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Sommer 2003

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Gut Ding will Weile haben

Von Edmond Tondeur

Kein Spruch aus unserer Zeit. Unsere Zeit kennt und kultiviert anderes: "just in time", "time management", und natürlich: "time is monney". Zeitsparende Angebote, Dienstleistungen, Verfahren, Techniken haben uns, vermeintlich, zu Zeit-Millionären gemacht. Die Ironie des Schicksals ist bloss, dass das Gegenteil zutrifft. Unser Leben verkam zum Rennen gegen die Uhr, zur Beschleunigung in allen Hinsichten (fast food als Maxime), zur Zeit-Armut als Preis für wachsenden Wohlstand.

Nun singen seit Jahren einige Quergeister das Lob der Langsamkeit. Sie setzen Akzente, die insgesamt zur Einsicht (zurück) führen, wonach "gut Ding Weile haben will" (siehe oben). In der Sprache dieser Website heisst das: REIFE BRAUCHT ZEIT. Reifen ist nicht machbar, nicht zu beschleunigen. Es gibt, definitiv, kein "Reife-Management". (Wenn wir "Management" als Methode verstehen, mit dem kleinstmöglichen Aufwand an Zeit und Geld den grösstmöglichen Erfolg zu erzielen.)

Die Befürworter der Langsamkeit widersetzen sich nicht den Ideen der Effizienz, der Ökonomie, der Leistung. Sie bringen nur ein anderes Verständnis dafür ein, wie diese Ideen auf lebensdienliche Art verwirklicht werden können. Sie lassen die Zeit wirken anstatt sie "managen" zu wollen. Ihr Zeitbegriff ist näher beim "kairos" als beim "chronos", womit die Griechen damals unterschieden zwischen Zeit-Qualitäten und Zeit-Menge. Es gibt für alles eine stimmige Zeit, das empfinden wir generell auch heute noch so, und wir können dieses Entwicklungsmass nicht nach Belieben manipulieren.

Reifen hat wesentlich zu tun mit geschehen lassen, mit nicht-tun (um im Wortspiel zu bleiben). Ich kann die Qualität des Reifens in meinem Leben weder beschliessen noch "planen". Ich kann ihr allerdings den Raum und die Zeit geben, damit sie sich als Qualität entfalten und auswirken kann.

Reife(n) bewusst zulassen ist weniger eine Frage des Verstandes als des Herzens. Intelligenz des Herzens etwa im Sinne von Saint-Exupéry, dem französischen Dichter und Flieger. Eltern geben ihren Kindern Raum und Zeit, damit sie reifen können; dies ist die Essenz einer liebenden Erziehung. Lebenspartner geben einander Raum und Zeit für das Reifen ihrer Beziehung; nur so entziehen sie sich den Versuchungen zur gegenseitigen Unterwerfung und zur Gewöhnung an lebensverhindernde Muster.

Aktion im Wechsel mit Kontemplation, auch dieses "altehrwürdige" Leitmotiv ist hier am Platz. "Alt und ehrwürdig", darf man das heute noch sagen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Würde des Alters und dem Reifen, das ihr voraus ging? Darüber ist jedenfalls nachzudenken, wenn uns an einer "demographischen Lebenskultur" gelegen ist, will sagen: an einer Gesellschaft, die nicht nur altert, sondern reift.

Viel spricht dafür, dass wir uns in einem kulturgeschichtlichen Übergang bewegen, der das Verhältnis von "Konsum" und "Kultur" zugunsten der letzteren verändert. Begonnen hat dies schon vor (gut zwanzig) Jahren, mit der Individualisierung von Massenverbrauchsgütern, das heisst: sich verfeinernden Anforderungen an die Verbindung Ware/Mensch.

Nun tendiert die Entwicklung weiter in Richtung lifestyle, mit stärkerer Beachtung des Gestaltungsanspruchs beim Käufer. Ein Ende der Wegwerf-Mentalität ist, zumindest auf vielen Gebieten, abzusehen. Dies sind, so scheint mir, gute Vorboten einer ‚Neuen Langsamkeit’, die wiederum Nährboden für Reife-Erfahrungen sein wird.


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