REIFE.CH

Sommer 2003

Editorial: Bunte Reifung

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Eine Idee keimt, reift, entwickelt sich, die Zeit wird reif für den Wandel, eine neue Idee keimt ...

Gespräch zwischen René Schärer, Entwicklungsbegleiter im Nordosten Brasiliens und Hans Kissenpfennig vom "Reife-Team".

Auch Ideen können reifen... (Fraktal 1)

Herr Schärer, in welchem Alter und durch was ausgelöst begann bei Ihnen der Gedanke zu reifen, ihr Leben als Direktor von Auslandsniederlassungen der damaligen Swissair in Frage zu stellen?

Meinen ersten Solidaritätsgedanken hatte ich in der Lehre. Unser Pfarrer erliess einen Aufruf an die jungen Berner. Er wollte den Einwohnern von Isefluh im Berner Oberland eine Strasse zu bauen; ich schloss mich der Bewegung an und hatte den Plausch.

20 Jahre später, bei einer Reise nach Ceará (Staat im Nordosten Brasiliens) wurde ich Augen- und Herzenszeuge des Elends während der schlimmen Dürrezeit. Schockiert kam ich zurück nach São Paulo – damals Direktor für die Swissair - und überzeugte meine Angestellten eine Interline Kampagne aufzuziehen und in Ceará ein Hilfswerk zu unterstützen.

1985 eröffnete ich meinen Vorgesetzten in Zürich, dass in meiner Planung keine Karrierepläne Platz hätten. Ich meinte damals, dass ich so 1996 aufhören würde.

1992 verliess ich die Swissair und zog nach dem Fischerdorf Prainha do Canto Verde, zwei Autofahrtstunden südöstlich von Fortaleza.

Sie haben vor elf Jahren als 51 jähriger eine erfolgreiche Karriere abgebrochen und sind Entwicklungshelfer oder besser gesagt Entwicklungsmanager in einem bescheidenen Fischerdorf im Nordosten von Brasilien geworden; ahnten Sie damals, auf was Sie sich einliessen?

Ich hatte eine gewisse Erfahrung und Wissen aus den 31 Jahren Swissair, das ich nun hier weitergeben konnte. Auch später hatte ich nie den geringsten Zweifel das Richtige getan zu haben.

Ich ahnte allerdings nicht, was da auf mich zukam. Ziemlich naiv habe ich eigentlich nur den ersten Schritt des Entwicklungskonzeptes für das Fischerdorf genau überlegt. Das Ziel war der Bevölkerung zu helfen, der Abhängigkeit und Willkür der Zwischenhändler im Fisch- und Langustengeschäft zu entrinnen.

René Schärer

Inzwischen sind Sie im Staate Cearà Brasiliens und in zahlreichen internationalen Organisationen gefragter Experte in den Bereichen der Artesanalfischerei und Aspekten des sozial- und umweltverträglichen Turismus. Wie erklären Sie sich dies?

Früher waren Dorforganisationen durch die Militärregierung verboten. Erst in den 80-iger Jahre bildeten sich die ersten organisierten Gruppen, welche sich um das Schicksal der Küstenbewohner kümmerten. Was hingegen fehlte, war ein kühler Kopf der die Zusammenhänge begriff, der verstand wie Unternehmer und rechtsgelagerte Politiker denken und der Strategien entwickeln und Leute motivieren konnte.

Die Zeit war reif und ich frech genug, um bei "hohen Tieren" aus der Wissenschaft und Politik anzuklopfen. Diese Kontakte, meine eigenen Recherchen und viele Zufälle haben ein Netzwerk in Brasilien und um die Welt entstehen lassen. Daneben habe ich auch einen Berner Gring. Es war meine Lebensaufgabe geworden, punkt fertig.

Ein Beispiel: Im Internet suchte ich "Fischerei" und stiess auf eine Notiz des WWF betr. die Gründung des MSC Marine Stewardship Councils (Zertifizierung von Fischprodukten). In der Schweiz ging ich der Sache nach und landete schliesslich in London beim WWF/MSC. In der Folge wurde ich zu einem Workshop nach Seattle eingeladen und lernte dort den ehemaligen Umweltminister Brasiliens kennen.

Auf dem Gebiet des sozialverantwortlichem Tourismus hatte ich bereits einen hohen Kenntnisstand und kannte viele Leute.

Das bescheidene Fischerdorf Prainha do Canto Verde ist Ihr Wohnort. Hier startete die Bewegung Eigenverantwortung zu übernehmen, die Sie als Berater beschleunigten. Heute ist das Dorf Pilgerort geworden und Benchmark für die Entwicklung von funktionierenden Modellen. Wir denken an die Fischereischule, an die überregionale Kaderausbildung, an die Schaffung eines Meeresreservats zur Sicherung einer schonungsvollen Fischerei, an die geplante Werft für den Bau von Fischerkatamaran, an die innovativen und pragmatischen Angebote eines nachhaltigen und sozialverträglichen Tourismus und viele andere faszinierenden Projekte.

Mädchen aus Prainha do Canto Verde

Frage: Hier in Prainha do Canto Verde reiften die ersten Projekte, die jetzt nicht nur in Brasilien an seiner Nordostküste sondern auch anderswo und auf verschiedenen Erdteilen Nachahmer finden. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Für die Regierung während der Militärdiktatur 64 – 82 war die Fischerei vor allem zur Devisenbeschaffung wichtig. Fischereiunternehmer wurden mit Subventionen zur Förderung der Langusten- und Crevetten Exporte "beschenkt". Die Artesanalfischer gingen dabei wie immer leer aus und gerieten in die Abhängigkeit der Unternehmer. In Prainha realisierten die Fischer ihren Traum vom direkten Marketing. Er wurde möglich dank der Unterstützung meiner Freunde in der Schweiz, welche zu diesem Zweck vor zwei Jahren den Verein " Amigos da Prainha do Canto Verde" gründeten.

Der Erfolg beflügelte uns. In Gesprächen zwischen Fischereispezialisten und den Fischern wurde mir bald klar, dass die Probleme der Küstenfischer auf der ganzen Welt etwa die gleichen sind. Die Zusammenarbeit mit ICSF (International Collective in support of Fishworkers mit Sitz in Indien) ist bis heute sehr bereichernd.

Die erste fischereigene Bootswerft sah ich in Kerala (Indien), aber die Idee einen Segel Katamaran für die Fischerei zu modifizieren kam von einem amerikanischen Freund, der einige Monate in Prainha verbrachte und mit den Fischern auf dem Meer in einer Jangada "leidete".

Parallel zu unserer Initiative in Prainha do Canto Verde und den benachbarten Dörfern zur Entwicklung sozialverträglichen Tourismus diskutieren auch andere Völker das gleiche Anliegen und machten die ersten Versuche. Ganz kürzlich (Mitte Mai 03) hat der Zusammenschluss von Dorfgemeinschaften in Lateinamerika, sowie NGO´s in Asien, Europa und Lateinamerika und zwei UNO Organisationen stattgefunden.

Unser Magazin beschäftigt sich mit dem Thema Reife. Was ist Ihre Meinung: kann man Reife in seinem eigenen Leben und in Entwicklungsprojekten managen, steuern, kontrollieren?

Managen vielleicht nicht, aber doch steuern oder beeinflussen. Man kommt ja oft am Lebensweg an Kreuzungen, wo man entscheiden muss in welche Richtung man gehen will. Da haben wir dann die Wahl mit der Seele zu entscheiden oder mit dem Portemonnaie.

Herr Schärer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Mission weiterhin viel und nachhaltigen Erfolg.


René Schärer, 1941 in Bern geboren; Lehre und Handelsschule in Bern, langjährige Auslandskarriere bei der Swissair mit Einsätzen in New York, Boston, Mailand, Madrid, Sao Paulo, Atlanta. Er lebt zusammen mit seiner Frau Marly in Prainha do Canto Verde, Adresse 62.840-000 Beberibe, Cearà, Brazil; Email fishnet@fortalnet.com.br

Verliess die Swissair 1992 und wurde Entwicklungshelfer bei den Artesanalfischer an der Nordostküste Brasiliens im Staate Cearà.

Mitglied folgender Organisationen:

Damit es künftig nicht nur noch künstliche Meere gibt... (Fraktal 2)