Vom
Tun zum Sein
Von
Lilian Stähli

Wer um Gelehrtheit
sich bemüht,
Weiss mehr
von Tag zu Tag.
Wer um das
Tao sich bemüht,
Macht weniger
an jedemTag.
Macht weniger
und weniger,
Bis er dann
schliesslich nicht mehr macht.
Wenn er gar
nichts mehr macht,
Bleibt gar
nichts ungemacht.
Laotse
Magisch zogen sie mich an diese
Zeilen des alten Weisen. Und das zu einer Zeit, wo ich nicht weiter
von der Verwirklichung des Geschriebenen hätte entfernt sein können.
Beinahe gehörte ich schon zur fröhlich ausgelaugten Garde
der Vielarbeiter und Leisterinnen. Immer noch produktiv, daher keine
Workaholic! Stolz, gleichzeitig und nebeneinander verschiedene Berufe
auszuüben. Das Wichtigste war vorwärts zu kommen.
Die Diskrepanz meines zum Credo
avancierenden Lieblingsspruches und meines tatsächlichen Lebensstils
hätte mir damals schon in die Augen springen müssen. Eine
andere Wirklichkeit streckte ihre Arme durch diese Zeilen aus, um mich
schlussendlich herauszureissen aus, nein, nicht aus meinem Dasein, sondern
aus meinem DiesTun und JenesTun und Vieles-Tun. Ich hätte
mich schon längst auf den Weg zum Sein machen sollen, aber das
ist mir erst heute klar.
Dann von einer Sekunde zur nächsten:
Ein Schubser von hinten. Aus dem Traum geschleudert! Aus der Traum,
das Leben im Griff zu haben. Keine Möglichkeit mehr, einzugreifen,
zu bestimmen, welchen Verlauf mein Leben zu nehmen hätte. Ziele
verschwanden im Nebel von Schmerzen und Ungewissheiten. Die Kraft zum
Tun, zur Arbeit: verloren.
Es war demnach kein selbst gewählter
und mit der nötigen Weisheit beschrittener Weg hin zum Zustand,
der in der sechsten Zeile beschrieben wird: " Bis er dann schliesslich
nicht mehr macht."
Im Gegenteil. Es fühlte
sich mehr wie ein Herauskatapultiert- Werden an. Raus aus allem Tun
und Machen und Planen und Bestimmen. Sich im Flug dabei zünftig
wehren; fluchen, klagen, hoffen. Immer wieder sinnlos mit den Armen
rudern, um doch noch die Flugbahn bestimmen zu können. Zwecklos.
Am Schluss sich wiederfinden genau dort: "Bis sie dann schliesslich
nicht mehr macht." Punkt.
Diese Leere, die sich ausbreitet,
wenn Tun nicht möglich ist. Zeit und Raum entstehen erst nach und
nach neu. Und mit jedem Fortschritt die Versuchung, wieder ins Alte
zurück zu kehren. Den Faden wieder dort aufnehmen zu wollen, wo
er gerissen war.
Wenn alles lange genug andauert,
stellen sich unerwartet neue Qualitäten ein. Mitgefühl für
sich und andere, Verständnis, dass Lebensprozesse nicht gesteuert
werden können und meist nicht einem von uns erdachten Zeitplan
folgen. Sie können eine Ewigkeit dauern oder in Sekundenschnelle
vor sich gehen, und uns gerade damit überfordern. Anderen zu helfen
wird zum: Für den Anderen Da-sein. Ich bin für dich da, nicht,
ich mache dies und jenes für dich! Einiges erledigt sich wie von
selbst, wenn ich mich nicht in Aktivitäten stürze. -Im Nichtstun
bleibt nichts ungetan-.
Ich bin heute nicht mehr verantwortlich
dafür, dass ein ganz bestimmtes Resultat erreicht wird durch meine
beratende Tätigkeit. Ich bin nur noch dafür verantwortlich
selber vollkommen da zu sein. Anwesend mit meinem ungeteilten Wesen,
mit meiner ungeteilten Aufmerksamkeit und Liebe. Damit bin ich voll
und ganz beschäftigt.
Ich muss mich heute nicht mehr
darum kümmern, das Rad des Lebens in Schwung zu halten. Das dreht
sich ohne mein Zutun. Aber ich sollte mich dort, wo ich jetzt gerade
bin, ganz hineingeben. Warum wäre ich sonst gerade hier? Warum
würde ich denn sonst diesen Text schreiben, wenn nicht darum, dass
ich mich jetzt ganz hineingebe. Das ist auch der Grund, weshalb ich
mich dem Thema "Vom Tun zum Sein" auf einer sehr persönlichen
Ebene genähert habe. Auf eine andere Art wäre ich nicht ungeteilt
da gewesen.
