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REIFE.CH
Herbst
2005

Editorial:
Reife duftet
AKTUELLE
BEITRÄGE
Lob
der Langsamkeit
50plus:
eine Polemik
Leben:
Reifen von der Geburt bis zum Tod
Besinnliches
von Edmond Tondeur
Vom
Reifen einer Vision
Musikfarben
Keine
Greisenherrschaft - ein Beobachter-Interview
Wachtsumsmarkt
55plus?
Hinweise
auf Reifendes
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REIFE.CH
CLASSIC
Impressum
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Besinnliches
von Edmond Tondeur
In den folgenden
drei neuen Texten kreist Edmond Tondeur um Fragen des älter (und
damit reifer?!) Werdens.
Ebenfalls
von Edmon Tondeur ausgewählt sind die Auszüge aus dem bewegenden
Tagebuch der KZ-Insassin Etty Hiilesum.
Entwicklungsschritte
des Reifens

Als ich 5jährig
war, war meine Mutter 25,
und ich fand sie sehr
alt. Als ich 25 Jahre
alt war und meine Mutter
45, erschien sie
mir alt. Dann wurde ich
45, meine Mutter 65,
und ich fand sie jugendlich.
Als sie drei Jahre
später starb, war
sie für mich jung gestorben.
(Frei zitiert nach: Max
von der Grün)
Reifen,
als Vorgang und nicht als Zustand, wird in dieser Website vielfältig
beleuchtet und verstanden. Es geht uns nicht um Definition - also
keine Reife-Doktrin - sondern um: Spurenlegen, Annähern, Entwickeln.
Das Augenmerk gilt dem älter Werden als menschliche Erfahrung,
dabei nicht nur zu verlieren, sondern auch zu gewinnen, nicht nur
von Begrenzung, sondern auch von Ausweitung, nicht nur von Abhängigkeit,
sondern auch von Befreiung.
Der
Entwicklungsgedanke der Psychologie kann dienlich sein, um die lebensbegleitenden
Anreize - oder Behinderungen - für den Reifungs-Prozess etwas
näher zu betrachten. Jeder Mensch durchläuft auf seinem
Werde-Weg Phasen des Reifens, in denen Entwicklung gelingt oder stagniert.
In
der ersten Phase "schwimmt" das Neugeborene, wiewohl von
der Mutter entbunden, noch immer in der Erfahrung, dass es mit seiner
Umwelt eins ist, symbiotisch verbunden. Da ist noch kein Unterschied
zwischen Subjekt und Objekt. Die erste Reifung findet statt,
wenn es zur Unterscheidung "Ich : die Welt" kommt, zunächst
dann, wenn das Kind seine "Eltern" erkennt und eigene Regungen
auf sie projiziert. So entsteht erstmals ein "Weltbild",
an dem sich das Kind orientiert.
In
der zweiten Phase erweitert sich das Blickfeld der Projektionen.
Neue Gewþhrspersonen treten hinzu. Heranwachsend beziehen wir uns
auf Menschen, Autoritäten, Institutionen der gesellschaftlichen
Umwelt. Mit dem reifenden Verstand gelangen wir allmählich
zu einem Weltbild, das dazu auffordert, uns selbst darin zu "positionieren"
(beispielsweise durch Berufswahl). Zur Reifung gehören hier Erfahrungen
von Macht und Ohnmacht, Zugehörigkeit und "Abseitigkeit",
Offenheit oder Verschlossenheit, und manches mehr.
Die
dritte Phase des sich entwickelnden Bewusstseins verläuft im
Zeichen der "Abstraktion". Die Projektionen richten sich
nun nicht mehr (nur) auf Personen und Objekte der Umwelt, sondern
auf gedankliche Konstrukte, Ideologien, Überzeugungen, denen
wir Gefolgschaft leisten - oder auch nicht. Zum Reifungsprozess
gehört hier die aktive und bewusste (reflektierende!) Auseinandersetzung,
das Ringen um (mentale) Selbständigkeit, das Entwickeln eigener
Werte, die nicht nur auf der Nachahmung anderer basieren.
Die
vierte Phase bringt die Hinwendung zu einem sogenannt "realistischen"
Welt- und Lebensverständnis. Bisher erworbene, oft bloss: übernommene
Glaubenssätze weichen einer pragmatischen Sicht der Dinge. "Wahrheit"
reduziert sich auf das, was "funktioniert", und darüber
entscheidet sowohl die derzeit verfügbare "Technik"
als auch die persönliche "Tüchtigkeit" (Coolness!)
in der Zuhilfenahme dieser Technik. Was hier heranreift, ist
die empathielose, vermeintlich "wertfreie" Selbstherrlichkeit
von Menschen, die sich nur noch an äusseren Erfolgs-Kriterien
ausrichten. Der Anspruch auf "Glück" reduziert sich
auf das Auskosten (auch: Ausbeuten) von Gelegenheiten, Spass
zu haben. Dahinter gähnt oft die Leere, beziehungsweise das Nichts.
Wer
in der umschriebenen vierten Phase verharrt, kann das Innewerden des
Alterns wohl nicht anders denn als Schock empfinden. Es wird ihm,
ihr, zur Erfahrung des fortschreitenden Verlustes aller bisher
massgebenden Erfolgskriterien. Altern heisst ja: in dieser Welt
des Machbaren immer weniger mithalten und funktionieren zu können.
Da steht in der Tat der Esel am Berg! Die Kampfparole "anti-aging"
kann nur als Fortschreibung des selbstherrlichen Musters verstanden
werden.
Die
Sprengung dieses Musters wäre der nächste Reifungsschritt.
Er führt über die Position des Ich hinaus. C.G. Jung
nennt es die Wiedervereinigung des Bewussten mit dem Unbewussten,
das Einbeziehen des Schattens, die Fortbewegung zum "Ganzen".
Das Reifen als Qualität des älter Werdens prägt
den Individuationsprozess, es führt aber zugleich zu überindividuellen
- oder transpersonalen - Qualitäten. C.G. Jung und andere betonen
die Ich-überschreitende Dynamik einer Selbstfindung, die sich
aus Mitgefühl und Intersein ("alles hängt
mit allem zusammen") nährt. Vielleicht liegt darin der grösste
erfahrbare Zuwachs an Freiheit auf dem Weg, der, für alle
unvermeidlich, ins Sterben führt.
Quo
vadis?
Brief
an einen Reife-Verweigerer

Du
lebst noch immer so, als gäbe es für dich kein Lebensende,
kein Sterben, keinen Tod. Die Muster deines alltäglichen Verhaltens
wiederholen sich unbeirrt und stur, sie scheinen der Maxime zu folgen,
dass dein Leben auf Gewohnheiten gründet, die durch nichts erschüttert
werden können, werden dürfen. Rund um dich ist Wandel, Umbruch,
Verlust aller Selbstverständlichkeiten. Rund um dich fliesst
alles, doch du stehst wie ein harter Brocken, stur und unbeirrt, mitten
im Fluss. Was für ein Lebensgefühl gibt dir das? Was ist
deine Lebenserwartung, dein Selbstverständnis? Du wirst mir antworten,
dass dich solche Fragen nicht erreichen. Du willst nicht hinterfragen,
weder dich noch andere. Du nimmst alles wie es kommt, darin liege
die Kunst, sich dem Leben anzupassen ohne viele Worte zu verlieren.
Auch keine Worte über "Reifen".
Deine
Lebenszeit läuft ab. Statistisch betrachtet, liegen noch sieben,
acht Jahre vor dir. Du kennst die Erfahrung, wie schnell die Jahre
vergehen, und wie lange es dauern kann, eigene Gewohnheiten zu ändern.
Gerade dies jedoch kümmert dich wenig, deine Gewohnheiten sind
dein Fundament, und ihnen verdankst du ein Gefühl von zeitloser
Konstanz. Während sich andere ständig dem Wandel hingeben
- oder gar in der Angst leben, mit den Veränderungen nicht Schritt
zu halten - beharrst du, unbeirrt und stur, auf dem, was schon immer
gegolten, was schon immer so war in deinem Leben.
Musst
du eigentlich nichts mehr lernen? Oh doch, du bist durchaus lernbereit,
sofern dir das Gelernte hilft, mit deinen Gewohnheiten weiterzufahren.
So hast du gelernt, mit Elektronik umzugehen, mit Mobilfon, fastfood
und Internet. Über das Geschehen auf dieser Erde bist du nachrichtentechnisch
unterrichtet. Dass die Welt ein "Riesenpuff" ist, wusstest
du schon lange, nun weisst du es erst recht. Überhaupt: dir kann
man nichts vormachen. Wie gesagt: du stehst wie ein harter Brocken,
stur und unbeirrt, mitten im Fluss.
Was
ich dich noch fragen wollte: Hast du jemals geliebt? Wurdest du jemals
geliebt? Welche Menschen sind dir nahe, in welchen Beziehungen hat
sich dein Bild vom "anderen Menschen" geformt und gefärbt?
Ich frage dies deshalb, weil ich in der Begegnung mit anderen am stärksten
erfahren habe, dass es in uns diesen Drang nach Entwicklung und Wachstum
gibt. Wenn du kleinen Kindern zuschaust, wenn sie sich ungestört
ihren Lebensspielen hingeben, entdeckst du ganz viel Neugier und Forscherdrang,
Ausloten von Grenzen und von Unbekanntem. Erinnerst du dich an solche
Regungen in deinem Leben? Und kannst du nachvollziehen, wann dieser
"Elan vitale" in dir erlahmt ist?
Lieber
Nachbar, ich gebe dir aus einem längeren Gedicht von Erich
Fried (Über den wir auch schon gesprochen haben) die folgenden
Zeilen auf den Weg:
Genug
gesehen / zuviel verstanden / zuwenig getan
Genug
gesehen / zuwenig verstanden / zuviel getan
Zuwenig
gesehen / zuwenig verstanden / zuwenig getan
Zuviel
Genug
ist nicht genug / zuviel ist zuwenig / weniger wäre mehr
Und
wenig ist mehr als genug.
In
diesem hintergründigen Wortspiel klingt für mich die Lebensspannung
zwischen Mangel und Fülle an. In guten Momenten fühle
ich mich dankbar für alles, was mir das Leben schenkt, im Kleinen
wie im Grossen. In traurigen, deprimierten Stimmungen fühle ich
nur Entbehrung und Mangel. Mit beidem lerne ich, reifer umzugehen,
neugierig auf bisher nicht erkannte Zusammenhänge. Da ist es
mir wichtig, Gewohnheiten jeder Art zu relativieren, vor allem die
festgefahrenen Anteile in meinen Gewöhnungen zu durchschauen.
Mit
einem herzhaften Gruss, Edmond Tondeur
Lebensabend?

Jeder Tag hat seinen Abend,
aber das Leben? Lebensherbst? Jedes Jahr hat seine Jahreszeiten
(bei uns sind es deren vier) - aber das Leben? Gibt es in meinem Leben
einen Abend, gab es einen Morgen, einen Mittag? Und erfahre ich jetzt,
im achten Lebensjahrzehnt, meinen Lebensherbst, oder gar schon meinen
Lebenswinter?
Auf dem Spaziergang, den
ich jeden Morgen, gleich nach dem Aufstehen, unternehme, sind mir
solche Gedanken gekommen. Die vertrauten Bilder, Metaphern, mit denen
wir uns im Leben orientieren! Wie stimmig sind diese Bilder, wenn
wir sie an unserer Lebenserfahrung messen, an der Grundstimmung, die
unser Lebendigsein "gerade jetzt" prägt?
Warum übernehmen und
akzeptieren wir so schnell die gängigen Bilder, Worte, "Erklärungen"
für unsere jeweilige Lebenssituation? Ich bin 74, führe
noch ein reges, anteilnehmendes Dasein, bin einigermassen gesund -
und dies soll der "Lebensabend" sein? Meine Mutter, 98,
lebt in ihren eigenen Wänden, in geistiger Frische von Tag zu
Tag, zwar eingeschränkt in ihrer körperlichen Beweglichkeit
und schwindenden Sehkraft, somit abhängig von fremder Hilfe -
und dennoch: dieses letzte Wegstück ihres Lebens fühlt sich
nicht als "Lebensabend" an, sondern als Leben-im-Jetzt.
Es scheint unbestritten
zu sein, dass wir Menschen zwischen Geburt und Tod unterwegs sind,
einem Werde-Weg folgend, über dessen Qualität damit noch
nichts ausgesagt ist. Manche stellen sich diesen Weg linear vor, eine
Start-Ziel-Bewegung. Andere sehen sich auf einer Bergtour, bei der
irgendwann der Gipfel erreicht wird und der Abstieg ins Tal beginnt.
Wieder andere erfahren ihr Dasein als kreisförmig: "Geh
langsam, du kommst immer nur zu dir selbst", sagt ein arabisches
Sprichwort. Wortgebilde wie "Der Weggang", "Die Ankunft",
"Die Heimkehr", "Der Hinschied" weisen nicht nur
dem Sterben, sondern dem ganzen Leben davor eine bestimmte Gestalt
und Dynamik zu.
Unbezweifelt ist im weiteren,
dass der Mensch nie fertig, sondern stets im Werden ist. "Im
Reifen", um das Leitwort dieser Publikation zu verwenden. Da
ist es eher verfänglich, von "Rückbesinnung auf sich
selbst" oder ähnlichem zu sprechen. Im Leben lässt
sich nichts "nachholen", aber auch nichts "vorwegnehmen".
Der Anspruch des Lebens ist stets konkret und situativ: es geht ums
Tun oder Nichttun, verbunden mit der Frage: "Wer soll es tun,
ich oder andere, ich mit anderen", usw.? Und auch: "Wer
sind für mich die anderen?"
Leben ist: richtig (gerichtet)
handeln von Tag zu Tag, von Mal zu Mal und dafür Verantwortung
zu tragen. Dazu bedarf es einer Lebendigkeit, die mit steigendem Alter
nicht abnimmt, sondern zunimmt. Es ist diese Lebendigkeit und Verbundenheit,
die beim Sterben unserer "Hülle", unseres inkarnierten
Ichs, in die kosmische Energie einströmen wird. Es gibt nur Energie,
die Loslösung, Freisetzung und Gestaltung sucht, so dass sie
auf neue Weise dienstbar sein kann.

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