REIFE.CH

Winter 2003

Editorial: Reifes Nichtwissen


AKTUELLE BEITRÄGE

ET´s Reifungs-Impulse

Reife Lebensqualität

Reifende Wirtschaft

Gedanken zur Sterbebegleitung

So könen Sie REIFE.CH fördern


RUBRIKEN

Neu: Forschungsthema Alter

Reifes Kurzfutter

Reife Offline-Links

Reife Online-Links

Reifende Einsichten


WEITERHIN:

Rückblick auf REIFE.CH vom Frühling, Sommer und Herbst 03

REIFE.CH CLASSIC

Impressum


 

ET´s Reifungs-Impulse

Neue Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur

Zwischen den Polen von Alt und Neu



Zwischen den Polen von Alt und Neu

Auszüge aus der Rede von Susan Sontag beim Empfang des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, am 12. Oktober 2003.

"Man bekommt nie etwas Neues, ohne etwas Altes kaputt zu machen", schrieb Lawrence. "Nun war aber Europa das Alte. Amerika sollte das Neue sein. Das Neue ist der Tod des Alten". Amerika, so prophezeite Lawrence, habe es sich zur Aufgabe gemacht, Europa zu zerstören, und zwar mittels der Demokratie, vor allem der kulturellen Demokratie.

Wenn nötig, lässt sich das "Alte" auch umtaufen und als "Neues" deklarieren. Es ist kein Zufall, dass der energische amerikanische Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er zwischen dem "alten" (schlechten) und dem "neuen" (guten) Europa unterschied. Wie konnte es geschehen, dass Deutschland, Frankreich und Belgien dem "alten" Europa zugerechnet wurden, während sich Spanien, Italien, Polen, die Ukraine, die Niederlande, Ungarn, Tschechien und Bulgarien im "neuen" Europa wiederfanden? Die Antwort lautet: Wer die Vereinigten Staaten bei ihren gegenwärtigen Bemühungen um eine Ausdehnung ihrer politischen und militärischen Macht unterstützt, gehört per se in die Kategorie des "Neuen". Wer mit uns ist, ist "neu".

Es gehört zum Genius der Vereinigten Staaten, deren tief verwurzelter Konservativismus für Europäer schwer zugänglich ist, dass sie eine Form von konservativem Denken entwickelt haben, die das Neue und nicht etwa das Alte feiert (...) Ständig pochen die Amerikaner auf "Traditionen"; im Mittelpunkt jeder politischen Rede stehen Lobgesänge auf die "Familienwerte". Dabei ist die amerikanische Kultur dem Familienleben abträglich und allen anderen Traditionen ebenfalls.

Die vielleicht wichtigste Quelle des neuen amerikanischen Radikalismus ist jene, die man früher immer als Quelle konservativer Werte angesehen hat: die Religion (...) Es handelt sich hierbei allerdings um eine Religion nach amerikanischem Muster: eher um die Idee von Religion als um Religion selbst.

Am Ende wird sich alle Verständigung - alle Aussöhnung - zu der wir gelangen können, daraus ergeben, dass wir gründlicher über den ehrwürdigen Gegensatz zwischen "Altem" und "Neuem" nachdenken (...)

Alt und Neu sind die ewigen, unumstösslichen Pole aller Wahrnehmung und aller Orientierung in der Welt. Ohne das Alte kommen wir nicht aus, weil sich mit ihm unsere ganze Vergangenheit, unsere Weisheit, unsere Erinnerungen, unsere Traurigkeit, unser Realitätssinn verbinden. Ohne den Glauben an das Neue kommen wir nicht aus, weil sich mit dem Neuen unsere Tatkraft, unsere Fähigkeit zum Optimismus, unser blindes biologisches Sehnen, unsere Fähigkeit zu vergessen verbinden — diese heilsame Fähigkeit, ohne die Versöhnung nicht möglich ist.

Unser Innenleben misstraut dem Neuen. Ein stark entwickeltes Innenleben wird sich dem Neuen besonders heftig widersetzen. Es heisst, wir sollen uns entscheiden — zwischen dem Alten und dem Neuen. In Wirklichkeit müssen wir uns für beides entscheiden. Was ist das Leben, wenn nicht ein ständiger Austausch zwischen Altem und Neuem? (...) Alt gegen Neu, Natur gegen Kultur — vielleicht ist es unvermeidlich, dass sich die grossen Mythen unseres Kulturlebens nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Geografie abspielen. Und dennoch sind es Mythen, Klischees, sonst nichts; die Wirklichkeiten sind sehr viel komplexer.

Ich habe einen grossen Teil meines Lebens darauf verwendet, polarisierende Denkweisen zu entmystifizieren. Auf die Politik übertragen, bedeutet dies, für das einzutreten, was pluralistisch und säkular ist. Wie manche Amerikaner und viele Europäer würde ich viel lieber in einer multilateralen Welt leben — einer Welt, die nicht von einem einzigen Land dominiert. In einem Jahrhundert, das von Anfang an ein weiteres Jahrhundert der Extreme, der Schrecken zu werden verspricht, könnte ich mich für eine ganze Reihe von Haltungen aussprechen, die einer Verbesserung unserer Verhältnisse dienlich sein können — und besonders für das, was Virginia Woolf die "melancholische Tugend der Toleranz" nennt.

Auszüge von Edmond Tondeur


1) Wieviel Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)

2) Ins Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)

3) Reifen zwischen Reden und Schweigen (ET)

4) Wenn wir schweigen... (Herta Müller)

5) Zwischen den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)

6) Wenn ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)

7) Allmählich begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)

8) Adieu, sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)