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Sommer 2003

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Leidenschaftlich Reifen ?

Betrachtungen über Eros und Altern von Edmond Tondeur

Den Anstoss zu diesen Betrachtungen gibt das jüngste Buch des amerikanischen Autors Philip Roth: Das sterbende Tier (siehe Auszüge und Buchhinweis).

Roth’s Protagonist, um die siebzig alt, erzählt in schnörkelloser doch nicht taktloser Sprache den Aufbruch und Abbruch seines erotischen Verhältnisses mit der jungen Consuela, von deren Körper und namentlich den herrlichen Brüsten er nicht genug bekommen kann.

David Kepesh, der Erzähler, beschreibt sein erotisches Verlangen in vielen Variationen zwischen den Polen des Besessenseins von den weiblichen Reizen bis hin zur illusionslosen Hinnahme des (baldigen) Lebensendes als das Ende überhaupt. Mit den begehrten Frauen seines Umkreises ins Bett zu steigen, gibt seinem Lebensgefühl nochmals — und immer wieder — den Kick. Keine Altersreife kann ihn davon abhalten, bzw. befreien.

Das erotische Verlangen des alternden Mannes (und der alternden Frau!?) spricht mich an, weil ich es "am eigenen Leibe" (wörtlich!) erfahre. Und es ruft zugleich in mir all die Zweifel hervor, die sich dem Ausleben meiner erotischen Phantasien widersetzen. Sind diese Zweifel schon ein Ausweis für Reife, somit eine Qualität meiner seelischen und geistigen Entwicklung? Sind sie, nüchterner betrachtet, die Folge eines Schamgefühls des welkenden gegenüber dem blühenden Körper einer jungen Partnerin?

Oder hemmt mich ein Bewusstsein der Verantwortung für die Auswirkungen meiner Begehrlichkeit auf die (allfällige) Partnerin meiner Begierde? Es fällt sofort auf, dass dieses moralische Argument ("Verzicht aus Verantwortung") in jeder erotischen Begegnung, egal welchen Lebensalters, geltend gemacht werden kann.

Kepesh, Erotoman bis zum letzten Atemzug, leidet unter der Fixierung seines Lebensgefühls auf die (verbleibenden) Chancen sexueller Vereinigung mit (wesentlich jüngeren) Frauen. Dies ist seine Obsession! Nichts ist damit ausgesagt über das Wachbleiben des Eros im Altern, zum Beispiel in einer Partnerbeziehung. Und gänzlich unbeleuchtet bleibt die Frage, worin denn das Wesen, ja das Geheimnis des Eros im Fortschreiten der Lebensjahre liegen könnte.

Nach meiner Einschätzung geht es darum, sich die Leidenschaft für das überraschend Lebendige zu bewahren; eine innere Verfassung, in der das Verlangen in mir vibriert und Erfüllung stets nur als Atempause auf dem Pfad der Erregung gilt. Ich rede in diesem Zusammenhang gerne auch von anspruchsvoller Genügsamkeit! Eros ist nicht nur das, was mich antreibt, sondern vor allem das, was mich anzieht bis zur Sehnsucht. (Gerne verweise ich auf das Buch von Friedrich Weinreb: Psychologie der Sehnsucht, Entwurf einer biblischen Seelenkunde, Thauros Verlagsbuchhandlung, Weiler im Allgäu).

Ich zähle es zu den wichtigsten "Entscheidungen" beim älter Werden, ob wir uns vom Eros verabschieden oder ihm im Gegenteil neue Resonanzräume öffnen. Unser Verhältnis zum eigenen Körper wird zum Prüfstein dafür, wie viel Eros in unserem Leben (noch) Platz hat. Dabei verstehe ich unter "Eros" die Schwingung der Zuneigung und Hingabe, die mich mit allem Lebendigen verbindet; eine besondere Qualität des Erregtseins im Umgang mit Menschen, Tieren, Dingen.

Ich erfahre, dass sich diese Qualität mit den Jahren verfeinert, dass gerade dies mich wach und empfänglich hält, meiner Gier Grenzen setzt, mich dankbar stimmt für das Wunder, "am Leben zu sein". Und wie steht es um die Begehrlichkeit, das Verlangen nach Berührung, Liebkosung bis hin zur körperlichen Vereinigung? Ich kehre zurück zur Aussage, das Verhältnis zum eigenen Körper werde zum Prüfstein für meine erotische Empfänglichkeit. Es entgeht mir ja nicht, dass mein Körper, meine Haut, meine ganze Erscheinung allmählich an Frische verliert. Die Anzeichen der Vergänglichkeit werden deutlicher. Dies kann mich wehmütig stimmen, auch bescheidener in meinen narzisstischen Phantasien. Es kann mich aber auch intimer in Kontakt bringen mit der Dimension des Mitgefühls, die alles Lebendige mit allem Lebendigen verbindet (siehe Zitate von Matthew Fox)

Die Erfahrung des Eros erinnert uns an verlorene Einheit, weckt in uns die Sehnsucht nach Wiedervereinigung. In dieser Qualität gewinnt Erotik mit dem älter Werden an Bedeutung, so paradox dies klingen mag. So verstehe ich auch den Sinn von "leidenschaftlichem Reifen". Georges Bataille nennt Erotik "ein erstes Erschaudern vor dem Tode". Das erotische Erlebnis und der Tod sind die Höhepunkte unseres Lebens, die Sternstunden unserer Lebendigkeit.


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