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Reife und das liebe Geld

Die finanzielle Alterssicherung der reifenden Gesellschaft

Von Urs Schnider, eidg. dipl. Finanzplanungs-Experte

Viel wird in letzter Zeit darüber gesprochen und geschrieben, wie die im Umlageverfahren finanzierte soziale Altersvorsorge bei Veränderungen der Gesellschaftsstruktur zu sichern ist. Das identifizierte Problem liegt in der Erwartung, dass der Rentnerquotient (Quotient aus der Zahl der Rentenempfänger und der Zahl der Beitragszahler) aufgrund des Sinkens der Geburtenrate, der steigenden Lebenserwartung und der teilweise auch immer früheren Inanspruchnahme der Altersrente steigen wird. Für das Jahr 2040 wird ein Rentnerquotient von ungefähr 0.5 (d.h. 1 Rentenempfänger auf 2 Erwerbstätige) erwartet. Die notwendigen Beiträge der erwerbstätigen Bevölkerung werden dannzumal ein stossend hohes Niveau erreicht haben. Die Folgen für die Volkswirtschaft, wenn der Faktor Arbeit durch übermässige Beiträge verteuert wird oder, bei Teilfinanzierung des Rentensystems über Steuereinnahmen, mit einer weiter steigenden Fiskalquote gerechnet werden müsste, sind nicht zu unterschätzen. Die Gefahr bestünde, dass die Schaffung neuer Arbeitsplätze ernsthaft in Frage gestellt würde oder dass junge Erwerbstätige sich anderswo nach besseren Rahmenbedingungen umsehen würden. Dies wiederum hätte eine zusätzliche Verschärfung der Situation in Bezug auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme zur Folge und der Generationenvertrag würde zusätzlich strapaziert.

 

Das Scheitern des Generationenvertrages

Als gescheitert müsste man den Generationenvertrag (notabene ein Drei-Generationen-Modell) wohl dann betrachten, wenn sich ernsthafte Veränderungen der politischen Kultur im Rahmen des demokratischen Modells abzeichnen würden. Die Gefahr, dass Interessengruppen Reformen zu hintertreiben versuchen, wenn diese ihre vermeintlich wohlerworbenen Rechte tangieren, ist real. Aufgrund der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft könnten diejenigen Bürger, die unmittelbar noch von dem auf längere Frist zum Scheitern verurteilten sozialen Sicherungssystem profitieren, im Rahmen der Ausübung politischer Rechte Mehrheiten gegen die nötigen Reformen bilden. Im Zusammenhang mit dem Umlageverfahren nach dem Drei-Generationen-Modell ist daher ein hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein von den Stimmberechtigten gefragt, weil viele der künftigen Beitragszahler heute noch nicht einmal stimmberechtigt sind. Würden die Rentner und die angehenden Rentner Ihre Eigeninteressen über die Interessen aller Betroffenen stellen, so müsste dies zum Vorwurf einer Diktatur der Mehrheit führen.

Dass das Besitzstandsdenken in unseren Gesellschaften bei der Entscheidfindung in politischen Fragen eine zentrale Rolle spielt, zeigt sich gerade eben am vehementen Widerstand gegen Reformbemühungen der Rentensysteme in unseren Nachbarländern. An der Fragwürdigkeit eines solchen Anspruchsdenkens ändert auch die Sicht nichts, dass der grosse Kapitalstock, der den heutigen und künftigen Erwerbstätigen als Grundlage für ihr wirtschaftliches Wohlergehen dient, von der jeweiligen Rentnergenerationen durch Konsumverzicht geäufnet worden ist. Würde man dieser Sicht nämlich stattgeben, so müssten zwingend auch die in den verschiedensten Bereichen geäufneten Schuldenberge der gleichen Generation bilanziert werden.

 

Das Kapitaldeckungsverfahren als Allheilmittel?

Um die obigen Probleme, die überwiegend bei Systemen nach dem Umlageverfahren aufzutreten drohen, zu lösen, wird oft das Kapitaldeckungsverfahren propagiert. Bei genauerem Hinsehen erweist sich dies aber als Trugschluss. Es ist zwar durchaus realistisch, dass die Basis dieses Finanzierungssystems der Altersabsicherung, nämlich der lebzeitige Aufbau eines Kapitalstockes, der dann in der Ruhephase verbraucht wird, auf individueller Ebene funktioniert. Dass dies auf der Ebene der Gesamtgesellschaft auch funktioniert, verneinen jedoch viele Ökonomen. Sie weisen darauf hin, dass in einer Volkswirtschaft in einer Periode immer nur das konsumiert (und natürlich auch investiert) werden kann, was produziert wird. Die Rentner leben real betrachtet also auch beim Kapitaldeckungsverfahren von dem, was die gleichzeitig Erwerbstätigen produzieren. Abgesehen davon bedeutet der Aufbau eines Kapitalstockes kurzfristig ja auch, dass die Sparbeiträge vom heutigen Konsum zugunsten der Investition umgeschichtet werden. Da der private Konsum den eigentlichen Wachstumsmotor der reifen Volkswirtschaften darstellt, wäre zu fragen, was geschähe, wenn die heute bei weitem wichtigste Gruppe von Konsumenten, die Baby-Boomers, ihre Sparquote in den nächsten 10 — 20 Jahren zu Lasten des Konsums drastisch erhöhen würden. Es wäre dann wohl davon auszugehen, dass die Konjunkturaussichten der westlichen Welt eine Trübung erfahren würden. Der Aufbau des anvisierten Kapitalstockes bei solcherarts — eben nachfrageseitig — beeinträchtigten wirtschaftlichen Aussichten käme unter diesen Voraussetzungen aber wiederum langsamer voran als erhofft und könnte so in einen eigentlichen Teufelskreis münden.

Sicher gibt es andere, optimistischere Szenarien. Ordnungspolitisch vernünftige Rahmenbedingungen vorausgesetzt, könnten die Erwerbstätigen mit dem höheren Kapitalstock ja auch mehr produzieren und damit dafür sorgen, dass zwischen der erwerbstätigen und der ruhenden Bevölkerung mehr verteilt werden kann. Ohne Veränderung bei der Lebensarbeitszeit und/oder der Reproduktionsrate der Bevölkerung, würde dies das Problem der Rentenfinanzierung wohl aber auch nur zum Teil lösen. Es müsste dann davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Menschen stark ansteigen würde, die individuell oder über wie auch immer geartete Pensionsfonds zum Zwecke des Kapitalverbrauchs ihre Wertpapiere in der Zeitspanne des Rentnerdaseins veräussern müssten. Neben den eingangs skizzierten realwirtschaftlichen Auswirkungen durch den Aufbau des Kapitalstockes könnte die spätere Liquidierung des Anlagevermögens dann zu einer finanzwirtschaftlichen Problemstellung führen. Die Finanzmärkte würden Gefahr laufen, in die gleiche Falle wie das heutige Rentensystem zu tappen. Wenn in den nächsten 30 — 50 Jahren von den dannzumal Erwerbstätigen für den Aufbau ihres eigenen Kapitalstockes nämlich nicht weiterhin soviel Geld in den Finanzmarkt eingespeist wird, dass die von den Rentnern auf den Markt geworfenen Wertpapiere absorbiert werden können, dann würden die Wertschriftenkurse aufgrund des Überangebotes einbrechen müssen.

Aufgrund der obigen Ausführungen liegt der grosse Vorteil des Kapitaldeckungsverfahrens demnach nicht so sehr in der Tatsache begründet, dass damit die durch die demographische Entwicklung entstehenden Probleme gelöst werden könnten. Zwei andere Gründe scheinen der gegenwärtigen Beliebtheit dieses Verfahrens Vorschub zu leisten. Es ist dies einerseits die Sensibilisierung der aktiven Bevölkerung für Problemstellungen im Zusammenhang mit der Langlebigkeit und der Länge der Lebensarbeitszeit. Eine Erhöhung der Lohnbeiträge und Kürzung des Rentenumwandlungssatzes bei einem auf dem Kapitaldeckungsverfahren beruhenden System, wie jetzt im Rahmen des BVG geschehen, wird von vielen deutlich wahrgenommen. Eine Ausdehnung der Finanzierungsbasis unserer 1. Säule von den Lohnbeiträgen zu den Mehrwertsteuerprozenten hingegen hat eine andere Wirkung. Wenige nur interessiert, dass die Güter in 10, 15 oder 20 Jahren aufgrund der Steuern ein paar Prozent teurer sein werden als heute. Ein zweiter Grund könnte im übergrossen Interesse der Finanzindustrie am Kapitaldeckungsverfahren liegen. Das Ertragspotential ist für die Finanzbranche bei überwiegender Finanzierung der Altersvorsorge durch Kapitaldeckung schlicht gewaltig.

Schlussfolgerung — Unsere Abhängigkeit von den Kindern

Aus obigem lässt sich schliessen, dass bei jedem System der Altersvorsorge, die Kinder der Rentnergeneration deren wirtschaftliches Überleben sicherzustellen haben. In archaischen Kulturen direkt, indem die eigenen Nachfahren, von denen der Sicherheit willen möglichst viele auf die Welt gestellt werden, die Alten zu unterstützen haben. Unser modernes System unterscheidet sich in diesem Sinne nur wenig von dem genannten Archaischen. Das Problem liegt nur darin, dass die individuelle Bereitschaft für Nachkommen zu sorgen sehr stark zurückgegangen ist. Der Anspruch der Gesellschaft an die Gesamtheit der Nachkommen ist aber sowohl in Bezug auf materielle Leistung wie vor allem auch in Bezug auf die Dauer der erforderlichen Unterstützung massiv gestiegenen.

 

Lösungsansätze

Die Sicherung und Sanierung unseres Systems der Altersvorsorge wird auf zwei Ebenen beruhen müssen, wobei die erste Ebene eine schweizzentrierte Sicht, die zweite Ebene eine globale Sicht darstellt.

Schweiz: Verfehlt wäre eine Haltung, die sich auf die Hoffnung stützt, dass sich die oben skizzierten Probleme durch Produktivitätsgewinne und damit verbundenes genügend hohes Wirtschaftswachstum von alleine lösen werden. Trotzdem muss sich die Schweiz selbstverständlich mit ihrem wirtschaftlichen Potential befassen. Vielleicht sollten wir uns aber wieder vermehrt unserer traditionellen Stärken besinnen, als in wirtschaftspolitischer Hinsicht in einem Aktionismus das Heil zu suchen. Ein solcher hat unserem Lande seit den Achtzigerjahren in Hinsicht auf unsere Wettbewerbsfähigkeit nämlich eher geschadet als genützt. Die Herausforderungen, die von der Transformation unserer Wirtschaft im Rahmen der Entwicklung hin zu einer Informationsgesellschaft ausgehen, könnten nämlich genau diejenigen Tugenden wieder als besonders wirksam erscheinen lassen, denen der vergangene Erfolg der Schweiz zuzurechnen ist. Es sind dies unter anderem ein hohes Mass an individueller Freiheit, allerdings gepaart mit dem Verständnis dafür, dass Freiheit und Verantwortung stets als Zwillingspaar daherkommen. Ferner ist der soziale Frieden hervorzuheben. Die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern auf Basis von Kompromiss und Konsens zu gestalten, liegt im Interesse aller. Voraussetzung dafür ist allerdings das Vertrauen in die Fairness der Partner, ohne das sich nirgendwo das Gefühl festigen kann, gerecht behandelt zu werden. Vertrauen gilt es auch im Zusammenhang mit der Rechtstaatlichkeit zu stärken. Eine Ordnung, deren Fülle an abstrakten Rechtsnormen vom Bürger nicht verstanden und obendrein zum Unverständnis vieler auch nicht mit der nötigen Konsequenz durchgesetzt werden, führt zu einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, anstatt dass sich ein Gefühl der Sicherheit breit machen könnte. Für unser Land von erstrangiger Bedeutung ist sodann ein effizientes Bildungs- und Ausbildungssystem.

Sollte sich bewahrheiten, dass maschinelle Produktivitätsgewinne im Zeitalter der Informationsgesellschaften nicht mehr im Vordergrunde stehen, sondern durch einen möglichst effizienten Informationsfluss zwischen Menschen abgelöst wird, dann werden weiche Faktoren, wie die oben beschriebenen "Ur-Tugenden" des Wirtschaftsstandortes Schweiz zu Schlüsselqualifikationen erster Güte. Eine sinnvolle Ordnungspolitik sollte sich aus diesen Gründen vor allem darum bemühen, die Leistungskraft und Eigenverantwortlichkeit der Bevölkerung durch Absage an die fortschreitende Bürokratisierung und Reglementierung zu fördern und durch optimale Rahmenbedingungen dafür zu sorgen, dass der einst sorgfältig austarierte soziale Friede wieder gefestigt werden kann. Dies zu erreichen wird auch erfordern, dass ein auf Produktivitätsgewinnen beruhendes künftiges Mehrprodukt sinnvoll verteilt wird. Die Aufteilung auf Gewinn und Arbeitslohn sollte berücksichtigen, dass ohne Reallohnsteigerungen der Arbeitnehmer die Nachfrage wohl nicht stimuliert werden kann. Erst ein Blick auf die längerfristigen Interessen aller, wird demnach Grundlage dafür sein können, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten ihren Teil zur Lösung der demographisch bedingten Probleme erbringen können.

Zweitens müsste eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit ins Auge gefasst werden. Verschiedentlich wird darauf hingewiesen, dass schon Rentenalter 65 für viele Arbeitnehmer aufgrund der physischen Belastung nicht zu erreichen ist. Diese Aussage ist sicher richtig und entsprechend sind für die Berufe, die mit erhöhten Abnützungserscheinungen einhergehen, sinnvolle Entlastungsmassnahmen zu ergreifen. Dies wird finanziell darum vertretbar sein, weil im Zuge der Reifung der Informationsgesellschaft der Aspekt der physischen Abnützung weiter in den Hintergrund treten wird. Der enorme Energievorrat, den sehr viele 65 jährige Menschen heute mit in die Pensionierung nehmen, könnte in vielen Fällen noch für einige Jahre wirtschaftlich produktiv verwendet werden.

Drittens müsste die Verschiebung des Altersquotienten über eine mögliche Steigerung der Geburtenrate angegangen werden. Eine entsprechende Verordnung würde aber wohl nicht zu viel mehr als ungläubigem Kopfschütteln führen. Der Wille, der sich im fortpflanzungsfähigen Alter befindlichen Bevölkerungsteile, sich in die Mühen und Freuden der Kindeserziehung zu schicken, kann aber durch die Rahmenbedingungen stark beeinflusst werden. Geradezu als Desaster muss in diesem Zusammenhang die Tatsache bezeichnet werden, dass Kinder in der Schweiz zwischenzeitlich als "Armutsrisiko" erster Güte betrachtet werden.

Welt: Auf globaler Ebene stellen sich die Probleme und entsprechend die Lösungsansätze anders dar, auch wenn die demographische Entwicklungstendenz — vielleicht mit Ausnahme der USA — als erstrangiges Problem der ganzen westlich industrialisierten Welt wahrgenommen wird. Global betrachtet besteht heute jedoch kein Mangel an Nachkommen, die morgen für ein Gleichgewicht der Faktoren Arbeit und Kapital sorgen und über ihre Nachfrage den wirtschaftlichen Wachstumsmotor am Laufen halten könnten. Leider aber bedroht das gleiche kurzsichtige Besitzstandsdenken, das bei uns den Generationenvertrag zu gefährden droht, auch auf globaler Ebene unsere längerfristigen Interessen. Wie Michael Garret und Jean-Pierre Lehmann in einem bemerkenswert Artikel (Gefährdete Welthandelsordnung, NZZ v. 10.4.2003) kürzlich dargelegt haben, sind die reifen Volkswirtschaften zunehmend von den Märkten der Transformations- und Entwicklungsländer abhängig. Es muss uns daher am Herzen liegen, deren Volkswirtschaften zu entwickeln. Funktionieren wird das mangels ihrer gegenwärtigen Konsumkraft nur, indem sie ihre eigenen Produkte auf unseren Märkten verkaufen können. Konkurrenzieren wir sie dabei durch unsere stark subventionierten Produkte oder durch unsinnige (im direkten Zusammenhang mit unseren Entwicklungsgeldern gesehen eigentlich perversen) Exportförderungsmassnahmen, so verhindern wir, dass sich die Konsumkraft dieser Märkte erhöht. Neben unserem realwirtschaftlichen Interesse am Wohl der in Entwicklung begriffenen Transformations- und Entwicklungsländer, drängt sich auch wieder die finanzwirtschaftliche Sicht in den Vordergrund. Stehen uns künftig weitere gut entwickelte Volkswirtschaften zur Diversifikation unserer Wertschriftenvermögen zur Verfügung, so erlaubt dies auch, in einem vernünftigem Masse ein Kapitaldeckungsverfahren langfristig als gesichert zu betrachten. Sicher ist der Beitrag, den eine kleine Volkswirtschaft wie die unsrige zu Leisten vermag, nicht ausreichend, um global unmittelbar etwas zu bewegen. Nur geht es in diesem Bereich genau wie bei einer Betrachtung auf individueller Ebene darum, seinen Beitrag zu leisten und statt durch dünne Worte durch die Tat seinen Einfluss zu mehren und sein Selbstverständnis zu festigen.

Obrigkeitliche Verordnung contra Eigenverantwortlichkeit

Die grössten Möglichkeiten der obrigkeitlichen Lenkung des Wandels liegt natürlich bei der Ordnungspolitik und im Bereich der oben erwähnte Notwendigkeit einer Entwicklungshilfe, die diesen Namen auch verdient. In diesen Bereichen ist aber ein gerüttelt Mass an Überzeugungsarbeit zu leisten, um Interessengruppen von der Preisgabe liebgewonnener, aber zum Teil ungerechtfertigter materieller Vorteile zu überzeugen. Offensichtlich an geringerem Orte angesiedelt sind die Einflussmöglichkeiten bei der erwünschten Erhöhung der Geburtenrate. Doch auch in diesem Bereich kann durch eine vorsichtige Anpassung der Rahmenbedingungen einiges bewegt werden.

Nur vordergründig vielversprechend erscheint sodann die Verordnung einer verlängerten Arbeitszeit contre-coeur der Betroffenen. Die Gefahr besteht, dass diese Bemühungen um Aktivierung des Kräftepotentials der heute in meinen Augen völlig zu Unrecht als alt bezeichneten 65 — 70 Jährigen durch Invalidität und andere Wege des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Arbeitsprozess neutralisiert würden. Hier müsste in den Köpfen zuallererst der Ersatz des negativ behafteten Begriffes (und vielleicht auch Lebensmodells) des "passiven Alterns" durch einen "bewussten Prozess des Reifens" vorangetrieben werden.

Im Laufe der neunziger Jahre ist im Zuge der lahmenden Konjunkturentwicklung das Schlagwort "Der Aufschwung beginnt im Kopfe" geprägt worden. Ähnlich verhält es sich mit der Problematik der demographischen Entwicklung und deren nicht gewollten Implikationen. Wie auch über staatlich gesteuerte Konjunkturprogramme die "Pferde zwar zur Tränke geführt, nicht aber zum saufen gezwungen werden können", sind die Einwirkungsmöglichkeiten des Staates im Zusammenhang mit der Lösung demographisch bedingter Probleme unserer Vorsorgesysteme meiner Meinung nach eher gering. Die angeführten Lösungsansätze verlangen also vor allem nach individueller Einsicht, Verantwortungsgefühl und einem hohen Mass an Wille zur Veränderung.

 

Solide Rahmenbedingungen auch auf der Ebene des Individuums

Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, so wird der Mensch auch bei noch so grosser Anstrengung sein Potential nicht entfalten können. Der Reifeprozess des Menschen und die angestrebte Aktivierung der Ressourcen, über die vor allem ältere Menschen verfügen, wird nur dann optimal verlaufen können, wenn die materielle Sicherheit weitgehend gegeben ist. Dies erfordert zweierlei: Erstens, dass die weiter oben skizzierten Probleme unserer sozialen Sicherungssysteme von verantwortungsbewussten Politikern und anderen in unserer Gesellschaft massgebenden Persönlichkeiten weder schöngeredet, noch im Sinne der Panikmache behandelt werden. Notwendige Korrekturen müssen klar beschrieben und der betroffenen Bevölkerung erklärt werden. Zweitens soll das Verständnis gefördert werden, dass materielle Sicherheit nicht zwingend durch absoluten Reichtum ausgedrückt werden muss, der auf die "alten Tage hin" angehäuft wird. In den Vordergrund sollten Modelle rücken, bei denen materielle Unabhängigkeit relativ zu den individuellen Zielen, Wünschen und Ansprüchen definiert wird. Der dadurch entstehende Druck zur Reflexion wird auch den Nährboden bilden, auf dem ein neues Verständnis des Alterns reifen kann.

Unabhängig von den konkreten Anstrengungen im Zusammenhang mit der Lösung der durch die demographische Entwicklung hervorgerufenen Probleme, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit bei einem künftigen Arbeitsmodell die Lebensarbeitszeit nicht mehr in einer Phase von 25 - 65 Jahren zu erbringen sein. Vielmehr wird ein guter Teil der Menschen wohl mit wechselnder Intensität von 20 - 80 zur "aktiven" Bevölkerung gehören. Heute ziemlich klar abgegrenzte Lebensabschnitte werden sich überlappen oder in Bezug auf die Arbeitsleistung sogar gänzlich irrelevant werden. Eine Folge davon wäre, dass nicht mehr mit einem mehr oder weniger vorhersehbaren Lebenseinkommen gerechnet werden kann. Das Schönwettermodell, bei dem das Realeinkommen bis zur Pensionierung stetig ansteigt und dann durch eine feststehende lebenslängliche Rente abgelöst wird, hat heute schon zu einem guten Teil ausgedient und wird, davon bin ich überzeugt, in den kommenden Jahrzehnten vollends hinfällig.

Viele vom Wandel Betroffene neigen dazu, auf dem Status Quo zu beharren. Dies birgt aber immer die Gefahr, in Abhängigkeit zu geraten und durch die andauernde Unsicherheit in Bezug auf das eigene Wohlergehen psychischen Schaden zu nehmen. Wie bereits heute im Rahmen von kurzfristigen Verwerfungen am Arbeitsmarkt festgestellt, werden aber viele unter Druck ihr Entwicklungspotential zu aktivieren wissen. Die resultierenden Veränderungen führen nicht selten zu einer Steigerung der Lebensqualität, die sich nicht zwingend am materiellen Erfolg messen lässt. Wieder andere werden, so die Hoffnung, auf der Suche nach Sinn und Lebensinhalten aus freien Stücken einen bewussten Reifeprozess ihrer Persönlichkeit in Gang setzen, dessen Vielschichtigkeit kaum Grenzen gesetzt sind.

 

Persönliche Finanzplanung

Die möglichen Zielsetzungen in Phasen solch individueller Veränderungen werden sich wohl in vielen Fällen nicht oder nicht primär am materiellen Gewinnpotential ausrichten. Anderseits sind es aber meistens die bestehenden materiellen Ressourcen und deren erwartete Entwicklung, die Möglichkeiten und Grenzen einer Neuausrichtung aufzeigen. Es ist das Wissen um die finanziellen Aussichten, das den Komfort bei der Reise auf dem selbstgestalteten Lebensweg ausmacht.

Dies zu bieten, ist der Sinn der umfassenden persönlichen Finanzplanung. Vorausschauend, flexibel und von Produkteinteressen unabhängig, wird dieser Beratungsbereich an Wichtigkeit gewinnen. Denn um optimale Rahmenbedingungen für einen gelingenden Reifeprozess mit unterschiedlicher Intensität der Erwerbstätigkeit zu gewährleisten und einen finanziellen Blindflug zu vermeiden, werden die materiellen Ressourcen jedes einzelnen vermehrt umfassend betrachtet, überwacht und mit dem jeweiligen Lebensziel in Einklang gebracht werden müssen.

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