Eine
Idee keimt, reift, entwickelt sich, die Zeit wird reif für den
Wandel, eine neue Idee keimt ...
Gespräch
zwischen René Schärer, Entwicklungsbegleiter im Nordosten
Brasiliens und Hans Kissenpfennig vom "Reife-Team".

Auch
Ideen können reifen... (Fraktal 1)
Herr
Schärer, in welchem Alter und durch was ausgelöst begann bei
Ihnen der Gedanke zu reifen, ihr Leben als Direktor von Auslandsniederlassungen
der damaligen Swissair in Frage zu stellen?
Meinen
ersten Solidaritätsgedanken hatte ich in der Lehre. Unser Pfarrer
erliess einen Aufruf an die jungen Berner. Er wollte den Einwohnern
von Isefluh im Berner Oberland eine Strasse zu bauen; ich schloss mich
der Bewegung an und hatte den Plausch.
20
Jahre später, bei einer Reise nach Ceará (Staat im Nordosten
Brasiliens) wurde ich Augen- und Herzenszeuge des Elends während
der schlimmen Dürrezeit. Schockiert kam ich zurück nach São
Paulo damals Direktor für die Swissair - und überzeugte
meine Angestellten eine Interline Kampagne aufzuziehen und in Ceará
ein Hilfswerk zu unterstützen.
1985
eröffnete ich meinen Vorgesetzten in Zürich, dass in meiner
Planung keine Karrierepläne Platz hätten. Ich meinte damals,
dass ich so 1996 aufhören würde.
1992
verliess ich die Swissair und zog nach dem Fischerdorf Prainha do Canto
Verde, zwei Autofahrtstunden südöstlich von Fortaleza.
Sie
haben vor elf Jahren als 51 jähriger eine erfolgreiche Karriere
abgebrochen und sind Entwicklungshelfer oder besser gesagt Entwicklungsmanager
in einem bescheidenen Fischerdorf im Nordosten von Brasilien geworden;
ahnten Sie damals, auf was Sie sich einliessen?
Ich
hatte eine gewisse Erfahrung und Wissen aus den 31 Jahren Swissair,
das ich nun hier weitergeben konnte. Auch später hatte ich nie
den geringsten Zweifel das Richtige getan zu haben.
Ich
ahnte allerdings nicht, was da auf mich zukam. Ziemlich naiv habe ich
eigentlich nur den ersten Schritt des Entwicklungskonzeptes für
das Fischerdorf genau überlegt. Das Ziel war der Bevölkerung
zu helfen, der Abhängigkeit und Willkür der Zwischenhändler
im Fisch- und Langustengeschäft zu entrinnen.

René
Schärer
Inzwischen
sind Sie im Staate Cearà
Brasiliens und in zahlreichen internationalen Organisationen gefragter
Experte in den Bereichen der Artesanalfischerei und Aspekten des sozial-
und umweltverträglichen Turismus. Wie erklären Sie sich dies?
Früher
waren Dorforganisationen durch die Militärregierung verboten. Erst
in den 80-iger Jahre bildeten sich die ersten organisierten Gruppen,
welche sich um das Schicksal der Küstenbewohner kümmerten.
Was hingegen fehlte, war ein kühler Kopf der die Zusammenhänge
begriff, der verstand wie Unternehmer und rechtsgelagerte Politiker
denken und der Strategien entwickeln und Leute motivieren konnte.
Die
Zeit war reif und ich frech genug, um bei "hohen Tieren" aus der Wissenschaft
und Politik anzuklopfen. Diese Kontakte, meine eigenen Recherchen und
viele Zufälle haben ein Netzwerk in Brasilien und um die Welt entstehen
lassen. Daneben habe ich auch einen Berner Gring. Es war meine Lebensaufgabe
geworden, punkt fertig.
Ein
Beispiel: Im Internet suchte ich "Fischerei" und stiess auf eine Notiz
des WWF betr. die Gründung des MSC Marine Stewardship Councils
(Zertifizierung von Fischprodukten). In der Schweiz ging ich der Sache
nach und landete schliesslich in London beim WWF/MSC. In der Folge wurde
ich zu einem Workshop nach Seattle eingeladen und lernte dort den ehemaligen
Umweltminister Brasiliens kennen.
Auf
dem Gebiet des sozialverantwortlichem Tourismus hatte ich bereits einen
hohen Kenntnisstand und kannte viele Leute.
Das
bescheidene Fischerdorf Prainha do Canto Verde ist Ihr Wohnort. Hier
startete die Bewegung Eigenverantwortung zu übernehmen, die Sie
als Berater beschleunigten. Heute ist das Dorf Pilgerort geworden und
Benchmark für die Entwicklung von funktionierenden Modellen. Wir
denken an die Fischereischule, an die überregionale Kaderausbildung,
an die Schaffung eines Meeresreservats zur Sicherung einer schonungsvollen
Fischerei, an die geplante Werft für den Bau von Fischerkatamaran,
an die innovativen und pragmatischen Angebote eines nachhaltigen und
sozialverträglichen Tourismus und viele andere faszinierenden Projekte.

Mädchen
aus Prainha do Canto Verde
Frage:
Hier in Prainha do Canto Verde reiften die ersten Projekte, die jetzt
nicht nur in Brasilien an seiner Nordostküste sondern auch anderswo
und auf verschiedenen Erdteilen Nachahmer finden. Wie erklären
Sie sich dieses Phänomen?
Für
die Regierung während der Militärdiktatur 64 82 war
die Fischerei vor allem zur Devisenbeschaffung wichtig. Fischereiunternehmer
wurden mit Subventionen zur Förderung der Langusten- und Crevetten
Exporte "beschenkt". Die Artesanalfischer gingen dabei wie immer leer
aus und gerieten in die Abhängigkeit der Unternehmer. In Prainha
realisierten die Fischer ihren Traum vom direkten Marketing. Er wurde
möglich dank der Unterstützung meiner Freunde in der Schweiz,
welche zu diesem Zweck vor zwei Jahren den Verein " Amigos da Prainha
do Canto Verde" gründeten.
Der
Erfolg beflügelte uns. In Gesprächen zwischen Fischereispezialisten
und den Fischern wurde mir bald klar, dass die Probleme der Küstenfischer
auf der ganzen Welt etwa die gleichen sind. Die Zusammenarbeit mit ICSF
(International Collective in support of Fishworkers mit Sitz in Indien)
ist bis heute sehr bereichernd.
Die
erste fischereigene Bootswerft sah ich in Kerala (Indien), aber die
Idee einen Segel Katamaran für die Fischerei zu modifizieren kam
von einem amerikanischen Freund, der einige Monate in Prainha verbrachte
und mit den Fischern auf dem Meer in einer Jangada "leidete".
Parallel
zu unserer Initiative in Prainha do Canto Verde und den benachbarten
Dörfern zur Entwicklung sozialverträglichen Tourismus diskutieren
auch andere Völker das gleiche Anliegen und machten die ersten
Versuche. Ganz kürzlich (Mitte Mai 03) hat der Zusammenschluss
von Dorfgemeinschaften in Lateinamerika, sowie NGO´s in Asien,
Europa und Lateinamerika und zwei UNO Organisationen stattgefunden.
Unser
Magazin beschäftigt sich mit dem Thema Reife. Was ist Ihre Meinung:
kann man Reife in seinem eigenen Leben und in Entwicklungsprojekten
managen, steuern, kontrollieren?
Managen vielleicht
nicht, aber doch steuern oder beeinflussen. Man kommt ja oft am Lebensweg
an Kreuzungen, wo man entscheiden muss in welche Richtung man gehen
will. Da haben wir dann die Wahl mit der Seele zu entscheiden oder mit
dem Portemonnaie.
Herr
Schärer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen
Ihnen und Ihrer Mission weiterhin viel und nachhaltigen Erfolg.
René
Schärer, 1941 in Bern geboren; Lehre und Handelsschule in Bern,
langjährige Auslandskarriere bei der Swissair mit Einsätzen
in New York, Boston, Mailand, Madrid, Sao Paulo, Atlanta. Er lebt zusammen
mit seiner Frau Marly in Prainha do Canto Verde, Adresse 62.840-000
Beberibe, Cearà, Brazil; Email
fishnet@fortalnet.com.br
Verliess
die Swissair 1992 und wurde Entwicklungshelfer bei den Artesanalfischer
an der Nordostküste Brasiliens im Staate Cearà.
Mitglied
folgender Organisationen:

Damit es künftig
nicht nur noch künstliche Meere gibt... (Fraktal 2)