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Winter 2003

Editorial: Reifes Nichtwissen


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ET´s Reifungs-Impulse

Neue Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur

Reifen - zwischen Reden und Schweigen: ein Vortrag



Mein Verhältnis zur Sprache

begann damit, dass ich in einem dreisprachigen Umfeld aufwuchs: deutsch, französisch, italienisch ...

Mit Redeverboten bei Tisch (‚silencium’),
mit frühzeitigen Vorgaben, über was gesprochen werden durfte, und über was nicht

.. ...
und bald einmal mit der Erfahrung, dass in mir, irgendwo versteckt, Wahrnehmungen, Eindrücke, Gedanken entstehen (und wieder entschwinden), für die ich weder die passenden Worte finde, noch die Menschen, denen ich mich mit-teilen könnte.

So fiel mir auch frühzeitig auf, dass im Zusammenleben der Menschen der Anteil des Verschwiegenen weit grösser ist als jenes schmale Band gegenseitiger Verständigung über die Sprache. (Dass es auch Formen der sprachlosen Verständigung gibt, war mir lange nicht bewusst.) Jahrzehntelang übte ich mich in der Rolle des schweigsamen Beobachters, der andere Leute danach einschätzte, wie viele Worte sie von sich gaben, ohne damit wirklich etwas auszusagen.

Erich Kästner’s Ausspruch kam mir gelegen: "Neben vielem anderen sondern die Menschen auch Gesprochenes ab, man muss das gar nicht so wichtig nehmen." Verhaltensforscher ordneten im gleichen Sinne das Reden dem "geselligen Lärmen" zu. Und hätte ich zu jener Zeit für meinen Platz in der Welt ein Passwort wählen müssen, so hätte es gelautet: "Schweigender Beobachter". (Die List des Schicksals hat mich dann aber zum Kommunikationsberater werden lassen ...).

Seither bewege ich mich zwischen den Polen des Redens und des Schweigens, mit all dem Reichtum und den Nöten, die in beidem zu finden sind.

Zu beidem werde ich heute abend einige Impulse einbringen, im ersten Teil Worte über das Schweigen, im zweiten Teil Worte aus der Fülle des Sagbaren, mich gleichsam vor dem Wunder der Sprache verneigend.

Danach — als Ueberleitung zur Zwiesprache zwischen uns in diesem Raum — werde ich noch einiges zum achtsamen Reden (zu dem immer auch das achtsame Schweigen der Zuhörenden gehört) bemerken.

Mascha Kaléko:

Mein schönstes Gedicht.

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.

Das Schweigen (Notizen von Martin Buber)

Einst war in Flandern ein Mönch, der trug so grosse Ehrfurcht vor dem Wort, das ist von Anbeginn Meister aller Dinge, dass er sechzehn Jahre seines Lebens lebte und liess in dieser Zeit keine Rede je über seine Lippen. Da geschah, dass in dem Kloster, dem er zugehörte, ein grosser Brand ausbrach, der war so unstillbar und ungebändig, dass die Arbeit der Brüder und Knechte an ihm zuschanden wurde. Und alsbald war unter den Klosterleuten kein anderer Gedanke mehr, als das nackte Leben zu sichern und sie flohen in Hast und ohne Ueberlegung aus dem brennenden Haus, ein jeder wie er’s am besten vermochte. Der Schweiger aber blieb inmitten, stand eine Weile unbewegt, dann öffnete er den Mund und redete zur Flamme: Halt ein zu dieser Stunde! Da verspürte das Element die alte unverstellte Gewalt, die aus seinem Mund kam und an der Welt nicht eitel worden, gehorchte und liess ab vom Kloster.

Adolf Muschg:
Wir werden in eine Sprachwelt hinein geboren, die uns nicht nur zeitlich voran geht, die uns auch psychologisch vor den Erfahrungen steht. Wer Schriftsteller sein will, muss die Wortlosigkeit der Erfahrung wieder herstellen, sich vergessen lernen. Nur der findet seine Sprache, der sie zu verlieren bereit ist. Doch die meisten sind noch nicht einmal dazu gelangt, eine Sprache zu haben, die sie verlieren könnten. Sie sind nur Durchgangsstellen für die Sprache der Gesellschaft.

Elias Canetti:

Von der Balance zwischen Wissen und Nichtwissen hängt es ab, wie weise einer wird. Das Nichtwissen darf am Wissen nicht verarmen. Für jede Antwort muss — wenn auch nur in der Ferne — eine Frage aufspringen, die früher geduckt schlief. Wer viele Antworten hat, muss noch mehr fragen haben. Ich lebe in der einzigen Angst, dass meine Gedanken zu früh stimmen, darum lasse ich ihnen Zeit, ihre ganze Falschheit zu entlarven oder sich wenigstens zu häuten. Bei jedem Gedanken kommt es darauf an, was er unausgesprochen lässt, wie sehr er dieses Unausgesprochene liebt, wie nahe er ihm kommt, ohne es anzutasten.

Herta Müller:
Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt. Bis heute denke ich vieles nicht in Worten, habe keine gefunden. Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache, sie zerren einen dorthin, wo sich Wörter nicht aufhalten können. Oft ist es das Entscheidende, über das nichts mehr gesagt werden kann. Wenn der Grossteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab. Ich hab die Wörter abstürzen sehen, die ich hatte ...

Sandor Marai (Die Glut):
Was kann man die Menschen mit Worten fragen? Und was ist die Antwort wert, die sie nicht mit der Wirklichkeit ihres Lebens, sondern mit Wörtern geben? Es gibt nur wenige Menschen, bei denen sich die Wörter mit der Wirklichkeit ihres Lebens völlig decken ...

Kurt Marti:
Die Wörter bleiben Schuhe, für uns zu gross — barfuss denn halt!

Ludwig Wittgenstein:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

All das Gesagte kann verstanden werden als Einladung, dem gesprochenen Wort keine allzu grosse Bedeutung beizumessen. Im Herzen horchend, sei es auf das Wort, sei es auf die Stille zwischen den Worten. Worauf es ankommt, ist, dass wir uns ansprechen lassen von dem, was immer der Augenblick bringt. Jeder gegenwärtige Augenblick ist Botschaft, sagt Brother David Steindl-Rast.


Die erste Regel des Benediktiner-Ordens lautet: Horch! Ausculta! Die Disziplin des täglichen Horchens und Antwortens auf den Sinn wird ‚Gehorsam’ genannt. "Ich esse eine Mandarine, und schon beim Abschälen spricht der leichte Widerstand der Schale zu mir, wenn ich wach genug zum Horchen bin. Ihre Beschaffenheit, ihr Duft, sprechen eine unübersetzbare Sprache, die ich lernen muss. Jenseits des Bewusstseins, dass jede kleine Spalte ihre eigene, besondere Süsse hat, liegt das Bewusstsein, dass all dies ein Geschenk ist."

Dichter reden nicht über Erfahrung — sie lassen sie zu Wort kommen. Damit sind wir beim Haiku, jener japanischen Gedichtsform, die uns gleichsam dazu verführen will, ganz im Augenblick zu leben.
Bewunderungswürdig
Wer, wenn der Blitz zuckt,
nicht denkt
kurz ist das Leben.

Nicht denken heisst hier, sich vom Erlebnis in seiner Ganzheit ergreifen zu lassen. Nichts sonst kann dem Erlebnis gerecht werden. Verstehen heisst hier unmittelbar einsehen: Das IST es. Der Sinn ist nicht ein weiteres Wort hinter dem Wort, Sinn ist Stille. Er erfüllt sich, indem er Gestalt annimmt. Er nimmt Gestalt an, indem er zum Wort wird. Aber Sinn als solcher ist Stille. Und Worte, nachdem sie gesprochen, reichen in das Schweigen hinein.

Das Haiku ist ein Gedicht der Stille, sein innerster Kern ist Stille. In der Weltliteratur gibt es wahrscheinlich keine kürzere Gedichtform als das klassische Haiku mit seinen siebzehn Silben. Und doch schrieben die alten Meister diese siebzehn Silben mit einer Geste des Um-Verzeihung-Bittens, als wollten sie sagen: Es tut mir leid, die Stille kurz zu unterbrechen. Die Worte dienen lediglich der Stille. Das Haiku ist ein Gerüst aus Worten; gebaut wird ein Gedicht der Stille.

**************** PAUSE

Lyrik
das Nichtwort
ausgespannt
zwischen
Wort und Wort Hilde Domin

Mit diesem Gedicht von Hilde Domin leite ich den zweiten Teil ein: Worte aus der Fülle des Sagbaren, mich verneigend vor dem Wunder der Sprache.

In seinen Frankfurter Vorlesungen zur Sprache (....) spricht Peter Sloterdijk von den Auftrittsgesten des Menschen als dem poetischen Tier. "Ich spiele gern mit der Vorstellung, dass jeder Mensch eine Silbe verkörpert, ein einmaliges unverwechselbares Gewächs aus Konsonanten und Vokabeln, eine lebende Silbe, unterwegs zum Wort, zum Text. Jedes Leben ist auf seine Weise auf dem Sprung zur Sprache, es ist schon erfüllt von Klängen, von Wörtern, von Bildern und von Szenen, mit denen es den Text seines alltäglichen Romans ausschreibt ... Man kann die Sprache mit Holzkohle vergleichen, denn diese brennt nur, weil sie schon gebrannt hat, aber um etwas anderes zu sein als kalte Kohle, muss sie ständig von neuem entzündet werden ... Kein bedeutender Text der Tradition existiert, der nicht Atemtext, Atemschrift wäre. Die Zeilen sind die Atemzüge der Schriftsteller, die Strophen die Atemwende der Dichter."

Aehnlich bei Dostojewski: "In jedem Menschen ist eine dunkle Mitte, die zum Licht will; sie will sich zeigen, sich aussprechen. Dieses Sich-aussprechen-Wollen ist das tiefste Verlangen des Menschen. Sich im andern zur Sprache bringen, ohne dieses ist keine Verleiblichung möglich, wir kommen dann nicht aus uns heraus."

Roberto Juarroz:
Der Dienst des Wortes, jenseits der kleinen Armut und der kleinen Zärtlichkeit, dieses oder jenes zu bezeichnen, ist ein Liebesakt: Anwesenheit zu schöpfen. Der Dienst des Wortes ist es, dass die Welt zur Welt spricht, dass die Welt zum Menschen spricht. Das Wort: dieser Körper, gerichtet an alles. Das Wort: diese offenen Augen.
Der Dichter sucht im Wort keine Ausdrucksform, sondern Teilnahme an der Wirklichkeit selbst. Eine Poesie des nicht gespaltenen Menschen. "Zu zweit denken, so wie man sich liebt". Die Poesie ist die laienhafte Resakralisierung der Welt:
Ich weiss nicht, ob alles Gott ist.
Ich weiss nicht, ob etwas Gott ist.
Aber jedes Wort nennt Gott:
Schuh, Streik, Herz, Bus ...

Nun gibt es, in unserer alltäglichen Spracherfahrung, auch die köstliche Erfahrung des Miteinander-redens, ohne dass dabei schwergewichtige Inhalte ‚besprochen’ werden müssen. Reden aus purer Lust auf Kommunikation, auf miteinander verbunden sein, auf’s Erzählen von Geschichten. Keiner unter den schweizerischen Schriftstellern hat sich diesem Sprachgebrauch so leidenschaftlich (und liebenswürdig) ‚verschrieben’ wie Peter Bichsel. Und gerade hier, in diesen ‚bichselschen’ Erzählungen, fällt auf, wie das Reden und das Schweigen unmittelbare benachbart sind.

Peter von Matt (der kreative Germanist) zitiert als "Urgeschichte" für Bichsel’s Sprachstil, Sprachkunst den folgenden Satz: "Ein Betrunkener hebt seinen Kopf, schaut mich an, sagt, ich erzähle dir alles, und schweigt." Ich erzähl dir alles, das ist ein Satz von Gewicht. Ein ganzes Schicksal könnte darin liegen, ein schwieriges Leben vielleicht, ein Leben, das kaputt ging und in den Suff führte. Ich erzähl dir alles, sagt er, und schweigt. Als wäre mit einem Satz schon alles gesagt. Oder ist dieses Schweigen selbst die versprochene Erzählung? Dies, sagt Peter von Matt, ist Peter Bichsels Kunst: das Schweigen zu erzählen, in dem ein ganzes Leben steckt.

Aus der chassidischen Tradition ist die folgende Geschichte überliefert:

Wenn der grosse Rabbi Israel Baal Shem-Tov vermutete, dass dem jüdischen Volk ein Unglück blühte, ging er an einen bestimmten Platz im Walde, um reinen Geistes in sich zu gehen. Dort entfachte er ein Feuer und sprach bestimmte Gebete. Und das Wunder geschah, das Unglück war abgewendet.

Später, als sein Schüler, der berühmte Maguid de Mezeritsch, den Himmel aus ähnlichen Gründen anzuflehen hatte, fand er sich am selben Ort des Waldes ein und sagte: Herr des Universums, leihe mir dein Gehör. Ich weiss nicht, wie man das Feuer entfacht, aber ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder ereignete sich.

Viel später ging der Rabbi Moshe Leib de Sassov zur Rettung seines Volkes in den Wald und sagte: Ich weiss nicht, wie man das Feuer entzündet, ich kenne das Gebet nicht, aber ich kann mich an der glückbringenden Stelle einfinden. Das sollte genügen. Und es genügte, auch damals ereignete sich das Wunder.

Danach war dem Rabbi Israel de Rizsin aufgetragen, die Gefahr abzuwenden. Er sass auf einem Sessel, legte seinen Kopf in die Hände und sprach so zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entfachen, ich kenne das Gebet nicht und kann die Stelle im Wald nicht finden. Alles, was ich tun kann, ist, dir diese Geschichte zu erzählen. Das sollte ausreichen. — Und es reichte aus. Gott erschuf die Menschen, weil ihm die Geschichten gefallen.

Roberto Juarroz, der uns diese Geschichte weiter gibt, sagt dazu: Scheinbar gibt es in der Tiefe des Wirklichen eine Notwendigkeit nach Erzählung, nach Illumination und selbst vielleicht nach einer sinnvollen Begründung, die die Menschen hervor bringen müssen. Es handelt sich nicht um die gewöhnliche Geschichte, die Historie, sondern um die geheime Verbindung der Fäden, die die wahre Geschichte der Menschheit ausmacht. Poesie, sagt Juarroz, ist vielleicht die herausragendste Bekundung dieser verborgenen Geschichte der Menschen, der eigentliche Knotenpunkt mit der Wirklichkeit.

Es ist die Geschichte, die vom Grund her verläuft, die in einem Strauss ohne Schleife das Aroma des Seins bindet und den Wohlgeruch des Nichts. "Ich habe mein ganzes Leben lang Zen erklärt", erzählte Bashô (Zen-Meister und einer der grossen Dichter seiner Zeit), "und dennoch habe ich Zen nie verstanden." Da erwiderte man ihm: "Wie kannst du etwas erklären, das du selbst nicht verstehst?"

"Oh", rief Bashô: "Muss ich dir das auch noch erklären?"

Bashô verstand Zen nicht, er verstand auch nicht die Poesie, aber er lebte sie, er erfuhr sie, er schuf sie. Gibt es eine andere Art, ins Wirkliche hinein zu kommen? Poesie ist Schöpfung durch das Wort. Der Dichter erschafft das Gedicht und erschafft sich selbst von neuem im Gedicht.

Roberto Juarroz sagt abschliessend:

Die einzige Form, die Wirklichkeit wieder zu erkennen, wahrzunehmen, aufzunehmen, Wirklichkeit zu sein — besteht darin, sie und sich zu erschaffen, sich mit ihr wieder zu erschaffen. Ich lebe die Poesie wie eine Explosion des Seins unterhalb der Sprache.

Werner Lutz:

Einfach die Nacht

Mit ihrer breiten Mündung.

Einfach der Tag

Mit seinem luftigen Zelt.

Einfach die Vogelflüge.

Sie schreiben Leben

Auf die Unendlichkeit.

Einfach die Dinge.

Sie atmen mit mir.

Einfach die Stille

Durch die der Tod mich

Betreten wird.

Einfach der Staub.

Er gibt dem Staub die Hand.

Noch ein Gedicht von Werner Lutz:

Beginnen

Als steige der erste Tag der Schöpfung

Aus dem Wasser.

Beginnen

Als habe noch nie

jemand ein Wort gesagt.

Joachim-Ernst Berendt (Kraft aus der Stille):

Meine zehn wichtigsten Wörter:

Das Sein / sein / Gott / Liebe / Licht / lieben / lauschen / spüren / staunen / loslassen

Magdalena Rüetschi (Pascal’s Zimmer. Gedichte):

Weit hinter dem zugepflasterten Land
entdecke ich ein lebendiges Wort
herausäugend
aus einem nie benannten Teich.

Hilde Domin:

Das Gefieder der Sprache
streicheln
Worte sind Vögel
mit ihnen davonfliegen.

Abschliessend (und zu unserem Gespräch überleitend):

Sprache, das sind nicht nur Worte, das sind auch Muster, Vorstellungen, Modelle unseres Wahrnehmens. Wir benützen sie, als könnten sie ungeschmälert Wirklichkeit wiedergeben. Wir nehmen an, mit der Sprache über die Wirklichkeit zu verfügen. Vieles, ja vieles im Leben ist der Rede wert, doch reden ist nicht alles. Mohammed soll gesagt haben: "Wer Gott kennt, redet viel" — aber auch: "Wer Gott kennt, verstummt".

Meditieren, stille sein ist eine Form, sich auf dieses Verstummen einzulassen, unserer alltäglichen Wortverhaftung zu entrinnen. Diese Enthaltsamkeit gegenüber dem Wort schwingt auch im folgendenText von Michael Ende mit:

Ein Mann der Feder, berühmt und bekannt
als strenger Realist,
beschloss, einen einfachen Gegenstand
zu beschreiben, so wie er ist:

Einen Apfel, zum Beispiel, zwei Groschen wert,
mit allem, was dazu gehört.
Er beschrieb die Form, die Farbe, den Duft,
den Geschmack, das Gehäuse, den Stiel,

den Zweig, den Baum, die Landschaft, die Luft,
das Gesetz, nach dem er vom Baume fiel ...
Doch das war nicht der wirkliche Apfel, nicht wahr?

Denn zu diesem gehörte das Wetter, das Jahr,
die Sonne, der Mond und die Sterne ...
Ein paar tausend Seiten beschrieb er zwar,
doch das Ende lag weit in der Ferne;
denn schliesslich gehörte er selber dazu,
der all dies beschrieb, und der Markt und das Geld
und Adam und Eva und ich und du
und Gott und die ganze Welt ...
Und endlich erkannte der Federmann,
dass man nie einen Apfel beschreiben kann.
Von da an liess er es bleiben,
die Wirklichkeit zu beschreiben.
Er begnügte sich indessen
damit, den Apfel zu essen.


1) Wieviel Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)

2) Ins Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)

3) Reifen zwischen Reden und Schweigen (ET)

4) Wenn wir schweigen... (Herta Müller)

5) Zwischen den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)

6) Wenn ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)

7) Allmählich begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)

8) Adieu, sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)