Eine
Idee reift zur Vision
Bericht
an Hand eines konreten Beispiels, von Hans Kissenpfennig

Eine
Vision ist die vage Vorstellung einer Person oder einer Organisation,
was sie zu einem fernen Zeitpunkt sein wird oder geleistet haben will.
Eine Idee hingegen ist die konkrete Absicht in greifbarer Zeit etwas
zu leisten oder zu erreichen. Selten trifft man auf Menschen und Organisationen,
die von Beginn an eine Vision haben. Meistens entwickelt sich eine
Vision erst aus dem Lernprozess in der Umsetzung einer Startidee,
welche durch leidenschaftlichen, fast fanatischen Einsatz erbracht
wird.
Am
Beispiel des Entwicklungsprojekts im Nordosten Brasiliens im Fischerdorf
Prainha do Canto Verde, das wir vor zwei Jahren als Interview mit
dem Projektleiter in www.reife.ch vorgestellt haben, möchten wir diesen
Reifeprozess von Idee zur Vision nachvollziehen.
René
Schärer hatte sich dort vor bald fünfzehn Jahren niedergelassen,
als er seine Kaderlaufbahn bei der Swissair abbrach und, im Alter
von fünfzig Jahren, den Dienst quittierte. Er stellte sein Manager
Know-how der Dorfgemeinschaft zur Verfügung zur Erhöhung
ihrer Lebensqualität. Grundhaltung war, der Bevölkerung
durch Hilfe zur Selbsthilfe zur Seite zu stehen.
Für
die armen Fischer bestanden die Nöte z.B. in der Kindersterblichkeit,
der Ausbeutung durch Landspekulanten und Fischgrossisten, in der Überfischung,
im Mangel an beruflichen Perspektiven, in der Ignoranz und Mutlosigkeit.
Dem
"Umsteiger" Schärer hingegen ging es um Lebenssinn
und Selbstverwirklichung.
Weder
die Dorfgemeinschaft noch er hatten zu diesem Zeitpunkt eine konkrete
Vorstellung oder Vision der zukünftigen Lebensgestaltung.
Die Energiequelle war der leidenschaftliche und ungeduldige Drang
nach Behebung konkreter Missstände. Die Zeitqualität für
die Veränderung war gegeben. Die Einsicht der Bevölkerung,
ihr Schicksal an die Hand zu nehmen, war vorhanden. So fanden und
ergänzten sich zwei Ideen mit dem gemeinsamen Nenner: "so
kann es mit meinem Leben nicht weiter gehen".
Erfahrene
Entwicklungsexperten wissen, dass nachhaltige Veränderungen nur
dann möglich sind, wenn in der Bevölkerung die Einsicht
und Bereitschaft dazu vorliegen. Solange als die Fischer sich mit
ihrer Misere abfinden, haben selbst sinnvolle und von den "Amigos"
finanzierte Projekte keine Chance.
Ein
altes und zentrales Anliegen der Bevölkerung war (und ist es
auch heute noch) der ungelöste Landkonflikt. Die ungerechte Verteilung
des Landes ist das Joch der Besitzlosen, weil sie die harmonische
Entwicklung der Dörfer nicht enteignet werden darf. Dank den
durch Schärer und seine weltweiten Freunde (Verein Amigos de
Prainha do Canto Verde) gesammelten Spenden konnten die Prainhaner
den juristischen Kampf gegen skrupellose Landspekulanten finanzieren.
Alle Gerichtsinstanzen haben sich in den letzten vier Jahren klar
für die Bevölkerung ausgesprochen, sodass erwartet werden
darf, dass das Bundesgericht in Brasilia den Rekurs des Grundstückmaklers
in den nächsten Wochen oder Monaten ablehnen wird.
Dieser
Gerichtsprozess ist typisch für viele andere in diesem Fischerdorf
umgesetzten oder laufenden Projekte. Die Situation in praktisch allen
anderen Dörfern ist vergleichbar. Wut und Ohnmacht prägen
das politische Klima. Der hängige Grundsatzentscheid in Brasilia
wird Präjudiz sein für die Rechtslage in anderen Fischerdörfern.

Anschliessend führen
wir einige Projekte auf, die zur Zeit umgesetzt werden oder
bereits abgeschlossen sind. Alle sind übertragbar auf Hunderte
von anderen Küstendörfer, nicht nur in Brasilien. Viele
dieser Dörfer schicken inzwischen Delegationen ihrer Dorfgemeinschaften
nach Prainha do Canto Verde zum Studium und Nachahmung.
- Fischereischule (überregionale
Kader- und Berufsschule)
- Ende des Monopols des
Fischeinkäufers (Veränderung von Strukturen)
- Erstes sozialverträgliches
Tourismus Projekt mit kapitalisiertem Fonds
- Konstruktives Schulmodell
nach Jena Piaget und Paulo Freire
- Schaffung eines Meeresreservats
mit Kartografierung der Fanggründe
- Lokaler Kodex für
verantwortliche Fischerei
- Bau einer einfachen
Schiffswerft und Konstruktion von Segelbooten, Typ Katamaran
- SODIS und Komposttoiletten
- Pilotprojekt Bio-Landwirtschaft
- Pilotprojekt Internetzugang
und Ausbildung
- Arte Escola, Ausbildung
von Talenten im Kunstgewerbe
In den letzten zehn Jahren
ging es den Fischern wie ihrem Mitbürger aus der Schweiz darum,
konkrete lokale und individuelle Situationen zu verbessern. Dieses
Ziel wurde in Prainha weitgehend erreicht. Nicht vorgesehen
war die inzwischen als wichtigstes "Nebenprodukt" erkannte
Erscheinung, nämlich das gewachsene Selbstvertrauen der Bevölkerung
in ihre Möglichkeiten, das Schicksal selbst zu beeinflussen..
Die
Aktivitäten in Prainha do Canto Verde begannen, den lokalen Rahmen
zu sprengen. Dank der unzähligen Kontakte mit den Bewohnern anderer
Fischerdörfer, Regierungsstellen, NGO´s, UNO Offices, Konsumentenorganisationen,
der Öffentlichkeit, Universitäten, u.s.w. entstand ein weltweites,
eng gewobenes Netzwerk.
Schärer
stellte zwei Phaenomena fest. Erstens: die Problemstellungen im Dorf
Prainha do Canto Verde sind stellvertretend für Tausende von
Fischerdörfern und unzählige Menschen in den Küstengebieten
dieser Welt. Zweitens: Wie von Geisterhand orchestriert sind Veränderungen
unterwegs, um die Lebensgrundlagen der Fischereibevölkerungen
auf allen Kontinenten zu verbessern.
Zu
diesem Trend zitiert er gerne Victor Hugo, der schrieb "keine
Armee ist imstande eine Idee zu verhindern, deren Zeit gekommen ist".
Ein
konkretes Beispiel ist die industrielle Fischerei, deren umweltschädlichen
Fangmethoden dank dem Aufschrei der handwerklichen Fischer von der
Öffentlichkeit und Regierungsstellen immer öfters in Frage
gestellt oder sogar verboten werden. Die skrupellose Ausbeutung der
Meere mit Schleppnetzen und oft ohne Einhaltung der Schonfristen führt
zur Ausrottung der Fische und ist eine Bedrohung der Menschheit. Parallel
dazu zerstört sie die Existenzgrundlage der kleingewerblichen
Fischer und ihren Familien.
Im
Zuge der Umsetzung der hier genannten Projekte ist eine den Ideen
übergeordnete Vision herangereift, nämlich die kurzsichtige,
zerstörerische Fischerei abzulösen durch kluges, nachhaltiges
Fischereimanagement. Dies beinhaltet eine solide verankerte Küstenentwicklung,
in der die handwerklichen Fischer und ihre Familien die Mitverantwortung
tragen. Schliesslich geht es im weiteren Sinn um die Ernährung
der Weltbevölkerung und unmittelbar um den Schutz der Lebens-
und Erholungsräume in den Küstengebieten.
Schärers
Leidenschaft ist jetzt dieser Vision gewidmet.
Mehr
Informationen über dieses Entwicklungsprojekt erhalten Sie
auf
der Homepage www.amigosprainha.org oder bei amigos.prainha@bluewin.ch