REIFE.CH

Sommer 2003

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Reifes Lernen und Lehren

Reifen bedeutet immer auch lernen - aber was bedeutet reifes Lernen ? Und braucht es dazu nicht auch ein reifes Lehren ? Drei (erste) Diskussionsbeiträge zum Thema:


Reifeentwicklung, reifes Lernen und unerwartete Reifesprünge

Von Lilian Stähli

Wir vermögen immer gerade so viel zu lernen, wie es unser Reifezustand zulässt. Diese Aussage ist immer dann richtig, wenn mit Lernen mehr gemeint ist, als die Aufnahme und Speicherung von Einzelinformationen. Reifes Lernen meint das Lernen in Zusammenhängen, das Integrieren des Gelernten in das eigene Bezugssystem und damit unweigerlich eine Veränderung dieses Systems. Hirnstrukturen verändern sich dabei ebenso, wie Standpunkte und Verhaltensweisen.

Kinder sind in ihrer Lernbewegung nicht frei von Einschränkungen durch Reifezustände. Die Ausreifung und Integration ihrer Sinnesanlagen steuert, befördert oder verhindert gewisse Lernschritte. Die neuronale Vernetzung gleichaltriger Kinder schreitet völlig unterschiedlich voran. Jedes kann demnach eine Thematik nur entsprechend seinem Reifestand erfassen und begreifen. In diesem Zusammenhang bekommt das Wort begreifen eine neue Bedeutung. Die Tiefe der Lernerfahrung, die Breite des neu erlernten Wissens steht in Relation zum Reifestand des lernenden Wesens. Reifeentwicklung im Kindesalter ist sehr gut erforscht, sie darf als etwas Natürliches vorausgesetzt werden. Da Reifeentwicklung nie linear voranschreitet, manchmal sogar still zu stehen scheint, werden die unweigerlich folgenden Reifesprünge von Eltern und Lehrpersonen oft mit grosser Ungeduld ersehnt.

Wir alle wissen, dass auch Erwachsene verschieden reif sind. Doch was ist damit gemeint? Bedeutet Reife viel Lebenserfahrung zu haben? Ist damit die mit etwa 35 Jahren eintretende vermehrte Myelinisierung der Verbindungen zwischen Hirnrinde und limbischem System gemeint, die es ermöglicht, ein optimales Gleichgewicht zwischen Wissen und Fühlen zu erreichen? Diese Hirnentwicklung im mittleren Alter bildet die Basis für die Altersweisheit. Hilfsbereitschaft, Kongruenz und spirituelle Werte können deshalb in diesem Lebensabschnitt eine viel grössere Bedeutung erlangen. Auf der physiologischen Ebene kann man nach heutiger Erkenntnis also behaupten, dass Reife uns allen im mittleren Lebensalter geschieht, ja von der Natur so vorgesehen ist. Sie darf erwartet werden.

Wenn sich Wahrnehmungs- und Reaktionsmöglichkeiten im mittleren Alter derart erweitern, was kann uns noch davon abhalten, von unseren unendlichen Lern- und Ausdrucksmöglichkeiten Gebrauch zu machen?

Angst! Im Gegensatz zum kleinen Kind, das sich dem Unbekannten neugierig und unbelastet von negativen Erfahrungen nähert, sind viele Erwachsene in ihrem Lernverhalten durch Ängste eingeschränkt. Diese Ängste entstehen dann, wenn natürliche Lernimpulse im Kindesalter negativ bewertet oder blockiert werden. Widerstand gegen das Lernen regt sich aber auch, wenn Lerninhalte nicht dem momentanen Reifestand des Kindes entsprechen, es über- oder unterfordern. Viele Erwachsene tragen solche Ressentiments, also Ängste, was das Lernen betrifft, mehr oder weniger bewusst mit sich herum. Sie sind nicht mehr offen für alles Mögliche, sondern nur für eine eingeschränkte Palette der Möglichkeiten. Wenn solche Lernängste nicht aufgearbeitet werden, kann der im Hirn vorbereitete Reifesprung im mittleren Alter seine volle Wirkung nicht erzielen: nämlich unser Sein auf eine ungeahnte Weise zu bereichern. Bleiben wir unseren Ängsten für immer ausgeliefert? Keineswegs!

Das Leben hält uns ein besonderes Geschenk bereit, als wollte es alles daran setzen, dass wir Menschen niemals aufhören zu lernen und damit lebendig zu bleiben. Es konfrontiert uns mit Situationen, in denen nicht erwartete Reifesprünge möglich werden. Im Erleben des totalen Angenommenseins durch einen anderen Menschen, in einer Freundschaft oder in einer Gruppe kann es passieren, dass Ängste ihre verhindernde Kraft ganz plötzlich verlieren und wir mit unserer uneingeschränkten natürlichen Lernfreude in Berührung kommen. Kinder mit Lernstörungen können mit einer neuen Lehrperson oder in einer neuen Lernumgebung, wo sie angenommen und geliebt werden, unerwartete Fortschritte machen. Erwachsene öffnen sich den in ihnen angelegten Möglichkeiten. Es scheint den Lernenden, als ob das Gegenüber ihnen Raum gibt, sich zu erweitern.

In solchen Momenten treten wir tatsächlich in ein neues Energiefeld ein. Darin verharren wir aber nicht passiv, sondern gestalten es aktiv mit: Wir gehen in Resonanz mit dem, was wir als das Gleiche erkennen können. Wir schwingen mit. Selbst wenn es auch so aussieht, als ob jemand anderes uns mitreisst, uns sogar auf eine andere Ebene hebt, so ist es doch die eigene Energie, die dies ermöglicht. Die Liebe und die Annahme des Gegenübers hat uns ganz unerwartet in Bewegung gesetzt und ermöglicht uns einen Sprung in ein neues Lernfeld und damit in grössere Lebendigkeit. Eine gute Lernbeziehung wirkt sich für beide Seiten fruchtbar aus. Menschen sollen und können andere fördern, echte Lehrerinnen und Lehrer sind sie dabei nur, wenn sie ihrerseits die Liebe und alle anderen Herausforderungen ihres lernenden Gegenübers annehmen.


 

Ich bin dankbar für die vorzüglichen LehrerInnen

Von Peter Kessler

Mag scheinen, dass heute die hervorragenden LehrerInnen nicht mehr so zahlreich auftreten wie auch schon.

Aber halt, da war doch am Samstag vor einer Woche bei uns das Fest "30 Jahre Jugend-Musikschule" mit 500 musizierenden Kindern und ihren Lehrpersonen. Fünfzig Prozent der Musikschüler von Rapperswil-Jona hatten sich wochenlang auf diesen Tag speziell vorbereitet und mit ihren Lehrpersonen hervorragende Performances hingelegt. Mein Herz ist nur so gehüpft vor Freude ob all der kleineren und grösseren KünsterInnen. Und die LehrerInnen hatten dieses Extra freiwillig — heisst auch ohne Bezahlung - geleistet. Mit einem grossen Engagement.

Nun hier will ich nicht so sehr vom Lernen und Lehren von "technischen" Disziplinen schreiben, als vielmehr von einem Gebiet, welches viel mit Reifen zu tun hat. Dazu einige Beispiele:

Gestern hatte ich mich wieder mal richtig ob jener Verkäuferin geärgert, welche mich nicht als König in ihrem Reich behandeln wollte. Und hab es ihr auch zu verstehen gegeben.

Ärger: gehört dies zu meinem Bild des Reifens? Zum Bild des langsam etwas weiser werden wollenden Mannes, welcher nicht gerade vom leisesten Wind aus der Bahn geworfen wird? Welcher doch schon lange gemerkt haben sollte, dass Ängste häufig unfreundlichem Tun zugrunde liegen. Und vielleicht auch schon ein klein bisschen gelernt haben sollte, dass die grossen zwischenstaatlichen und anderen Makroprobleme ihre Brutstätte in solchen Käufer-Verkäufer Begegnungen haben. Oder dann auf dem Zeltplatz, in der Beiz, am Arbeitsplatz und an andern Begegnungsorten, wo so viel Reibungen unproduktiv ausgetragenen Ärger hervorrufen.

Liv´s lebenslanges Lernen beginnt... (Bild by Verena)

Szenenwechsel: und wie steht es mit der Gier? Da wäre doch noch das grössere Auto angemessen, dasjenige, mit welchem ich noch mehr Eindruck machen könnte in meiner Umgebung. Und mit seinen verdunkelten Fenstern und seinem Benzinverbrauch klar meine Wertehierarchie dokumentiert, dass anonym und grösser eben besser seien. Es kann aber auch das Genehmigen des extra Glases oder des weiteren Rauchstängels oder vielleicht der zusätzliche heimliche Partner sein, welche scheinbar den Mehrwert garantieren.

In diesen angedeuteten Verhaltens- und noch folgenden Lebensgeschichten ist wohl immer auch die Frage nach dem Lernen und dem Lehren gestellt. Hier geht es nicht mehr um das "Automaten-Lernen", also um die Handhabe des neusten Billetautomaten oder Computerprogrammes. Dazu gibt es die geführte Anleitung auf dem Display. Hier geht es mir um weiteres Lebenslernen, häufig ohne LehrerIn in Form einer Person.

Der Maestro und die Maestra treten in Form von Ereignissen und Erscheinungen auf. Häufig tun sie es nicht gerade im Sinne von einem "Chlapf a Gring" sondern auf ganz leisen Sohlen daherkommend. Wie z.B. mit einem nicht enden wollenden Unwohlsein und Unzufriedenheitsgefühl.

Ganz massiv kommen kritische Lebensereignisse daher. Letzte Woche musste ein lieber Kollege sein Bein amputieren lassen. Ein anderer hatte vor einigen Monaten seine Frau verloren. Ereignisse, wie wir sie im Altern immer häufiger in unserer nahen und weiteren Umgebung erleben können. Und nun: Wie damit umgehen, besonders dann, wenn es mich selbst betrifft?

Soziale, emotionale und spirituelle Kompetenzen wollen auf dem Weg nach oben in der Maslow’schen Bedürfnispyramide so gefördert werden, dass Ärger, Gier usw. transformiert werden. Dass sie zu Freunden werden wie Qualitäten des Zuhören-könnens, Zeithabens für den andern. Und wo sind die LehrerInnen auf diesem Weg?

In meinem Beitrag zum Buch "Fit für die Pensionierung" (Beobachter Ratgeber) habe ich die Ehe als den mutigsten Weg um voranzukommen bezeichnet. Dort gibt’s Feedback in Hülle und Fülle. Nur sind die Lektionen manchmal nicht so leicht verdaulich. Daneben aber gibt’s viele weitere Berührungen mit dem Leben, jeden Tag. Stille und laute Reaktionen von Menschen und Natur.

Die grosse Frage ist hier für mich nur, wie gut ich hinhören will und kann. Wie gut ein Lernender ich werden kann im Hinblick auf die vielen guten LehrerInnen dort draussen, jeden Tag. Reifendes Lernen in diesem Sinne wird immer einiges von mir fordern. Und mich damit auch beschenken.


 

Die Leere der Lehre

Reifes Lernen braucht den Mut zur Lehre

Von Andreas Giger

Reifen heisst lernen. Und wenn wir als aufgeklärte Gesellschaft den Prozess der Reifung bis ins hohe Alter nicht nur zulassen, sondern fördern, ja fordern, dann hat das tatsächlich das zur Folge, was heut zu Tage allgemein "lebenslanges Lernen" genannt wird.

Diese Vorstellung entzückt keineswegs alle gleichermassen. "Lebenslang" klingt wie "lebenslänglich" und damit nach Zwang und Unfreiheit, und in der Tat empfinden manche Menschen die Parole vom lebenslangen Lernen als zwanghafte Zumutung. Irgendwann, so meinen sie, müsste es genug sein, wollten sie nicht immer mehr und noch mehr in ihr Gehirn schaufeln.

Nun bleibt allerdings in unseren schnellebigen Zeiten auch Menschen im reiferen Alter gar nichts anderes übrig, als ständig dazu zu lernen, wenn sie weiterhin aktiv am Leben teilhaben wollen: neue Begriffe, Kommunikationstechniken, die Bedienung von Automaten etc. Über dieses Anpassungslernen hinaus stellt sich dann allerdings weniger die Frage, ob sie weiterhin lernen wollen, sondern vielmehr, was ?

Sich noch eine Fremdsprache anzueignen oder die Grundlagen der Astronomie ist für den, der es mag, sicher das Höchste, doch daraus eine allgemeine Forderung an reifere Menschen zu machen, wäre verfehlt. Lernen auch im reiferen Alter ist dann und nur dann sinnvoll, wenn es die Lebensqualität erhöht.

Reifes Lernen ist damit weder rein zweckgerichtet (zur Erreichung eines beruflichen Ziels), noch reiner Selbstzweck, es dient vielmehr der eigenen Reifung selbst, denn Reifung ist immer auch bewusste Förderung der eigenen Lebensqualität. Wir könnten auch formulieren: Reifes Lernen ist Optimierung der Lebenskunst.

Auch in reiferen Jahren noch was neues Lernen: Aber was ?

Lebenskunst lernt man natürlich am wirksamsten vom Leben selbst - doch was ist, wenn man doch mal einen Lehrer bräuchte oder einfach gerne hätte ? Man stellt fest, dass das Angebot an echten Lehrern mässig ist.

Selbst ernannte Lehrer gibt es zwar zu Hauf, doch sind das auch echte Lehrer ? Ein solcher verkörpert seine Lehre souverän und authentisch, doch wird er sie nie für die einzige Wahrheit halten und sie seinen Schülern somit nicht mit dem Vorschlaghammer vermitteln, sondern als Vorschlag, als Angebot.

Jede Form von dogmatischer und damit intoleranter Lehre widerspricht den Anforderungen, die wir an einen reifen Menschen und damit an einen reifen Lehrer zu stellen haben. Und damit fällt schon mal der grösste Teil des Lehrangebots auf dem Gebiet der Lebenskunst ausser Abschied und Traktanden.

Das ist eine höchst edle Haltung, doch sie führt dazu, dass wegen der unzweifelhaft vorhandenen Auswüchse der Begriff der Lehre insgesamt diskreditiert wird. Wenn die Fundamentalisten im Weissen Haus beschliessen, dem Rest der Welt Mores zu lehren, oder wenn bei ihren Gegenpolen im Orient Lernen gleichgesetzt wird mit dem sturen auswendig Lernen von nicht hinterfragbaren Parolen, dann bezeichnen wir das zu Recht als unreife Haltung. Doch sollte es uns nicht dazu bringen, das Konzept vom Lehren insgesamt in Zweifel zu ziehen.

Doch genau das geschieht. Alle Welt spricht vom Lernen, niemand mehr von Lehren. Lehrer gibt es bald nicht mehr, nur noch Lern-Partner, Lern-Ermöglicher, Lern-Erleichterer. Wie auf jedem Markt bestimmt auch auf dem Lern-Markt die Nachfrage das Angebot. Die Vorstellung, es könnte jenseits dieser bunten und beliebigen Vielfalt von Lern-Inhalten so etwas wie Lehren geben, die es per se wert sind, weiter gegeben zu werden, wirkt da schon reichlich altmodisch und aus einer autoritäreren Zeit stammend.

Nun ist auf dem Marktplatz der modischen Begriffe das Wort "Bildung" ebenso wohl feil wie "Lernen". Bildung aber meint ursprünglich, einen Menschen nach einem bestimmten Bild zu formen. Dazu braucht es erst einmal ein solches Bild. Anders gesagt: Es braucht Lehrer, die den Mut haben, auf Grund ihrer gereiften Erfahrung zu entscheiden, welche Lern-Inhalte richtig, wertvoll, nützlich und damit der Weitergabe würdig sind, und welche nicht.

Lehrer zu sein - und selbstverständlich ebenso Lehrerin - bedeutet zunächst, eigene Werte zu haben, zu ihnen zu stehen und sie zu leben. Diese Wertorientierung ist keine endgültige, alles andere ausschliessende Wahrheit, sondern immer eine in den Stürmen des Lebens erworbene, bewährte und veränderbare. Sie ist durch Lebenserfahrung gereift und damit umso wertvoller.

In früheren, stabilen Gesellschaften war dieses allmähliche Hineinwachsen von reiferen Menschen in die Rolle des Lehrers oder der Lehrerin nicht nur eine Selbstverständlich-keit, sondern Überlebensnotwendigkeit. Nur so konnte wertvolles Erfahrungswissen von einer Generation auf die nächste übertragen werden.

In solchen Zeiten leben wir nicht, und angesichts des rasanten technologischen Wandels ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass die jüngere Generation der älteren etwas beibringt. Doch Technologie ist nicht alles, und ausserhalb davon bleibt vieles stabiler, als es oft den Eindruck macht. Was wir heute beispielsweise in Sachen Lebenskunst wissen, wurde oft schon in der Antike entwickelt. Solches Wissen in Büchern nachzulesen, trägt gewiss zur Reifung der nachfolgenden Generationen bei. Noch besser ist es, sie bekommen es, auf den heutigen Stand gebracht und durch moderne Lebenserfahrung geläutert, von der reifen Generation vermittelt.

Damit das klappen kann, braucht es eine Rehabilitierung, eine Renaissance der Lehre. Der Sinn von Lehre darf nicht länger ein Tabu bleiben, das wir aus Ängstlichkeit vor Intoleranz errichtet haben. Den Glauben, dass grundsätzlich alles geht und legitim ist, brauchen wir nicht aufzugeben. Reife Menschen als ideale Lehrer wissen aber auch, dass manches besser geht als anderes, und dass nicht alles gleich richtig ist, und sie wollen und können dieses Wissen als Lehre mit-teilen.


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