REIFE.CH

Herbst 2005

Editorial: Reife duftet


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50plus: eine Polemik

Leben: Reifen von der Geburt bis zum Tod

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Vom Reifen einer Vision

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Leben: Reifen von Geburt bis zum Tod

Bruchstücke zu einem unerschöpflichen Thema von Fridolin Herzog

In letzter Zeit habe ich (Mann,67) so viel zum Thema Alter, über die gesellschaftlichen und die individuellen Aspekte des Alterns gelesen, - aus Zeitungen und Fachzeitschriften, Forschungsberichten, Büchern und Wegweisern mehr oder weniger berühmter Jahrgängerinnen und Zeitgenossen -, dass ich mich nun als kundiger Betroffener fühlen kann.

Was hat mir das alles "gebracht"? Bin ich deswegen in meinem Alltag nur eine Spur reifer und gelassener geworden? - Demnächst findet in Basel wiederum ein "herbstfarbener" Kongress statt unter dem Titel: "Alter schützt vor Weisheit nicht", mit vielen interessanten Vorträgen von namhaften Referentinnen und Koryphäen aus der geronto-politischen, philosophischen, therapeutischen und spirituellen Fachwelt. Ich werde - trotz meiner Neugier - nicht hingehen, weil ich inzwischen weiss, dass die dort zu erwartenden Zeugnisse und Erkenntnisse mich selber nicht klüger machen können. Die Absicht solcher Veranstaltungen über die Kunst des Älterwerdens, nämlich: "Perspektiven für ein lebendiges, kreatives und sinnvolles Altern" zu vermitteln, in Ehren, - aber letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass jeder sein Leben, sein Altwerden und Sterben selbst erfährt, erlebt und gestaltet. In diesem Prozess, auf diesem Weg wäre "Weisheit" eine Möglichkeit; des Öfteren jedoch bewahrheitet sich, was der Volksmund sagt: "Alter schützt vor Torheit nicht"; und mit dieser Feststellung fühle ich mich selbst durchaus angesprochen... Hier könnten nun viele Beispiele aufgezählt werden, um das Gesagte zu illustrieren. Über so manches können wir verständnisvoll und nachsichtig lächeln. Wir sind schliesslich alle nur Menschen... Aber wenn es um existenzielle Haltungen geht, um Lebensprinzipien? Zum Beispiel:

So tun und leben, als ob (nicht)...

Als Mensch ist mir bewusst, dass ich sterben muss, dass ich mit jedem Tag dem eigenen Tode entgegen schreite. Je älter ich werde, desto näher. Wenn ich noch jung bin, mag es angehen, diesen Gedanken zu verdrängen. Aber wenn ich in die Jahre komme und meine müden Augen jeden Morgen in der Zeitung verstohlen die Todesanzeigen "überfliegen", um kurz zu erhaschen, wer als Jüngerer oder Gleichaltriger (für die wirklich Alten gehört es sich ja) soeben das Zeitliche gesegnet hat? -  Kann ich dann einfach zur Tagesordnung übergehen und "so tun als ob (nicht)? - Mich in Aktivitäts-,Trimm-dich und Adventure-Programme stürzen, um mich "ewig" jung und fit zu fühlen? Lässt sich dadurch unser Schicksal aufhalten? Ist ein solches Gebaren nicht eigentlich eine grandiose Alterstorheit?  Reif und weise wären doch jene zu nennen, die wachsam sind und sich dem Leben in seiner Vergänglichkeit und Hinfälligkeit täglich neu stellen und hingeben. Im Bewusstsein des Sterbens und Loslassens lebendig bleiben, das ist die wahre Aufgabe der Alten, das ist das Koan des Älterwerdens...

Ich möchte hier noch einen Gedanken aufgreifen, der mir beim oben erwähnten Studium von Altersliteratur begegnet ist:

Reifen in den Generationenbeziehungen

Im Zuge der demografischen Entwicklung (sog. "Überalterung") in den gegenwärtigen Gesellschaften wird viel über den Wandel der Verhältnisse zwischen den Generationen diskutiert, - und dies meistens unter negativem Vorzeichen. -  Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Generationenbeziehungen auch unter den heutigen Bedingungen durchaus funktionieren, wenn auch anders als in früheren Zeiten. Der Alterssoziologe François Höpflinger weist auf die zunehmende Bedeutung der Grosselternschaft in den modernen Familienformen hin: Aufgrund steigender Lebenserwartung ist die gemeinsame Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen - früher selten - heute die Regel. Es gibt zwar kaum mehr Drei-Generationen-Haushalte; die familialen Generationen leben vielmehr örtlich getrennt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der "multilokalen Mehrgenerationenfamilie". Es ist jedoch erwiesen, dass die Grosseltern  - vor allem natürlich die Grossmütter - die Familien ihrer eigenen Kinder materiell und zeitlich erheblich unterstützen und entlasten, und dass sie ihre Enkelkinder über längere Zeit als "freundliche Gefährten" begleiten.

Mit " Generativität" bezeichnet man den Prozess der Vermittlung und Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz der älteren an jüngere Generationen; dies zeigt sich in vielfältigen Aktivitäten, durch die ältere Menschen auch heutzutage ihre Beiträge für das Gemeinwesen leisten, sei es  durch "produktive oder kreative" Tätigkeiten oder durch soziales, kulturelles und politisches Engagement. Generativität ist somit eine wichtige Entwicklungsaufgabe der Menschen in der dritten Lebensphase. Sie er"weist" sich im Bemühen und in der Sorge um die nachkommenden Generationen. Sie will das Neue mit dem Alten verbinden und damit Kontinuität im Wandel schaffen. Es geht darum, eine "Spur" zu hinterlassen, die über den eigenen Tod hinaus Bestand hat.

Der Kern der Generationen-Solidarität

Die Solidarität zwischen den Generationen ist existentiell für das Überleben, für die Zukunft der Menschheit: Die Generationen sind die Zeuger und Träger des Lebens  in einer bestimmten Zeit, verantwortlich für die "Reproduktion" der Gattung im Verlaufe der Evolution, und dies nicht nur im biologischen, sondern auch im sozial-kulturellen Sinn. Die Generationen bewegen sich zwischen Geburt und Tod und sind somit ihrem Wesen nach vergänglich.-  Heute können drei bis vier Generationen in derselben Epoche neben- und nacheinander leben. Obwohl es scheint, dass durch den rasanten sozialen Wandel sich "Welten" zwischen die Generationen schieben, bleiben sie letztendlich miteinander verbunden. Der Kern ihrer Solidarität liegt darin begründet, dass sie das Leben durch die Gezeiten der Menschheitsgeschichte tragen, - das Leben, dem sie dienen, das sie nicht selbst geschaffen, sondern empfangen haben, - das Leben, das sie den künftigen Generationen weitergeben.

"Zur Lebensgewissheit gehört das Gefühl von Kontinuität und Dauerhaftigkeit. Sie kann nur erfahren werden, wo mindestens drei Generationen sichtbar sind und miteinander leben". (Fulbert Steffensky)

In diesem Sinne ist Jung sein und Alt sein kein fixer Zustand und kein Gegensatz, sondern ein fliessendes Lebensgefühl.  


Frühere Beiträge des Autors in REIFE.CH:

Reifen: Leben und Sterben (Frühling 2003)

Herbst im Beruf - Herbst des Lebens (Herbst 2003)

"Alt bist du, - jung wirst du werden"
oder: Die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden! (Frühling 2004)