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Winter 2003

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ET´s Reifungs-Impulse

Neue Texte, geschrieben und gesammelt von Edmond Tondeur

Allmählich begreifen, was Leben ist ... reifen !



Ein Text aus dem jüngst erschienenen Buch des Zen-Lehrers Marcel Geisser, Die Buddhas der Zukunft, Ein authentischer Buddhismus für den Westen. Kösel-Verlag 2003.

 

Auch wenn wir aus einer umfassenderen Sicht der Wirklichkeit langsam begreifen, dass Leben und Sterben nur relative Betrachtungsweisen sind, die sich immer auf die illusorische und konstruierte Annahme eines festen Selbst beziehen, so sind wir doch die meiste Zeit mit unserem relativen Leben konfrontiert, und da ist neben dem "Altern im Herzen" auch das ganz gewöhnliche Altern, das uns beschäftigt. Je kompakter das Gefühl eines Selbst ist, umso gefährlicher empfinden wir seinen drohenden Zerfall. Jede Lebensphase hat ihre Stärken und Schwächen, und ich erachte es als nicht besonders weise, wenn wir nur die Jugend als wertvoll betrachten. Die Endlichkeit wird uns mit zunehmendem Alter bewusster, und wir erfinden allerlei Strategien, um nicht zu resignieren. Wir können den üblichen Weg beschreiten und nach immer neuen Reizen für unsere verbrauchten Sinne suchen, oder wir können unsere Sinne tagtäglich verfeinern. Die Entwicklung von Achtsamkeit und Konzentration eröffnet uns immense Möglichkeiten.

Viele Früchte unserer Praxis reifen oft erst nach Jahren, und so können wir getrost in die Zukunft blicken. Die Ungeduld der Jugend macht, mit der entsprechenden Haltung, der Geduld Platz. Mit zunehmenden Jahren und entsprechender Musse entdecken viele Menschen vermehrt die Schönheit der Natur und vertiefen den Blick fürs Detail. Wir haben gelernt, dass viele Dinge zwei Seiten haben und lassen uns nicht mehr so schnell blenden. Heilsame Qualitäten wie Freude, Mitgefühl, Geduld und Gleichmut sind uns anfänglich zur zufällig zugeflogen. Nun sind sie immer mal wieder in Reichweite, und wir kennen die Bedingungen, unter denen sie sich im Geist manifestieren. Nicht etwa, dass nun alles mach- und kontrollierbar wäre — eine schrecklich technische Vorstellung. Zwischendurch mögen in uns auch leidvolle Gefühle auftauchen, doch wir identifizieren uns nicht mehr so ganz mit ihnen. Eine umfassende Bereitschaft hat sich aufgetan für alles, was ist und was kommt offen zu sein.

Oft brauchen wir einen beinahe heldenhaften Mut, eine Sackgasse zu verlassen. Ein anderes Mal brauchen wir mindestens so viel Mut, rein gar nichts zu tun und die Dinge sich nur entwickeln zu lassen, ohne sie zu forcieren. Gewaltfreier Mut wird möglich, wenn wir unsere Ängste kennen und wenigstens teilweise überwunden haben. Dann wird Geduld zu einem natürlichen Zustand und wir wissen, dass wir den Weg nicht abkürzen können. Geduld und Gleichmut sind höchste Qualitäten in der spirituellen Praxis. Genau so aber auch die kraftvolle und weise Entschlossenheit des Manjushri, gepaart mit dem Mitgefühl der Quan Yin oder der Avalokita, dem Aspekt der tatkräftigen Liebe.

Auszug durch Edmond Tondeur.


1) Wieviel Leben haben Sie noch "zugute" ? (ET)

2) Ins Gelingen verliebt sein, nichts ins Scheitern ! (ET)

3) Reifen zwischen Reden und Schweigen (ET)

4) Wenn wir schweigen... (Herta Müller)

5) Zwischen den Polen von Alt und Neu (Susan Sontag)

6) Wenn ich einst alt bin... (Elisabeth Schlumpf)

7) Allmählich begreifen wir, was Leben ist ... reifen ! (Marcel Geisser)

8) Adieu, sagte der Fuchs (Antoine de Saint-Exupéry)