Zufriedenheit
in reiferen Jahren
Zusammenfassung
einer Studie von François Höpflinger* durch Urs Schlumpf

Lebenszufriedenheit
und Wohlbefinden im höheren Lebensalter: Die
wichtigsten Ergebnisse
1. Wohlbefinden
und Lebenszufriedeneit sind mehrdimensional und umfassen emotionale
und kognitive Komponenten. Sie beruhen auf selbst-regulativen Prozessen,
die sich im Lebensverlauf ändern.
2. Wohlbefinden
im höheren Alter umfasst immer auch eine biographische Komponente.
Bei der Erforschung des Wohlbefindens von älteren Menschen sollte
immer auch die lebensgeschichtliche Vergangenheit miteinbezogen werden.
3. Mit
steigendem Alter sinkt zwar das gesundheitliche Befinden tendenziell,
wogegen das psychischhe Wohlbefinden eher ansteigt (Schweizerische
Daten).
4. Die
Pensionierung löst keine globale Verschlechterung des Wohlbefindens
und der Lebenszufriedenheit aus. Bereichsspezifische Werte laufen
in beide Richtungen: geringere Zufriedenheit mit gesellschaftlichem
Status, erhöhte Zufriedenheit mit freier Zeit.
5. Die
Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensaspekten, mit Ausnahme der Gesundheit,
liegt bei den Aelteren höher, als bei den Erwachsenen nach dem
50. bis 64. Lebensjahr.
6. Die
höhere Lebenszufriedenheit kann sowohl mit reduzierter Alltags-
und Berufsbelastung, aber auch mit den reduzierten Ansprüchen
zusammenhängen.
7. Personen
in einer Paarbeziehung weisen höhere Zufriedenheitswerte auf
als Alleinstehende.
8. Die
Wahrnehmung der Jugendzeit ist selbst im höheren Alter signifikant
mit der aktuellen Lebenszufriedenheit assoziiert.
9. Psychische
Ressourcen wie Zuversichtlichkeit und Kontrollüberzeugungen sind
bedeutsame Prädiktoren von selbst-regulativen Prozessen, wie
dies eben Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit darstellen.
10.
Im höheren Alter ist die Bewältigung der bisherigen Lebensgeschichte
ein wesentlicher Einflussfaktor der Selbstregulation. Im Einklang
mit seiner Vergangenheit zu stehen, erleichtert es, im hohen Alter
ein neues Gleichgewicht des Wohlbefindens (u.
der Reife, Anmerkung des Autors)
zu erreichen.

Lebenszufriedenheit
und Wohlbefinden Kurzformel für komplexe, biographisch eingebettete
Prozesse der Lebensevaluation
Wohlbefinden
stellt ein mehrdimensionales Element dar, das sowohl eine kognitive
Dimension (Lebenszufriedenheit) als auch eine emotionale Dimension (Glück)
umfasst. In der Genfer Altersstudie (Lalive dEpinay et al, 2000)
sind drei Hauptdimensionen zu Tage getreten: psychisch-physisches Wohlbefinden
(negativ korreliert mit depressiven Symptomen), materielle und berufliche
Zufriedenheit sowie affektiv-soziales Wohlbefinden. Wohlbefinden wie
auch Lebenszufriedenheit oder bereichsspezifische Zufriedenheitswerte
sind das Ergebnis selbst-regulativer Prozesse, die sich mit wechselnden
Lebensumständen verändern. Erwartungen und Vergleichsmassstäbe
wandeln sich im Lebensverlauf, und eine hohe Lebenszufriedenheit
kann sowohl durch das Erreichen gewünschter Lebensziele als auch
durch einne Anpassung des Anspruchsniveaus nach unten erreicht werden.
Die Aufrechterhaltung von Wohlbefinden im Alter ist damit nicht primär
von objektiven Gegebenheiten, sondern von deren Interpretationen bestimmt.
Diese Interpretationen ihrerseits werden durch psychische Ressourcen,
z.B. Kontrollüberzeugungen, beeinflusst.
Zur Lebenszufriedenheit
im Übergang in die nachberufliche Lebensphase
Schon im
mittleren Lebensalter entwickeln sich gesundheitliches und psychisches
Wohlbefinden tendenziell gegenläufig, was sich später weiter
akzentuiert. Mit steigendem Lebensalter zeigen sich namentlich ein
Zuwachs an Gelassenheit und Ausgeglichenheit
(= Reife, Anmerkung des Autors) sowie eine Abnahmee von Nervosität
und Gereiztheit. Die Pensionierung an sich löst keine globale Verschlechterung
des Wohlbefindens aus. In den verschhiedenen Untersuchungen zeigen
sich in Abhängigkeit von finanzieller Lage, sozialer Teilnahme
und Kontaktnetzen sowie Art und Weise der Pensionierung individuelle
Unterschiede. 46% der befragten Normalpensionierten erfuhren insgesamt
eine Verbesserung ihres Wohlbefindens, 37% jedoch eine Verschlechterung,
die restlichen 17% erlebten keine Veränderung (Panelstudie).
Bezüglich
bereichsspezifischer Angaben erfahren die Befragten den stärksten
Rückgang hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status: Die Zufriedenheit
mit dem Ansehen in der Gesellschaft sinkt direkt nach der Pensionierung
in bedeutsamer Weise. Anderseits steigt die Zufriedenheit mit der
Freizeitgestaltung, auch dann, wenn die Freizzeitgestaltung nicht wesentlich
ändert.
Hinter der
generell konstanten Entwicklung der allgemeinen Lebenszufriedenheit
besteht eine Ausbalancierung von Gewinnen und Verlusten (Gewinne im
Freizeitbereich und ev. in der Partnerbeziehung, Verluste im gesellschaftlichen
Status und für manche auch beim Einkommen). Die Detailanalyse macht
klar, dass nach der Pensionierung ein hohes Wohlbefinden mit einer
ausgegeglichenen, eher introvertierten, aber optimistischen Persönlichkeit
mit hohem biographisch entwickelten Wohlbefinden korreliert.
Ebenso zeigen
sich positive Beziehungen mit guten sozialen Kontakten, einem positiven
Altersbild sowie der Gewissheit, im familialen und beruflichen Leben
die wichtigsten Ziele erreicht zu haben. Umgekehrt ergibt sich ein negativer
Effekt von Extraversion: Befragten, die aktiv , dominant nach aussen
gerichtet sind, gelingt der Uebergang in die nachberufliche Lebensphase
zumindest mittelfristig weniger gut. Die Variablen der Vorbereitung
auf den Ruhestand zeigen erstaunlich wenig Zusammenhang mit dem kurz-
oder längerfristigen Wohlbefinden im Ruhestand. "Ein ruhiges
Geschehenlassen scheint wichtiger als übersteigerter Aktionismus"
(Buchmüller et al. 1997).
Bereichsspezifische
Zufriedenheit zu Hause lebender Menschen im Alter zwischen 40 und 79
Jahren: Schweizi 1999
Die Zufriedenheit
mit verschiedenen Lebensaspekten ist in den höheren Altersgruppen
besser als in den jüngeren Altersgruppen. Insgesamt zeigen die
65- bis 79-jährigen Befragten signifikant höhere Zufriedensheitswerte
als die 50-bis 64-jährigen Befragten. Der einzig negative Zusammenhang
zwischen Alter und Zufriedenheit ergibt sich erwartungsgemäss bezüglich
der Zufriedenheit mit der Gesundheit. Die höhere Zufriedenheit
in den höheren Altersgruppen kann sowohl mit reduziertem Alltags-
und Berufsstress während der nachberuflichen und nachelterlichen
Lebensphase, aber auch mit den reduzierten Ansprüchen der älteren
Generationen zusammenhängen.
Mit Bezug
auf die Paarbeziehung ist festzustellen, dass allein lebende Frauen
eine höhere Zufriedenheit mit dem Alleinleben aufweisen, als gleichaltrige
alleinstehende Männer. Allein lebende ältere Männer weisen
auch eine höhere Mortalitätsrate auf als verheiratete Altersgenossen.
Die verschiedenen
Indikatoren zur bereichsspezifischen Zufriedenheit sind untereinander
positiv korreliert. Wer in einem Lebensbereich zufrieden ist, ist dies
mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Lebensbereichen.
Relativ bedeutungslos erweist sich der Einfluss des Bildungsstatus für
die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation.
Die wohlbefindenssteigernde und protektive Wirkung einer (langjährigen)
Ehebeziehung liess sich in vielen Studien einheitlich nachweisen.
Befragte, die eine harte Jugendzeit erlebt haben, fühlten sich
insgesamt weniger zufrieden als Befragte, die ihre Jugend positiver
in Erinnerung behielten. Die betrifft vor allem die Zufriedenheit bezüglich
finanzieller Situation, Gesundheit und Freizeitaktivitäten.
Determinanten
von Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit im höheren Lebensalter
Erweiterung auf psychische Ressourcen und Persönlichkeitsmerkmale
Die subjektiven
Einschätzungen von Lebensbereichen sind stärkere Einflussfaktoren
des Wohlbefindens, bzw. der Lebenszufriedenheit als die objektiven Messparameter
dieser Lebensbereiche. Dementsprechend müssen gute Lebensbedingungen
nicht immer mit hohem Wohlbefinden einhergehen, wie umgekehrt schlechte
Lebensbedingungen nicht automatisch zu niedrigem Wohlbefinden führen.
Die Schweiz zählt allerdings zu den Ländern, in denen ein
hoher materieller Lebensstandard mit einem hohen Wohlbefinden verbunden
ist.
Psychische
Ressourcen sind bedeutsame Prädiktoren von selbst-regulativen Prozessen,
wie dies Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit darstellen. Vor allem
psychische Ressourcen wie Zuversichtlichkeit und Kontrollerleben hängen
mit allgemeinem Wohlbefinden zusammen.
Grundlegende
und überdauernde Persönlichkeitsmerksmale sind eng mit Wohlbefindenswerten
verknüpft. In der Basler Interdisziplinären Altersstudie zeigte
sich wie das Wohlbefinden hochsignifikant mit Persönlichhkeitsmerkmalen
assoziiert war.
Depressivität,
Neurotizismus, Nervosität, Erregbarkeit und Gehemmtheit erwiesen
sich mit Wohlbefinden negativ verbunden, wogegen Geselligkeit, Gelassenheit,
Extraversion und Maskulinität positiv mit Wohlbefinden im Alter
verbunden waren. Da sich die Persönlichkeitsmerkmale im höheren
Altter relativ wenig verändern, verdeutlichen solche Ergebnisse
die biographische Verankerung des Wohlbefindens im Alter.
Die Interpretation
und Bewältigung der bisherigen Biographie sind im höheren
Lebensalter ein wesentlicher Einflussfaktor der Selbstregulation von
negativen und positiven Emotionen und damit des allgemeinen Wohlbefindens.
Wohlbefinden im höheren Lebensalter ist nicht einfach eine von
aktuellen Gegebenheiten objektiv bestimmbare Grösse, sondern es
geht dabei um einen biographisch verankerten, subjektiv interpretierten
und regulierten Prozess von Lebensbewältigung.
*Zusammenfassung
eines gleichnamigen Kapitels aus dem Buch "Lebenshorizont Alter"
(Hrsg. Brigitte Boothe, Bettina Ugolini, vdf Hochschulverlag AG an der
ETH Zürich, 2003) von François Höflinger, das nach
einer interdisziplinären Vortragsreihe der ETH und der Universität
Zürich des WS 2001/02 publiziert worden ist. Der vorliegende Band
umfasst Beiträge aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen mit
Einblick in die vielfältigen Fragestellungen zum Lebenshorizont
Alter. François Höpflinger (Prof. Dr.phil.) ist Titularprofessor
für Soziologie an der Universität Zürich und Direktor
des Universitären Institutes "Alter und Generationen"
in Sion. Sein
Beitrag umfasst Ergebnisse aus schweizerischen Studien.