Leidenschaftlich
Reifen ?
Betrachtungen
über Eros und Altern von Edmond Tondeur

Den Anstoss
zu diesen Betrachtungen gibt das jüngste Buch des amerikanischen
Autors Philip Roth: Das sterbende Tier (siehe
Auszüge und Buchhinweis).
Roths
Protagonist, um die siebzig alt, erzählt in schnörkelloser
doch nicht taktloser Sprache den Aufbruch und Abbruch seines erotischen
Verhältnisses mit der jungen Consuela, von deren Körper und
namentlich den herrlichen Brüsten er nicht genug bekommen kann.
David Kepesh,
der Erzähler, beschreibt sein erotisches Verlangen in vielen Variationen
zwischen den Polen des Besessenseins von den weiblichen Reizen bis hin
zur illusionslosen Hinnahme des (baldigen) Lebensendes als das Ende
überhaupt. Mit den begehrten Frauen seines Umkreises ins Bett zu
steigen, gibt seinem Lebensgefühl nochmals und immer wieder
den Kick. Keine Altersreife kann ihn davon abhalten, bzw. befreien.
Das erotische
Verlangen des alternden Mannes (und der alternden Frau!?) spricht mich
an, weil ich es "am eigenen Leibe" (wörtlich!) erfahre.
Und es ruft zugleich in mir all die Zweifel hervor, die sich dem Ausleben
meiner erotischen Phantasien widersetzen. Sind diese Zweifel schon ein
Ausweis für Reife, somit eine Qualität meiner seelischen und
geistigen Entwicklung? Sind sie, nüchterner betrachtet, die Folge
eines Schamgefühls des welkenden gegenüber dem blühenden
Körper einer jungen Partnerin?
Oder hemmt
mich ein Bewusstsein der Verantwortung für die Auswirkungen meiner
Begehrlichkeit auf die (allfällige) Partnerin meiner Begierde?
Es fällt sofort auf, dass dieses moralische Argument ("Verzicht
aus Verantwortung") in jeder erotischen Begegnung, egal welchen
Lebensalters, geltend gemacht werden kann.
Kepesh, Erotoman
bis zum letzten Atemzug, leidet unter der Fixierung seines Lebensgefühls
auf die (verbleibenden) Chancen sexueller Vereinigung mit (wesentlich
jüngeren) Frauen. Dies ist seine Obsession! Nichts ist damit ausgesagt
über das Wachbleiben des Eros im Altern, zum Beispiel in einer
Partnerbeziehung. Und gänzlich unbeleuchtet bleibt die Frage, worin
denn das Wesen, ja das Geheimnis des Eros im Fortschreiten der Lebensjahre
liegen könnte.
Nach meiner
Einschätzung geht es darum, sich die Leidenschaft für das
überraschend Lebendige zu bewahren; eine innere Verfassung,
in der das Verlangen in mir vibriert und Erfüllung
stets nur als Atempause auf dem Pfad der Erregung gilt. Ich rede in
diesem Zusammenhang gerne auch von anspruchsvoller Genügsamkeit!
Eros ist nicht nur das, was mich antreibt, sondern vor allem das, was
mich anzieht bis zur Sehnsucht. (Gerne verweise ich auf das Buch
von Friedrich Weinreb: Psychologie der Sehnsucht, Entwurf einer biblischen
Seelenkunde, Thauros Verlagsbuchhandlung, Weiler im Allgäu).
Ich zähle
es zu den wichtigsten "Entscheidungen" beim älter Werden,
ob wir uns vom Eros verabschieden oder ihm im Gegenteil neue Resonanzräume
öffnen. Unser Verhältnis zum eigenen Körper wird zum
Prüfstein dafür, wie viel Eros in unserem Leben (noch) Platz
hat. Dabei verstehe ich unter "Eros" die Schwingung der Zuneigung
und Hingabe, die mich mit allem Lebendigen verbindet; eine besondere
Qualität des Erregtseins im Umgang mit Menschen, Tieren, Dingen.
Ich erfahre,
dass sich diese Qualität mit den Jahren verfeinert, dass gerade
dies mich wach und empfänglich hält, meiner Gier Grenzen setzt,
mich dankbar stimmt für das Wunder, "am Leben zu sein".
Und wie steht es um die Begehrlichkeit, das Verlangen nach Berührung,
Liebkosung bis hin zur körperlichen Vereinigung? Ich kehre zurück
zur Aussage, das Verhältnis zum eigenen Körper werde zum Prüfstein
für meine erotische Empfänglichkeit. Es entgeht mir ja nicht,
dass mein Körper, meine Haut, meine ganze Erscheinung allmählich
an Frische verliert. Die Anzeichen der Vergänglichkeit werden deutlicher.
Dies kann mich wehmütig stimmen, auch bescheidener in meinen narzisstischen
Phantasien. Es kann mich aber auch intimer in Kontakt bringen
mit der Dimension des Mitgefühls, die alles Lebendige mit
allem Lebendigen verbindet (siehe Zitate
von Matthew Fox)
Die Erfahrung
des Eros erinnert uns an verlorene Einheit, weckt in uns die Sehnsucht
nach Wiedervereinigung. In dieser Qualität gewinnt Erotik
mit dem älter Werden an Bedeutung, so paradox dies klingen mag.
So verstehe ich auch den Sinn von "leidenschaftlichem Reifen".
Georges Bataille nennt Erotik "ein erstes Erschaudern vor
dem Tode". Das erotische Erlebnis und der Tod sind die Höhepunkte
unseres Lebens, die Sternstunden unserer Lebendigkeit.