ET´s
Reifungs-Impulse
Neue
Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur
Reifen
- zwischen Reden und Schweigen: ein Vortrag

Mein Verhältnis
zur Sprache
begann damit,
dass ich in einem dreisprachigen Umfeld aufwuchs: deutsch, französisch,
italienisch ...
Mit Redeverboten
bei Tisch (silencium),
mit frühzeitigen Vorgaben, über was gesprochen werden durfte,
und über was nicht
.. ...
und bald einmal mit der Erfahrung, dass in mir, irgendwo versteckt,
Wahrnehmungen, Eindrücke, Gedanken entstehen (und wieder entschwinden),
für die ich weder die passenden Worte finde, noch die Menschen,
denen ich mich mit-teilen könnte.
So fiel mir
auch frühzeitig auf, dass im Zusammenleben der Menschen der Anteil
des Verschwiegenen weit grösser ist als jenes schmale Band gegenseitiger
Verständigung über die Sprache. (Dass es auch Formen der sprachlosen
Verständigung gibt, war mir lange nicht bewusst.) Jahrzehntelang
übte ich mich in der Rolle des schweigsamen Beobachters, der andere
Leute danach einschätzte, wie viele Worte sie von sich gaben, ohne
damit wirklich etwas auszusagen.
Erich
Kästners Ausspruch kam mir gelegen: "Neben vielem
anderen sondern die Menschen auch Gesprochenes ab, man muss das gar
nicht so wichtig nehmen." Verhaltensforscher ordneten im gleichen
Sinne das Reden dem "geselligen Lärmen" zu. Und hätte
ich zu jener Zeit für meinen Platz in der Welt ein Passwort wählen
müssen, so hätte es gelautet: "Schweigender Beobachter".
(Die List des Schicksals hat mich dann aber zum Kommunikationsberater
werden lassen ...).
Seither bewege
ich mich zwischen den Polen des Redens und des Schweigens, mit all dem
Reichtum und den Nöten, die in beidem zu finden sind.
Zu beidem
werde ich heute abend einige Impulse einbringen, im ersten Teil Worte
über das Schweigen, im zweiten Teil Worte aus der Fülle des
Sagbaren, mich gleichsam vor dem Wunder der Sprache verneigend.
Danach
als Ueberleitung zur Zwiesprache zwischen uns in diesem Raum
werde ich noch einiges zum achtsamen Reden (zu dem immer auch das achtsame
Schweigen der Zuhörenden gehört) bemerken.
Mascha
Kaléko:
Mein schönstes
Gedicht.
Ich schrieb
es nicht.
Aus tiefsten
Tiefen stieg es.
Ich schwieg
es.
Das Schweigen
(Notizen von Martin Buber)
Einst war
in Flandern ein Mönch, der trug so grosse Ehrfurcht vor dem Wort,
das ist von Anbeginn Meister aller Dinge, dass er sechzehn Jahre seines
Lebens lebte und liess in dieser Zeit keine Rede je über seine
Lippen. Da geschah, dass in dem Kloster, dem er zugehörte, ein
grosser Brand ausbrach, der war so unstillbar und ungebändig, dass
die Arbeit der Brüder und Knechte an ihm zuschanden wurde. Und
alsbald war unter den Klosterleuten kein anderer Gedanke mehr, als das
nackte Leben zu sichern und sie flohen in Hast und ohne Ueberlegung
aus dem brennenden Haus, ein jeder wie ers am besten vermochte.
Der Schweiger aber blieb inmitten, stand eine Weile unbewegt, dann öffnete
er den Mund und redete zur Flamme: Halt ein zu dieser Stunde! Da verspürte
das Element die alte unverstellte Gewalt, die aus seinem Mund kam und
an der Welt nicht eitel worden, gehorchte und liess ab vom Kloster.
Adolf
Muschg:
Wir werden in eine Sprachwelt hinein geboren, die uns nicht nur zeitlich
voran geht, die uns auch psychologisch vor den Erfahrungen steht. Wer
Schriftsteller sein will, muss die Wortlosigkeit der Erfahrung wieder
herstellen, sich vergessen lernen. Nur der findet seine Sprache, der
sie zu verlieren bereit ist. Doch die meisten sind noch nicht einmal
dazu gelangt, eine Sprache zu haben, die sie verlieren könnten.
Sie sind nur Durchgangsstellen für die Sprache der Gesellschaft.
Elias
Canetti:
Von der Balance
zwischen Wissen und Nichtwissen hängt es ab, wie weise einer wird.
Das Nichtwissen darf am Wissen nicht verarmen. Für jede Antwort
muss wenn auch nur in der Ferne eine Frage aufspringen,
die früher geduckt schlief. Wer viele Antworten hat, muss noch
mehr fragen haben. Ich lebe in der einzigen Angst, dass meine Gedanken
zu früh stimmen, darum lasse ich ihnen Zeit, ihre ganze Falschheit
zu entlarven oder sich wenigstens zu häuten. Bei jedem Gedanken
kommt es darauf an, was er unausgesprochen lässt, wie sehr er dieses
Unausgesprochene liebt, wie nahe er ihm kommt, ohne es anzutasten.
Herta
Müller:
Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man
immer in Worten denkt. Bis heute denke ich vieles nicht in Worten, habe
keine gefunden. Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache,
sie zerren einen dorthin, wo sich Wörter nicht aufhalten können.
Oft ist es das Entscheidende, über das nichts mehr gesagt werden
kann. Wenn der Grossteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch
die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die
ich hatte ...
Sandor
Marai (Die Glut):
Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort
wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern
geben? Es gibt nur wenige Menschen, bei denen sich die Wörter mit
der Wirklichkeit ihres Lebens völlig decken ...
Kurt Marti:
Die Wörter bleiben Schuhe, für uns zu gross barfuss
denn halt!
Ludwig
Wittgenstein:
Die Grenzen
meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Was sich überhaupt
sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden
kann, darüber muss man schweigen.
All das Gesagte
kann verstanden werden als Einladung, dem gesprochenen Wort keine allzu
grosse Bedeutung beizumessen. Im Herzen horchend, sei es auf das Wort,
sei es auf die Stille zwischen den Worten. Worauf es ankommt, ist, dass
wir uns ansprechen lassen von dem, was immer der Augenblick bringt.
Jeder gegenwärtige Augenblick ist Botschaft, sagt Brother David
Steindl-Rast.
Die erste Regel des Benediktiner-Ordens lautet: Horch! Ausculta! Die
Disziplin des täglichen Horchens und Antwortens auf den Sinn wird
Gehorsam genannt. "Ich esse eine Mandarine, und schon
beim Abschälen spricht der leichte Widerstand der Schale zu mir,
wenn ich wach genug zum Horchen bin. Ihre Beschaffenheit, ihr Duft,
sprechen eine unübersetzbare Sprache, die ich lernen muss. Jenseits
des Bewusstseins, dass jede kleine Spalte ihre eigene, besondere Süsse
hat, liegt das Bewusstsein, dass all dies ein Geschenk ist."
Dichter reden
nicht über Erfahrung sie lassen sie zu Wort kommen. Damit
sind wir beim Haiku, jener japanischen Gedichtsform, die uns
gleichsam dazu verführen will, ganz im Augenblick zu leben.
Bewunderungswürdig
Wer, wenn der Blitz zuckt,
nicht denkt
kurz ist das Leben.
Nicht denken heisst hier, sich vom Erlebnis in seiner Ganzheit ergreifen
zu lassen. Nichts sonst kann dem Erlebnis gerecht werden. Verstehen
heisst hier unmittelbar einsehen: Das IST es. Der Sinn ist nicht ein
weiteres Wort hinter dem Wort, Sinn ist Stille. Er erfüllt sich,
indem er Gestalt annimmt. Er nimmt Gestalt an, indem er zum Wort wird.
Aber Sinn als solcher ist Stille. Und Worte, nachdem sie gesprochen,
reichen in das Schweigen hinein.
Das Haiku
ist ein Gedicht der Stille, sein innerster Kern ist Stille. In der Weltliteratur
gibt es wahrscheinlich keine kürzere Gedichtform als das klassische
Haiku mit seinen siebzehn Silben. Und doch schrieben die alten Meister
diese siebzehn Silben mit einer Geste des Um-Verzeihung-Bittens, als
wollten sie sagen: Es tut mir leid, die Stille kurz zu unterbrechen.
Die Worte dienen lediglich der Stille. Das Haiku ist ein Gerüst
aus Worten; gebaut wird ein Gedicht der Stille.
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PAUSE
Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort Hilde Domin
Mit diesem
Gedicht von Hilde Domin leite ich den zweiten Teil ein: Worte
aus der Fülle des Sagbaren, mich verneigend vor dem Wunder der
Sprache.
In seinen
Frankfurter Vorlesungen zur Sprache (....) spricht Peter Sloterdijk
von den Auftrittsgesten des Menschen als dem poetischen Tier. "Ich
spiele gern mit der Vorstellung, dass jeder Mensch eine Silbe verkörpert,
ein einmaliges unverwechselbares Gewächs aus Konsonanten und Vokabeln,
eine lebende Silbe, unterwegs zum Wort, zum Text. Jedes Leben ist auf
seine Weise auf dem Sprung zur Sprache, es ist schon erfüllt von
Klängen, von Wörtern, von Bildern und von Szenen, mit denen
es den Text seines alltäglichen Romans ausschreibt ... Man kann
die Sprache mit Holzkohle vergleichen, denn diese brennt nur, weil sie
schon gebrannt hat, aber um etwas anderes zu sein als kalte Kohle, muss
sie ständig von neuem entzündet werden ... Kein bedeutender
Text der Tradition existiert, der nicht Atemtext, Atemschrift wäre.
Die Zeilen sind die Atemzüge der Schriftsteller, die Strophen die
Atemwende der Dichter."
Aehnlich
bei Dostojewski: "In jedem Menschen ist eine dunkle Mitte,
die zum Licht will; sie will sich zeigen, sich aussprechen. Dieses Sich-aussprechen-Wollen
ist das tiefste Verlangen des Menschen. Sich im andern zur Sprache bringen,
ohne dieses ist keine Verleiblichung möglich, wir kommen dann nicht
aus uns heraus."
Roberto
Juarroz:
Der Dienst des Wortes, jenseits der kleinen Armut und der kleinen Zärtlichkeit,
dieses oder jenes zu bezeichnen, ist ein Liebesakt: Anwesenheit zu schöpfen.
Der Dienst des Wortes ist es, dass die Welt zur Welt spricht, dass die
Welt zum Menschen spricht. Das Wort: dieser Körper, gerichtet an
alles. Das Wort: diese offenen Augen.
Der Dichter sucht im Wort keine Ausdrucksform, sondern Teilnahme an
der Wirklichkeit selbst. Eine Poesie des nicht gespaltenen Menschen.
"Zu zweit denken, so wie man sich liebt". Die Poesie ist die
laienhafte Resakralisierung der Welt:
Ich weiss nicht, ob alles Gott ist.
Ich weiss nicht, ob etwas Gott ist.
Aber jedes Wort nennt Gott:
Schuh, Streik, Herz, Bus ...
Nun gibt
es, in unserer alltäglichen Spracherfahrung, auch die köstliche
Erfahrung des Miteinander-redens, ohne dass dabei schwergewichtige Inhalte
besprochen werden müssen. Reden aus purer Lust auf
Kommunikation, auf miteinander verbunden sein, aufs Erzählen
von Geschichten. Keiner unter den schweizerischen Schriftstellern hat
sich diesem Sprachgebrauch so leidenschaftlich (und liebenswürdig)
verschrieben wie Peter Bichsel. Und gerade hier,
in diesen bichselschen Erzählungen, fällt auf,
wie das Reden und das Schweigen unmittelbare benachbart sind.
Peter
von Matt (der kreative Germanist) zitiert als "Urgeschichte"
für Bichsels Sprachstil, Sprachkunst den folgenden Satz:
"Ein Betrunkener hebt seinen Kopf, schaut mich an, sagt, ich erzähle
dir alles, und schweigt." Ich erzähl dir alles, das ist ein
Satz von Gewicht. Ein ganzes Schicksal könnte darin liegen, ein
schwieriges Leben vielleicht, ein Leben, das kaputt ging und in den
Suff führte. Ich erzähl dir alles, sagt er, und schweigt.
Als wäre mit einem Satz schon alles gesagt. Oder ist dieses Schweigen
selbst die versprochene Erzählung? Dies, sagt Peter von Matt, ist
Peter Bichsels Kunst: das Schweigen zu erzählen, in dem ein ganzes
Leben steckt.
Aus der chassidischen
Tradition ist die folgende Geschichte überliefert:
Wenn der
grosse Rabbi Israel Baal Shem-Tov vermutete, dass dem jüdischen
Volk ein Unglück blühte, ging er an einen bestimmten Platz
im Walde, um reinen Geistes in sich zu gehen. Dort entfachte er ein
Feuer und sprach bestimmte Gebete. Und das Wunder geschah, das Unglück
war abgewendet.
Später,
als sein Schüler, der berühmte Maguid de Mezeritsch, den Himmel
aus ähnlichen Gründen anzuflehen hatte, fand er sich am selben
Ort des Waldes ein und sagte: Herr des Universums, leihe mir dein Gehör.
Ich weiss nicht, wie man das Feuer entfacht, aber ich bin noch imstande,
das Gebet zu sprechen. Und das Wunder ereignete sich.
Viel später
ging der Rabbi Moshe Leib de Sassov zur Rettung seines Volkes in den
Wald und sagte: Ich weiss nicht, wie man das Feuer entzündet, ich
kenne das Gebet nicht, aber ich kann mich an der glückbringenden
Stelle einfinden. Das sollte genügen. Und es genügte, auch
damals ereignete sich das Wunder.
Danach war
dem Rabbi Israel de Rizsin aufgetragen, die Gefahr abzuwenden. Er sass
auf einem Sessel, legte seinen Kopf in die Hände und sprach so
zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entfachen, ich kenne das
Gebet nicht und kann die Stelle im Wald nicht finden. Alles, was ich
tun kann, ist, dir diese Geschichte zu erzählen. Das sollte ausreichen.
Und es reichte aus. Gott erschuf die Menschen, weil ihm die Geschichten
gefallen.
Roberto
Juarroz, der uns diese Geschichte weiter gibt, sagt dazu: Scheinbar
gibt es in der Tiefe des Wirklichen eine Notwendigkeit nach Erzählung,
nach Illumination und selbst vielleicht nach einer sinnvollen Begründung,
die die Menschen hervor bringen müssen. Es handelt sich nicht um
die gewöhnliche Geschichte, die Historie, sondern um die geheime
Verbindung der Fäden, die die wahre Geschichte der Menschheit ausmacht.
Poesie, sagt Juarroz, ist vielleicht die herausragendste Bekundung dieser
verborgenen Geschichte der Menschen, der eigentliche Knotenpunkt mit
der Wirklichkeit.
Es ist die
Geschichte, die vom Grund her verläuft, die in einem Strauss ohne
Schleife das Aroma des Seins bindet und den Wohlgeruch des Nichts. "Ich
habe mein ganzes Leben lang Zen erklärt", erzählte Bashô
(Zen-Meister und einer der grossen Dichter seiner Zeit), "und dennoch
habe ich Zen nie verstanden." Da erwiderte man ihm: "Wie kannst
du etwas erklären, das du selbst nicht verstehst?"
"Oh",
rief Bashô: "Muss ich dir das auch noch erklären?"
Bashô
verstand Zen nicht, er verstand auch nicht die Poesie, aber er lebte
sie, er erfuhr sie, er schuf sie. Gibt es eine andere Art, ins Wirkliche
hinein zu kommen? Poesie ist Schöpfung durch das Wort. Der Dichter
erschafft das Gedicht und erschafft sich selbst von neuem im Gedicht.
Roberto
Juarroz sagt abschliessend:
Die einzige
Form, die Wirklichkeit wieder zu erkennen, wahrzunehmen, aufzunehmen,
Wirklichkeit zu sein besteht darin, sie und sich zu erschaffen,
sich mit ihr wieder zu erschaffen. Ich lebe die Poesie wie eine Explosion
des Seins unterhalb der Sprache.
Werner
Lutz:
Einfach
die Nacht
Mit ihrer
breiten Mündung.
Einfach
der Tag
Mit seinem
luftigen Zelt.
Einfach
die Vogelflüge.
Sie schreiben
Leben
Auf die
Unendlichkeit.
Einfach
die Dinge.
Sie atmen
mit mir.
Einfach
die Stille
Durch
die der Tod mich
Betreten
wird.
Einfach
der Staub.
Er gibt
dem Staub die Hand.
Noch ein
Gedicht von Werner Lutz:
Beginnen
Als steige
der erste Tag der Schöpfung
Aus dem
Wasser.
Beginnen
Als habe
noch nie
jemand
ein Wort gesagt.
Joachim-Ernst
Berendt (Kraft aus der Stille):
Meine
zehn wichtigsten Wörter:
Das Sein
/ sein / Gott / Liebe / Licht / lieben / lauschen / spüren / staunen
/ loslassen
Magdalena
Rüetschi (Pascals Zimmer. Gedichte):
Weit hinter
dem zugepflasterten Land
entdecke ich ein lebendiges Wort
herausäugend
aus einem nie benannten Teich.
Hilde
Domin:
Das Gefieder
der Sprache
streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen davonfliegen.
Abschliessend
(und zu unserem Gespräch überleitend):
Sprache,
das sind nicht nur Worte, das sind auch Muster, Vorstellungen, Modelle
unseres Wahrnehmens. Wir benützen sie, als könnten sie ungeschmälert
Wirklichkeit wiedergeben. Wir nehmen an, mit der Sprache über die
Wirklichkeit zu verfügen. Vieles, ja vieles im Leben ist der Rede
wert, doch reden ist nicht alles. Mohammed soll gesagt haben: "Wer
Gott kennt, redet viel" aber auch: "Wer Gott kennt,
verstummt".
Meditieren,
stille sein ist eine Form, sich auf dieses Verstummen einzulassen, unserer
alltäglichen Wortverhaftung zu entrinnen. Diese Enthaltsamkeit
gegenüber dem Wort schwingt auch im folgendenText von Michael
Ende mit:
Ein Mann
der Feder, berühmt und bekannt
als strenger Realist,
beschloss, einen einfachen Gegenstand
zu beschreiben, so wie er ist:
Einen
Apfel, zum Beispiel, zwei Groschen wert,
mit allem, was dazu gehört.
Er beschrieb die Form, die Farbe, den Duft,
den Geschmack, das Gehäuse, den Stiel,
den Zweig,
den Baum, die Landschaft, die Luft,
das Gesetz, nach dem er vom Baume fiel ...
Doch das war nicht der wirkliche Apfel, nicht wahr?
Denn zu
diesem gehörte das Wetter, das Jahr,
die Sonne, der Mond und die Sterne ...
Ein paar tausend Seiten beschrieb er zwar,
doch das Ende lag weit in der Ferne;
denn schliesslich gehörte er selber dazu,
der all dies beschrieb, und der Markt und das Geld
und Adam und Eva und ich und du
und Gott und die ganze Welt ...
Und endlich erkannte der Federmann,
dass man nie einen Apfel beschreiben kann.
Von da an liess er es bleiben,
die Wirklichkeit zu beschreiben.
Er begnügte sich indessen
damit, den Apfel zu essen.

1) Wieviel
Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)
2) Ins
Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)
3) Reifen
zwischen Reden und Schweigen (ET)
4) Wenn
wir schweigen... (Herta Müller)
5) Zwischen
den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)
6) Wenn
ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)
7) Allmählich
begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)
8) Adieu,
sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)