REIFE.CH

Sommer 2003

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Auch einer, der sich intensiv mit Reifen beschäftigt hat: Hermann Hesse

 

Reifen: Leben und Sterben

Betrachtungen von Fridolin Herzog

 

1. Einleitung

Unsere Plattform für eine neue Sicht des Älterwerdens präsentiert sich als Magazin für Reife und Reifung. Der Begriff "Reife" wird dabei positiv gedeutet: "als Symbol dafür, dass das älter Werden auch seine unbestreitbaren Vorzüge hat".

In meinem Beitrag "Reifen: Leben und Sterben" gehe ich vorerst auf die Wortbedeutungen von Reife und reifen ein, um dann auf den existentiellen Reifungsprozess "Leben und Sterben" überzuleiten, der uns — ob jung oder alt - mit der Begrenztheit des menschlichen Lebens, nämlich mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen wir mit dieser "ungewissen Gewissheit" um? Was bedeutet hier letztlich "Reife"? - In der vergleichenden Studie lasse ich zuerst Philosophen und Dichter der Antike sprechen, bevor ich modernen Denkern das Wort erteile. Im dritten Teil befasse ich mich mit Aussagen aus einem Buch von Elisabeth Kübler-Ross: "Reif werden zum Tode". Die Zusammenstellung schliesst mit eine kurzen persönlichen Anmerkung.

 

2. Etymologie: Die Herkunft von Reifen

Wenn wir im Internet nach dem Begriff "Reife" suchen, werden wir nicht gerade fündig. Reife ist offenbar keine Wissenskategorie, sondern eher eine Metapher, ein bildhaftes Wort für einen natürlichen Vorgang.

Im Herkunftswörterbuch steht: Das westgermanische Adjektiv mdh. "rife", ahd. "rifi", gehört zu einem germanischen Verb mit der Bedeutung "abpflücken, ernten". Das Adjektiv bedeutet demnach eigentlich: "etwas, was abgepflückt, geerntet werden kann". Es wird auch übertragen im Sinn von "erwachsen, gehörig ausgebildet, ausgewogen" verwendet. Davon abgeleitet "Reife": das Reifsein, statt mhd. "rifecheit", , ahd. "rifi"; und "reifen": reif werden (althochdeutsch und mittelhochdeutsch"rifen").

Im Alltagsgebrauch geben wir dem Wort "Reife" die Bedeutung von abgeschlossener Entwicklung, aber auch von"sittlichem Gefestigtsein". Wir sprechen von "Reifung" und meinen damit das Reifwerden, den Reifungsprozess, der durch Reifungserfahrungen entsteht. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von Lernen und Lernerfahrungen sprechen. Nicht von ungefähr gibt es auch eine "Reifeprüfung"und ein "Reifezeugnis", heute eher unter den Bezeichnungen Matura, Abitur, Abschlusszeugnis gebräuchlich... Die Begriffe "Reifezeit" und "Reifegrad" wiederum stammen aus der Entwicklungspsychologie, welche die Stadien und Phasen der menschlichen Entwicklung erforscht. "Reifen" heisst also: reif werden, sich entwickeln, aber auch: sich vollenden. Wir sprechen von einer Frucht, die gereift ist, von einer reifen Frau, einem gereiften Mann...

 

3. Das Alter — ein Segen oder ein Fluch?

Das Bild von der reifen Frucht, die gepflückt und geerntet werden kann, erinnert an das "Stirb und werde"(Meister Eckehart). Leben ist ein Werden und Vergehen. Reifen heisst: Leben und sterben. Geburt und Tod gehören zusammen.

Wenn wir älter werden, - werden wir auch reifer?

Und was empfinden wir dem Sterben, dem Tod gegenüber?

Dass wir als menschliche Individuen nur einmal leben, ist eine Banalität. Der Mensch weiss, dass es sein Schicksal ist, sterben zu müssen. Seit Menschengedenken versucht man, mit dieser existentiellen Gewissheit gedanklich und seelisch fertig zu werden, sich mit der Wirklichkeit von Leben und Tod zu versöhnen. Die einen verdrängen, die andern meditieren: alle werden schliesslich "heimgeholt".

Stimmen aus der Antike

Vor Jahrtausenden soll der griechische Philosoph Platon (427-347 v.Chr.) den Satz gesprochen haben: "Niemand weiss, was der Tod ist, ob er nicht für den Menschen das grösste ist unter allen Gütern. Sie aber fürchten ihn, als wüssten sie gewiss, dass er das grösste Übel ist".

Der römische Politiker und Philosoph Cicero schrieb im Jahre 44 v. Chr., ein Jahr vor seinem gewaltsamen Tod: "Bei umfassender Betrachtung des Problems komme ich nämlich auf vier Gründe, aus denen man das Alter für ein Unglück hält: Erstens, weil es uns in zunehmendem Masse verwehre, Grosses zu leisten; zweitens, weil es den Körper entkräfte; drittens, weil es uns fast jede Sinnenfreude nehme, und viertens, weil es dem Tode nahe sei." - In seinem letzten Buch (Dialog über das Alter) schrieb er weiter: "Das Leben hat seinen ganz bestimmten Ablauf, und der Weg der Natur ist nur einer und zwar ein gerader. Jedes Lebensalter hat infolge der zeitlichen Entwicklung seinen eigenen Charakter; die Schwäche des Kindes, das Draufgängerische des jungen Mannes, der Ernst in bereits gesetzterem Alter und die Reife des hohen Alters haben etwas Naturgemässes, das man zur rechten Zeit erkennen muss". - An anderer Stelle die Metapher (siehe oben): "...sterben alte Leute, so kommt gleichsam ein Feuer, das sich aufgezehrt hat, von selbst, ohne Gewalt, zum Erlöschen; und wie das Obst nur mit Mühe von den Bäumen abgepflückt werden kann, solange es noch grün ist, dagegen aber abfällt, sobald es zeitig und ausgereift ist, so nimmt jungen Leuten nur Gewalt, alten Menschen dagegen ihre Reife das Leben fort. Auf die Reife freue ich mich so sehr, dass ich je näher ich dem Tode komme, glaube, gleichsam "Land in Sicht" zu haben und endlich nach langer Seefahrt in einen Hafen zu gelangen"...Er schliesst: "Denn die Natur hat, wie allem anderen, so auch dem Leben ein Mass bestimmt. Das Greisenalter ist, wie bei einem Schauspiel, des Lebens letzter Akt. Hier schlappzumachen, sollten wir vermeiden, zumal wir ja die Erfüllung haben..." - Er rät seinen Freunden: "Man muss von Jugend auf darauf vorbereitet sein, den Tod gleichgültig zu nehmen, eine geistige Vorbereitung, ohne die niemand in seinem Inneren ruhig sein kann. Der Tod ist nämlich gewiss, - er bedroht jedes Lebensalter in gleicher Weise, - ungewiss ist nur, ob er gerade heute kommt. Wenn man nun den Tod, der zu jeder Stunde droht, fürchtet, wie soll man dann innerlich stark sein können?"

Schon viel früher meinte der griechische Philosoph und Ethiker Epikur (341-271 v.Chr.), wenn wir in guter Kenntnis der Natur und ihren Gesetzen entsprechend lebten, bräuchten wir den Tod nicht zu fürchten. Mit einem philosophischen Trick legt er nahe: "Der Tod ist ein Nichts: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da; ist der Tod da, sind wir nicht mehr da..."

Der grosse Stoiker Seneca, der vom 4. Jahr vor Chr. bis 65 n. Chr. in Rom lebte und vom Kaiser Nero, dessen Erzieher er war, schliesslich zum Tode verurteilt wurde, hat als weiser Alter ein kostbares Büchlein geschrieben: "Vom glückseligen Leben". Daraus mögen nun noch ein paar Sätze zu unserem Thema ausgewählt werden. (Von der Kürze des Lebens):

"Wie also steht die Sache? Ihr lebt, als würdet ihr immer leben; niemals kommt euch in den Sinn, wie karg ihr bedacht seid; ihr verschwendet die Zeit, als hättet ihr sie in Hülle und Fülle, während vielleicht gerade der Tag, den ihr einem Menschen oder einer Sache opfert, euer letzter ist. Ihr fürchtet alles wie Sterbliche und begehrt alles wie Unsterbliche". - ."Was wird geschehen? Du bist geschäftig, das Leben eilt dahin; inzwischen wird der Tod erscheinen, für den du, - magst du wollen oder nicht -, Zeit haben musst". - "Das Hinausschieben ist der grösste Verlust fürs Leben; es verzettelt immer den nächsten Tag, es entreisst die Gegenwart, indem es auf die Zukunft verweist...Lebe für die Gegenwart!" (Carpe diem) ."Indem man das Leben verschiebt, eilt es vorüber".- "Was aber liegt daran, wie bald du von da weggehst, von wo du doch einmal weggehen musst? Nicht lange, sondern genug zu leben, sei unsere Sorge". —

Fürwahr, alle Achtung gebührt den Weisen der antiken Welt und ihren profunden Erkenntnissen! Wie haben sich die Zeiten doch geändert! Doch was haben wir moderne Menschen nach über zwei Jahrtausenden Zivilisations- und Kulturgeschichte dazu gelernt? Bei aller Unterschiedlichkeit der Zeitalter, die Frage nach Leben und Tod ist im Grunde die gleiche geblieben. Haben wir heute andere Antworten?

Stimmen aus unserer Zeit

Es gibt auch in unserer Zeit viele Autoren und Autorinnen der Wissenschaften und der Literatur, die sich zum Phänomen und zum Prozess des Älterwerdens, des Lebens und Sterbens Gedanken machen. Ich weiss nicht, ob es irgendwo eine Anthologie solcher Texte der Gegenwart gibt. Dies wäre jedenfalls wünschbar und würde das neue Wissen der Gerontologie und Sozio-Demographie wesentlich ergänzen. Ich habe mich mit einigen solcher Zeugnisse "alter" Zeitgenossen auseinandergetzt. Es würde den Rahmen dieser Betrachtung bei weitem sprengen, hier eine Zusammenfassung aller dieser Stimmen zu versuchen. Ich möchte nachfolgend lediglich drei Autoren vorstellen, die mich mit ihrer Sichtweise des Alterns beeindruckt haben.

An erster Stelle sei C.G. Jung genannt, der 1971 in einem seiner Werke den bedeutungsschweren Satz schrieb: "Von der Lebensmitte an bleibt nur der lebendig, der mit dem Leben sterben will. Denn das, was in der geheimen Stunde des Lebensmittags geschieht, ist die Umkehr der Parabel, die Geburt des Todes. Das Leben der zweiten Lebenshälfte heisst nicht Aufstieg, Entfaltung, Vermehrung, Lebensüberschwang, sondern Tod, denn sein Ziel ist das Ende. Seine Lebenshöhe-nicht-Wollen ist dasselbe wie Sein-Ende-nicht-Wollen. Beides ist: Nicht-leben-Wollen. Nicht-leben-Wollen ist gleichbedeutend wie Nicht-sterben-Wollen. Werden und Vergehen ist dieselbe Kurve." -

Der amerikanische Jungianer James Hillmann hat 1999 ein Buch herausgegeben mit dem Titel: "Vom Sinn des langen Lebens. - Wir werden, was wir sind". -

Er ist der Auffassung, dass die späten Jahre des Lebens dazu da sind, um den menschlichen Charakter zu festigen und zu erfüllen. Der "Charakter", — wir könnten auch sagen: die Ausbildung der je eigenen Identität, das Ausleben des eigenen Schicksals und die Ausgestaltung der persönlichen Eigenart , im Unterschied zu allen anderen, - verleihen dem Altwerden Wert und Sinn. Alt werden ist somit nichts Zufälliges: "Es ist notwendig für den menschlichen Zustand, von der Seele beabsichtigt." —Nur wenn ihr Charakter seine Intelligenz verfeinert, sein Lernfeld erweitert und in Krisen geprüft worden ist, können die Alten der Gesellschaft dienen". Dann werden sie zu "Zeugen leidenschaftlicher Lebendigkeit". - Ich denke, das hat viel mit "Reife" zu tun, und diese fällt uns nicht einfach zu... Ein Satz noch, der mich an das oben erwähnte Zitat von Epikur erinnert, aber letztlich doch eine andere Bedeutung erhält: "Wir verlassen das Leben immer erst, wenn es uns verlässt. Wir sind so lange lebendig, bis wir für tot erklärt werden. Wenn das Sterben vom ersten Atemzug an als Möglichkeit existiert, dann dauert das Leben bis zum allerletzten Atemzug. Es ist ein grosser Fehler, in den Phänomenen des späteren Lebens Hinweise auf den Tod statt Initiationen in einen anderen Lebensweg zu sehen"...

"Vom Alter — De senectute", so der Titel einer Sammlung von autobiografischen Texten des Turiner Rechtsphilosophen Norbert Bobbio; 1999 in deutsch erschienen. - Der Autor beschreibt mit 83 Jahren, wie er sein Altwerden erlebt und welche Gedanken ihn dabei beschäftigen. Er tut dies in nüchterner Gelassenheit, aber auch in unüberhörbarer Melancholie. Ich wählte Norbert Bobbio als Beispiel aus, weil auch er die weisen Senioren der Antike kennt und ihre Haltung auf seine Weise in das heutige Bewusstsein übersetzt.

"Das Alter ist nicht vom vorhergehenden, übrigen Leben geschieden: es ist die Fortsetzung deiner Jugend, deiner Jahre als junger Mensch, deiner Reifezeit... Das Alter spiegelt deine Ansicht vom Leben wider, und noch im Alter wird deine Einstellung zum Leben davon geprägt, ob du das Leben wie einen steilen Berg begriffen hast, der bestiegen werden muss, oder wie einen breiten Strom, in den du eintauchst, um langsam zur Mündung zu schwimmen, oder wie einen undurchdringlichen Wald, in dem du herumirrst, ohne je genau zu wissen, welchen Weg du einschlagen musst, um wieder ins Freie zu kommen"...

Als Melancholie im Alter bezeichnet Bobbio "das Bewusstsein um das Unerreichte und das nicht mehr Erreichbare". Er erlebt das biologische Altern als kontinuierlichen Abstieg. "Die Wahrheit ist — aber es ist schwierig, das einem Jüngeren begreiflich zu machen -, dass der Abstieg ins Nirgendwo sehr lange dauert, länger als ich jemals gedacht hätte, und dass er langsam ist, so langsam, dass er kaum wahrnehmbar scheint (ich spüre ihn allerdings durchaus). Der Abstieg ist unaufhaltsam und, was schlimmer ist, unumkehrbar: du steigst jedesmal nur eine kleine Stufe herab, aber sobald du den Fuss auf die tiefere Stufe gesetzt hast, weißt du, dass du nicht mehr auf die höhere zurückkehren wirst. Wieviele es noch sind, weiss ich nicht. Über eines jedoch herrscht kein Zweifel: es werden immer weniger..."

"Wird der Tod ernst genommen, bedeutet er das Ende des Lebens, das definitive Ende, ein Ende, nach dem es keinen neuen Anfang gibt. Das Leben achtet, wer den Tod achtet. Wer den Tod ernst nimmt, nimmt auch das Leben ernst, dieses Leben, mein Leben, das einzige Leben, das mir gewährt wurde, auch wenn ich nicht weiss, von wem, und den Grund nicht kenne".

Wenn man seine Worte zu den Perspektiven "Nach dem Tod" liest, könnte man schon melancholisch werden: "Mit dem Tod geht man in die Welt des Nichtseins ein, in dieselbe Welt, in der ich war, bevor ich geboren wurde. Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt, von meinem Zur-Welt-Kommen und von dem, was ich werden sollte; das Nichts, das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen bin, nichts vom Leben und vom Tod der Menschen, die mir nahe gestanden haben und deren Gegenwart meine Tage mit Leben erfüllt hat, es wird nichts von den Ereignissen wissen, an denen ich Anteil genommen habe..."

Es gibt noch ein paar traurige Sätze in diesem Buch. - So klingt nun leider auch das Fazit von Norbert Bobbio: "Das Alter ist auch die Zeit der Bilanzen. Und die Bilanzen sind immer ein wenig melancholisch, wobei die Melancholie als das Bewusstsein um das Unvollendete, Unvollkommene, um das Missverhältnis zwischen den guten Vorsätzen und den tatsächlich vollbrachten Taten zu verstehen ist. Du bist am Ende des Lebens angekommen und hast doch den Eindruck, am Ausgangspunkt stehengeblieben zu sein, was das Wissen um Gut und Böse betrifft. Alle grossen Fragen sind unbeantwortet geblieben. Nachdem du immer versucht hast, dem Leben einen Sinn zu geben, erkennst du jetzt, dass es keinen Sinn hat, sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, und dass das Leben in seiner Unmittelbarkeit angenommen und gelebt werden muss, wie es die allermeisten Menschen tun. Aber wie lange hat es gedauert, bis du zu dieser Schlussfolgerung gekommen bist!" - Er schliesst diesen Abschnitt mit dem bemerkenswerten Satz: "Die Welt des alten Menschen ... ist eine Welt, in der die Gefühle schwerer wiegen als die Gedanken..."

 

4. Reif werden zum Tode

Vor kurzem ist meine Schwiegermutter im hohen Alter von 97 Jahren gestorben.

Wir besuchten sie des öftern im Pflegeheim, wo sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte. Eines Nachmittages versuchte meine Frau ihre klagende Mutter, die sehr unter Schmerzen litt, zu trösten mit dem Hinweis, dass sie sicher bald vom lieben Gott erlöst und in den Himmel kommen werde, wo ihr Mann und ihr Bruder, (die schon früher starben), auf sie warten und sich freuen würden... Niemals werde ich die Antwort der Greisin im Angesicht des Todes vergessen: " Niemand weiss, was im Jenseits ist. Keiner ist zurückgekommen und hat darüber berichtet." Solch eine agnostische Aussage aus dem Munde dieser tiefgläubigen Frau zu vernehmen, deren ganzes Leben von einer bäuerlich-konservativ-christlichen Familiengeschichte geprägt war, das hat mich sehr erstaunt...Doch wer dürfte sich anmassen zu urteilen, dass die sterbensmüde alte Frau nun am Ende ihres langen und beschwerlichen Lebens "den Glauben verloren" hätte...

Glauben wir oder glauben wir nicht — an ein Jenseits nach dem Tode?

Norbert Bobbio meinte dazu: "Dass die Menschen sterblich sind, ist ein Faktum. Dass der reale Tod, den wir tagtäglich in unserer Umgebung erleben müssen, und über den wir insgeheim unaufhörlich nachdenken, nicht das Ende des Lebens sein soll, sondern der Übergang in eine andere Form des Lebens, die von den einzelnen Individuen, den einzelnen Religionen, den einzelnen Philosophien jeweils ganz anders vorgestellt wird, ist kein Faktum, sondern ein Glauben. Es gibt Menschen, die daran glauben, und andere, die nicht daran glauben. Dann gibt es Menschen, die keinen Gedanken daran verschwenden, und wiederum andere, und das ist vielleicht der grösste Teil, die sagen: "Wer weiss!" ...

Glaubwürdige und eindrückliche Zeugnisse darüber fand ich in dem Buch "Reif werden zum Tode", das 1975 von der bekannten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross herausgegeben wurde. In diesem Buch haben unmittelbar betroffene sterbende Menschen und jene, die sie in den Tod begleitet haben, offen und direkt darüber berichtet, was sie im Sterbeprozess über das Leben erfahren haben. Niemand kann eigentlich davon dispensiert werden, sich selbst mit solchen Bekenntnissen auseinander zu setzen. Ein paar wesentliche Aussagen mögen zum Schluss meiner Zusammenstellung noch angefügt werden, da sie viel mit dem Prozess der Reife zu tun haben:

"Es mag befremdlich klingen, aber einer der produktivsten Wege, um zur menschlichen Reife zu gelangen, liegt in der Beschäftigung mit der Erfahrung des Todes."..."Sich dem Tod zu stellen, bedeutet, sich der abschliessenden Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. - .Der Tod ist die letzte Stufe der Reife in diesem Leben. Wir müssen das Sterben lernen, um Leben lernen zu können. Im Leben müssen wir ununterbrochen sterben und wiedergeboren werden, um zu reifen, "fast so wie aus einer Raupe ein Schmetterling wird". "Alte Pfade zu verlassen und alte Muster zu zerbrechen ist wie das Sterben.

"Der Tod ist der Schlüssel zum Lebenstor: Dadurch, dass wir die Begrenztheit unserer individuellen Existenz akzeptieren, vermögen wir die Kraft und den Mut zu finden, jene äusserlichen Rollen und Erwartungen zurückzuweisen und jeden Tag unseres Lebens — gleichgültig, wie lange es dauert — darauf zu verwenden, so umfassend zu reifen, wie wir können"... "Nur, wenn wir die wirkliche Bedeutung des Todes für die menschliche Existenz begreifen, werden wir den Mut dazu finden, das zu werden, was uns zu sein bestimmt ist."

"Unsere Bestimmung als menschliche Wesen liegt in der Reife, in der Suche nach jener Quelle des Friedens, des Verstehens und der Kraft, die unser inneres Selbst ist"... "Wir sind zur Transzendenz geschaffen wie die Vögel zum Fliegen und die Fische zum Schwimmen"... "Es gibt keinen totalen Tod, nur der Körper stirbt. Das Selbst oder der Geist oder wie immer du es bezeichnen willst, ist ewig"..."Und vor meinen eigenen Augen sah ich, dass das Sterben eine Geburt ist. Das ist entsetzlich schwer. Es mag vielleicht das Schwerste sein, was ein Mensch jemals tut. Aber man taucht aus dem Dunkel in das Licht"...

"Reife, - das ist die fundamentalste menschliche Antwort auf das Leben! -

 

5. Zum Schluss eine persönliche Anmerkung

Obwohl diese "Komposition" vielleicht den Anschein erweckt, systematisch zu sein oder zum mindesten einen "roten Faden" aufzuweisen, ist sie natürlich rein fragmentarisch, zufällig und subjektiv. Ich habe mir diese "Fleissarbeit" gemacht, weil ich keinen Sinn darin sehe, im Alter "so zu tun als ob nicht", nämlich uns so zu verhalten, als würden wir ewig hier leben. Der Tod ist uns gewiss, (siehe oben!) - trotz aller Fitness-, Wellness- und Anti-Aging-Programme... Es bleibt eines jeden Menschen — vor allem der Älteren — Aufgabe, zu den letzten Fragen dieses Lebens eine eigene Antwort zu finden. Gewiss wäre es pathologisch, seine alten Tage damit zu verbringen, ständig auf den "Gevatter Tod" zu starren. Aber zutiefst in meinem Bewusstsein gilt es gewahr zu sein, wie provisorisch meine Existenz ist und wohin die Reise wirklich geht. Gerade darum gilt es, jeden Augenblick voll und ganz zu leben. - Vielleicht vermag mein Verstand und überhaupt die menschliche Vernunft mir jene Antwort nicht zu geben; vielleicht aber fühle ich sie in der Tiefe meines Herzens, - und dort könnte ich in einem hellen Atemzug vielleicht verstehen, was ein guter Waldgeist einem greisen König in einem afro-brasilianischen Märchen prophezeit hat: "Alt bist du, - jung wirst du werden". -


 

Verwendete Literatur:

Seneca: Vom glückseligen Leben; Kröner, Stuttgart 1974

C.G. Jung: Seele und Tod. Ges. Werke, Bd.8; Walter-Verlag, Olten 1971

James Hillmann: Vom Sinn des langen Lebens; Kösel, München 2000

Norberto Bobbio: Vom Alter — De senectute; Piper, München 1999

Elisabeth Kübler-Ross(Hrsg.); Reif werden zum Tode; Kreuz-Verlag, Stuttgar 1975