REIFE.CH

Herbst 2005

Editorial: Reife duftet


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Lob der Langsamkeit

Gedanken und Bilder von Andreas Giger

"Fahr langsam, wir haben es eilig!" So soll, gemäß der Erzählung meiner Großmutter, die eine kluge und weise Frau war, einst ein wohlgeborener Herr zu seinem Fahrer gesagt haben.

Schade, dass nicht alle Bosse und Theoretiker eine solche Großmutter hatten. So predigen sie unverdrossen das Hohelied der Geschwindigkeit. Heutzutage fressen die Schnellen die Langsamen, Tempo ist alles. Heißt es.

Nun kann man natürlich mit hoher Geschwindigkeit auch auf einen Abgrund zu rasen. Wenn man auf nachhaltigen Erfolg setzt, empfiehlt sich ein langsameres Tempo. Dies bestätigt ein Zitat aus eiem Buch, das sich übrigens auf die gute alte langsame Art zu lesen lohnt (Ridderstrale/Nordström: Karaoke-Kapitalismus. Redline Wirtschaft, 2005):

Innovative Unternehmen strengen sich auch an, die Geschwindigkeit im Unternehmen zu drosseln. Sie wissen, dass Geschwindigkeit Kreativität zunichte macht. I = T hoch drei. Innovation ist gleich Time To Think.

Das wusste ich natürlich längst - in der Theorie. Jetzt hat mir das Leben in dieser Angelegenheit eine praktische Lektion erteilt: Am ersten Abend von zwei Wochen auf einer geplanten Rundreise durch die griechischen Kykladen-Inseln bin ich aus einem unerheblichen und schon wieder vergessenen Grund zu schnell vom Barhocker aufgesprungen. Zack, der Fuss war vertreten und schwoll ordentlich an, zudem war die Achilleszerre gezerrt.

Das hieß, zwei Wochen auf der Startinsel zu verbleiben und pro Tag nur ein paar hundert Meter zu humpeln. Meiner (photographischen) Kreativität hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Durch die Umstände gezwungen, musste ich einfach meine Augen noch besser aufhalten. Die Bilder-Ernte fiel jedenfalls quantitativ und qualitativ reich aus. Auch Langsamkeit kann also Gewinn bringen.

Allerdings: So langsam möchte ich auch wieder mal richtig schnell gehen können, wie es sonst meine Art ist. Sicher, ich werde in Zukunft des öftern die Kunst des Schlenderns pflegen, doch wenn mir danach ist, werde ich mein Schritttempo auch gerne wieder erhöhen.

Bei diesen Gedankengängen fällt mir auf, dass ich vor einiger Zeit miterleben konnte, wie ein ausgesprochener Beschleuniger auf einen ebenso ausgeprägten Entschleuniger traf. Der Beschleuniger war der bekannte SPD-Politiker, Publizist und Professor Peter Glotz, der sich in einem Buch zum Thema der beschleunigten Gesellschaft als Fan dieser Beschleunigung geoutet hatte, der andere ein alter Freund von mir, dem Entschleunigung über alles ging. Die beiden waren fasziniert voneinander. Heute leben sie beide nicht mehr.

Ohne die Geschichte zu sehr strapazieren zu wollen: Das Festkleben am einen Geschwindigkeits-Pol scheint nicht sehr bekömmlich. Gesünder dürfte eine gesunde Mischung aus beidem sein: Da los- (oder auch weg-)rennen, wo es gefordert ist, und dort langsame Muße pflegen, wo Übersicht und Weitblick gefragt sind.

Wenn das Mädchen meiner Tavernen-Wirtin auf Santorini zu schell auf die Straße lief, rief diese ihm nach: "Sigá, sigá!" Das heißt zunächst einfach "langsam, langsam!" und ist das offen deklarierte Lebensmotto auf griechischen Inseln. Mein Freund, der Hotelier auf Kreta, begrüßt mich jedenfalls immer mit "sigá, sigá!", wenn ich bei ihm ankomme und noch die typischen Merkmale normalen mitteleuropäischen gespeedet Seins zeige.

Von ihm weiß ich allerdings, dass es nicht nur um Langsamkeit geht. "Sigá, sigá!" meint vielmehr ein Konzept der angemessenen Geschwindigkeit. Jedes Tempo hat demnach seine Zeit, und es gilt, das der jeweiligen Situation angepasste zu finden. Flexibles Tanzen zwischen den Polen von Langsamkeit und Geschwindigkeit. Alles eine Frage des richtigen Maßes, der richtigen Mischung.

Dass es in dieser Mischung in unseren Breitengraden mehr Raum für Langsamkeit braucht, fängt langsam an, sich als Idee zu verbreiten. Recht hat sie, die Idee, dass sie sich nicht beeilt. Alle Reifungsprozesse brauchen ihre Zeit, bestehen aus wenigen heftigen Aufschwüngen und vielen langsamen Phasen.