ET´s
Reifungs-Impulse
Neue
Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur
Wenn
wir schweigen...
Wenn
wir schweigen, werden wir unangenehm -
wenn wir reden, werden wir lächerlich
aus: Herta Müller*, Der König verneigt sich
und tötet, Verlag Hanser 2003.
Das Schweigen
ist keine Pause zwischen dem Reden, sondern eine Sache für sich.
Ich kenne von zu Haus bei den Bauern eine Lebensweise, die sich den
Gebrauch von Wörtern nicht zur Gewohnheit machte. Wenn man nie
über sich selbst spricht, redet man nicht viel. Je mehr jemand
zu schweigen imstande war, umso stärker war seine Präsenz.
Wie alle im Haus hatte auch ich gelernt, am anderen das Zucken der Gesichtsfalten,
Halsadern, Nasenflügel oder Mundwinkel, des Kinns oder der Finger
zu deuten und nicht auf Wörter zu warten. Zwischen Schweigenden
hatten unser aller Augen gelernt, welches Gefühl der andere mit
sich durchs Haus trägt. Wir horchten mehr mit den Augen als mit
den Ohren. Es entstand eine angenehme Schwerfälligkeit, ein in
die Länge gezogenes Übergewicht der Dinge, die wir im Kopf
herumtrugen. So ein Gewicht geben die Wörter gar nicht her, weil
sie nicht stehen bleiben. Gleich nach dem Sprechen, kaum zu Ende gesagt,
sind sie schon stumm. Und aussprechen lassen sie sich nur einzeln und
nacheinander. Jeder Satz kommt erst dann an die Reihe. Wenn der vorherige
weg ist. Im Schweigen aber kommt alles auf einmal daher, es bleibt alles
drin hängen, was über lange Zeit nicht gesagt wird, sogar
was niemals gesagt wird. Es ist ein stabiler, in sich geschlossener
Zustand. Und das Reden ist ein Faden, der sich selber durchbeisst und
immer neu geknüpft werden muss.
Als ich in
die Stadt kam, wunderte ich mich, wie viel die Städter reden müssen,
um sich selber zu spüren, um einander Freund oder Feind zu sein,
um etwas herzugeben oder etwas zu bekommen. Und vor allem, wie viel
sie klagen, wenn sie über sich selber reden. Immer liefen sie herum
mit diesem überstrapazierten Ich im Mund. Ihre Theatralik war geschmeidig,
die Städter hatten andere Gelenke als die Bauern unter der Haut,
ihre Zungen waren noch einmal die ganze Person im Mund. Mich, die solange
das Schweigen geübt und dazu noch schwerfällige Dorfknochen
mitgebracht hatte, die erst gar nicht und dann dürftig Rumänisch
sprach, hemmte dieser Zwang zu reden. Die ständig betriebene Verdoppelung
der Person durch das Zappeln erklärte ich mir durch die auch unter
freiem Himmel behauste Umgebung. Strassen, Plätze, Flussufer, Parks
überall Pflaster oder Asphalt, nicht nur glatter als alle
Dorfwege, glatter sogar als die Fussböden der Paradezimmer im Innern
der Häuser. Behauster, dachte ich, als die Sommerküchen des
Dorfs, die nur Lehmböden hatten. Ich brauchte eine Erklärung
und nahm die einfachste: Wenn die Füsse auf dem Glatten stehen,
kann oder muss die Zunge ohne Gedanken im Kopf reden. Der Acker lässt
das nicht zu, weil er holprig ist und erpicht auf Verwesung. Dem Asphalt
hält man das Reden entgegen, dem Acker die schwere Langsamkeit
der Knochen, ungeschützt dehnt man die Zeit, wissend, dass die
Erde gefrässig ist, lässt man die Zunge still liegen im Mund
und die Erde warten. Auf dem Asphalt aber wird man leichter, wo man
immerfort spricht, sitzt der Tod nicht unterm, sondern hinterm Leben.
Ich hatte Heimweh, ein schlechtes Gewissen, als hätte ich mich
aus dem Staub gemacht und die anderen dem Frass der Dorferde mit dem
blühenden Panoptikum der Sterbearten überlassen. Ich war daran
gewöhnt, den Tod mitten im Alltag zu sehen. Weil ich an ihn dachte,
suchte er mich, bevor der Staat mit seinen Todesdrohungen zu mir kam.
Wo die abgedeckte Erde in der Stadt zu Ende war, suchte er mich. Er
sass in den Ausläufern der Stadt, die vielleicht die Ausläufer
meiner Kindheit waren: Auf den Betontischen des Gemüsemarktes,
da wo alte Frauen aus dem Gebirge nusskleine graubehaarte Bitterpfirsiche
verkauften. Sie glichen der Haut in ihren Gesichtern, es waren Greisenpfirsiche.
In den Parks sass der Tod, wenn die ganz jungen, leicht rötlichen
Blätter der Pappelalleen nach den Zimmern alter Leute rochen. Und
der wachshelle Tod sass auch die Strassen entlang, in blühenden
Linden, wenn dieser gelbe Staub fiel. Auf dem Asphalt rochen die Linden
anders, es gab unzählige Linden im Dorf, aber nur hier in der Stadt
fiel mir, wenn sie blühten, das Wort "Leichenzucker"
ein.
*Herta
Müller, geboren 1957 in Nitzkydorf/Rumänien, lebt seit 1987
als Schriftstellerin in Berlin. Für ihre Werke wurde sie mit zahlreichen
deutschen und internationalen Preisen geehrt.
1) Wieviel
Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)
2) Ins
Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)
3) Reifen
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4) Wenn
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5) Zwischen
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6) Wenn
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8) Adieu,
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