ET´s
Reifungs-Impulse
Neue
Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur
Ins
Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern !

Von Edmond
Tondeur
Es war, vor
etwa einem halben Jahrhundert, Ernst Bloch, der den Satz prägte,
man müsse ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern. Bloch
widmete sein Lebenswerk dem "Prinzip Hoffnung", er war ein
Visionär des menschlichen und gesellschaftlichen Fortschritts,
der radikalen Lernfähigkeit des Menschen.
Vom "gelingenden
Leben" handeln viele Märchen. Wem gelingt das Leben im Märchen?
"Es gelingt denen, die empathisch sind, also die Fähigkeit
haben, nicht nur sich selber, sondern die Menschen und die Welt um sich
herum wahrzunehmen. Und es gelingt denen, die dem folgen, woran sie
ihr Herz gehängt haben, die irgendeine Leidenschaft antreibt. Und
es gelingt denen, die an ihre eigenen Möglichkeiten glauben, die
grundsätzlich Vertrauen in das Leben haben." (Verena Kast,
Vom gelingenden Leben, dtv 2000)
Was an diesem
"Gelingen" auffällt, ist das subtile Wechselspiel von
handeln und geschehen lassen, von Eigenleistung und tiefem Vertrauen
"in die guten Kräfte". Die Helden im Märchen sind
keine Erfolgstypen heutigen Schlags. Unverdrossen und irgendwie "leicht"
gehen sie den Weg, der sie, durch vielerlei Prüfungen und Gefahren
zu ihrem "Glück" führt. Ihnen "glückt",
wiewohl nicht unverdient, nicht ohne eigenes Tun und Hingabe, das Leben.
Im Althochdeutschen bezeichnet das Verb gilingan etwas, das leicht
vonstatten geht, leicht in Bewegung und Gewicht. (Die Lunge ist
die Leichte, weil sie auf dem Wasser schwimmt!)
Von diesem
gelingenden Leben lässt sich, wie mir scheint, eine andere Sicht
des Lernens erschliessen als die bei uns noch vorherrschende. Und
ich meine damit: ein Lernen in Hingabe und Beharrlichkeit, nicht so
sehr aus Ehrgeiz und Erfolgsdrang, vielmehr im Einverständnis mit
dem "lebendigen Jetzt". Wer sein Lernen zu stark vom Willen
und vom Wissen her angeht, muss (früher oder später) scheitern,
weil er sein Ego ins Zentrum rückt, sich selbst überschätzt.
Ich kann den Unterschied zwischen den zwei Lernhaltungen an einem persönlichen
Beispiel verdeutlichen:
Ich bin
gerade dabei, etwas zu lernen, das mir bisher nie gelang, nämlich:
im Wasser zu schwimmen. Als Zehnjähriger erfuhr ich im obligatorischen
Schwimmunterricht derart traumatisierende Ängste und Demütigungen,
dass ich in der Folge jeden physischen Kontakt mit dem Wasser tunlichst
mied. Später habe ich wiederholt und in unterschiedlichen Formen
versucht, die Hemmschwelle zu überwinden, die mich von einer neuen
Begegnung mit dem angstbesetzten Element abhielt. Doch ich scheiterte,
Mal für Mal, und fand mich damit ab, in diesem Bezug ein lebenslanger
Nichtlerner zu bleiben.
Noch
während ich dies schreibe, bin ich mir noch keineswegs sicher,
dass mir diesmal das Schwimmenlernen gelingen wird. Ich merke nur, dass
die "Umstände" günstig sind. Es treibt mich kein
Ehrgeiz an, viel eher schwingt in mir so etwas wie Wagemut. Das Wagnis,
mich noch einmal den alten Ängsten zu stellen, dabei
aber ganz wach und bewusst im Gegenwärtigen zu handeln. ("Nur
jetzt ist wirklich!") Vertrauen in den (heutigen!) Schwimmlehrer
ist wichtig, ebenso ein Verbundensein (Verbündetsein) mit drei
Menschen, die genauso wie ich ihre "Wasserangst" überwinden
wollen. Und diesmal, spüre ich, bin ich ins Gelingen verliebt,
nicht ins Scheitern.
Ich frage
mich und frage Sie, die Leserin, den Leser: Wie lernen wir etwas, das
wir noch nie gelernt haben? Was blockiert, was bewegt? Und was beflügelt
... bis hin zu diesem "ins Gelingen verliebt sein"? Für
eine Antwort eignen sich nach meinem Empfinden und nach meiner Erfahrung
drei Kriterien:
- Unvoreingenommenheit:
Was dem Lernen häufig im Wege steht, ist der Rückgriff auf
bisheriges Wissen, bisherige Erfahrung. Unser Hang, Dinge blindlings
fortzuschreiben, die einmal in unserem Leben galten, heute aber schlicht
überholt sind. Diese Denkgewohnheiten und Reaktionsmuster klar
zu sehen, heisst schon ein Stück weit, sich ihrer Wirkung zu entziehen.
Im ZEN spricht man vom Anfängergeist, auch vom
bewussten Nichtwissen als einer Grundbedingung für kreative
Gegenwärtigkeit.
- Vertrauen,
in andere und in sich selbst. Wenn ich neues Wissen aufnehme, zu mir
nehme, vertraue ich einer Quelle, von der dieses Wissen stammt. Dies
kann die eigene Erfahrung, Beobachtung, Begegnung sein; weit häufiger
kommt Wissen aus medialen Quellen (Büchern, Zeitungen, TV-Sendungen,
Internet usw.) auf mich zu, denen ich, obgleich wählerisch und
durchaus nicht unkritisch, mich anvertraue. Geht es im Lernen um neue
Erfahrungen (und nicht nur neues Wissen), spielt Vertrauen in andere
und in sich selbst eine noch grössere Rolle. "Gemeinsam statt
einsam" kann dabei eine wichtige Devise sein. Anderen vertrauen
kann aber nur, wer gelernt hat, zu sich selbst eine vertrauende Beziehung
zu entwickeln.
- Die Gunst
der Stunde, das, was die Griechen den kairos nannten, den günstigen
Zeitpunkt für irgendein Unterfangen. Alles im Leben findet "zu
seiner Zeit" statt, dies wird uns in den biblischen Psalmen und
in philosophischen Schriften eindringlich gesagt. Insofern ist unser
Lernen (wie auch unser Sterben!) nicht zeitautonom, sondern im Zeitenlauf
subtil "konstelliert". Zum Bewusstsein meiner Lebendigkeit
gehört gleichsam der "Riecher" für den passenden
Zeitpunkt, aber auch für das Reifenlassen eines bestimmten
Vorhabens. Etwas reifen zu lassen, zeugt von einer verfeinerten Wahrnehmung
der zeitlichen Qualität, in jeder menschlichen Aktivität.
Zwischen
dem Gelingen und Misslingen ist es oft ein schmaler Grat. Nichts gelingt
"definitiv", nichts misslingt ein für alle Mal. Das Ganze
ist eine Vibration mit wechselnden Frequenzen, mal hoch, mal tief. "Ich
zittere, also bin ich". Zu oft verstehen wir Lernen nur als die
Ablösung einer alten durch eine neue Gewissheit. Und fragen dazu
forsch: "Alles klar?" Nichts ist, in diesem Sinne, "klar".
Alles fliesst, "gilingan" (siehe oben) heisst das Zauberwort.
1) Wieviel
Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)
2) Ins
Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)
3) Reifen
zwischen Reden und Schweigen (ET)
4) Wenn
wir schweigen... (Herta Müller)
5) Zwischen
den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)
6) Wenn
ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)
7) Allmählich
begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)
8) Adieu,
sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)