Gut
Ding will Weile haben
Von
Edmond Tondeur

Kein Spruch
aus unserer Zeit. Unsere Zeit kennt und kultiviert anderes: "just
in time", "time management", und natürlich: "time
is monney". Zeitsparende Angebote, Dienstleistungen, Verfahren,
Techniken haben uns, vermeintlich, zu Zeit-Millionären gemacht.
Die Ironie des Schicksals ist bloss, dass das Gegenteil zutrifft. Unser
Leben verkam zum Rennen gegen die Uhr, zur Beschleunigung in allen Hinsichten
(fast food als Maxime), zur Zeit-Armut als Preis für wachsenden
Wohlstand.
Nun singen
seit Jahren einige Quergeister das Lob der Langsamkeit. Sie setzen
Akzente, die insgesamt zur Einsicht (zurück) führen, wonach
"gut Ding Weile haben will" (siehe oben). In der Sprache dieser
Website heisst das: REIFE BRAUCHT ZEIT. Reifen ist nicht machbar, nicht
zu beschleunigen. Es gibt, definitiv, kein "Reife-Management".
(Wenn wir "Management" als Methode verstehen, mit dem kleinstmöglichen
Aufwand an Zeit und Geld den grösstmöglichen Erfolg zu erzielen.)
Die Befürworter
der Langsamkeit widersetzen sich nicht den Ideen der Effizienz, der
Ökonomie, der Leistung. Sie bringen nur ein anderes Verständnis
dafür ein, wie diese Ideen auf lebensdienliche Art verwirklicht
werden können. Sie lassen die Zeit wirken anstatt sie "managen"
zu wollen. Ihr Zeitbegriff ist näher beim "kairos" als
beim "chronos", womit die Griechen damals unterschieden zwischen
Zeit-Qualitäten und Zeit-Menge. Es gibt für alles eine stimmige
Zeit, das empfinden wir generell auch heute noch so, und wir können
dieses Entwicklungsmass nicht nach Belieben manipulieren.
Reifen hat
wesentlich zu tun mit geschehen lassen, mit nicht-tun
(um im Wortspiel zu bleiben). Ich kann die Qualität des Reifens
in meinem Leben weder beschliessen noch "planen". Ich kann
ihr allerdings den Raum und die Zeit geben, damit sie sich als
Qualität entfalten und auswirken kann.
Reife(n)
bewusst zulassen ist weniger eine Frage des Verstandes als des Herzens.
Intelligenz des Herzens etwa im Sinne von Saint-Exupéry,
dem französischen Dichter und Flieger. Eltern geben ihren Kindern
Raum und Zeit, damit sie reifen können; dies ist die Essenz einer
liebenden Erziehung. Lebenspartner geben einander Raum und Zeit für
das Reifen ihrer Beziehung; nur so entziehen sie sich den Versuchungen
zur gegenseitigen Unterwerfung und zur Gewöhnung an lebensverhindernde
Muster.
Aktion im
Wechsel mit Kontemplation, auch dieses "altehrwürdige"
Leitmotiv ist hier am Platz. "Alt und ehrwürdig", darf
man das heute noch sagen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Würde
des Alters und dem Reifen, das ihr voraus ging? Darüber
ist jedenfalls nachzudenken, wenn uns an einer "demographischen
Lebenskultur" gelegen ist, will sagen: an einer Gesellschaft, die
nicht nur altert, sondern reift.
Viel spricht
dafür, dass wir uns in einem kulturgeschichtlichen Übergang
bewegen, der das Verhältnis von "Konsum" und "Kultur"
zugunsten der letzteren verändert. Begonnen hat dies schon vor
(gut zwanzig) Jahren, mit der Individualisierung von Massenverbrauchsgütern,
das heisst: sich verfeinernden Anforderungen an die Verbindung Ware/Mensch.
Nun tendiert
die Entwicklung weiter in Richtung lifestyle, mit stärkerer
Beachtung des Gestaltungsanspruchs beim Käufer. Ein Ende der Wegwerf-Mentalität
ist, zumindest auf vielen Gebieten, abzusehen. Dies sind, so scheint
mir, gute Vorboten einer Neuen Langsamkeit, die wiederum
Nährboden für Reife-Erfahrungen sein wird.