Reifes
Kurzfutter (Winter 2003)
Das Aelterwerden
ist ein Vorankommen, ein Zugehen auf einen Zustand des Reifens, der
Fülle, der Weisheit und Gelassenheit. Auf diesem Weg kannst Du
allmählich überflüssigen Ballast und unwichtige Angelegenheiten
loslassen und Dich mehr und mehr auf das hin bewegen, was Dir wirklich
wichtig ist.
Claudia Meissner

KLISCHEES
STATT FAKTEN
Ein Aufruf
des TERTIANUM-Chefs
Immer wieder
wird versucht, das Gespenst von der Verarmung und Ausbeutung der jüngeren
durch die ältere Generation an die Wand zu malen. Dabei werden
geflissentlich Fakten ausser Betracht gelassen und dafür Klischees
benützt:
Einmal sind
es die reiselustigen Senioren, dann wieder die Golf spielenden Alten,
die herhalten müssen, während junge Familien finanziell kaum
über die Runden kommen. Der Anteil der Golf spielenden Rentner
liegt bei einem Bevölkerungsanteil der über 65jährigen
von ca. 1.1 Millionen weit unter einem Prozent, viel höher bei
denjenigen, die in Kaderfunktionen tätig sind.
Ein Generationenkonflikt
oder gar Generationenkrieg lässt sich natürlich besser
verwerten als Modelle der Generationenverträglichkeit. Dass sich
die Beziehungen zwischen den Generationen verschlechtern, wird gerne
behauptet, jedoch zeigen sozialwissenschaftliche und gerontologische
Studien etwa von U. Lehr und F. Höpflinger ein anderes Bild. Die
Angst der Jungen vor dem Alter (oder den Alten) ist offenbar ein beliebter
Papiertiger, der als Instrument der Konfliktsteigerung losgelassen wird.
Die Leistungen
der älteren Generation werden dabei völlig verzerrt dargestellt:
Ihr Anteil an der Entwicklung der Volkswirtschaft und Gesellschaft wird
ausgeblendet. Dass Ältere immer noch die höchsten Steuern,
Abgaben und Beiträge zahlen, wird verschwiegen (beispielsweise
zahlen Rentner 15,25% an Steuern und Gebühren, Angestellte 13,10%,
bei den Krankenversicherungsprämien die Rentner 9,01%, die Angestellten
5,95% des jeweiligen Einkommens - ein Blick ins Statistische Jahrbuch
der Schweiz, Ausgabe 2002, Seite 263, genügt).
Ältere
mussten oftmals noch für ihre Ausbildung selbst aufkommen, Lehrgeld
bezahlen. Sie haben mit ihren Mitteln - zu recht und vernünftigerweise
- die Ausbildungseinrichtungen für die junge Generation finanziert.
Die Ausgaben
für die öffentliche Gesundheitsprävention betrugen z.B.
1999 insgesamt 1.015 Mio. CHF. Ein grosser Teil davon wurde für
die Drogen- und Alkoholprävention jüngerer Menschen ausgegeben.
Die Vorstellungen über den Aufwand für Pflegeleistungen sind
zumeist sehr diffus. Hierzu ein Zitat aus dem Bericht der Bank Julius
Bär (Nr. 47/2001): "Die durch ältere Menschen verursachten
Kosten sind nicht derart dramatisch, wie dies häufig dargestellt
wird. Beispielsweise wird nur eine Minderheit im Alter überhaupt
voll pflegebedürftig, bei den über 80jährigen sind es
zur Zeit rund 15%, wobei etwa die Hälfte dieser Fälle zu Hause
betreut wird. [...] In dieser Situation geben sie der Allgemeinheit
durch Steuern und Abgaben in der Regel einiges mehr, als dass sie an
Leistungen beziehen. [...] Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen wird
nicht
so sehr durch das Älterwerden der Bevölkerung verursacht.
Viel stärker verantwortlich dafür ist die gewaltige Zunahme
an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der modernen
Medizin, die dazu führt, dass es bald keine gesunden Menschen mehr
geben wird, sondern nur noch zu wenig Untersuchte."
Erst wenn
all diese Positionen in einer Gesamtrechnung erscheinen, kann ein angemessenes
Urteil über Verteilungs- oder Generationengerechtigkeit gefällt
werden.
René
Künzli, Vorsitzender
der Geschäftsleitung TERTIANUM
Berlingen,
27.10.2003
mailto:info@tertianum.ch
www.tertianum.ch
Und plötzlich sehen
die Jungen wieder alt aus
VON OTHMAR VON MATT
SonntagsZeitung, 16. November 2003
(Auszüge)
63 Jahre alt der eine, 60 der andere:
Am 10. Dezember könnten mit den beiden Topkandidaten Christoph
Blocher und Franz Steinegger (kann jetzt durch
Hansruedi Merz ersetzt werden - der Setzer) gleich zwei kurz
vor der Pensionierung stehende Politiker neu in den Bundesrat einziehen.
Noch vor kurzem wäre das undenkbar gewesen. Schon Mitte der Achtzigerjahre
ertönte nach den gesundheitlich bedingten Rücktritten von
Rudolf Friedrich (1984) und Alphons Egli (1986) der Ruf nach jüngeren
und unverbrauchten Bundesräten. Das waren aber nur Vorboten. Der
Jugendkult, der in den Neunziger-Jahren die Arbeitswelt veränderte,
er-fasste 1999 auch definitiv die Politik. Ruth Metzler, damals 35,
wurde zur drittjüngsten Bundesrätin aller Zeiten.
Nur vier Jahre nach der Wahl Metzlers
ist das Alter von Blocher und Steinegger kein Thema mehr. Das hat mit
den Schwierigkeiten zu tun, in denen die Schweiz steckt. Die politische
Stabilität des Landes bröckelt, genauso wie der wirtschaftliche
Wohlstand. In krisengeprägten Umbruchphasen sind aber weder in
Politik noch in Wirtschaft "Spring Chicken" (Frühlingshühner)
gefragt, wie Altersforscher Francois Höpflinger die jung-dynamischen
Quereinsteiger und Schönwetterkapitäne der Neunzigerjahre
bezeichnet. "Man sucht Personen, die erfahren sind und gleichzeitig
dynamisch." Man greife auf Personen zurück, "die schon
Erfahrung mit entsprechenden Situationen haben", sagt auch Hans
Rudolf Schuppisser, Vizedirektor des Arbeitgeberverbandes. Geradezu
symbolhaft zeigte sich das bei einer der spektakulärsten Managerdemontagen,
welche die Schweiz je erlebte. Am 19. September 2002 gab Lukas Mühlemann
seinen Rückzug aus der Credit Suisse Group (CSG) bekannt. Einer
seiner Nachfolger als Co-Chief Operating Officer wurde ausgerechnet
Oswald Grübel. Mühlemann hatte den heute 60-jährigen
Bankier Ende 2001 in die frühzeitige Pension getrieben.
Tiefe Spuren hat der Jugendwahn
vor allem in den Köpfen hinterlassen
Der Wechsel von Mühlemann zu
Grübel signalisierte eine Trendwende. Der "Lucky Boy"
und jugendliche Strahlemanager der Neunzigerjahre wurde vom erfahrenen
Bankier alter Schule abgelöst, der sich in dreissig Jahren innerhalb
der CS emporgearbeitet hatte. Der Jugendwahn ging zu Ende. "Die
Wirtschaft anerkennt heute Werte wie Erfahrung und Persönlichkeit
wieder", sagt Schuppisser. "Man kehrt zu klassischen Mustern
von Bewertungen zurück."
Der Jugendkult der Neunzigerjahre
hat dennoch Spuren hinterlassen. Zahlen des Bundesamtes für Statistik
zeigen, dass die Erwerbsquote von Männern im Alter von 55 bis 64
Jahren zwischen 1991 und 2003 um 6,9 Prozent sank, von 86,4 auf 79,5
Prozent. Im internationalen Vergleich sind Schweizer zwischen 55 und
65 Jahren aber aussergewöhnlich stark im Arbeitsprozess integriert:
70,9 Prozent der Männer und Frauen arbeiten. Damit liegt die Schweiz
an der Spitze jener zwanzig Länder, welche die OECD untersucht
hat.
Im 16. Jahrhundert fühlte sich
Calvin mit 50 alt und verbraucht
Verbesserte medizinische Betreuung
und verbesserte Arbeitsbedingungen haben auch zu einem veränderten
Altersbild geführt. Im 19. Und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
galt als alt, wer 60 war. Heute hat sich diese Grenze hin zu den 75-
bis 80-Jährigen verschoben. "Die Mehrheit der 70-Jährigen
hat heute dasselbe Befinden wie vor zwei Generationen die 50-Jährigen",
sagt Altersforscher Höpflinger.
Heute treiben die 60- bis 70-Jährigen
Sport, kleiden sich modisch, bilden sich weiter, nutzen die Informationstechnologie
und sind bestens informiert. Sexualität ist für sie kein Tabu.
"Die Lebensgestaltung der Menschen hat sich nach hinten verschoben",
sagt Höpflinger. Er plädiert gar für eine "Karriere
im Pensionsalter".
Wie weit 60- bis 65-Jährige
vom Grossvater-Image weg sind, zeigt sich bei Christoph Blocher und
Franz Steinegger. Beide strahlen Dynamik aus. Beide können komplexe
Fragen blitzschnell aufs Wesentliche konzentrieren. Beide sind mit Erfahrungen
aus verschiedensten Lebenswelten konfrontiert. Blocher pendelt als Unternehmer
zwischen den USA, China und der Schweiz, steht in Kontakt mit Spitzenleuten
aus Wissenschaft und Forschung. "Und als Politiker fühlt er
den Alltag wie kein Zweiter", sagt SVP-Präsident Ueli Maurer.
Wer schon älter ist, muss nicht
mit seiner Wiederwahl kokettieren
Auch Steineggers Lebenswelten zeigen
beispielhaft, wie sich 60-Jährige aus alten Konventionen gelöst
haben. Der Urner lebt "in drei Altersetagen", wie er selbst
sagt: in der Etage der Gleichaltrigen, in jener seines älteren
Sohnes (27) und seines Stiefsohnes - und in jener seines zehnjährigen
Sohnes Benjamin. "Bin ich mit Eltern von Benjamins Schulkollegen
zusammen, denke ich manchmal: Das könnten meine Kinder sein",
sagt Steinegger, dessen Markenzeichen sein starkes Nervenkostüm
ist.
Wissen und Erfahrung, Arbeitsmoral,
Qualitätsorientierung, Zuverlässigkeit, Loyalität, Führungsfähigkeit
und soziale Kompetenz sind die Stärken Älterer, wie sie das
deutsche Fraunhofer-Institut ausweist. Die Schwächen sieht Professor
Thom in der physischen Belastbarkeit und in der Informationstechnologie.
Zusätzliche Stärken prädestinieren
Ältere für die politische Arbeit. Etwa die Altersweisheit.
"Lebenserfahrung und Seniorität sind in der Politik ein Wert
an sich und gehören zum Magistralen", sagt Schuppisser vom
Arbeitgeberverband. Während für einen CEO Branchen- und Fachkenntnisse
im Vordergrund stünden, spiele für einen Bundesrat "das
Leben als Ganzes eine wichtige Rolle".
Wer in der Politik Erfolg haben
will, braucht Netzwerkwissen, muss die Regeln von Machtspielen kennen
und täglich komplexe Vorlagen beurteilen. "Je intransparenter
Macht- und Wissenssysteme sind", sagt Höpflinger, "desto
wichtiger ist die Erfahrung, hinter die Kulissen gesehen zu haben."
Deshalb seien Politiker in Japan besonders alt.
Die Bundesrats-Geschichte zeigt,
dass in ausserordentlichen Zeiten immer wieder der Ruf nach ausserordentlichen
Männern laut wurde. Das machte 1917 die Wahl des ältesten
Bundesrates möglich: Gustave Ador war 71 Jahre alt. Der angesehene
Genfer sollte im Ersten Weltkrieg den Graben zwischen Deutsch- und Westschweiz
überbrücken.
Wer am Ende seiner Laufbahn steht,
hat einen weiteren nicht zu unterschätzenden Vorteil. "Er
muss nicht mit der Wiederwahl kokettieren und kann deshalb grundlegendere
Entscheide fällen", sagt Professor Thom. Verantworten muss
er die Entscheide auch. Aber nur vor seinem Gewissen.
Ausschnitte aus einem Interview
mit Roger Schawinsky in derselben Sonntags-Zeitung:
Roger Schawinski, Sie haben letztes
Jahr ein Buch veröffentlicht und darin Ihre "Lebenslust bis
100" erklärt. Sie sind jetzt 58; was tun Sie in den nächsten
42 Jahren?

Die These ist, dass die meisten
Babyboomer, also meine Generation, viel älter werden als frühere
Generationen. Das bedeutet, dass wir eine andere Lebensplanung machen
müssen. Bisher reichte die Lebensplanung bis 65. Mit 65 war man
müde; es folgten ein paar Jahre, die man noch geniessen wollte.
Wenn man 90 oder 95 wird, braucht man einen anderen Rhythmus. Einer
meiner Vorschläge heisst: Zwischen 50 und 60 nochmals eine neue
Karriere starten. Es hat sich gezeigt, dass die Babyboomer vom Physiologischen
wie vom Psychologischen her im gleichen Alter zehn Jahre jünger
sind als die Generation vorher.
Nicht altern, sondern jung bleiben?
Die Altersfrage ist eine sehr zentrale
Frage geworden in unserer Gesellschaft. Aber sie wird nur finanziell
diskutiert: Wie können wir die AH V sichern? Mit dieser Bundesratswahl
wird sie auf einer anderen Ebene diskutiert: Es geht um die Besetzung
von Machtpositionen. Da steht ein Paradigmenwechsel bevor. Da bin ich
überzeugt.
Alte an die Macht?
Die Älteren wollen den Platz
nicht räumen. Sie sagen: ´Wir bringen etwas, das die andern
nicht haben. Erfahrung, Durchsetzungsvermögen, Kontinuität.ª
Die Generation der Babyboomer wird ihren Platz halten und ausdehnen
wollen. Diese Leute werden alles tun, um zu neuen Höhenflügen
zu gelangen.
Das sind trübe Aussichten
für die Jüngeren.
Es gibt nicht mehr so viele Junge,
die nachkommen. Die Jungen, die glaubten, Alter ist etwas Negatives,
Alter ist eine Krankheit, werden noch auf die Welt kommen.