Den
Wandel gestalten, nicht nur "erleiden"
Von
Edmond Tondeur, Nachdruck aus CURAVIVA, März 2003

"Nichts
bleibt so, wie es war". Ist dies eine Feststellung nur für Nostalgiker,
die einer vermeintlich guten alten Zeit nachtrauern? 0 nein, der Satz
trifft den Nerv unserer gegenwärtigen Zeit- und Lebenslage, und
er muss sogar, zugespitzter, lauten: "Nichts bleibt so wie es ist"!
Was auf permanenten Wandel hinweist, auf Instabilität und Unvorhersehbarkeit
des Lebens schlechthin, und gerade damit tun wir uns mehrheitlich
doch eher schwer.
Im Begleiten von Menschen in Organisationen
- oder von Menschen auf ihrem ganz persönlichen Lebensweg - fallt
mir auf, wie wenig wir mental vorbereitet sind auf die (zweifellos drastischen)
Veränderungen in der Wirtschaft, im beruflichen Umfeld, in der
Politik. Jahrzehnte der relativen Stabilität und Kontinuität
haben zum Trugschluss verleitet, es werde mit dem Wohlstand, mit den
Umsätzen, den Löhnen und mit den sozialen Abfederungen unserer
Existenz generell aufwärts bzw. vorwärts gehen. Wer dies auf
seinem persönlichen Werde-Weg tatsächlich so erfahren hat,
kann gar nicht glauben, dass es nun auf einmal nicht mehr gelten soll.
Da haben doch schlicht die Manager versagt, oder die Politiker, oder
die Verbände, oder zusammenfassend alle jene, an die wir die Gewährleistung
unseres "expandierenden Besitzstandes" träge bis gutgläubig
delegiert hatten, und jetzt ein grosses, lautstarkes Pfui!! all den
Versagern.
Früher oder später kommen
wir (einige?) darauf, dass zwischen den Veränderungen "draussen"
und den Wandlungen "drinnen" innige Zusammenhänge bestehen.
Wandel ist ja vor allem ein Merkmal unseres ganz persönlichen Lebens,
unserer Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsensein bis schliesslich
ins Altem. Wir wissen es längst und haben es dennoch "vergessen":
Es liegt in der Natur der Dinge, dass sie geburtlich und sterblich verlaufen,
unbeständig sind ungeachtet unserer mannigfachen Versuche, Erreichtes
festzuschreiben, (sozial-) vertraglich zu garantieren, so wie man auf
Ferienreisen Fotos knipst und ins Album einklebt, damit ja nichts von
dem Erlebten verloren geht.
Doch dann geschieht, was früher
oder später in jedem Leben "passiert": Eine Änderung
tritt ein, die alles Bisherige in Frage stellt; eine Krankheit, ein
Konkurs, eine Scheidung, ein Todesfall - andernorts auch eine Naturkatastrophe,
ein Krieg, eine dramatische Veränderung aller für das Weiterleben
massgebenden Bedingungen. Nun wird jäh klar, wie äusserer
und innerer Wandel in einander greifen, wie anfällig und unstabil
"Leben" ist. Wie verblendet wir waren auf unserem Karrierepfad
von Sicherheit, Komfort, Besitz, Identität. Je grösser die
Illusion des "Erreichten", desto tiefer der Absturz, desto schmerzlicher
das Erwachen zur "wahren Natur der Dinge". Ich sehe dieses Erwachen,
so leidvoll es im Moment sein mag, als unerhörten Anstoss zu neuer
Lebendigkeit. Viele haben mir in den letzten Jahren erzählt dass
sie für den erlittenen Einbruch des Schicksals in ihr rundum arrangiertes
Leben dankbar sind.
"Der Wandel", erlebt und gedeutet
als Merkmal unserer Epoche, muss also weder rebellierend noch resignierend
erlitten werden; er erinnert uns daran, dass wir Zeugen und Mitgestalter
der Evolution sind, die der Natur wie der Menschheit dynamisch innewohnt.
Wir wandeln uns, indem wir leben, und wer lebendig bleibt, tut dies
nur um den Preis fortgesetzten Wandels. Es ist wirklich "alles
im Fluss", wie es ein Philosoph der Antike schon 600 Jahre vor Christus
formulierte. Wir sprechen vom Lebenswandel dieser Frau oder dieses Mannes
-und rümpfen dabei eventuell die Nase. Aber: das schönste
Kompliment, das ich einem Menschen machen kann, ist, dass sie oder er
ihr Leben wandelnd verbringt. Lustwandelnd wie auch leidwandelnd; und
manchmal tanzend, wenn die Leichtigkeit des Seins dazu ermuntert.
Über das Aushalten von Unsicherheit
im Prozess des Wandels wäre hier viel zu sagen, doch das Zeilenbudget
ist beschränkt. Ich kann nur herzhaft dazu ermuntern, das Leben
als Wandelgang zu begreifen, als eine Folge von Wegstücken mit
vielen Variationen, als (Pilger)Reise, die oftmals wieder dahin rühren
mag, wovon wir ausgegangen waren.