Reifen:
Leben und Sterben
Betrachtungen
von Fridolin Herzog

1. Einleitung
Unsere Plattform
für eine neue Sicht des Älterwerdens präsentiert sich
als Magazin für Reife und Reifung. Der Begriff "Reife"
wird dabei positiv gedeutet: "als Symbol dafür, dass das älter
Werden auch seine unbestreitbaren Vorzüge hat".
In meinem
Beitrag "Reifen: Leben und Sterben" gehe ich vorerst
auf die Wortbedeutungen von Reife und reifen ein, um dann auf den existentiellen
Reifungsprozess "Leben und Sterben" überzuleiten, der
uns ob jung oder alt - mit der Begrenztheit des menschlichen
Lebens, nämlich mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen wir mit dieser
"ungewissen Gewissheit" um? Was bedeutet hier letztlich "Reife"?
- In der vergleichenden Studie lasse ich zuerst Philosophen und Dichter
der Antike sprechen, bevor ich modernen Denkern das Wort erteile. Im
dritten Teil befasse ich mich mit Aussagen aus einem Buch von Elisabeth
Kübler-Ross: "Reif werden zum Tode". Die Zusammenstellung
schliesst mit eine kurzen persönlichen Anmerkung.
2. Etymologie:
Die Herkunft von Reifen
Wenn wir
im Internet nach dem Begriff "Reife" suchen, werden wir nicht
gerade fündig. Reife ist offenbar keine Wissenskategorie, sondern
eher eine Metapher,
ein bildhaftes Wort für einen natürlichen Vorgang.
Im Herkunftswörterbuch
steht: Das westgermanische Adjektiv mdh. "rife", ahd. "rifi",
gehört zu einem germanischen Verb mit der Bedeutung "abpflücken,
ernten". Das Adjektiv bedeutet demnach eigentlich: "etwas,
was abgepflückt, geerntet werden kann". Es wird auch übertragen
im Sinn von "erwachsen, gehörig ausgebildet, ausgewogen"
verwendet. Davon abgeleitet "Reife": das Reifsein, statt mhd.
"rifecheit", , ahd. "rifi"; und "reifen":
reif werden (althochdeutsch und mittelhochdeutsch"rifen").
Im Alltagsgebrauch
geben wir dem Wort "Reife" die Bedeutung von abgeschlossener
Entwicklung, aber auch von"sittlichem Gefestigtsein". Wir
sprechen von "Reifung" und meinen damit das Reifwerden, den
Reifungsprozess, der durch Reifungserfahrungen entsteht. Man könnte
in diesem Zusammenhang auch von Lernen und Lernerfahrungen sprechen.
Nicht von ungefähr gibt es auch eine "Reifeprüfung"und
ein "Reifezeugnis", heute eher unter den Bezeichnungen Matura,
Abitur, Abschlusszeugnis gebräuchlich... Die Begriffe "Reifezeit"
und "Reifegrad" wiederum stammen aus der Entwicklungspsychologie,
welche die Stadien und Phasen der menschlichen Entwicklung erforscht.
"Reifen" heisst also: reif werden, sich entwickeln, aber auch:
sich vollenden. Wir sprechen von einer Frucht, die gereift ist, von
einer reifen
Frau, einem gereiften Mann...
3. Das
Alter ein Segen oder ein Fluch?
Das Bild
von der reifen Frucht, die gepflückt und geerntet werden kann,
erinnert an das "Stirb und werde"(Meister Eckehart). Leben
ist ein Werden und Vergehen. Reifen heisst: Leben und sterben. Geburt
und Tod gehören zusammen.
Wenn wir
älter werden, - werden wir auch reifer?
Und was
empfinden wir dem Sterben, dem Tod gegenüber?
Dass wir
als menschliche Individuen nur einmal leben, ist eine Banalität.
Der Mensch weiss, dass es sein Schicksal ist, sterben zu müssen.
Seit Menschengedenken versucht man, mit dieser existentiellen Gewissheit
gedanklich und seelisch fertig zu werden, sich mit der Wirklichkeit
von Leben und Tod zu versöhnen. Die einen verdrängen, die
andern meditieren: alle werden schliesslich "heimgeholt".

Stimmen
aus der Antike
Vor Jahrtausenden
soll der griechische Philosoph Platon (427-347 v.Chr.) den Satz
gesprochen haben: "Niemand weiss, was der Tod ist, ob er nicht
für den Menschen das grösste ist unter allen Gütern.
Sie aber fürchten ihn, als wüssten sie gewiss, dass er das
grösste Übel ist".
Der römische
Politiker und Philosoph Cicero schrieb im Jahre 44 v. Chr., ein
Jahr vor seinem gewaltsamen Tod: "Bei umfassender Betrachtung des
Problems komme ich nämlich auf vier Gründe, aus denen man
das Alter für ein Unglück hält: Erstens, weil es uns
in zunehmendem Masse verwehre, Grosses zu leisten; zweitens, weil es
den Körper entkräfte; drittens, weil es uns fast jede Sinnenfreude
nehme, und viertens, weil es dem Tode nahe sei." - In seinem letzten
Buch (Dialog über das Alter) schrieb er weiter: "Das Leben
hat seinen ganz bestimmten Ablauf, und der Weg der Natur ist nur einer
und zwar ein gerader. Jedes Lebensalter hat infolge der zeitlichen Entwicklung
seinen eigenen Charakter; die Schwäche des Kindes, das Draufgängerische
des jungen Mannes, der Ernst in bereits gesetzterem Alter und die
Reife des hohen Alters haben etwas Naturgemässes, das man zur
rechten Zeit erkennen muss". - An anderer Stelle die Metapher (siehe
oben): "...sterben alte Leute, so kommt gleichsam ein Feuer, das
sich aufgezehrt hat, von selbst, ohne Gewalt, zum Erlöschen; und
wie das Obst nur mit Mühe von den Bäumen abgepflückt
werden kann, solange es noch grün ist, dagegen aber abfällt,
sobald es zeitig und ausgereift ist, so nimmt jungen Leuten nur Gewalt,
alten Menschen dagegen ihre Reife das Leben fort. Auf die Reife freue
ich mich so sehr, dass ich je näher ich dem Tode komme, glaube,
gleichsam "Land in Sicht" zu haben und endlich nach langer
Seefahrt in einen Hafen zu gelangen"...Er schliesst: "Denn
die Natur hat, wie allem anderen, so auch dem Leben ein Mass bestimmt.
Das Greisenalter ist, wie bei einem Schauspiel, des Lebens letzter Akt.
Hier schlappzumachen, sollten wir vermeiden, zumal wir ja die Erfüllung
haben..." - Er rät seinen Freunden: "Man muss von Jugend
auf darauf vorbereitet sein, den Tod gleichgültig zu nehmen, eine
geistige Vorbereitung, ohne die niemand in seinem Inneren ruhig sein
kann. Der Tod ist nämlich gewiss, - er bedroht jedes Lebensalter
in gleicher Weise, - ungewiss ist nur, ob er gerade heute kommt. Wenn
man nun den Tod, der zu jeder Stunde droht, fürchtet, wie soll
man dann innerlich stark sein können?"
Schon viel
früher meinte der griechische Philosoph und Ethiker Epikur
(341-271 v.Chr.), wenn wir in guter Kenntnis der Natur und ihren Gesetzen
entsprechend lebten, bräuchten wir den Tod nicht zu fürchten.
Mit einem philosophischen Trick legt er nahe: "Der Tod ist ein
Nichts: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da; ist der Tod da, sind
wir nicht mehr da..."
Der grosse
Stoiker Seneca, der vom 4. Jahr vor Chr. bis 65 n. Chr. in Rom
lebte und vom Kaiser Nero, dessen Erzieher er war, schliesslich zum
Tode verurteilt wurde, hat als weiser Alter ein kostbares Büchlein
geschrieben: "Vom glückseligen Leben". Daraus mögen
nun noch ein paar Sätze zu unserem Thema ausgewählt werden.
(Von der Kürze des Lebens):
"Wie
also steht die Sache? Ihr lebt, als würdet ihr immer leben; niemals
kommt euch in den Sinn, wie karg ihr bedacht seid; ihr verschwendet
die Zeit, als hättet ihr sie in Hülle und Fülle, während
vielleicht gerade der Tag, den ihr einem Menschen oder einer Sache opfert,
euer letzter ist. Ihr fürchtet alles wie Sterbliche und begehrt
alles wie Unsterbliche". - ."Was wird geschehen? Du bist geschäftig,
das Leben eilt dahin; inzwischen wird der Tod erscheinen, für den
du, - magst du wollen oder nicht -, Zeit haben musst". - "Das
Hinausschieben ist der grösste Verlust fürs Leben; es verzettelt
immer den nächsten Tag, es entreisst die Gegenwart, indem es auf
die Zukunft verweist...Lebe für die Gegenwart!" (Carpe diem)
."Indem man das Leben verschiebt, eilt es vorüber".-
"Was aber liegt daran, wie bald du von da weggehst, von wo du doch
einmal weggehen musst? Nicht lange, sondern genug zu leben, sei unsere
Sorge".
Fürwahr,
alle Achtung gebührt den Weisen der antiken Welt und ihren profunden
Erkenntnissen! Wie haben sich die Zeiten doch geändert! Doch was
haben wir moderne Menschen nach über zwei Jahrtausenden Zivilisations-
und Kulturgeschichte dazu gelernt? Bei aller Unterschiedlichkeit der
Zeitalter, die Frage nach Leben und Tod ist im Grunde die gleiche geblieben.
Haben wir heute andere Antworten?

Stimmen
aus unserer Zeit
Es gibt auch
in unserer Zeit viele Autoren und Autorinnen der Wissenschaften und
der Literatur, die sich zum Phänomen und zum Prozess des Älterwerdens,
des Lebens und Sterbens Gedanken machen. Ich weiss nicht, ob es irgendwo
eine Anthologie solcher Texte der Gegenwart gibt. Dies wäre jedenfalls
wünschbar und würde das neue Wissen der Gerontologie und Sozio-Demographie
wesentlich ergänzen. Ich habe mich mit einigen solcher Zeugnisse
"alter" Zeitgenossen auseinandergetzt. Es würde den Rahmen
dieser Betrachtung bei weitem sprengen, hier eine Zusammenfassung aller
dieser Stimmen zu versuchen. Ich möchte nachfolgend lediglich drei
Autoren vorstellen, die mich mit ihrer Sichtweise des Alterns beeindruckt
haben.
An erster
Stelle sei C.G. Jung genannt, der 1971 in einem seiner Werke
den bedeutungsschweren Satz schrieb: "Von der Lebensmitte an bleibt
nur der lebendig, der mit dem Leben sterben will. Denn das, was in der
geheimen Stunde des Lebensmittags geschieht, ist die Umkehr der Parabel,
die Geburt des Todes. Das Leben der zweiten Lebenshälfte heisst
nicht Aufstieg, Entfaltung, Vermehrung, Lebensüberschwang, sondern
Tod, denn sein Ziel ist das Ende. Seine Lebenshöhe-nicht-Wollen
ist dasselbe wie Sein-Ende-nicht-Wollen. Beides ist: Nicht-leben-Wollen.
Nicht-leben-Wollen ist gleichbedeutend wie Nicht-sterben-Wollen. Werden
und Vergehen ist dieselbe Kurve." -
Der amerikanische
Jungianer James Hillmann hat 1999 ein Buch herausgegeben mit
dem Titel: "Vom Sinn des langen Lebens. - Wir werden, was wir sind".
-
Er ist der
Auffassung, dass die späten Jahre des Lebens dazu da sind, um den
menschlichen Charakter zu festigen und zu erfüllen. Der "Charakter",
wir könnten auch sagen: die Ausbildung der je eigenen Identität,
das Ausleben des eigenen Schicksals und die Ausgestaltung der persönlichen
Eigenart , im Unterschied zu allen anderen, - verleihen dem Altwerden
Wert und Sinn. Alt werden ist somit nichts Zufälliges: "Es
ist notwendig für den menschlichen Zustand, von der Seele beabsichtigt."
Nur wenn ihr Charakter seine Intelligenz verfeinert, sein Lernfeld
erweitert und in Krisen geprüft worden ist, können die Alten
der Gesellschaft dienen". Dann werden sie zu "Zeugen leidenschaftlicher
Lebendigkeit". - Ich denke, das hat viel mit "Reife"
zu tun, und diese fällt uns nicht einfach zu... Ein Satz noch,
der mich an das oben erwähnte Zitat von Epikur erinnert, aber letztlich
doch eine andere Bedeutung erhält: "Wir verlassen das Leben
immer erst, wenn es uns verlässt. Wir sind so lange lebendig, bis
wir für tot erklärt werden. Wenn das Sterben vom ersten Atemzug
an als Möglichkeit existiert, dann dauert das Leben bis zum allerletzten
Atemzug. Es ist ein grosser Fehler, in den Phänomenen des späteren
Lebens Hinweise auf den Tod statt Initiationen in einen anderen Lebensweg
zu sehen"...
"Vom
Alter De senectute", so der Titel einer Sammlung von autobiografischen
Texten des Turiner Rechtsphilosophen Norbert Bobbio; 1999 in
deutsch erschienen. - Der Autor beschreibt mit 83 Jahren, wie er sein
Altwerden erlebt und welche Gedanken ihn dabei beschäftigen. Er
tut dies in nüchterner Gelassenheit, aber auch in unüberhörbarer
Melancholie. Ich wählte Norbert Bobbio als Beispiel aus, weil auch
er die weisen Senioren der Antike kennt und ihre Haltung auf seine Weise
in das heutige Bewusstsein übersetzt.
"Das
Alter ist nicht vom vorhergehenden, übrigen Leben geschieden: es
ist die Fortsetzung deiner Jugend, deiner Jahre als junger Mensch, deiner
Reifezeit... Das Alter spiegelt deine Ansicht vom Leben wider,
und noch im Alter wird deine Einstellung zum Leben davon geprägt,
ob du das Leben wie einen steilen Berg begriffen hast, der bestiegen
werden muss, oder wie einen breiten Strom, in den du eintauchst, um
langsam zur Mündung zu schwimmen, oder wie einen undurchdringlichen
Wald, in dem du herumirrst, ohne je genau zu wissen, welchen Weg du
einschlagen musst, um wieder ins Freie zu kommen"...
Als Melancholie
im Alter bezeichnet Bobbio "das Bewusstsein um das Unerreichte
und das nicht mehr Erreichbare". Er erlebt das biologische Altern
als kontinuierlichen Abstieg. "Die Wahrheit ist aber es
ist schwierig, das einem Jüngeren begreiflich zu machen -, dass
der Abstieg ins Nirgendwo sehr lange dauert, länger als ich jemals
gedacht hätte, und dass er langsam ist, so langsam, dass er kaum
wahrnehmbar scheint (ich spüre ihn allerdings durchaus). Der Abstieg
ist unaufhaltsam und, was schlimmer ist, unumkehrbar: du steigst jedesmal
nur eine kleine Stufe herab, aber sobald du den Fuss auf die tiefere
Stufe gesetzt hast, weißt du, dass du nicht mehr auf die höhere
zurückkehren wirst. Wieviele es noch sind, weiss ich nicht. Über
eines jedoch herrscht kein Zweifel: es werden immer weniger..."
"Wird
der Tod ernst genommen, bedeutet er das Ende des Lebens, das definitive
Ende, ein Ende, nach dem es keinen neuen Anfang gibt. Das Leben achtet,
wer den Tod achtet. Wer den Tod ernst nimmt, nimmt auch das Leben ernst,
dieses Leben, mein Leben, das einzige Leben, das mir gewährt wurde,
auch wenn ich nicht weiss, von wem, und den Grund nicht kenne".
Wenn man
seine Worte zu den Perspektiven "Nach dem Tod" liest, könnte
man schon melancholisch werden: "Mit dem Tod geht man in die Welt
des Nichtseins ein, in dieselbe Welt, in der ich war, bevor ich geboren
wurde. Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt,
von meinem Zur-Welt-Kommen und von dem, was ich werden sollte; das Nichts,
das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen
bin, nichts vom Leben und vom Tod der Menschen, die mir nahe gestanden
haben und deren Gegenwart meine Tage mit Leben erfüllt hat, es
wird nichts von den Ereignissen wissen, an denen ich Anteil genommen
habe..."
Es gibt noch
ein paar traurige Sätze in diesem Buch. - So klingt nun leider
auch das Fazit von Norbert Bobbio: "Das Alter ist auch die Zeit
der Bilanzen. Und die Bilanzen sind immer ein wenig melancholisch, wobei
die Melancholie als das Bewusstsein um das Unvollendete, Unvollkommene,
um das Missverhältnis zwischen den guten Vorsätzen und den
tatsächlich vollbrachten Taten zu verstehen ist. Du bist am Ende
des Lebens angekommen und hast doch den Eindruck, am Ausgangspunkt stehengeblieben
zu sein, was das Wissen um Gut und Böse betrifft. Alle grossen
Fragen sind unbeantwortet geblieben. Nachdem du immer versucht hast,
dem Leben einen Sinn zu geben, erkennst du jetzt, dass es keinen Sinn
hat, sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, und dass das Leben in
seiner Unmittelbarkeit angenommen und gelebt werden muss, wie es die
allermeisten Menschen tun. Aber wie lange hat es gedauert, bis du zu
dieser Schlussfolgerung gekommen bist!" - Er schliesst diesen Abschnitt
mit dem bemerkenswerten Satz: "Die Welt des alten Menschen ...
ist eine Welt, in der die Gefühle schwerer wiegen als die Gedanken..."
4. Reif
werden zum Tode

Vor kurzem
ist meine Schwiegermutter im hohen Alter von 97 Jahren gestorben.
Wir besuchten
sie des öftern im Pflegeheim, wo sie die letzten fünf Jahre
ihres Lebens verbrachte. Eines Nachmittages versuchte meine Frau ihre
klagende Mutter, die sehr unter Schmerzen litt, zu trösten mit
dem Hinweis, dass sie sicher bald vom lieben Gott erlöst und in
den Himmel kommen werde, wo ihr Mann und ihr Bruder, (die schon früher
starben), auf sie warten und sich freuen würden... Niemals werde
ich die Antwort der Greisin im Angesicht des Todes vergessen: "
Niemand weiss, was im Jenseits ist. Keiner ist zurückgekommen und
hat darüber berichtet." Solch eine agnostische Aussage aus
dem Munde dieser tiefgläubigen Frau zu vernehmen, deren ganzes
Leben von einer bäuerlich-konservativ-christlichen Familiengeschichte
geprägt war, das hat mich sehr erstaunt...Doch wer dürfte
sich anmassen zu urteilen, dass die sterbensmüde alte Frau nun
am Ende ihres langen und beschwerlichen Lebens "den Glauben verloren"
hätte...
Glauben
wir oder glauben wir nicht an ein Jenseits nach dem Tode?
Norbert Bobbio
meinte dazu: "Dass die Menschen sterblich sind, ist ein Faktum.
Dass der reale Tod, den wir tagtäglich in unserer Umgebung erleben
müssen, und über den wir insgeheim unaufhörlich nachdenken,
nicht das Ende des Lebens sein soll, sondern der Übergang in eine
andere Form des Lebens, die von den einzelnen Individuen, den einzelnen
Religionen, den einzelnen Philosophien jeweils ganz anders vorgestellt
wird, ist kein Faktum, sondern ein Glauben. Es gibt Menschen, die daran
glauben, und andere, die nicht daran glauben. Dann gibt es Menschen,
die keinen Gedanken daran verschwenden, und wiederum andere, und das
ist vielleicht der grösste Teil, die sagen: "Wer weiss!"
...
Glaubwürdige
und eindrückliche Zeugnisse darüber fand ich in dem Buch "Reif
werden zum Tode", das 1975 von der bekannten Sterbeforscherin Elisabeth
Kübler-Ross herausgegeben wurde. In diesem Buch haben unmittelbar
betroffene sterbende Menschen und jene, die sie in den Tod begleitet
haben, offen und direkt darüber berichtet, was sie im Sterbeprozess
über das Leben erfahren haben. Niemand kann eigentlich davon dispensiert
werden, sich selbst mit solchen Bekenntnissen auseinander zu setzen.
Ein paar wesentliche Aussagen mögen zum Schluss meiner Zusammenstellung
noch angefügt werden, da sie viel mit dem Prozess der Reife
zu tun haben:
"Es
mag befremdlich klingen, aber einer der produktivsten Wege, um zur menschlichen
Reife zu gelangen, liegt in der Beschäftigung mit der Erfahrung
des Todes."..."Sich dem Tod zu stellen, bedeutet, sich der
abschliessenden Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. - .Der Tod
ist die letzte Stufe der Reife in diesem Leben. Wir müssen das
Sterben lernen, um Leben lernen zu können. Im Leben müssen
wir ununterbrochen sterben und wiedergeboren werden, um zu reifen, "fast
so wie aus einer Raupe ein Schmetterling wird". "Alte Pfade
zu verlassen und alte Muster zu zerbrechen ist wie das Sterben.
"Der
Tod ist der Schlüssel zum Lebenstor: Dadurch, dass wir die Begrenztheit
unserer individuellen Existenz akzeptieren, vermögen wir die Kraft
und den Mut zu finden, jene äusserlichen Rollen und Erwartungen
zurückzuweisen und jeden Tag unseres Lebens gleichgültig,
wie lange es dauert darauf zu verwenden, so umfassend zu reifen,
wie wir können"... "Nur, wenn wir die wirkliche Bedeutung
des Todes für die menschliche Existenz begreifen, werden wir den
Mut dazu finden, das zu werden, was uns zu sein bestimmt ist."
"Unsere
Bestimmung als menschliche Wesen liegt in der Reife, in der Suche
nach jener Quelle des Friedens, des Verstehens und der Kraft, die unser
inneres Selbst ist"... "Wir sind zur Transzendenz geschaffen
wie die Vögel zum Fliegen und die Fische zum Schwimmen"...
"Es gibt keinen totalen Tod, nur der Körper stirbt. Das Selbst
oder der Geist oder wie immer du es bezeichnen willst, ist ewig"..."Und
vor meinen eigenen Augen sah ich, dass das Sterben eine Geburt ist.
Das ist entsetzlich schwer. Es mag vielleicht das Schwerste sein, was
ein Mensch jemals tut. Aber man taucht aus dem Dunkel in das Licht"...
"Reife,
- das ist die fundamentalste menschliche Antwort auf das Leben! -

5. Zum
Schluss eine persönliche Anmerkung
Obwohl diese
"Komposition" vielleicht den Anschein erweckt, systematisch
zu sein oder zum mindesten einen "roten Faden" aufzuweisen,
ist sie natürlich rein fragmentarisch, zufällig und subjektiv.
Ich habe mir diese "Fleissarbeit" gemacht, weil ich keinen
Sinn darin sehe, im Alter "so zu tun als ob nicht", nämlich
uns so zu verhalten, als würden wir ewig hier leben. Der Tod ist
uns gewiss, (siehe oben!) - trotz aller Fitness-, Wellness- und Anti-Aging-Programme...
Es bleibt eines jeden Menschen vor allem der Älteren
Aufgabe, zu den letzten Fragen dieses Lebens eine eigene Antwort zu
finden. Gewiss wäre es pathologisch, seine alten Tage damit zu
verbringen, ständig auf den "Gevatter Tod" zu starren.
Aber zutiefst in meinem Bewusstsein gilt es gewahr zu sein, wie provisorisch
meine Existenz ist und wohin die Reise wirklich geht. Gerade darum gilt
es, jeden Augenblick voll und ganz zu leben. - Vielleicht vermag mein
Verstand und überhaupt die menschliche Vernunft mir jene Antwort
nicht zu geben; vielleicht aber fühle ich sie in der Tiefe meines
Herzens, - und dort könnte ich in einem hellen Atemzug vielleicht
verstehen, was ein guter Waldgeist einem greisen König in einem
afro-brasilianischen Märchen prophezeit hat: "Alt bist du,
- jung wirst du werden". -
Verwendete
Literatur:
Seneca: Vom
glückseligen Leben; Kröner, Stuttgart 1974
C.G. Jung:
Seele und Tod. Ges. Werke, Bd.8; Walter-Verlag, Olten 1971
James Hillmann:
Vom Sinn des langen Lebens; Kösel, München 2000
Norberto
Bobbio: Vom Alter De senectute; Piper, München 1999
Elisabeth
Kübler-Ross(Hrsg.); Reif werden zum Tode; Kreuz-Verlag, Stuttgar
1975