo ich nicht weiter von der Verwirklichung des Geschriebenen hätte entfernt sein können. Beinahe gehörte ich schon zur fröhlich ausgelaugten Garde der Vielarbeiter und Leisterinnen. Immer noch produktiv, daher keine Workaholic! Stolz, gleichzeitig und nebeneinander verschiedene Berufe auszuüben. Das Wichtigste war vorwärts zu kommen.

Die Diskrepanz meines zum Credo avancierenden Lieblingsspruches und meines tatsächlichen Lebensstils hätte mir damals schon in die Augen springen müssen. Eine andere Wirklichkeit streckte ihre Arme durch diese Zeilen aus, um mich schlussendlich herauszureissen aus, nein, nicht aus meinem Dasein, sondern aus meinem Dies—Tun und Jenes—Tun und Vieles-Tun. Ich hätte mich schon längst auf den Weg zum Sein machen sollen, aber das ist mir erst heute klar.

Dann von einer Sekunde zur nächsten: Ein Schubser von hinten. Aus dem Traum geschleudert! Aus der Traum, das Leben im Griff zu haben. Keine Möglichkeit mehr, einzugreifen, zu bestimmen, welchen Verlauf mein Leben zu nehmen hätte. Ziele verschwanden im Nebel von Schmerzen und Ungewissheiten. Die Kraft zum Tun, zur Arbeit: verloren.

Es war demnach kein selbst gewählter und mit der nötigen Weisheit beschrittener Weg hin zum Zustand, der in der sechsten Zeile beschrieben wird: " Bis er dann schliesslich nicht mehr macht."

Im Gegenteil. Es fühlte sich mehr wie ein Herauskatapultiert- Werden an. Raus aus allem Tun und Machen und Planen und Bestimmen. Sich im Flug dabei zünftig wehren; fluchen, klagen, hoffen. Immer wieder sinnlos mit den Armen rudern, um doch noch die Flugbahn bestimmen zu können. Zwecklos. Am Schluss sich wiederfinden genau dort: "Bis sie dann schliesslich nicht mehr macht." Punkt.

Diese Leere, die sich ausbreitet, wenn Tun nicht möglich ist. Zeit und Raum entstehen erst nach und nach neu. Und mit jedem Fortschritt die Versuchung, wieder ins Alte zurück zu kehren. Den Faden wieder dort aufnehmen zu wollen, wo er gerissen war.

Wenn alles lange genug andauert, stellen sich unerwartet neue Qualitäten ein. Mitgefühl für sich und andere, Verständnis, dass Lebensprozesse nicht gesteuert werden können und meist nicht einem von uns erdachten Zeitplan folgen. Sie können eine Ewigkeit dauern oder in Sekundenschnelle vor sich gehen, und uns gerade damit überfordern. Anderen zu helfen wird zum: Für den Anderen Da-sein. Ich bin für dich da, nicht, ich mache dies und jenes für dich! Einiges erledigt sich wie von selbst, wenn ich mich nicht in Aktivitäten stürze. -Im Nichtstun bleibt nichts ungetan-.

Ich bin heute nicht mehr verantwortlich dafür, dass ein ganz bestimmtes Resultat erreicht wird durch meine beratende Tätigkeit. Ich bin nur noch dafür verantwortlich selber vollkommen da zu sein. Anwesend mit meinem ungeteilten Wesen, mit meiner ungeteilten Aufmerksamkeit und Liebe. Damit bin ich voll und ganz beschäftigt.

Ich muss mich heute nicht mehr darum kümmern, das Rad des Lebens in Schwung zu halten. Das dreht sich ohne mein Zutun. Aber ich sollte mich dort, wo ich jetzt gerade bin, ganz hineingeben. Warum wäre ich sonst gerade hier? Warum würde ich denn sonst diesen Text schreiben, wenn nicht darum, dass ich mich jetzt ganz hineingebe. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich dem Thema "Vom Tun zum Sein" auf einer sehr persönlichen Ebene genähert habe. Auf eine andere Art wäre ich nicht ungeteilt da gewesen.