Reifes
Lernen und Lehren
Reifen
bedeutet immer auch lernen - aber was bedeutet reifes Lernen ? Und braucht
es dazu nicht auch ein reifes Lehren ? Drei (erste) Diskussionsbeiträge
zum Thema:

Reifeentwicklung,
reifes Lernen und unerwartete Reifesprünge
Von Lilian
Stähli
Wir vermögen
immer gerade so viel zu lernen, wie es unser Reifezustand zulässt.
Diese Aussage ist immer dann richtig, wenn mit Lernen mehr gemeint ist,
als die Aufnahme und Speicherung von Einzelinformationen. Reifes Lernen
meint das Lernen in Zusammenhängen, das Integrieren des Gelernten
in das eigene Bezugssystem und damit unweigerlich eine Veränderung
dieses Systems. Hirnstrukturen verändern sich dabei ebenso,
wie Standpunkte und Verhaltensweisen.
Kinder sind
in ihrer Lernbewegung nicht frei von Einschränkungen durch Reifezustände.
Die Ausreifung und Integration ihrer Sinnesanlagen steuert, befördert
oder verhindert gewisse Lernschritte. Die neuronale Vernetzung gleichaltriger
Kinder schreitet völlig unterschiedlich voran. Jedes kann demnach
eine Thematik nur entsprechend seinem Reifestand erfassen und begreifen.
In diesem Zusammenhang bekommt das Wort begreifen eine neue Bedeutung.
Die Tiefe der Lernerfahrung, die Breite des neu erlernten Wissens steht
in Relation zum Reifestand des lernenden Wesens. Reifeentwicklung im
Kindesalter ist sehr gut erforscht, sie darf als etwas Natürliches
vorausgesetzt werden. Da Reifeentwicklung nie linear voranschreitet,
manchmal sogar still zu stehen scheint, werden die unweigerlich folgenden
Reifesprünge von Eltern und Lehrpersonen oft mit grosser Ungeduld
ersehnt.
Wir alle
wissen, dass auch Erwachsene verschieden reif sind. Doch was ist damit
gemeint? Bedeutet Reife viel Lebenserfahrung zu haben? Ist damit die
mit etwa 35 Jahren eintretende vermehrte Myelinisierung der Verbindungen
zwischen Hirnrinde und limbischem System gemeint, die es ermöglicht,
ein optimales Gleichgewicht zwischen Wissen und Fühlen zu erreichen?
Diese Hirnentwicklung im mittleren Alter bildet die Basis für die
Altersweisheit. Hilfsbereitschaft, Kongruenz und spirituelle Werte können
deshalb in diesem Lebensabschnitt eine viel grössere Bedeutung
erlangen. Auf der physiologischen Ebene kann man nach heutiger Erkenntnis
also behaupten, dass Reife uns allen im mittleren Lebensalter geschieht,
ja von der Natur so vorgesehen ist. Sie darf erwartet werden.
Wenn sich
Wahrnehmungs- und Reaktionsmöglichkeiten im mittleren Alter derart
erweitern, was kann uns noch davon abhalten, von unseren unendlichen
Lern- und Ausdrucksmöglichkeiten Gebrauch zu machen?

Angst! Im
Gegensatz zum kleinen Kind, das sich dem Unbekannten neugierig und unbelastet
von negativen Erfahrungen nähert, sind viele Erwachsene in ihrem
Lernverhalten durch Ängste eingeschränkt. Diese Ängste
entstehen dann, wenn natürliche Lernimpulse im Kindesalter negativ
bewertet oder blockiert werden. Widerstand gegen das Lernen regt sich
aber auch, wenn Lerninhalte nicht dem momentanen Reifestand des Kindes
entsprechen, es über- oder unterfordern. Viele Erwachsene tragen
solche Ressentiments, also Ängste, was das Lernen betrifft, mehr
oder weniger bewusst mit sich herum. Sie sind nicht mehr offen für
alles Mögliche, sondern nur für eine eingeschränkte Palette
der Möglichkeiten. Wenn solche Lernängste nicht aufgearbeitet
werden, kann der im Hirn vorbereitete Reifesprung im mittleren Alter
seine volle Wirkung nicht erzielen: nämlich unser Sein auf eine
ungeahnte Weise zu bereichern. Bleiben wir unseren Ängsten für
immer ausgeliefert? Keineswegs!
Das Leben
hält uns ein besonderes Geschenk bereit, als wollte es alles daran
setzen, dass wir Menschen niemals aufhören zu lernen und damit
lebendig zu bleiben. Es konfrontiert uns mit Situationen, in denen nicht
erwartete Reifesprünge möglich werden. Im Erleben des totalen
Angenommenseins durch einen anderen Menschen, in einer Freundschaft
oder in einer Gruppe kann es passieren, dass Ängste ihre verhindernde
Kraft ganz plötzlich verlieren und wir mit unserer uneingeschränkten
natürlichen Lernfreude in Berührung kommen. Kinder mit Lernstörungen
können mit einer neuen Lehrperson oder in einer neuen Lernumgebung,
wo sie angenommen und geliebt werden, unerwartete Fortschritte machen.
Erwachsene öffnen sich den in ihnen angelegten Möglichkeiten.
Es scheint den Lernenden, als ob das Gegenüber ihnen Raum gibt,
sich zu erweitern.
In solchen
Momenten treten wir tatsächlich in ein neues Energiefeld ein. Darin
verharren wir aber nicht passiv, sondern gestalten es aktiv mit: Wir
gehen in Resonanz mit dem, was wir als das Gleiche erkennen können.
Wir schwingen mit. Selbst wenn es auch so aussieht, als ob jemand anderes
uns mitreisst, uns sogar auf eine andere Ebene hebt, so ist es doch
die eigene Energie, die dies ermöglicht. Die Liebe und die Annahme
des Gegenübers hat uns ganz unerwartet in Bewegung gesetzt und
ermöglicht uns einen Sprung in ein neues Lernfeld und damit in
grössere Lebendigkeit. Eine gute Lernbeziehung wirkt sich für
beide Seiten fruchtbar aus. Menschen sollen und können andere fördern,
echte Lehrerinnen und Lehrer sind sie dabei nur, wenn sie ihrerseits
die Liebe und alle anderen Herausforderungen ihres lernenden Gegenübers
annehmen.
Ich
bin dankbar für die vorzüglichen LehrerInnen
Von Peter
Kessler
Mag scheinen,
dass heute die hervorragenden LehrerInnen nicht mehr so zahlreich auftreten
wie auch schon.
Aber halt,
da war doch am Samstag vor einer Woche bei uns das Fest "30 Jahre
Jugend-Musikschule" mit 500 musizierenden Kindern und ihren Lehrpersonen.
Fünfzig Prozent der Musikschüler von Rapperswil-Jona hatten
sich wochenlang auf diesen Tag speziell vorbereitet und mit ihren Lehrpersonen
hervorragende Performances hingelegt. Mein Herz ist nur so gehüpft
vor Freude ob all der kleineren und grösseren KünsterInnen.
Und die LehrerInnen hatten dieses Extra freiwillig heisst auch
ohne Bezahlung - geleistet. Mit einem grossen Engagement.
Nun hier
will ich nicht so sehr vom Lernen und Lehren von "technischen"
Disziplinen schreiben, als vielmehr von einem Gebiet, welches viel mit
Reifen zu tun hat. Dazu einige Beispiele:
Gestern hatte
ich mich wieder mal richtig ob jener Verkäuferin geärgert,
welche mich nicht als König in ihrem Reich behandeln wollte. Und
hab es ihr auch zu verstehen gegeben.
Ärger:
gehört dies zu meinem Bild des Reifens? Zum Bild des langsam etwas
weiser werden wollenden Mannes, welcher nicht gerade vom leisesten Wind
aus der Bahn geworfen wird? Welcher doch schon lange gemerkt haben sollte,
dass Ängste häufig unfreundlichem Tun zugrunde liegen. Und
vielleicht auch schon ein klein bisschen gelernt haben sollte, dass
die grossen zwischenstaatlichen und anderen Makroprobleme ihre Brutstätte
in solchen Käufer-Verkäufer Begegnungen haben. Oder dann auf
dem Zeltplatz, in der Beiz, am Arbeitsplatz und an andern Begegnungsorten,
wo so viel Reibungen unproduktiv ausgetragenen Ärger hervorrufen.

Liv´s lebenslanges
Lernen beginnt... (Bild by Verena)
Szenenwechsel:
und wie steht es mit der Gier? Da wäre doch noch das grössere
Auto angemessen, dasjenige, mit welchem ich noch mehr Eindruck machen
könnte in meiner Umgebung. Und mit seinen verdunkelten Fenstern
und seinem Benzinverbrauch klar meine Wertehierarchie dokumentiert,
dass anonym und grösser eben besser seien. Es kann aber auch das
Genehmigen des extra Glases oder des weiteren Rauchstängels oder
vielleicht der zusätzliche heimliche Partner sein, welche scheinbar
den Mehrwert garantieren.
In diesen
angedeuteten Verhaltens- und noch folgenden Lebensgeschichten ist wohl
immer auch die Frage nach dem Lernen und dem Lehren gestellt. Hier geht
es nicht mehr um das "Automaten-Lernen", also um die Handhabe
des neusten Billetautomaten oder Computerprogrammes. Dazu gibt es die
geführte Anleitung auf dem Display. Hier geht es mir um weiteres
Lebenslernen, häufig ohne LehrerIn in Form einer Person.
Der Maestro
und die Maestra treten in Form von Ereignissen und Erscheinungen auf.
Häufig tun sie es nicht gerade im Sinne von einem "Chlapf
a Gring" sondern auf ganz leisen Sohlen daherkommend. Wie z.B.
mit einem nicht enden wollenden Unwohlsein und Unzufriedenheitsgefühl.
Ganz massiv
kommen kritische Lebensereignisse daher. Letzte Woche musste ein lieber
Kollege sein Bein amputieren lassen. Ein anderer hatte vor einigen Monaten
seine Frau verloren. Ereignisse, wie wir sie im Altern immer häufiger
in unserer nahen und weiteren Umgebung erleben können. Und nun:
Wie damit umgehen, besonders dann, wenn es mich selbst betrifft?
Soziale,
emotionale und spirituelle Kompetenzen wollen auf dem Weg nach oben
in der Maslowschen Bedürfnispyramide so gefördert werden,
dass Ärger, Gier usw. transformiert werden. Dass sie zu Freunden
werden wie Qualitäten des Zuhören-könnens, Zeithabens
für den andern. Und wo sind die LehrerInnen auf diesem Weg?
In meinem
Beitrag zum Buch "Fit für die Pensionierung" (Beobachter
Ratgeber) habe ich die Ehe als den mutigsten Weg um voranzukommen bezeichnet.
Dort gibts Feedback in Hülle und Fülle. Nur sind die
Lektionen manchmal nicht so leicht verdaulich. Daneben aber gibts
viele weitere Berührungen mit dem Leben, jeden Tag. Stille und
laute Reaktionen von Menschen und Natur.
Die grosse
Frage ist hier für mich nur, wie gut ich hinhören will und
kann. Wie gut ein Lernender ich werden kann im Hinblick auf die vielen
guten LehrerInnen dort draussen, jeden Tag. Reifendes Lernen in diesem
Sinne wird immer einiges von mir fordern. Und mich damit auch beschenken.
Die Leere der Lehre
Reifes Lernen braucht den
Mut zur Lehre
Von Andreas Giger
Reifen heisst lernen. Und wenn wir
als aufgeklärte Gesellschaft den Prozess der Reifung bis ins hohe
Alter nicht nur zulassen, sondern fördern, ja fordern, dann hat
das tatsächlich das zur Folge, was heut zu Tage allgemein "lebenslanges
Lernen" genannt wird.
Diese Vorstellung entzückt
keineswegs alle gleichermassen. "Lebenslang" klingt wie "lebenslänglich"
und damit nach Zwang und Unfreiheit, und in der Tat empfinden manche
Menschen die Parole vom lebenslangen Lernen als zwanghafte Zumutung.
Irgendwann, so meinen sie, müsste es genug sein, wollten sie nicht
immer mehr und noch mehr in ihr Gehirn schaufeln.
Nun bleibt allerdings in unseren
schnellebigen Zeiten auch Menschen im reiferen Alter gar nichts anderes
übrig, als ständig dazu zu lernen, wenn sie weiterhin aktiv
am Leben teilhaben wollen: neue Begriffe, Kommunikationstechniken, die
Bedienung von Automaten etc. Über dieses Anpassungslernen hinaus
stellt sich dann allerdings weniger die Frage, ob sie weiterhin lernen
wollen, sondern vielmehr, was ?
Sich noch eine Fremdsprache anzueignen
oder die Grundlagen der Astronomie ist für den, der es mag, sicher
das Höchste, doch daraus eine allgemeine Forderung an reifere Menschen
zu machen, wäre verfehlt. Lernen auch im reiferen Alter ist dann
und nur dann sinnvoll, wenn es die Lebensqualität erhöht.
Reifes Lernen ist damit weder rein
zweckgerichtet (zur Erreichung eines beruflichen Ziels), noch reiner
Selbstzweck, es dient vielmehr der eigenen Reifung selbst, denn Reifung
ist immer auch bewusste Förderung der eigenen Lebensqualität.
Wir könnten auch formulieren: Reifes Lernen ist Optimierung der
Lebenskunst.

Auch in reiferen
Jahren noch was neues Lernen: Aber was ?
Lebenskunst lernt man natürlich
am wirksamsten vom Leben selbst - doch was ist, wenn man doch mal einen
Lehrer bräuchte oder einfach gerne hätte ? Man stellt fest,
dass das Angebot an echten Lehrern mässig ist.
Selbst ernannte Lehrer gibt es zwar
zu Hauf, doch sind das auch echte Lehrer ? Ein solcher verkörpert
seine Lehre souverän und authentisch, doch wird er sie nie für
die einzige Wahrheit halten und sie seinen Schülern somit nicht
mit dem Vorschlaghammer vermitteln, sondern als Vorschlag, als Angebot.
Jede Form von dogmatischer und damit
intoleranter Lehre widerspricht den Anforderungen, die wir an einen
reifen Menschen und damit an einen reifen Lehrer zu stellen haben. Und
damit fällt schon mal der grösste Teil des Lehrangebots auf
dem Gebiet der Lebenskunst ausser Abschied und Traktanden.
Das ist eine höchst edle Haltung,
doch sie führt dazu, dass wegen der unzweifelhaft vorhandenen Auswüchse
der Begriff der Lehre insgesamt diskreditiert wird. Wenn die Fundamentalisten
im Weissen Haus beschliessen, dem Rest der Welt Mores zu lehren, oder
wenn bei ihren Gegenpolen im Orient Lernen gleichgesetzt wird mit dem
sturen auswendig Lernen von nicht hinterfragbaren Parolen, dann bezeichnen
wir das zu Recht als unreife Haltung. Doch sollte es uns nicht dazu
bringen, das Konzept vom Lehren insgesamt in Zweifel zu ziehen.
Doch genau das geschieht. Alle Welt
spricht vom Lernen, niemand mehr von Lehren. Lehrer gibt es bald nicht
mehr, nur noch Lern-Partner, Lern-Ermöglicher, Lern-Erleichterer.
Wie auf jedem Markt bestimmt auch auf dem Lern-Markt die Nachfrage das
Angebot. Die Vorstellung, es könnte jenseits dieser bunten und
beliebigen Vielfalt von Lern-Inhalten so etwas wie Lehren geben, die
es per se wert sind, weiter gegeben zu werden, wirkt da schon reichlich
altmodisch und aus einer autoritäreren Zeit stammend.
Nun ist auf dem Marktplatz der modischen
Begriffe das Wort "Bildung" ebenso wohl feil wie "Lernen". Bildung aber
meint ursprünglich, einen Menschen nach einem bestimmten Bild zu
formen. Dazu braucht es erst einmal ein solches Bild. Anders gesagt:
Es braucht Lehrer, die den Mut haben, auf Grund ihrer gereiften Erfahrung
zu entscheiden, welche Lern-Inhalte richtig, wertvoll, nützlich
und damit der Weitergabe würdig sind, und welche nicht.
Lehrer zu sein - und selbstverständlich
ebenso Lehrerin - bedeutet zunächst, eigene Werte zu haben, zu
ihnen zu stehen und sie zu leben. Diese Wertorientierung ist keine endgültige,
alles andere ausschliessende Wahrheit, sondern immer eine in den Stürmen
des Lebens erworbene, bewährte und veränderbare. Sie ist durch
Lebenserfahrung gereift und damit umso wertvoller.
In früheren, stabilen Gesellschaften
war dieses allmähliche Hineinwachsen von reiferen Menschen in die
Rolle des Lehrers oder der Lehrerin nicht nur eine Selbstverständlich-keit,
sondern Überlebensnotwendigkeit. Nur so konnte wertvolles Erfahrungswissen
von einer Generation auf die nächste übertragen werden.
In solchen Zeiten leben wir nicht,
und angesichts des rasanten technologischen Wandels ist es nicht mehr
ungewöhnlich, dass die jüngere Generation der älteren
etwas beibringt. Doch Technologie ist nicht alles, und ausserhalb davon
bleibt vieles stabiler, als es oft den Eindruck macht. Was wir heute
beispielsweise in Sachen Lebenskunst wissen, wurde oft schon in der
Antike entwickelt. Solches Wissen in Büchern nachzulesen, trägt
gewiss zur Reifung der nachfolgenden Generationen bei. Noch besser ist
es, sie bekommen es, auf den heutigen Stand gebracht und durch moderne
Lebenserfahrung geläutert, von der reifen Generation vermittelt.
Damit das klappen kann, braucht
es eine Rehabilitierung, eine Renaissance der Lehre. Der Sinn von Lehre
darf nicht länger ein Tabu bleiben, das wir aus Ängstlichkeit
vor Intoleranz errichtet haben. Den Glauben, dass grundsätzlich
alles geht und legitim ist, brauchen wir nicht aufzugeben. Reife Menschen
als ideale Lehrer wissen aber auch, dass manches besser geht als anderes,
und dass nicht alles gleich richtig ist, und sie wollen und können
dieses Wissen als Lehre mit-teilen.

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