Reife
und das liebe Geld
Die finanzielle
Alterssicherung der reifenden Gesellschaft
Von
Urs Schnider, eidg. dipl. Finanzplanungs-Experte

Viel
wird in letzter Zeit darüber gesprochen und geschrieben, wie die
im Umlageverfahren finanzierte soziale Altersvorsorge bei Veränderungen
der Gesellschaftsstruktur zu sichern ist. Das identifizierte Problem
liegt in der Erwartung, dass der Rentnerquotient (Quotient aus der Zahl
der Rentenempfänger und der Zahl der Beitragszahler) aufgrund des
Sinkens der Geburtenrate, der steigenden Lebenserwartung und der teilweise
auch immer früheren Inanspruchnahme der Altersrente steigen wird.
Für das Jahr 2040 wird ein Rentnerquotient von ungefähr 0.5
(d.h. 1 Rentenempfänger auf 2 Erwerbstätige) erwartet. Die
notwendigen Beiträge der erwerbstätigen Bevölkerung werden
dannzumal ein stossend hohes Niveau erreicht haben. Die Folgen für
die Volkswirtschaft, wenn der Faktor Arbeit durch übermässige
Beiträge verteuert wird oder, bei Teilfinanzierung des Rentensystems
über Steuereinnahmen, mit einer weiter steigenden Fiskalquote gerechnet
werden müsste, sind nicht zu unterschätzen. Die Gefahr bestünde,
dass die Schaffung neuer Arbeitsplätze ernsthaft in Frage gestellt
würde oder dass junge Erwerbstätige sich anderswo nach besseren
Rahmenbedingungen umsehen würden. Dies wiederum hätte eine
zusätzliche Verschärfung der Situation in Bezug auf die Finanzierung
der sozialen Sicherungssysteme zur Folge und der Generationenvertrag
würde zusätzlich strapaziert.
Das
Scheitern des Generationenvertrages
Als
gescheitert müsste man den Generationenvertrag (notabene ein Drei-Generationen-Modell)
wohl dann betrachten, wenn sich ernsthafte Veränderungen der politischen
Kultur im Rahmen des demokratischen Modells abzeichnen würden.
Die Gefahr, dass Interessengruppen Reformen zu hintertreiben versuchen,
wenn diese ihre vermeintlich wohlerworbenen Rechte tangieren, ist real.
Aufgrund der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft könnten
diejenigen Bürger, die unmittelbar noch von dem auf längere
Frist zum Scheitern verurteilten sozialen Sicherungssystem profitieren,
im Rahmen der Ausübung politischer Rechte Mehrheiten gegen die
nötigen Reformen bilden. Im Zusammenhang mit dem Umlageverfahren
nach dem Drei-Generationen-Modell ist daher ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein
von den Stimmberechtigten gefragt, weil viele der künftigen Beitragszahler
heute noch nicht einmal stimmberechtigt sind. Würden die Rentner
und die angehenden Rentner Ihre Eigeninteressen über die Interessen
aller Betroffenen stellen, so müsste dies zum Vorwurf einer Diktatur
der Mehrheit führen.
Dass
das Besitzstandsdenken in unseren Gesellschaften bei der Entscheidfindung
in politischen Fragen eine zentrale Rolle spielt, zeigt sich gerade
eben am vehementen Widerstand gegen Reformbemühungen der Rentensysteme
in unseren Nachbarländern. An der Fragwürdigkeit eines solchen
Anspruchsdenkens ändert auch die Sicht nichts, dass der grosse
Kapitalstock, der den heutigen und künftigen Erwerbstätigen
als Grundlage für ihr wirtschaftliches Wohlergehen dient, von der
jeweiligen Rentnergenerationen durch Konsumverzicht geäufnet worden
ist. Würde man dieser Sicht nämlich stattgeben, so müssten
zwingend auch die in den verschiedensten Bereichen geäufneten Schuldenberge
der gleichen Generation bilanziert werden.
Das
Kapitaldeckungsverfahren als Allheilmittel?
Um
die obigen Probleme, die überwiegend bei Systemen nach dem Umlageverfahren
aufzutreten drohen, zu lösen, wird oft das Kapitaldeckungsverfahren
propagiert. Bei genauerem Hinsehen erweist sich dies aber als Trugschluss.
Es ist zwar durchaus realistisch, dass die Basis dieses Finanzierungssystems
der Altersabsicherung, nämlich der lebzeitige Aufbau eines Kapitalstockes,
der dann in der Ruhephase verbraucht wird, auf individueller Ebene funktioniert.
Dass dies auf der Ebene der Gesamtgesellschaft auch funktioniert, verneinen
jedoch viele Ökonomen. Sie weisen darauf hin, dass in einer Volkswirtschaft
in einer Periode immer nur das konsumiert (und natürlich auch investiert)
werden kann, was produziert wird. Die Rentner leben real betrachtet
also auch beim Kapitaldeckungsverfahren von dem, was die gleichzeitig
Erwerbstätigen produzieren. Abgesehen davon bedeutet der Aufbau
eines Kapitalstockes kurzfristig ja auch, dass die Sparbeiträge
vom heutigen Konsum zugunsten der Investition umgeschichtet werden.
Da der private Konsum den eigentlichen Wachstumsmotor der reifen Volkswirtschaften
darstellt, wäre zu fragen, was geschähe, wenn die heute bei
weitem wichtigste Gruppe von Konsumenten, die Baby-Boomers, ihre Sparquote
in den nächsten 10 20 Jahren zu Lasten des Konsums drastisch
erhöhen würden. Es wäre dann wohl davon auszugehen, dass
die Konjunkturaussichten der westlichen Welt eine Trübung erfahren
würden. Der Aufbau des anvisierten Kapitalstockes bei solcherarts
eben nachfrageseitig beeinträchtigten wirtschaftlichen
Aussichten käme unter diesen Voraussetzungen aber wiederum langsamer
voran als erhofft und könnte so in einen eigentlichen Teufelskreis
münden.
Sicher
gibt es andere, optimistischere Szenarien. Ordnungspolitisch vernünftige
Rahmenbedingungen vorausgesetzt, könnten die Erwerbstätigen
mit dem höheren Kapitalstock ja auch mehr produzieren und damit
dafür sorgen, dass zwischen der erwerbstätigen und der ruhenden
Bevölkerung mehr verteilt werden kann. Ohne Veränderung bei
der Lebensarbeitszeit und/oder der Reproduktionsrate der Bevölkerung,
würde dies das Problem der Rentenfinanzierung wohl aber auch nur
zum Teil lösen. Es müsste dann davon ausgegangen werden, dass
die Zahl der Menschen stark ansteigen würde, die individuell oder
über wie auch immer geartete Pensionsfonds zum Zwecke des Kapitalverbrauchs
ihre Wertpapiere in der Zeitspanne des Rentnerdaseins veräussern
müssten. Neben den eingangs skizzierten realwirtschaftlichen Auswirkungen
durch den Aufbau des Kapitalstockes könnte die spätere Liquidierung
des Anlagevermögens dann zu einer finanzwirtschaftlichen Problemstellung
führen. Die Finanzmärkte würden Gefahr laufen, in die
gleiche Falle wie das heutige Rentensystem zu tappen. Wenn in den nächsten
30 50 Jahren von den dannzumal Erwerbstätigen für den
Aufbau ihres eigenen Kapitalstockes nämlich nicht weiterhin soviel
Geld in den Finanzmarkt eingespeist wird, dass die von den Rentnern
auf den Markt geworfenen Wertpapiere absorbiert werden können,
dann würden die Wertschriftenkurse aufgrund des Überangebotes
einbrechen müssen.
Aufgrund
der obigen Ausführungen liegt der grosse Vorteil des Kapitaldeckungsverfahrens
demnach nicht so sehr in der Tatsache begründet, dass damit die
durch die demographische Entwicklung entstehenden Probleme gelöst
werden könnten. Zwei andere Gründe scheinen der gegenwärtigen
Beliebtheit dieses Verfahrens Vorschub zu leisten. Es ist dies einerseits
die Sensibilisierung der aktiven Bevölkerung für Problemstellungen
im Zusammenhang mit der Langlebigkeit und der Länge der Lebensarbeitszeit.
Eine Erhöhung der Lohnbeiträge und Kürzung des Rentenumwandlungssatzes
bei einem auf dem Kapitaldeckungsverfahren beruhenden System, wie jetzt
im Rahmen des BVG geschehen, wird von vielen deutlich wahrgenommen.
Eine Ausdehnung der Finanzierungsbasis unserer 1. Säule von den
Lohnbeiträgen zu den Mehrwertsteuerprozenten hingegen hat eine
andere Wirkung. Wenige nur interessiert, dass die Güter in 10,
15 oder 20 Jahren aufgrund der Steuern ein paar Prozent teurer sein
werden als heute. Ein zweiter Grund könnte im übergrossen
Interesse der Finanzindustrie am Kapitaldeckungsverfahren liegen. Das
Ertragspotential ist für die Finanzbranche bei überwiegender
Finanzierung der Altersvorsorge durch Kapitaldeckung schlicht gewaltig.

Schlussfolgerung
Unsere Abhängigkeit von den Kindern
Aus
obigem lässt sich schliessen, dass bei jedem System der Altersvorsorge,
die Kinder der Rentnergeneration deren wirtschaftliches Überleben
sicherzustellen haben. In archaischen Kulturen direkt, indem die eigenen
Nachfahren, von denen der Sicherheit willen möglichst viele auf
die Welt gestellt werden, die Alten zu unterstützen haben. Unser
modernes System unterscheidet sich in diesem Sinne nur wenig von dem
genannten Archaischen. Das Problem liegt nur darin, dass die individuelle
Bereitschaft für Nachkommen zu sorgen sehr stark zurückgegangen
ist. Der Anspruch der Gesellschaft an die Gesamtheit der Nachkommen
ist aber sowohl in Bezug auf materielle Leistung wie vor allem auch
in Bezug auf die Dauer der erforderlichen Unterstützung massiv
gestiegenen.
Lösungsansätze
Die
Sicherung und Sanierung unseres Systems der Altersvorsorge wird auf
zwei Ebenen beruhen müssen, wobei die erste Ebene eine schweizzentrierte
Sicht, die zweite Ebene eine globale Sicht darstellt.
Schweiz:
Verfehlt wäre eine Haltung, die sich auf die Hoffnung stützt,
dass sich die oben skizzierten Probleme durch Produktivitätsgewinne
und damit verbundenes genügend hohes Wirtschaftswachstum von alleine
lösen werden. Trotzdem muss sich die Schweiz selbstverständlich
mit ihrem wirtschaftlichen Potential befassen. Vielleicht sollten wir
uns aber wieder vermehrt unserer traditionellen Stärken besinnen,
als in wirtschaftspolitischer Hinsicht in einem Aktionismus das Heil
zu suchen. Ein solcher hat unserem Lande seit den Achtzigerjahren in
Hinsicht auf unsere Wettbewerbsfähigkeit nämlich eher geschadet
als genützt. Die Herausforderungen, die von der Transformation
unserer Wirtschaft im Rahmen der Entwicklung hin zu einer Informationsgesellschaft
ausgehen, könnten nämlich genau diejenigen Tugenden wieder
als besonders wirksam erscheinen lassen, denen der vergangene Erfolg
der Schweiz zuzurechnen ist. Es sind dies unter anderem ein hohes Mass
an individueller Freiheit, allerdings gepaart mit dem Verständnis
dafür, dass Freiheit und Verantwortung stets als Zwillingspaar
daherkommen. Ferner ist der soziale Frieden hervorzuheben. Die Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern auf Basis von Kompromiss und Konsens zu
gestalten, liegt im Interesse aller. Voraussetzung dafür ist allerdings
das Vertrauen in die Fairness der Partner, ohne das sich nirgendwo das
Gefühl festigen kann, gerecht behandelt zu werden. Vertrauen gilt
es auch im Zusammenhang mit der Rechtstaatlichkeit zu stärken.
Eine Ordnung, deren Fülle an abstrakten Rechtsnormen vom Bürger
nicht verstanden und obendrein zum Unverständnis vieler auch nicht
mit der nötigen Konsequenz durchgesetzt werden, führt zu einem
Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, anstatt dass sich
ein Gefühl der Sicherheit breit machen könnte. Für unser
Land von erstrangiger Bedeutung ist sodann ein effizientes Bildungs-
und Ausbildungssystem.
Sollte
sich bewahrheiten, dass maschinelle Produktivitätsgewinne im Zeitalter
der Informationsgesellschaften nicht mehr im Vordergrunde stehen, sondern
durch einen möglichst effizienten Informationsfluss zwischen Menschen
abgelöst wird, dann werden weiche Faktoren, wie die oben beschriebenen
"Ur-Tugenden" des Wirtschaftsstandortes Schweiz zu Schlüsselqualifikationen
erster Güte. Eine sinnvolle Ordnungspolitik sollte sich aus diesen
Gründen vor allem darum bemühen, die Leistungskraft und Eigenverantwortlichkeit
der Bevölkerung durch Absage an die fortschreitende Bürokratisierung
und Reglementierung zu fördern und durch optimale Rahmenbedingungen
dafür zu sorgen, dass der einst sorgfältig austarierte soziale
Friede wieder gefestigt werden kann. Dies zu erreichen wird auch erfordern,
dass ein auf Produktivitätsgewinnen beruhendes künftiges Mehrprodukt
sinnvoll verteilt wird. Die Aufteilung auf Gewinn und Arbeitslohn sollte
berücksichtigen, dass ohne Reallohnsteigerungen der Arbeitnehmer
die Nachfrage wohl nicht stimuliert werden kann. Erst ein Blick auf
die längerfristigen Interessen aller, wird demnach Grundlage dafür
sein können, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten ihren Teil
zur Lösung der demographisch bedingten Probleme erbringen können.
Zweitens
müsste eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit ins Auge gefasst
werden. Verschiedentlich wird darauf hingewiesen, dass schon Rentenalter
65 für viele Arbeitnehmer aufgrund der physischen Belastung nicht
zu erreichen ist. Diese Aussage ist sicher richtig und entsprechend
sind für die Berufe, die mit erhöhten Abnützungserscheinungen
einhergehen, sinnvolle Entlastungsmassnahmen zu ergreifen. Dies wird
finanziell darum vertretbar sein, weil im Zuge der Reifung der Informationsgesellschaft
der Aspekt der physischen Abnützung weiter in den Hintergrund treten
wird. Der enorme Energievorrat, den sehr viele 65 jährige Menschen
heute mit in die Pensionierung nehmen, könnte in vielen Fällen
noch für einige Jahre wirtschaftlich produktiv verwendet werden.
Drittens
müsste die Verschiebung des Altersquotienten über eine mögliche
Steigerung der Geburtenrate angegangen werden. Eine entsprechende Verordnung
würde aber wohl nicht zu viel mehr als ungläubigem Kopfschütteln
führen. Der Wille, der sich im fortpflanzungsfähigen Alter
befindlichen Bevölkerungsteile, sich in die Mühen und Freuden
der Kindeserziehung zu schicken, kann aber durch die Rahmenbedingungen
stark beeinflusst werden. Geradezu als Desaster muss in diesem Zusammenhang
die Tatsache bezeichnet werden, dass Kinder in der Schweiz zwischenzeitlich
als "Armutsrisiko" erster Güte betrachtet werden.
Welt:
Auf globaler Ebene stellen sich die Probleme und entsprechend die Lösungsansätze
anders dar, auch wenn die demographische Entwicklungstendenz
vielleicht mit Ausnahme der USA als erstrangiges Problem der
ganzen westlich industrialisierten Welt wahrgenommen wird. Global betrachtet
besteht heute jedoch kein Mangel an Nachkommen, die morgen für
ein Gleichgewicht der Faktoren Arbeit und Kapital sorgen und über
ihre Nachfrage den wirtschaftlichen Wachstumsmotor am Laufen halten
könnten. Leider aber bedroht das gleiche kurzsichtige Besitzstandsdenken,
das bei uns den Generationenvertrag zu gefährden droht, auch auf
globaler Ebene unsere längerfristigen Interessen. Wie Michael Garret
und Jean-Pierre Lehmann in einem bemerkenswert Artikel (Gefährdete
Welthandelsordnung, NZZ v. 10.4.2003) kürzlich dargelegt haben,
sind die reifen Volkswirtschaften zunehmend von den Märkten der
Transformations- und Entwicklungsländer abhängig. Es muss
uns daher am Herzen liegen, deren Volkswirtschaften zu entwickeln. Funktionieren
wird das mangels ihrer gegenwärtigen Konsumkraft nur, indem sie
ihre eigenen Produkte auf unseren Märkten verkaufen können.
Konkurrenzieren wir sie dabei durch unsere stark subventionierten Produkte
oder durch unsinnige (im direkten Zusammenhang mit unseren Entwicklungsgeldern
gesehen eigentlich perversen) Exportförderungsmassnahmen, so verhindern
wir, dass sich die Konsumkraft dieser Märkte erhöht. Neben
unserem realwirtschaftlichen Interesse am Wohl der in Entwicklung begriffenen
Transformations- und Entwicklungsländer, drängt sich auch
wieder die finanzwirtschaftliche Sicht in den Vordergrund. Stehen uns
künftig weitere gut entwickelte Volkswirtschaften zur Diversifikation
unserer Wertschriftenvermögen zur Verfügung, so erlaubt dies
auch, in einem vernünftigem Masse ein Kapitaldeckungsverfahren
langfristig als gesichert zu betrachten. Sicher ist der Beitrag, den
eine kleine Volkswirtschaft wie die unsrige zu Leisten vermag, nicht
ausreichend, um global unmittelbar etwas zu bewegen. Nur geht es in
diesem Bereich genau wie bei einer Betrachtung auf individueller Ebene
darum, seinen Beitrag zu leisten und statt durch dünne Worte durch
die Tat seinen Einfluss zu mehren und sein Selbstverständnis zu
festigen.

Obrigkeitliche
Verordnung contra Eigenverantwortlichkeit
Die
grössten Möglichkeiten der obrigkeitlichen Lenkung des Wandels
liegt natürlich bei der Ordnungspolitik und im Bereich der oben
erwähnte Notwendigkeit einer Entwicklungshilfe, die diesen Namen
auch verdient. In diesen Bereichen ist aber ein gerüttelt Mass
an Überzeugungsarbeit zu leisten, um Interessengruppen von der
Preisgabe liebgewonnener, aber zum Teil ungerechtfertigter materieller
Vorteile zu überzeugen. Offensichtlich an geringerem Orte angesiedelt
sind die Einflussmöglichkeiten bei der erwünschten Erhöhung
der Geburtenrate. Doch auch in diesem Bereich kann durch eine vorsichtige
Anpassung der Rahmenbedingungen einiges bewegt werden.
Nur
vordergründig vielversprechend erscheint sodann die Verordnung
einer verlängerten Arbeitszeit contre-coeur der Betroffenen. Die
Gefahr besteht, dass diese Bemühungen um Aktivierung des Kräftepotentials
der heute in meinen Augen völlig zu Unrecht als alt bezeichneten
65 70 Jährigen durch Invalidität und andere Wege des
vorzeitigen Ausscheidens aus dem Arbeitsprozess neutralisiert würden.
Hier müsste in den Köpfen zuallererst der Ersatz des negativ
behafteten Begriffes (und vielleicht auch Lebensmodells) des "passiven
Alterns" durch einen "bewussten Prozess des Reifens" vorangetrieben
werden.
Im
Laufe der neunziger Jahre ist im Zuge der lahmenden Konjunkturentwicklung
das Schlagwort "Der Aufschwung beginnt im Kopfe" geprägt worden.
Ähnlich verhält es sich mit der Problematik der demographischen
Entwicklung und deren nicht gewollten Implikationen. Wie auch über
staatlich gesteuerte Konjunkturprogramme die "Pferde zwar zur Tränke
geführt, nicht aber zum saufen gezwungen werden können", sind
die Einwirkungsmöglichkeiten des Staates im Zusammenhang mit der
Lösung demographisch bedingter Probleme unserer Vorsorgesysteme
meiner Meinung nach eher gering. Die angeführten Lösungsansätze
verlangen also vor allem nach individueller Einsicht, Verantwortungsgefühl
und einem hohen Mass an Wille zur Veränderung.
Solide
Rahmenbedingungen auch auf der Ebene des Individuums
Stimmen
die Rahmenbedingungen nicht, so wird der Mensch auch bei noch so grosser
Anstrengung sein Potential nicht entfalten können. Der Reifeprozess
des Menschen und die angestrebte Aktivierung der Ressourcen, über
die vor allem ältere Menschen verfügen, wird nur dann optimal
verlaufen können, wenn die materielle Sicherheit weitgehend gegeben
ist. Dies erfordert zweierlei: Erstens, dass die weiter oben skizzierten
Probleme unserer sozialen Sicherungssysteme von verantwortungsbewussten
Politikern und anderen in unserer Gesellschaft massgebenden Persönlichkeiten
weder schöngeredet, noch im Sinne der Panikmache behandelt werden.
Notwendige Korrekturen müssen klar beschrieben und der betroffenen
Bevölkerung erklärt werden. Zweitens soll das Verständnis
gefördert werden, dass materielle Sicherheit nicht zwingend durch
absoluten Reichtum ausgedrückt werden muss, der auf die "alten
Tage hin" angehäuft wird. In den Vordergrund sollten Modelle rücken,
bei denen materielle Unabhängigkeit relativ zu den individuellen
Zielen, Wünschen und Ansprüchen definiert wird. Der dadurch
entstehende Druck zur Reflexion wird auch den Nährboden bilden,
auf dem ein neues Verständnis des Alterns reifen kann.
Unabhängig
von den konkreten Anstrengungen im Zusammenhang mit der Lösung
der durch die demographische Entwicklung hervorgerufenen Probleme, wird
mit einiger Wahrscheinlichkeit bei einem künftigen Arbeitsmodell
die Lebensarbeitszeit nicht mehr in einer Phase von 25 - 65 Jahren zu
erbringen sein. Vielmehr wird ein guter Teil der Menschen wohl mit wechselnder
Intensität von 20 - 80 zur "aktiven" Bevölkerung gehören.
Heute ziemlich klar abgegrenzte Lebensabschnitte werden sich überlappen
oder in Bezug auf die Arbeitsleistung sogar gänzlich irrelevant
werden. Eine Folge davon wäre, dass nicht mehr mit einem mehr oder
weniger vorhersehbaren Lebenseinkommen gerechnet werden kann. Das Schönwettermodell,
bei dem das Realeinkommen bis zur Pensionierung stetig ansteigt und
dann durch eine feststehende lebenslängliche Rente abgelöst
wird, hat heute schon zu einem guten Teil ausgedient und wird, davon
bin ich überzeugt, in den kommenden Jahrzehnten vollends hinfällig.
Viele
vom Wandel Betroffene neigen dazu, auf dem Status Quo zu beharren. Dies
birgt aber immer die Gefahr, in Abhängigkeit zu geraten und durch
die andauernde Unsicherheit in Bezug auf das eigene Wohlergehen psychischen
Schaden zu nehmen. Wie bereits heute im Rahmen von kurzfristigen Verwerfungen
am Arbeitsmarkt festgestellt, werden aber viele unter Druck ihr Entwicklungspotential
zu aktivieren wissen. Die resultierenden Veränderungen führen
nicht selten zu einer Steigerung der Lebensqualität, die sich nicht
zwingend am materiellen Erfolg messen lässt. Wieder andere werden,
so die Hoffnung, auf der Suche nach Sinn und Lebensinhalten aus freien
Stücken einen bewussten Reifeprozess ihrer Persönlichkeit
in Gang setzen, dessen Vielschichtigkeit kaum Grenzen gesetzt sind.
Persönliche
Finanzplanung
Die
möglichen Zielsetzungen in Phasen solch individueller Veränderungen
werden sich wohl in vielen Fällen nicht oder nicht primär
am materiellen Gewinnpotential ausrichten. Anderseits sind es aber meistens
die bestehenden materiellen Ressourcen und deren erwartete Entwicklung,
die Möglichkeiten und Grenzen einer Neuausrichtung aufzeigen. Es
ist das Wissen um die finanziellen Aussichten, das den Komfort bei der
Reise auf dem selbstgestalteten Lebensweg ausmacht.
Dies
zu bieten, ist der Sinn der umfassenden persönlichen Finanzplanung.
Vorausschauend, flexibel und von Produkteinteressen unabhängig,
wird dieser Beratungsbereich an Wichtigkeit gewinnen. Denn um optimale
Rahmenbedingungen für einen gelingenden Reifeprozess mit unterschiedlicher
Intensität der Erwerbstätigkeit zu gewährleisten und
einen finanziellen Blindflug zu vermeiden, werden die materiellen Ressourcen
jedes einzelnen vermehrt umfassend betrachtet, überwacht und mit
dem jeweiligen Lebensziel in Einklang gebracht werden müssen.
Adresse
des Autors:
www.regli-schnider.ch
Mail:
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