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Herbst 2005

Editorial: Reife duftet


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Eine Idee reift zur Vision

Bericht an Hand eines konreten Beispiels, von Hans Kissenpfennig

Eine Vision ist die vage Vorstellung einer Person oder einer Organisation, was sie zu einem fernen Zeitpunkt sein wird oder geleistet haben will. Eine Idee hingegen ist die konkrete Absicht in greifbarer Zeit etwas zu leisten oder zu erreichen. Selten trifft man auf Menschen und Organisationen, die von Beginn an eine Vision haben. Meistens entwickelt sich eine Vision erst aus dem Lernprozess in der Umsetzung einer Startidee, welche durch leidenschaftlichen, fast fanatischen Einsatz erbracht wird.

Am Beispiel des Entwicklungsprojekts im Nordosten Brasiliens im Fischerdorf Prainha do Canto Verde, das wir vor zwei Jahren als Interview mit dem Projektleiter in www.reife.ch vorgestellt haben, möchten wir diesen Reifeprozess von Idee zur Vision nachvollziehen.

René Schärer hatte sich dort vor bald fünfzehn Jahren niedergelassen, als er seine Kaderlaufbahn bei der Swissair abbrach und, im Alter von fünfzig Jahren, den Dienst quittierte. Er stellte sein Manager Know-how der Dorfgemeinschaft zur Verfügung zur Erhöhung ihrer Lebensqualität. Grundhaltung war, der Bevölkerung durch Hilfe zur Selbsthilfe zur Seite zu stehen.

Für die armen Fischer bestanden die Nöte z.B. in der Kindersterblichkeit, der Ausbeutung durch Landspekulanten und Fischgrossisten, in der Überfischung, im Mangel an beruflichen Perspektiven, in der Ignoranz und Mutlosigkeit.

Dem "Umsteiger" Schärer hingegen ging es um Lebenssinn und Selbstverwirklichung.

Weder die Dorfgemeinschaft noch er hatten zu diesem Zeitpunkt eine konkrete Vorstellung oder Vision der zukünftigen Lebensgestaltung. Die Energiequelle war der leidenschaftliche und ungeduldige Drang nach Behebung konkreter Missstände. Die Zeitqualität für die Veränderung war gegeben. Die Einsicht der Bevölkerung, ihr Schicksal an die Hand zu nehmen, war vorhanden. So fanden und ergänzten sich zwei Ideen mit dem gemeinsamen Nenner: "so kann es mit meinem Leben nicht weiter gehen".

Erfahrene Entwicklungsexperten wissen, dass nachhaltige Veränderungen nur dann möglich sind, wenn in der Bevölkerung die Einsicht und Bereitschaft dazu vorliegen. Solange als die Fischer sich mit ihrer Misere abfinden, haben selbst sinnvolle und von den "Amigos" finanzierte Projekte keine Chance.

Ein altes und zentrales Anliegen der Bevölkerung war (und ist es auch heute noch) der ungelöste Landkonflikt. Die ungerechte Verteilung des Landes ist das Joch der Besitzlosen, weil sie die harmonische Entwicklung der Dörfer nicht enteignet werden darf. Dank den durch Schärer und seine weltweiten Freunde (Verein Amigos de Prainha do Canto Verde) gesammelten Spenden konnten die Prainhaner den juristischen Kampf gegen skrupellose Landspekulanten finanzieren. Alle Gerichtsinstanzen haben sich in den letzten vier Jahren klar für die Bevölkerung ausgesprochen, sodass erwartet werden darf, dass das Bundesgericht in Brasilia den Rekurs des Grundstückmaklers in den nächsten Wochen oder Monaten ablehnen wird.

Dieser Gerichtsprozess ist typisch für viele andere in diesem Fischerdorf umgesetzten oder laufenden Projekte. Die Situation in praktisch allen anderen Dörfern ist vergleichbar. Wut und Ohnmacht prägen das politische Klima. Der hängige Grundsatzentscheid in Brasilia wird Präjudiz sein für die Rechtslage in anderen Fischerdörfern.

Anschliessend führen wir einige Projekte auf, die  zur Zeit umgesetzt werden oder bereits abgeschlossen sind. Alle sind übertragbar auf Hunderte von anderen Küstendörfer, nicht nur in Brasilien. Viele dieser Dörfer schicken inzwischen Delegationen ihrer Dorfgemeinschaften nach Prainha do Canto Verde zum Studium und Nachahmung.

  • Fischereischule (überregionale Kader- und Berufsschule)
  • Ende des Monopols des Fischeinkäufers (Veränderung von Strukturen)
  • Erstes sozialverträgliches Tourismus Projekt mit kapitalisiertem Fonds
  • Konstruktives Schulmodell nach Jena Piaget und Paulo Freire
  • Schaffung eines Meeresreservats mit Kartografierung der Fanggründe
  • Lokaler Kodex für verantwortliche Fischerei
  • Bau einer einfachen Schiffswerft und Konstruktion von Segelbooten, Typ Katamaran
  • SODIS und Komposttoiletten           
  • Pilotprojekt Bio-Landwirtschaft
  • Pilotprojekt Internetzugang und Ausbildung
  • Arte Escola, Ausbildung von Talenten im Kunstgewerbe

In den letzten zehn Jahren ging es den Fischern wie ihrem Mitbürger aus der Schweiz darum, konkrete lokale und individuelle Situationen zu verbessern. Dieses Ziel wurde in Prainha  weitgehend erreicht. Nicht vorgesehen war die inzwischen als wichtigstes "Nebenprodukt" erkannte Erscheinung, nämlich das gewachsene Selbstvertrauen der Bevölkerung in ihre Möglichkeiten, das Schicksal selbst zu beeinflussen..

Die Aktivitäten in Prainha do Canto Verde begannen, den lokalen Rahmen zu sprengen. Dank der unzähligen Kontakte mit den Bewohnern anderer Fischerdörfer, Regierungsstellen, NGO´s, UNO Offices, Konsumentenorganisationen, der Öffentlichkeit, Universitäten, u.s.w. entstand ein weltweites, eng gewobenes Netzwerk.

Schärer stellte zwei Phaenomena fest. Erstens: die Problemstellungen im Dorf Prainha do Canto Verde sind stellvertretend für Tausende von Fischerdörfern und unzählige Menschen in den Küstengebieten dieser Welt. Zweitens: Wie von Geisterhand orchestriert sind Veränderungen unterwegs, um die Lebensgrundlagen der Fischereibevölkerungen auf allen Kontinenten zu verbessern.

Zu diesem Trend zitiert er gerne Victor Hugo, der schrieb "keine Armee ist imstande eine Idee zu verhindern, deren Zeit gekommen ist".

Ein konkretes Beispiel ist die industrielle Fischerei, deren umweltschädlichen Fangmethoden dank dem Aufschrei der handwerklichen Fischer von der Öffentlichkeit und Regierungsstellen immer öfters in Frage gestellt oder sogar verboten werden. Die skrupellose Ausbeutung der Meere mit Schleppnetzen und oft ohne Einhaltung der Schonfristen führt zur Ausrottung der Fische und ist eine Bedrohung der Menschheit. Parallel dazu zerstört sie die Existenzgrundlage der kleingewerblichen Fischer und ihren Familien.

Im Zuge der Umsetzung der hier genannten Projekte ist eine den Ideen übergeordnete Vision herangereift, nämlich die kurzsichtige, zerstörerische Fischerei abzulösen durch kluges, nachhaltiges Fischereimanagement. Dies beinhaltet eine solide verankerte Küstenentwicklung, in der die handwerklichen Fischer und ihre Familien die Mitverantwortung tragen. Schliesslich geht es im weiteren Sinn um die Ernährung der Weltbevölkerung und unmittelbar um den Schutz der Lebens- und Erholungsräume in den Küstengebieten.

Schärers Leidenschaft ist jetzt dieser Vision gewidmet.


Mehr Informationen über dieses Entwicklungsprojekt erhalten Sie

auf der Homepage www.amigosprainha.org oder bei amigos.prainha@bluewin.ch