ET´s
Reifungs-Impulse
Neue
Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur
Wieviel
Leben haben Sie noch "zugute" ?

Von Edmond
Tondeur
Ab und zu
wird einem gesagt: "Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens".
Dies erweckt den Eindruck, es gebe für diesen "Rest"
ein Mass, etwa durch den Jahrgang und die daraus abzuleitende statistische
Lebenserwartung. Das mag für Versicherungsgesellschaften ein Thema
sein, aber für mich und für Sie? Niemand weiss, wie lange
sie oder er noch leben wird. Die Frage nach dem Lebens-Guthaben
ist denn auch gar nicht quantitativ, sondern qualitativ gemeint. Memento
mori, sagten die Römer und erinnerten einander daran, dass
jedes Leben begrenzt ist, eine "Leihgabe auf Zeit". Das Bewusstsein
dieser Grenze kann uns dazu anstiften, Prioritäten zu setzen, zwischen
Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, wählerischer zu leben,
anspruchsvoller, qualitätsbewusster!
Neulich begegnete
ich einem Mann, 55, Unternehmer, erfolgreich und dennoch gequält
von Fragen, die allesamt darauf hinwiesen, dass er bislang noch kaum
"sein eigenes Leben" gelebt hat. Vielleicht kennen auch Sie
solche Menschen. Bei näherem Hinschauen zeigt sich, in dieser und
in anderen Begegnungen, ein tiefgreifender Riss zwischen der
inneren und äusseren Karriere, zwischen Schein und Sein, zwischen
Arbeit und Beruf einerseits und der persönlich-privaten Lebensgestaltung
andererseits.
Menschen
(Männer wie Frauen!) können in ihren gewachsenen Lebensstrukturen
und -Gewohnheiten so selbstverständlich "funktionieren",
dass sie über längere Zeit von einem Riss nichts spüren.
Gelegentliche Anwandlungen von Unbehagen, Selbstzweifeln, emotionaler
Leere lassen sich wegstecken, eventuell mit kleinen "Tröstungen"
zudecken ("man gönnt sich ja sonst nichts!"). Doch eines
Tages wird die Lebenskrise manifest, das "Ungelebte"
tritt zu Tage, der Körper gibt Signale, die nicht länger zu
überhören sind, usw.
Jetzt geht
es um Standortbestimmung, zum Beispiel mit Antworten auf die
folgenden Fragen:
* In mir
regen sich Fähigkeiten und Wünsche, denen ich bisher wenig
Beachtung und Raum geschenkt habe. Kann ich dieses Lebenspotenzial (oder
auch: Lebensguthaben!) mit einigen Sätzen benennen, etwa
dahin gehend, in welchen Situationen und zu welchen Zeitpunkten ich
an dieses "Ungelebte in mir" erinnert werde?
* Empfinde ich den Wunsch, diesem Lebensguthaben in nächster Zeit
eine Chance zu geben, sich vermehrt kundzutun? Habe ich dazu bereits
konkretere Vorstellungen? Gibt es Menschen, die ich dabei als Verbündete
betrachte? Oder bin ich mit meinen Fantasien allein? Was hindert mich
zur Zeit daran, Schritte zu mir selbst zu realisieren?
* Angenommen, ich könnte mir in nächster Zeit, ganz nach meinem
Herzen und frei von jeder anderen Verpflichtung, einen Wunsch erfüllen:
Wie lautet dieser Wunsch? Und was "macht es mit mir", dass
ich diesen Wunsch in meiner aktuellen Lebenssituation als (noch) nicht
erfüllbar betrachte?
Wenn ich solchen Fragen in mir Raum und Resonanz gebe, beginnt etwas
zu reifen, was Antoine de Saint-Exupéry als "Intelligenz
des Herzens" bezeichnet hat. Damit verändert sich die
Wahrnehmung des Lebens, des Lebenswerten. Manches, das mich bisher auf
Trab hielt und ausser Atem brachte, verliert an Dringlichkeit. Zwanghafte
Handlungsabläufe lockern sich, werden gleichsam zu "Spielzügen",
über die ich freier, gelassener entscheiden kann.
So manches im Leben erblüht (meldet sich gleichsam zurück!),
wenn herzhafte Achtsamkeit den urteilenden Verstand ablöst
wenigstens ab und zu. Mit Hilde Domins Dichterworten:
Das Glück ist kein Flugzeug / hat keinen Fahrplan / keinen Lufthafen.
/ Ein grosser Vogel / der einen kleinen / auf seine Fittiche nimmt.
/ Irgendwo.
1) Wieviel
Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)
2) Ins
Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)
3) Reifen
zwischen Reden und Schweigen (ET)
4) Wenn
wir schweigen... (Herta Müller)
5) Zwischen
den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)
6) Wenn
ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)
7) Allmählich
begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)
8) Adieu,
sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)