"Generation
50plus": Jopi, meine Mutter und ich
Eine
Polemik von Elke-Heidrun Schmidt
Ich bin neunundvierzig. Neunundvierzigeinhalb,
um genau zu sein. Ich habe einen gut bezahlten, interessanten Job.
Nebenbei schreibe ich Bücher und unterrichte Erwachsene. In alledem
bin ich, sagt man, ziemlich gut und zum Glück auch gut mit Auftrþgen
eingedeckt. Noch. Denn nächsten Februar werde ich alt. Nicht
einfach 50, sondern "50plus". Und dabei wird es bleiben,
bis ich dereinst scheide. Mag sein, dass mir das gefallen wird, wenn
ich 73 bin; "50plus" klingt eindeutig besser als 73. Heute,
an der Schwelle zur 50, ist mir mulmig angesichts der allgegenwärtigen
"50plus"-Kampagnen, die mich und den Rest der Welt auf Teufel
komm `raus, ungefragt und in allen Lebenslagen überzeugen wollen,
dass ich auch mit 50 noch zu etwas tauge. Ohne diese Kampagnen hätte
wahrscheinlich niemand daran gezweifelt.

"50plus": Auf einmal war
es da. Erst verschämt und nur im Hausgebrauch von Werbestrategen,
dann plötzlich überall, als Etikett für Kampagnen,
Initiativen, Produkte und Dienstleistungen; und der Blick auf die
in den letzten Jahren beim Deutschen Patent- und Markenamt gesicherten
Wort- und Bildmarken, die die Zahl-Wort-Kombination "50plus"
verwenden, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass hier eine
gewaltige "50plus"-Welle auf uns zurollt.Manchen gilt "50plus" als
trotzig-selbstbewusstes Signal für das neue Selbstverständnis
einer Altersgruppe, die bislang eher im Schatten stand. Schliesslich
verwenden die Alten es selbst: So versteht sich die Deutsche Seniorenliga
als "richtungweisende Lobby der "50plus-Generation"".
Das klingt kämpferisch, nach Abschütteln überkommener
Altersvorstellungen und einer neuen Definition von Alter. Der Besuch
mancher "50plus"-Portale im Internet offenbart anderes:
Da werden Menschen ab 50 gern als Senioren und Betagte tituliert,
mit lächerlichen Bezeichnungen ("Golden Oldies", "Silver
Surfer") umschrieben, und am liebsten wird gönnerhaft-herablassend
über ihre Köpfe hinweg darüber schwadroniert, wie "die
Generation ab 50" zu behandeln sei.
Tatsächlich wird "50"
auf diese Weise zur magi;schen Grenze, die Menschen in "Junge"
und "Alte" sortiert.Ursprünglich war die Sortierung
eine andere, nämlich in "Mehrheit" und "Minderheit".
Bis in die neunziger Jahre stellten Menschen jüngeren und mittleren
Alters (nicht nur) in der Bundesrepublik Deutschland die zahlenmässig
grösste Gruppe und zugleich die meiste Kaufkraft. Folglich standen
sie als "Kernzielgruppe", wenig trennscharf zur Zielgruppe
"14 bis 49" zusammengefasst, im Fokus des "klassischen"
Produktmarketing, das seine Zielgruppen vorwiegend über soziodemographische
Daten wie das Lebensalter definiert. Menschen jenseits dieser Gruppe
- kurz "50plus" - galten als vernachlässigenswert:
Unattraktiv, mit eingefahrenen Konsumgewohnheiten, kaufunlustig. Jenseits
des Sanitätsbereichs im weiteren Sinne von Kukident bis Treppenlift
wurden sie bei der Konzeption von Produkten meist übergangen
und kaum gezielt umworben.
Mit der bekannten demographischen Veränderung
ändert sich dies nun zusehends: Die "Alten" werden
nicht nur zahlenmässig immer bedeutender, sondern verfügen
über immer mehr Kaufkraft, die sie längst nicht mehr nur
an die Enkelkinder verschenken oder auf die hohe Kante legen, sondern
mit wachsender Begeisterung selbst verjuxen. Zeit dazu haben viele
von ihnen: der Massenbewegung namens Vorruhestand sei Dank. Der Schweizer
Zukunftsforscher Andreas Giger stellt fest: "Menschen ab 50 ...
haben mehr als die Jüngeren von den auf den Märkten entscheidenden
Ressourcen Geld, Zeit und Aufmerksamkeit. ... Sie sind die einzige
quantitativ wachsende Konsumentengruppe." Konsequenz: Die Zahl
der für die Zielgruppe "50plus" konzipierten Produkte
und Dienstleistungen steigt stetig. Diese Produkte an den Verbraucher
zu bringen ist jedoch nicht unproblematisch, denn Ältere als
solche anzusprechen gilt in der Werbung von jeher als kommunikativer
Fehler. Wenn Hersteller und Dienstleister ihren Angeboten dennoch
das Etikett "50plus" offen anheften und damit erfolgreich
sind, spricht dies möglicherweise tatsächlich für ein
neues Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Senioren -
fragt sich nur, welchen Alters: Denn ob das Selbstverständnis,
zur "Generation 50plus" zu gehören, tatsächlich
bereits mit 50 einsetzt, darf bezweifelt werden.

Was aus Sicht kommerzieller Anbieter
eine Marketingnotwendigkeit darstellt, aus Sicht von Verbänden
geeignet scheint, die eigene Bedeutung zu stärken (Lobby für
"alle ab 50" klingt zweifellos eindrucksvoll, und die Rentnerlobby
ist schon besetzt: Der VdK - ursprünglich "Verein der Kriegsopfer"
- und neuerdings auch die Gewerkschaften drängeln sich dort schon
um die besten Plätze), psychologisch erklärbar (die Zugehörigkeit
zu einer alter(n)slosen "Generation 50plus" ist fraglos
eine feine Sache, wenn´s an die 70 geht - die anti-aging-Bewegung
lässt grüssen) oder Notfallhilfe (im Falle der Arbeitsagenturen)
ist, stellt sich aus Sicht einer Betroffenen als äusserst fragwürdig
dar.
"50plus - die können es",
verkündet bemüht-fröhlich die Bundesagentur für
Arbeit, was meine Arbeit- und Auftraggeber mächtig ins Grübeln
kommen lässt, wenn erst der Blumenstrauss zum Geburtstag überreicht
ist: Kann sie wirklich? Irgendeinen guten Grund muss es schliesslich
haben, wenn es laut BA "in fast 60
Prozent der deutschen Betriebe keine Beschäftigten über
50 Jahre mehr" gibt. Die Gewerkschaft meines bisherigen
Vertrauens hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht und ein
Logo für mich und meinesgleichen auf der Homepage platziert:
"ver.di 50plus". Dort gibt es "Erfahrungen beim Eintritt
in den sog. Ruhestand" nachzulesen und eine Kontaktadresse: "senioren@verdi.de".
Die wissen ich und meinesgleichen auch zu benutzen, denn zum Glück
gibt es "50plus-ans-Netz.de", ein "Aktionsbündnis
aus Politik, Wirtschaft, Interessenvertretung und Medien", allen
vorweg das Familienministerium von Renate Schmidt (schon lange 50plus!),
das sich die "Online-Kompetenz für die Generation 50plus"
zu fördern auf die Fahnen geschrieben hat. Schliesslich, so finden
wir es dort schwarz auf weiss, liegt "in der Gesamtbevölkerung...
der Anteil der Internetnutzer und -nutzerinnen bei rund 50 Prozent"
und "in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen
sind gut 45 Prozent online". Fürwahr, da ist der Handlungsbedarf
bei den 50Jährigen unübersehbar, denn "wenn Frauen
und Männer über 50 die Scheu im Umgang mit Computer
und Internet verlieren, können sie sich damit ihr tägliches
Leben und ihre gesellschaftliche Teilhabe erheblich erleichtern."
Aha, Menschen über 50 haben da also eine Scheu... die finden
meine Auftraggeber, die auf gut recherchierte und aktuelle Fachbeiträge
Wert legen, sicherlich auch nicht gut. Also doch lieber eine Jüngere...?
Ich freue mich derweil zu Hause auf
die "gesellschaftliche Teilhabe". Zum Glück bin ich
ja nicht allein: "Fast 29 Millionen zählt die Generation
der 50-jährigen", heisst es auf der Begrüssungsseite
der Homepage der Deutschen Senioren-Liga. "Generation der 50-jährigen"?
Und was ist mit 51? Wie gesagt: Im Moment geht«s noch.
Im Programm der Volkshochschule kann ich - und jeder andere auch -
aber heute schon nachlesen, was ich in Kürze alles nicht mehr
können werde: Nämlich mir etwas merken ("Heiteres Gedächtnistraining
50plus"), einen Sprachkurs besuchen, ohne den anderen Teilnehmern
mit meiner Begriffsstutzigkeit auf den Wecker zu gehen ("Englisch
50plus mit Musse"), mich wie eine Erwachsene benehmen und auch
so behandelt werden ("50plus - spielerische Fitness mit dem Ball"),
einen Computer bedienen ("EDV-Einführung für Menschen
über 50 Jahre") oder telefonieren ("Handy-Kurs 50plus").
Ätsch, liebe Agentur für Arbeit: "50plus - die können
es nicht!"
Nun gut, ich bin persönlich
betroffen und, ich gebe es ja zu, auch ge - troffen: Fünf Monate
noch, und ich gehöre zur selben "Generation" wie der
Papst, Johannes Heesters und sämtliche Bewohner des Pflegeheims
Abendfrieden - und nicht zuletzt meine dann 81jährige Mutter.
Die war mit 10 im Jungmädelbund und mit 14 schon Lehrmädchen
in der Verwaltung, hat die Einführung des Tonfilms, den Krieg,
die Flucht aus Schlesien, den Neuaufbau, den ersten VW Käfer
und den Sputnik erlebt, und zum 50sten gab´s Ölkrise und
"deutschen Herbst"; dafür bis heute keine Führerscheinprüfung,
keine sexuelle Befreiung, keinen Pizzaservice und keinen Computer.
Ich bin im Wirtschaftswunderland geboren, kenne Krieg nur aus dem
Fernsehen, fahre mit Navigator und Freisprechanlage, beantworte täglich
mindestens 10 SMS und 30 E-Mails, kaufe meine Bücher bei Amazon
und bin täglich mindestens drei Stunden online. Wer von uns beiden
ist nun exemplarisch für die "Generation 50plus"? Und
wer wundert sich eigentlich darüber, dass, um die obige Statistik
fortzuführen, "insgesamt ... nur 25 Prozent der
über 50-Jährigen online (sind)", wenn hier alle ab
50 zu etwas zusammengefasst werden, was die Statistik eine "nach
oben offene Randklasse" nennt, und pauschal für defizitär
erklärt werden? Rechnen wir mal nach: Meine Mutter ist nie online.
Vom Papst weiss ich´s nicht. Dem Jopi trau ich´s zu. Aber
was sind Jopi und ich gegen die ganze Belegschaft vom Abendfrieden?
Überhaupt, die Statistik: Zöge
man die magische Grenze nicht bei 50, sondern darüber oder darunter,
sähe die Bilanz nicht viel anders aus: Immer noch nähme
"die Beschäftigung jenseits der 48 dramatisch ab",
wäre "die Gruppe 53plus deutlich seltener online als Jüngere".
Was hat die Wissenschaft ansonsten zum fünfzigsten Geburtstag
zu sagen? Biologische Alterungsprozesse, die mit 50 beginnen oder
ein kritisches Stadium erreichen: Fehlanzeige. Gemeinsamkeiten in
der Sozialisation, also im "Prozess der Einordnung des Individuums
in die Gesellschaft", zwischen den ab 50jährigen, die sie
von den jüngeren unterscheiden: Unsinn, denn dann wþre die "Generation
50plus" eine Jahrgangskohorte, von der wir nächstes Jahr
als "51plus" sprechen müssten. Psychologische Aspekte:
Sicherlich erleben viele Menschen im Alter "um 50" eine
Art Biografiewende durch das, was Psychologen und Soziologen als "normative
kritische Ereignisse" bezeichnen, also z.B. den Verlust der eigenen
Eltern, den Auszug der Kinder ("Empty Nest Syndrom") und
zunehmend auch den gegenwärtig fast durchweg in das sechste Lebensjahrzehnt
vorverlegten Eintritt in den Ruhestand. Jedoch: All diesen Krisen
folgen ihre Überwindung und weitere, durch spätere biographische
Einschnitte ausgelöste Krisen; der fünfzigste Geburtstag
leitet mitnichten ein gleichförmig verlaufendes "gewendetes
Leben" ein. Kurz: Die sich auf die Zielgruppenabgrenzung des
kommerziellen Marketing berufende Konzentration aller möglicher
Projekte, Programme und Produkte auf die 50 ist nichts weiter als
Willkür; die Suggestion, ab 50 wäre irgend etwas gravierend
anders als zuvor, haltlos.
Aber auch der Marketingforschung wäre
Unrecht getan, würde man ihr eine simple Gleichsetzung von "50plus"
mit "alle ab 50" unterstellen. Tatsächlich sieht gerade
sie die Zielgruppe wesentlich differenzierter. Die in der Werbewirtschaft
viel beachtete "Master Consumer"-Studie der Werbeagentur
Grey aus dem Jahr 1998 unterscheidet folgende Kerngruppen (Prozentangaben
aus 1998):
"Master
Consumer": 50–59 Jahre alt, überwiegend noch berufstätig,
auf dem Karrieregipfel, mit hohem Einkommen, aktivem Lebensstil und
Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem (Anteil: 39%);
"Maintainers":60–69
Jahre alt, überwiegend im Ruhestand, finanziell gut abgesichert,
die neu gewonnene Freiheit geniessend (Anteil: 32%);
"Simplifiers":
ab 70 Jahre, mit traditionellem Rollenverhalten, häuslich und
zurückgezogen lebend, mit gesundheitlichen Problemen und eingeschränktem
finanziellem Spielraum (Anteil: 29%).
Schaut
man genauer hin, wird diese Differenzierung in der Werbung auch -
in der für sie charakteristischen Überzeichnung - deutlich,
wobei die Ansprache der zweiten Gruppe, am besten wohl verkörpert
in den dynamischen Alten, die ihr pflichtenfreies Leben wellnessorientiert
in vollen Zügen beim Dauerurlaub im Süden geniessen, zu
überwiegen scheint: "Die Zukunft in haselnussbraun".
Der Typ herzensguter Opi, der Sahnebonbons spendiert, ist dagegen
ein Auslaufmodell.
Auch
die Sozialwissenschaften sind weit davon entfernt, "alle ab 50"
in einen Topf zu werfen: Verbreitet ist hier eher die Auffassung von
"50plus" als Teil eines Dreiklangs und geschlossene Altersklasse:
"Die Nacherwerbsphase spaltet sich in drei deutlich voneinander
abgrenzbare Lebensabschnitte (50plus - 65plus - 80plus) auf",
heisst es in einer Veröffentlichung des Forschungsinstituts der
Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahre 1996, und auch der bekannte
Freizeitforscher Horst Opaschowski postuliert in seinem Buch "Leben
zwischen Muss und Musse" die Notwendigkeit einer Trennung in
drei Generationen "50plus", "65plus" und "80plus",
die er allerdings aus der Perspektive von 1998 an Geburtsjahrgängen
festmacht: vor 1918, vor 1933, vor 1948.
Einen
anderen Alterszuschnitt präsentiert die Veröffentlichung
einer europaweiten Umfrage zu Einstellungen zum Alter aus dem Jahr
1993, die konstatiert, dass "...heutzutage - nach Art der sieben
Alter Shakespeares - üblicherweise eine Unterscheidung zwischen
dem dritten Alter (50-74) und dem vierten Alter (75 und älter)
gemacht wird".Fazit: Kampagnen, die unter dem Etikett "50plus"
undifferenziert alle Menschen ab 50 für sich vereinnahmen, bringen
zusammen, was nicht zusammengehört, und schicken sich damit an,
eine gesamtgesellschaftliche Auffassung vom 50. Geburtstag als Schwelle
zum "Altsein" zu manifestieren. Und dagegen müsste
jeder etwas einzuwenden haben, der, wie ich, einerseits an der Schwelle
zur 50 und andererseits auf der Seite der vielbeschworenen Leistungsträger
steht und nichts weniger braucht, als vom jüngeren - und älteren!
- Rest der Gesellschaft als Beinahe-Ruheständler,Modernisierungsverweigerer
und Auslaufmodell betrachtet zu werden. Also: Schluss mit dem "50plus"-Stuss!
PS:
Diese Polemik habe ich im Herbst 2004 verfasst. Inzwischen, im Sommer
2005, ist der bewusste Blumenstrauss längst verwelkt, und bis
auf den gutmütigen Spott der Kolleg/inn/en, die mir gern eine
goldene 50 (so eine von der Sorte, die man Goldhochzeitspaaren in
den Haustürkranz bindet) ins frisch-grauabgedeckte Haar gesteckt
hätten, ist nichts weiter passiert. Neulich habe ich gelesen,
dass das Durchschnittsalter von Harley-Davidson-Fahrern 52 Jahre beträgt.
Nun, ich denke darüber nach...
