Leben:
Reifen von Geburt bis zum Tod
Bruchstücke
zu einem unerschöpflichen Thema von Fridolin Herzog

In
letzter Zeit habe ich (Mann,67) so viel zum Thema Alter, über
die gesellschaftlichen und die individuellen Aspekte des Alterns gelesen,
- aus Zeitungen und Fachzeitschriften, Forschungsberichten, Büchern
und Wegweisern mehr oder weniger berühmter Jahrgängerinnen
und Zeitgenossen -, dass ich mich nun als kundiger Betroffener fühlen
kann.
Was
hat mir das alles "gebracht"? Bin ich deswegen in meinem
Alltag nur eine Spur reifer und gelassener geworden? - Demnächst
findet in Basel wiederum ein "herbstfarbener" Kongress statt
unter dem Titel: "Alter schützt vor Weisheit nicht",
mit vielen interessanten Vorträgen von namhaften Referentinnen
und Koryphäen aus der geronto-politischen, philosophischen, therapeutischen
und spirituellen Fachwelt. Ich werde - trotz meiner Neugier - nicht
hingehen, weil ich inzwischen weiss, dass die dort zu erwartenden
Zeugnisse und Erkenntnisse mich selber nicht klüger machen können.
Die Absicht solcher Veranstaltungen über die Kunst des Älterwerdens,
nämlich: "Perspektiven für ein lebendiges, kreatives
und sinnvolles Altern" zu vermitteln, in Ehren, - aber letztlich
führt kein Weg daran vorbei, dass jeder sein Leben, sein Altwerden
und Sterben selbst erfährt, erlebt und gestaltet. In diesem Prozess,
auf diesem Weg wäre "Weisheit" eine Möglichkeit;
des Öfteren jedoch bewahrheitet sich, was der Volksmund sagt:
"Alter schützt vor Torheit nicht"; und mit dieser Feststellung
fühle ich mich selbst durchaus angesprochen... Hier könnten
nun viele Beispiele aufgezählt werden, um das Gesagte zu illustrieren.
Über so manches können wir verständnisvoll und nachsichtig
lächeln. Wir sind schliesslich alle nur Menschen... Aber wenn
es um existenzielle Haltungen geht, um Lebensprinzipien? Zum Beispiel:
So
tun und leben, als ob (nicht)...
Als Mensch ist mir bewusst,
dass ich sterben muss, dass ich mit jedem Tag dem eigenen Tode entgegen
schreite. Je älter ich werde, desto näher. Wenn ich noch
jung bin, mag es angehen, diesen Gedanken zu verdrängen. Aber
wenn ich in die Jahre komme und meine müden Augen jeden Morgen
in der Zeitung verstohlen die Todesanzeigen "überfliegen",
um kurz zu erhaschen, wer als Jüngerer oder Gleichaltriger (für
die wirklich Alten gehört es sich ja) soeben das Zeitliche gesegnet
hat? - Kann ich dann einfach zur Tagesordnung übergehen
und "so tun als ob (nicht)? - Mich in Aktivitäts-,Trimm-dich
und Adventure-Programme stürzen, um mich "ewig" jung
und fit zu fühlen? Lässt sich dadurch unser Schicksal aufhalten?
Ist ein solches Gebaren nicht eigentlich eine grandiose Alterstorheit?
Reif und weise wären doch jene zu nennen, die wachsam sind
und sich dem Leben in seiner Vergänglichkeit und Hinfälligkeit
täglich neu stellen und hingeben. Im Bewusstsein des Sterbens
und Loslassens lebendig bleiben, das ist die wahre Aufgabe der Alten,
das ist das Koan des Älterwerdens...

Ich
möchte hier noch einen Gedanken aufgreifen, der mir beim oben
erwähnten Studium von Altersliteratur begegnet ist:
Reifen
in den Generationenbeziehungen
Im Zuge der demografischen
Entwicklung (sog. "Überalterung") in den gegenwärtigen
Gesellschaften wird viel über den Wandel der Verhältnisse
zwischen den Generationen diskutiert, - und dies meistens unter negativem
Vorzeichen. - Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Generationenbeziehungen
auch unter den heutigen Bedingungen durchaus funktionieren, wenn auch
anders als in früheren Zeiten. Der Alterssoziologe François
Höpflinger weist auf die zunehmende Bedeutung der Grosselternschaft
in den modernen Familienformen hin: Aufgrund steigender Lebenserwartung
ist die gemeinsame Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern in
den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen
- früher selten - heute die Regel. Es gibt zwar kaum mehr Drei-Generationen-Haushalte;
die familialen Generationen leben vielmehr örtlich getrennt.
Man spricht in diesem Zusammenhang von der "multilokalen Mehrgenerationenfamilie".
Es ist jedoch erwiesen, dass die Grosseltern - vor allem natürlich
die Grossmütter - die Familien ihrer eigenen Kinder materiell
und zeitlich erheblich unterstützen und entlasten, und dass sie
ihre Enkelkinder über längere Zeit als "freundliche
Gefährten" begleiten.
Mit
" Generativität" bezeichnet man den Prozess
der Vermittlung und Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz der älteren
an jüngere Generationen; dies zeigt sich in vielfältigen
Aktivitäten, durch die ältere Menschen auch heutzutage ihre
Beiträge für das Gemeinwesen leisten, sei es durch
"produktive oder kreative" Tätigkeiten oder durch soziales,
kulturelles und politisches Engagement. Generativität ist somit
eine wichtige Entwicklungsaufgabe der Menschen in der dritten Lebensphase.
Sie er"weist" sich im Bemühen und in der Sorge um die
nachkommenden Generationen. Sie will das Neue mit dem Alten verbinden
und damit Kontinuität im Wandel schaffen. Es geht darum, eine
"Spur" zu hinterlassen, die über den eigenen Tod hinaus
Bestand hat.
Der
Kern der Generationen-Solidarität
Die Solidarität zwischen
den Generationen ist existentiell für das Überleben, für
die Zukunft der Menschheit: Die Generationen sind die Zeuger und Träger
des Lebens in einer bestimmten Zeit, verantwortlich für
die "Reproduktion" der Gattung im Verlaufe der Evolution,
und dies nicht nur im biologischen, sondern auch im sozial-kulturellen
Sinn. Die Generationen bewegen sich zwischen Geburt und Tod und sind
somit ihrem Wesen nach vergänglich.- Heute können
drei bis vier Generationen in derselben Epoche neben- und nacheinander
leben. Obwohl es scheint, dass durch den rasanten sozialen Wandel
sich "Welten" zwischen die Generationen schieben, bleiben
sie letztendlich miteinander verbunden. Der Kern ihrer Solidarität
liegt darin begründet, dass sie das Leben durch die Gezeiten
der Menschheitsgeschichte tragen, - das Leben, dem sie dienen, das
sie nicht selbst geschaffen, sondern empfangen haben, - das Leben,
das sie den künftigen Generationen weitergeben.
"Zur
Lebensgewissheit gehört das Gefühl von Kontinuität
und Dauerhaftigkeit. Sie kann nur erfahren werden, wo mindestens drei
Generationen sichtbar sind und miteinander leben". (Fulbert Steffensky)
In diesem Sinne ist Jung
sein und Alt sein kein fixer Zustand und kein Gegensatz, sondern ein
fliessendes Lebensgefühl.
Frühere
Beiträge des Autors in REIFE.CH:
Reifen:
Leben und Sterben (Frühling 2003)
Herbst
im Beruf - Herbst des Lebens (Herbst 2003)
"Alt bist
du, - jung wirst du werden"
oder: Die Kunst, älter, aber nicht alt zu werden! (Frühling
2004)
