Philip
Roth: Das sterbende Tier
(Zitate
zum Beitrag Leidenschaftlich Reifen ? Betrachtungen
über Eros und Altern von Edmond Tondeur)

Philip Roth, Das sterbende
Tier, Hanser 2003
Auszüge von
Edmond Tondeur
Können Sie sich
vorstellen, wie es ist, alt zu sein? Natürlich können Sie
das nicht. Ich jedenfalls konnte es nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie
es sein würde. Ich hatte nicht einmal ein falsches Bild
ich hatte gar keins. Und etwas anderes will ja auch niemand. Niemand
will sich dem Alter stellen müssen, bevor er es muss. Wie wird
es sein? Beschränktheit ist unerlässlich.
Es ist verständlich,
dass jedes zukünftige Lebensstadium unvorstellbar ist. Manchmal
hat man eines bereits halb durchschritten, bevor man überhaupt
merkt, dass man darin eingetreten ist. Ausserdem bieten frühere
Stadien einen gewissen Ausgleich. Dennoch hat die Mitte des Lebens für
viele etwas Erschreckendes. Aber das Ende? Interessanterweise ist es
das erste Lebensstadium, das man von aussen betrachten kann, während
man sich darin befindet. Man beobachtet seinen eigenen Verfall und hat,
aufgrund seiner anhaltenden Vitalität, zugleich einen erheblichen
Abstand zu diesem Verfall ja man fühlt sich sogar unbeschwert
und ganz und gar nicht davon betroffen. Gewiss, es gibt eine zunehmende
Anzahl von Zeichen, die auf das unangenehme Ende hindeuten, und dennoch
betrachtet man das alles von aussen. Die Grausamkeit dieser Objektivität
ist erbarmungslos.
Man muss zwischen Sterben
und Tod unterscheiden. Das Sterben ist kein ununterbrochener Prozess.
Wenn man gesund ist und sich wohl fühlt, ist das Sterben nicht
wahrnehmbar. Das Ende ist gewiss, kündigt sich aber nicht unbedingt
auffällig an. Solange man selbst nicht alt ist, versteht man nur,
dass die Zeit den Alten ihren Stempel aufgedrückt hat. Doch wenn
das alles ist, was man versteht, fixiert man sie in der Zeit, und das
bedeutet, dass man überhaupt nichts versteht. Alt zu sein bedeutet
für alle, die noch nicht alt sind, dass man gewesen ist.
Aber wenn Sie alt sind, bedeutet es, dass Sie trotz Ihrer Gewesenheit,
zusätzlich zu Ihrer Gewesenheit, über Ihre Gewesenheit hinaus
noch immer sind. Ihre Gewesenheit ist sehr lebendig. Sie sind
noch immer, und dieses Noch-immer-sein und seine Fülle verfolgen
Sie ebenso wie die Gewesenheit, die Vergangenheit. Stellen Sie sich
das Alter so vor: Es ist eine alltägliche Tatsache, dass Ihr Leben
auf dem Spiel steht. Sie können dem Wissen um das, was Sie in Kürze
erwartet, nicht entgehen. Die Stille, die Sie für alle Ewigkeit
umgeben wird. Davon abgesehen ist alles wie immer. Davon abgesehen ist
man unsterblich, solange man lebt.
Vor nicht allzu langer
Zeit gab es eine vorgegebene Art, alt zu sein, so wie es eine vorgegebene
Art gab, jung zu sein. Das gilt heute nicht mehr. Hier hat ein grosser
Kampf um das Zulässige stattgefunden und auch eine grosse
Umwälzung. Dennoch: Sollte sich ein Mann von Siebzig noch immer
in den fleischlichen Aspekt der menschlichen Komödie verstricken
lassen? Sollte er ungerührt darauf beharren, ein unkeuscher alter
Mann zu sein, noch immer empfänglich für das, was Menschen
erregt? Das ist nicht der Zustand, den einst Schaukelstuhl und Pfeife
symbolisierten. Vielleicht stellt es auch heute einen gewissen Affront
dar, sich nicht nach den althergebrachten Vorstellungen zu richten.
Mir ist klar, dass ich nicht auf die in der Tugend begründeten
Achtung anderer Erwachsener rechnen kann. Aber was kann ich daran ändern,
dass soweit ich es erkennen kann nichts je zur
Ruhe kommt, ganz gleich, wie alt man ist?
Dieses Bedürfnis.
Diese Gestörtheit. Hört das nie auf? Nach einer Weile weiss
ich nicht mal mehr, wonach ich mich so verzweifelt sehne. Nach ihren
Brüsten? Nach ihrer Seele? Nach ihrer Jugend? Nach ihrem schlichten
Gemüt? Vielleicht ist es schlimmer als das vielleicht sehne
ich mich jetzt, da mein Tod näherrückt, insgeheim auch danach,
nicht frei zu sein.
Etwas begreifen wollen,
das wir nie begreifen. Das Vergehen der Zeit. Wir schwimmen in der Zeit,
bis wir schliesslich darin versinken und sterben. Dieses Nicht-Ereignis
wird zu einem bedeutenden Ereignis aufgeblasen, während Consuela
hier das grösste Ereignis ihres Lebens bewältigen muss. Das
Grosse Ende, auch wenn niemand weiss, was wenn überhaupt
da endet, und erst recht niemand weiss, was damit beginnt.
Nur Consuela weiss,
denn Consuela kennt jetzt die Wunde des Alters. Für alle ausser
den Alternden ist das Altern unvorstellbar, aber das gilt nicht mehr
für Consuela. Sie misst die Zeit nicht mehr wie die Jungen, indem
sie zurück blickt, dorthin, wo ihr Leben begann. Für alle,
die jung sind, besteht die Zeit immer aus dem Vergangenen, doch für
Consuela besteht sie aus der Zukunft, die ihr noch bleibt, und sie
glaubt nicht, dass ihr noch viel bleibt.