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Winter 2003

Editorial: Reifes Nichtwissen


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Forschungsthema Alter


 

»Mir schwebt eine eigene Rubrik "Gerontologie-Wissen" (oder ein anderer Titel ? ) vor, mit "hard facts", das heisst wichtigen, aktuellen Infos über Grundlagen, Dokumentationen und Institutionen der Gerontologie in der Schweiz, die man anderswo (z.B.bei seniorweb.ch) nicht findet. Die Betreuung dieser Rubrik würde ich gerne übnernehmen.« (Fridolin Herzog)

 

Voilà: Hier ist der Start mit neuem Titel. Fortsetzung erfolgt ab Frühlingsausgabe 2004. Kontakte und Beiträge bitte an Fridolin Herzog


Entwicklung und Stand der Gerontologie in der Schweiz

Bestandesaufnahme von François Höpflinger (www.mypage.bluewin.ch/hoepf)


Fachwissen Alter

Die Pro Senectute Schweiz publiziert laufend das aktuelle gerontologische Fachwissen.

Sie finden in "Bibliothek und Dokumentation" von Pro Senectute eine reichhaltige Auswahl an Büchern, Broschüren, Zeitschriften und Dokumentationen zu den Themen Alter, Altern und Generationenbeziehungen. Es handelt sich um die grösste Fachbibliothek ihrer Art in der Schweiz. Eine ihrer Spezialitäten ist das reichhaltige Angebot an Lizentiatas- und Diplomarbeiten sowie an Altersleitbildnern. Die Dokumentationsstelle recherchiert auch im Internet und in Datenbanken. Der Bibliothekskatalog, welcher laufend nachgeführt wird, steht jedermann zur Verfügung.

Bezugsadresse: Pro Senectute Schweiz, Fachwissen Alter, Lavaterstrasse 60, Postfach, 8027 Zürich, Tel. 01 283 89 89, Internet: www.pro-senectute.ch


Lehrgänge für Gerontologie in der Schweiz

Folgende Lehrgänge für das Fach Gerontologie sind uns bekannt:

  • Schule für Angewandte Gerontologie SAG (Höhere Fachschule)
    Berufsbegleitende Lehrgänge in Zürich und in Bern (www.sag.pro-senectute.ch)
  • Nachdiplomstudium Gerontologie an der Hochschule für Sozialarbeit Bern
    Altern: Lebensgestaltung 50+ (Executive Master of Gerontology)(www.hsa.bfh.ch/altern/)
  • Nationales Institut Alter und Generationen INAG in Sion
    Interdisziplinärer universitärer Studiengang (www.socialinfo.ch/inag)
  • Centre interfacultaire de gérontologie (CIG) an der Universität Genf
    Cycle de formation continue universitaire (www.unige.ch/cig)
  • Universität Zürich: Kompetenzzentrum für Gerontologie ZfG
    Interdisziplinäre Vernetzung von Forschung und Lehre auf allen Gebieten der Alterswissenschaften. (Vorlesungen zu speziellen Themen: www.zfg.unizh.ch)
  • TERTIANUM Bildungsinstitut ZfP (in Berlingen TG)
    Modulare Weiterbildung für praktische Gerontologie (www.zfp.tertianum.ch)
  • Alfred Adler Institut Zürich: Seminar für Altersarbeit
    Weiterbildung zur gerontologischen Fachfrau, zum gerontologischen Fachmann SGIPA (www.alfredadler.ch)

Das hohe Alter - mehr Bürde als Würde ?

»In Deutschland besteht - trotz einiger exzellenter Forschungsgruppen - auf gerontologischem Feld ein massiver Nachholbedarf. Hier gilt es zu handeln. Denn der Beitrag der Wissenschaft zum Gesamtwohl des Landes wird künftig auch an dem gemessen werden, was sie für das Wohlergehen im Alter geleistet hat: Man wird fragen, ob sie die Erkenntnisse erarbeitet und bereit gestellt hat, die es erlauben, das Dritte Alter zu optimieren und die "risques malheureux" des Vierten Alters zu mindern. Welche Forschungswege dabei den grössten Erfolg versprechen, darüber wird international heiss diskutiert.

Auch die Wirtschaft, darf man vermuten, wird einen Aufbruch in die Alternsforschung begrüssen. Dafür sprechen zwei ökonomische Gründe. Zum einen hat das Alter, gesellschaftlich gesehen, das Potenzial zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor, namentlich in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Man muss dafür nur das halb volle statt des halb leeren Glases sehen - und das Alter nicht nur als Belastung, sondern als Antrieb für Entwicklung und Fortschritt: Der gerontologische Sektor der Dienstleistungen erscheint dann als Motor einer künftigen Gesellschaft.

Zum anderen sollte man das Humankapital des jungen Alters würdigen, das gegenwärtig weitgehend brach liegt. Dieses Kapital konnte in der zahlenmässig immer weiter schrumpfenden Generation der Jüngeren eine Hochkonjunktur auch im ökonomischen Bereich erleben. Dafür genügt es allerdings nicht, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen, etwa auf 67 Jahre. Das ist zwar ökonomisch richtig - doch wird diese Option nur dann angenommen, wenn gleichzeitig eine ´Kultur der Arbeit im Alterª entwickelt wird. Über rein ökonomisch kalkulierte Massnahmen und Reparaturen am bestehenden System ist eine solche Kultur nicht zu etablieren: Hierzu bedarf es einer grundlegenden, das heisst einer interdisziplinär fundierten und informierten Reform, zu der die Gerontologie wesentliche Beitrage liefern könnte. «

Paul B. Baltes, Max-Planck-Forschung, 2/2003.


Wohlbefinden im mittleren und höheren Lebensalter

»Das Interesse der Forschung an der Jugend ist gross. Erforscht wird mit der steigenden Lebenserwartung auch die zweite Lebenshälfte. Was sind aber die Charakteristika der Nachkriegsgeneration, die heute im mittleren Lebensalter steht und als zahlenmässig starke Altersgruppe zunehmend Gewicht erhält? Die SPP-Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Pasqualina Perrig-Chiello befasst sich mit der in der Schweiz noch wenig erforschten Sandwichgeneration.

Das mittlere Lebensalter - die Forschung setzt dieses Alter zwischen 40 und 65 Jahren an - war bis Mitte des 20.Jahrhunderts ein wenig differenzierter Lebensabschnitt. Mit der höheren Lebenserwartung hat sich dieses Alter inzwischen zu einer eigenständigen Lebensphase entwickelt, die neue Ausdrucksformen und Handlungsmöglichkeiten bietet, aber auch neue Anforderungen und Probleme mit sich bringt.

´Personen im mittleren Lebensalter sind meist noch für ihre heranwachsenden Kinder verantwortlich, werden aber bereits mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Behinderungen ihrer Eltern konfrontiert und geraten nicht selten in eine Sandwichpositionª, erläutert Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologieprofessorin an der Universität Bern, die Situation der heutigen 40- bis 65-Jährigen.

Diskrepanz zwischen Ist- und Wunschzustand

Der erste Teil des Projekts "Lebensperspektiven, Ressourcen und Wohlbefinden im mittleren und höheren Lebensalter" ist eine Weiterführung der 1998 durchgeführten Befragung von Personen im mittleren Lebensalter. Die Längsschnittstudie soll Aufschluss darüber geben, wie Männer und Frauen ihre Situation wahrnehmen und gestalten: Wie geht es ihnen gesundheitlich, psychisch und sozial?Wie erleben sie den Auszug der Kinder, die Wechseljahre, das Altern und den Tod der Eltern, das eigene Älterwerden? In welchen Rollen befinden sie sich? Wie sehen ihre Lebensperspektiven und ihre Beziehungen zu den Kindern und Eltern aus? Wie beschreiben sie ihr psychisches Wohlbefinden?

"Auffallend ist die Diskrepanz zwischen Ist- und Wunschzustand", sagt Pasqualina Perrig-Chiello. ´Die befragten Personen im mittleren Lebensalter würden gerne weniger arbeiten und sich weniger um Kinder und Eltern kümmern, dafür mehr Zeit für die Partnerschaft oder für sich selbst beanspruchen. Diese Situation verbessert sich mit zunehmendem Alter nicht, im Gegenteil: Autonomiestreben sowie familiäre und berufliche Verpflichtungen klaffen je länger je mehr auseinander. Am grössten ist die Diskrepanz bei alleinerziehenden Frauen und alleinstehenden Männern und Frauen.

Paradox des Wohlbefindens

In der Querschnittstudie, dem zweiten Projektteil, stehen das psychische Wohlbefinden, die Zufriedenheit mit der Wohnsituation, die subjektive Gesundheits- und Gedächtniseinschätzung, sportliche Aktivitäten und soziale Netzwerke von Personen im mittleren und höheren Lebensalter im Zentrum. Dafür wurden Daten, die in der ersten Phase des SPP Zukunft Schweiz erhoben wurden, mit Datensätzen der im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 32 durchgeführten interdisziplinären Altersstudie verglichen.

"lnteressant ist, dass das Wohlbefinden weniger vom Alter abhängig ist als von den psychischen Ressourcen und vom jeweiligen Lebenskontext", sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Zwar erfahrt das psychische Wohlbefinden sowie die Einschätzung der eigenen Lebenslage beim Übergang ins mittlere Lebensalter einen Einbruch. Beim Übergang ins höhere Lebensalter zeigen sich hingegen keine Einbrüche der psychischen Befindlichkeit, obwohl die Körperbeschwerden zunehmen. Die Forscherin spricht vom Paradox des Wohlbefindens: "Wir beobachten, dass sich das Wohlbefinden der befragten Personen mit zunehmendem Alter auf einem höheren Niveau stabilisiert, obwohl die objektive gesundheitliche und soziale Lage schlechter wird. Ältere Personen sind besser in der Lage, körperliche Beschwerden mit einer optimistischen Lebenseinstellung auszugleichen. Diese adaptiven Mechanismen gehören zur Überlebensstrategie von uns Menschen." Frauen - insbesondere die Gruppe der alleinerziehenden und alleinstehenden - weisen tiefere Befindlichkeitswerte auf als Männer. «

Aus: Newsletter "Schwerpunktprogramm Zukunft Schweiz" des Schweizerischen Nationalfonds