Reifende
Wirtschaft

Als ich mich
vor einem Jahr für die Menschen im mittleren Lebensalter begeisterte
und ein Beratungsunternehmen mit dem Namen "FORTY UP Best
Age Consulting" gründete, war mir nicht klar, dass ein Großteil
meiner Akquisegespräche darin bestand gegen Vorurteile und falschen
Klischeevorstellungen anzutreten.
Erst als
ich immer wieder feststellte, dass meine Gesprächspartner an Seniorenmarketing
dachten, während ich von Best Age Marketing sprach, wurde mir klar,
dass man einfach aneinander vorbeiredete, da hier zwei Begriffe und
zwei Beutungen teilweise bewusst - miteinander vermischt und
verwechselt wurden.
Dies ist
meine Motivation heute für Reife.ch diesen Artikel zu schreiben,
denn Differenzierung bringt Klarheit und macht Lust auf mehr
.
"Seniorenmarketing"
gibt es schon sehr lange und wird es auch in Zukunft geben. Es gibt
eine Menge Fachbücher dazu und viele kompetente Marketingexperten.
Seniorenmarketing hat selbstverständlich und besonders unter der
Berücksichtigung der immer älter werdenden Gesellschaft eine
wachsende Bedeutung. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass sich die
Senioren-Alters-Grenze immer weiter nach hinten verlagert. Während
früher die Altersphase schon bei ca.
60 Jahren begann, muss man heute ein Lebensalter von ca. 80 Jahre haben,
bevor ein stärkerer körperlicher und geistiger Abbau die Teilnahme
am aktiven Leben beeinträchtigt oder verhindert. Diese Art von
Seniorentum und Seniorenmarketing mag für einzelne Branchen ein
lukrativer Markt sein, besitzt aber von Hause aus keine natürliche
Attraktivität.
In den letzten
Jahren gesellen sich im Dunstkreis von Seniorenmarketing immer weitere
Begriffe dazu, die scheinbar etwas anderes zum Ausdruck bringen wollen
und es doch nicht ganz schaffen. Wahrscheinlich liegt der Grund für
die Erschaffung modern klingender Begriffe darin begründet, dass
sich "Senioren = Altsein" so schlecht verkauft. Doch ein Etikett,
wie z.B. Silver Ager verkauft sich genauso schlecht, wenn es inhaltlich
wieder nur um KoregaTabs und Bindenschutz bei Blasenschwäche geht.
Einen Teil
der folgenden Begriffe kennen Sie vielleicht:
Midager",
"GreyGamer", "Silver Generation", "Silver Ager",
"Baby Boomer", "Selpies", "Alt 68er",
"junge Alte", "Master Consumer", "Maintainers",
"Simplifiers", "Golden Oldies", "SilverMarket",
"Silver Surfer","50+Generation", "die freie
Generation", "die unsichtbare Generation" "New Age",
"50plus", "Reife Konsumenten", "Best Ager",
"Third Age"
"Best-Age"
bzw. "Best Ager" ist zur Zeit der am meisten verwendete Begriff
und drückt m.E. am besten aus, dass es sich nicht um Senioren,
sondern um Menschen im mittleren Lebensalter dreht.
Es ist daher
anzunehmen, dass sich dieser Begriff mehr und mehr durchsetzen wird.
Er und viele andere der o.a. Begriffe werden aber zur Zeit häufig
mit Seniorenmarketing verwechselt oder zumindest in die gleiche Schublade
gepackt. Das ist nicht nur sachlich, fachlich falsch, sondern auch gefährlich.
Das Best-Age-Marketing muss sich so klar wie möglich vom Seniorenmarketing
abgrenzen, wenn es sich marktgemäß entwickeln will.
Warum das
so ist und weshalb eine richtige differenzierende Begrifflichkeit so
wichtig ist, versucht der folgender Artikel zu verdeutlichen.
Gehen Sie
mit mir einige Jahre zurück und machen Sie mit mir einen Ausflug
in unsere Schulzeit:
Können
Sie sich noch an den Mitschüler "Harald" erinnern, der
schon zu Schulzeiten total veraltete Pullunder trug, ein total uncooles
Fahrrad fuhr, wenig Sport trieb und am liebsten Zuhause blieb, anstatt
mit der Clique in die angesagte Disco zu fahren? Dieser Mitschüler
war vielleicht gar nicht dumm, er war fleißig und zielorientiert.
Harald, so dachten wir, wird vielleicht mal ein ordentlicher Mathematiklehrer
oder en kompetenter Steuerberater. Irgendwann einmal wird er eine Familie
gründen, ein Reihenhaus besitzen und sich alle sechs Jahre ein
neues Auto leisten. So weit, so gut. Ohne, dass wir es weiter in unserem
Kopf bewegten, ordneten wir Harald nicht die Attribute: Lebenslust,
Mobilität, Flexibilität, Spontaneität, Frische zu.
Als wir Harald
letztes Jahr bei dem 25-jährigen Abi-Treffen wieder sahen, haben
wir ihn erst gar nicht erkannt. Nur der nahezu gleiche, unerträgliche
Pullunder verriet ihn und seine Identität. Harald hatte mindestens
15 Kg Übergewicht, seine Haare waren grau und seine "Wortmeldungen"
eher langweilig.
Harald
ist jetzt 45, sieht aus wie 53 und verhält sich wie 67.
Auf der anderen
Seite gab es Karin. Sie war früher schon ein Wirbelwind. Sie hatte
immer tolle Klamotten, wusste genau wo es die besten Schnäppchen
gibt, kannte alle guten Treffpunkte und die top-aktuellen Bands. Gelegentlich
schwänzte Karin den Unterricht, ging bei Sonnenschein ans Main-Ufer
und ließ ihre Gedanken treiben. Kann schon sein, dass da auch
mal ein Joint dabei gewesen ist. Bei Karin hatten wir sogar keine Vorstellung
davon, was aus ihr mal werden wird. Kein Wunder, sie wusste ja selbst
nicht wohin die Reise ging. Jedenfalls musste es etwas Kreatives sein.
Etwas, das ihren Freiheitsdrang respektierte und ihre Individualität
unterstützte.
Als wir Karin
beim Abi-Treffen sahen, erkannten wir sie sofort. Eigentlich sah sie
so aus wie früher. Lange dunkle Haare, wenn auch jetzt gefärbt,
schicke modische Klamotten und ein lebendiges, quirliges Auftreten.
Die paar kleinen Fältchen, die man bei näherem Hinsehen entdecken
konnte, machten ihr Gesicht eigentlich nur sympathischer. Karin ist
schon zweimal geschieden, hat zwei Kinder, wovon eins bei ihr lebt.
Sie ist halbtags berufstätig und bringt nach eigener Aussage ihre
kleine Familie ganz gut über die Runden. Sie macht einen glücklichen
Eindruck, obwohl Sie, auch durch ihre regelmäßigen beruflichen
Auslandsaufenthalte, ganz schön viel um die Ohren hat. Sie treibt
regelmäßig Sport und fährt mit ihrer Tochter so häufig
es geht ins Grüne. Nächstes Jahr will sie sich einen Lebenstraum
erfüllen: einen Motorradführerschein machen und mit einer
Harley Davidson über die Route 66 fahren. Na ja Warum eigentlich
nicht?
Karin
ist 46, sieht aus wie 39 und verhält sich wie 29.
Und wie
alt sind Sie eigentlich?
Wenn man
sich vor Augen führt, dass es ein faktisches Alter gibt, ein biologisches
Alter, und ein " gefühltes Alter", kann kaum jemand wirklich
sagen, wie alt er eigentlich ist. Eine Definition über das Alter
ist bei so gesehener Betrachtung wenig hilfreich. Und auch aus der Sicht
der anderen, derer, die die Best Ager ansprechen möchten, ist nicht
immer allein das Alter, definiert durch Geburtsjahr, ausschlaggebend.
Um es noch
mal am Beispiel Karin und Harald deutlich zu machen: für das Standesamt
oder für die BfA ist das faktische Alter ausschlaggebend. Für
den Arzt beispielsweise ist das biologische Alter viel interessanter
und für den Marketingmanager ist das gefühlte Alter wichtig.
Insofern machen Zahlen-Bezeichnungen wie "50 +" oder "45plus"
als neue Begriffe für ein bestimmtes Zielgruppenmarketing, oder
Begriffe wie "fiftyfree" für ein Wirtschaftsunternehmen
und natürlich auch "FortyUp" (= der Name meines Unternehmens)
eigentlich gar keinen Sinn.
Zugegeben:
die beiden Beschreibungen von Harald und Karin sind die Positionen am
oberen und unteren Ende. Zwei Extreme, die sogar - und um es auf die
Spitze zu treiben - durch das Best Age Marketing gar nicht abgedeckt
werden dürften, denn weder Karin noch Harald sind im gefühlten
Alter zwischen 40 und 65 Jahren.
Best Age
Marketing richtet sich also an Menschen, die sich gefühlsmäßig
in der Mitte des Lebens sehen. Menschen, die im gefühlten Alter
zwischen 40 und 65 Jahren sind. Das dazugehörige faktische Alter
kann durchaus schon bei 30 beginnen und bei über 80 enden. Letztlich
sollten wir aber von nun an mit Altersbezeichnungen aufhören, denn
sie helfen uns nicht weiter und verwirren nur. Sie sind und bleiben
eine Krücke.
Bei der Segmentierung
der Zielgruppe "Mensch" unterscheidet das Marketing bisher wie
folgt:
Ist: Kinder,
Jugendliche, junge Erwachsene, Familien, Senioren.
Bei genauer
Betrachtung fällt auf, dass der Begriff "Familien" als
einzige Bezeichnung einen sozialen Status/ Familienstand zum Ausdruck
bringt und weniger eine Lebensphase.
Der Begriff
"Best Age" hingegen stellt eine Lebensphase dar und lässt
sich problemlos - ja sogar besser - integrieren:
Soll: Kinder,
Jugendliche, junge Erwachsene, Best Ager, Senioren.
Best Age
Marketing ist also ein Zielgruppen-Marketing für eine bestimmte
Lebensphase und ein bestimmtes Lebensgefühl. Es grenzt zum einen
an die Lebensphase junge Erwachsene an und zum anderen an
die Lebensphase der Senioren.
Um ein besseres
Gefühl für die Abgrenzung zu bekommen, versuche ich diese
drei Lebensphasen samt dem dazugehörigen Lebensgefühl zu beschreiben:
Junge
Erwachsene
Lebensphase:
diese Lebensphase hat sehr unterschiedliche Ausprägungen. Es kann
sich um einen Studenten handeln, der Single ist, in einer Wohngemeinschaft
lebt und mit relativ wenig Geld auskommen muss. Es kann sich aber auch
um eine junge Familie handeln, die ihr Leben schon eingerichtet haben.
Das Handeln von jungen Erwachsenen wird nicht durch körperliche
oder psychische Einschränkungen behindert.
Lebensgefühl:
die jungen Erwachsenen sind grundsätzlich zufrieden mit dem Leben.
Sie haben aber längst noch nicht alles erreicht und zeigen daher
stärker als die Best Ager eine latente Unzufriedenheit und Unruhe.
Sie fühlen sich zeitlich sehr in Anspruch genommen und hätten
gerne mehr Freizeit, um aktiver zu sein.
Best Ager
Lebensphase:
diese mittlere Generation ist zum Großteil berufstätig und
verdient absolut und prozentual gesehen das meiste Geld. Sie haben die
Mitte ihres Lebens erreicht und gefunden. Sie haben bereits eine Menge
Erfahrungen im Leben gemacht, die sie in ihrem Handeln selbstsicherer
machen. Best Ager sind in der Regel voll leistungsfähig und werden
nicht durch körperliche oder psychische Krankheiten eingeschränkt.
Sie bemerken aber erste körperliche Veränderungen. Zur geistigen
und körperlichen Gesunderhaltung tun Sie viel, denn Sie wissen,
dass Gesundheit ein wichtiges Kapital ist.
Lebensgefühl:
Best Ager fühlen sich durchschnittlich zirka 13 Jahre jünger
als sie tatsächlich sind. Sie sind gelassen, genießen ihr
Leben, sind aktiv und mobil. Sie fühlen sich frei und unabhängig.
Dieses positive Lebensgefühl resultiert auch aus der Tatsache der
finanziellen Sicherheit. Sie verhalten sich nach den Werten: Selbstverwirklichung,
Freizeit, Genuss, Luxus, Vergnügen und Lust.
Senioren
Lebensphase:
Die echten Senioren sind nicht mehr berufstätig. Sie beziehen einer
Rente oder eine Pension. Sie haben es sich Zuhause nett eingerichtet.
Im besten Fall sind sie gesund, mobil und aktiv und haben ihren Lebenspartner
an ihrer Seite. Im schlechtesten Fall treten bereits körperliche
Gebrechen auf, die sie hindern oder behindern am aktiven Leben teilzunehmen
und die das Konsumverhalten einschränken.
Lebensgefühl:
das Lebensgefühl der heutigen Senioren wird durch traditionelle
Werte, wie Fleiß, Disziplin, Moral, Familie, Pflichterfüllung,
Sparsamkeit, und Bescheidenheit gespeist.

Best Ager
distanzieren sich bewusst von den Werten der Senioren und haben eine
größere Nähe zu dem Wertesystem der jungen Erwachsenen.
Best Ager
leben mehr und mehr nach dem Motto "Jetzt bin ich dran" und
"Ich bin ich. Ich bin nicht alt." "Ich mache mir lieber
ein schönes Leben, als immer nur zu sparen".
Die Abgrenzungserfordernis
aus Sicht der Best Ager
Der Best
Ager fühlt sich nicht alt, ist nicht alt und will logischerweise
auch nicht als alt bezeichnet werden. Konsequenterweise will er auch
nicht, dass man ihn als Senior bezeichnet oder ihn direkt oder indirekt
mit Senioren in Verbindung setzt. Dies will er insbesondere deshalb
nicht, da er Eltern hat, die heute Senioren sind und die in der Mehrzahl
nach dem alten Wertekodex leben. Diesen Wertekodex lehnt der Best Ager
aber grundsätzlich ab. Er hält nichts von falscher Bescheidenheit,
übertriebenen Fleiß, generalstabsmäßigem Gehorsam
oder Pflichtbewusstsein und auch nichts von verkrampften Familienbeziehungen
oder kasteiendem Verzichtsverhalten.
Die schon
mal erwähnten Bezeichnungen (50+, 45 plus, Forty up etc.) als subsumierende
Begriffe für Best Age- und Seniorenmarketing (gleichzeitig) sind
fatal, da ein 51jähriger Best Ager mit dem 80jährigen Senior
einfach in einen Topf geworfen wird.
Kein Wunder,
dass z.B. TUI mit ihren "Seniorenreisen" eine Bauchlandung
erlebte; Das gleiche Angebot erfreut sich aber jetzt großer Beliebtheit,
seit sich das Unternehmen entschieden hat, auf eine Altersbezeichnung
zu verzichten und statt dessen auf den Wellnessaspekt hinzuweisen.
Eine Abgrenzung
zu den Senioren wird dringend gewünscht bzw. eingefordert.
Der Best
Ager legt keinen Wert darauf als junger Erwachsener zu gelten. Er ist
sich seines Alters durchaus bewusst. Er legt aber großen Wert
darauf, dass Politik, Wirtschaft und Soziales begreifen, dass Best Ager
einen gewichtigen Platz in der Gesellschaft haben und dass sie heute
grundsätzlich Anschluss an das moderne Leben suchen. Aufgeschlossenheit,
Aktivität und Modernität wird als Lebensaufgabe verstanden.
Ihre moderne Lebenseinstellung positioniert sie zwar näher an das
Segment Junge Erwachsene, sie wollen aber auch hier nicht in einem Topf
landen.
Eine deutliche
Abgrenzung zu den Jungen Erwachsenen ist erwünscht und wird honoriert.
Best Ager
fühlen sich in der Mitte des Lebens rundherum wohl. Das ist auch
der Grund, weshalb sie der vergangenen Jugend nicht nachtrauern. Sie
empfinden Ihre Lebenserfahrung als hilfreich: Sie haben den Platz in
ihrem Leben gefunden. Sie wissen, wo sie stehen und wo sie hinwollen.
Sie haben durch ihre Reife eine innere Ruhe und Gelassenheit, die sie
nicht mehr missen wollen. Sie geniessen das Leben und gönnen sich
viel. Sie empfinden ihre Lebensphase als überaus positiv und können
daher nicht nachvollziehen, dass die Wirtschaft und das Marketing sie
so völlig ignoriert. Die erlebte Jugendfixierung in der Werbung
ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie reagieren bei übertriebener Jugendorientierung
empfindlich und fühlen sich häufig von der Werbung nicht wahrgenommen.
Auch die klischeehaften Seniorendarstellungen stören sie massiv.
Die "unsichtbare
Generation" möchte nicht weiter übersehen werden. Sie
ist sich ihres Wertes bewusst und möchte von der Werbung gezielt
angesprochen werden.
Der
eigene Platz/Raum, in dem man wahrgenommen werden kann, wird erwartet.
Die Abgrenzungserfordernis
aus Sicht des Marketings
Bei der Beschäftigung
mit dem Thema Best Age und/oder Seniorenmarketing fragt man sich zwangsläufig,
warum sich nicht schon längst alle Unternehmen auf diese lukrative
Zielgruppe gestürzt haben. Wir alle kennen die positiven Argumente
(großes Potential, hohe Kaufkraft, vielfältiger Konsumwunsch
),
die das Marketing zu Werbeaktionen animieren sollen. Werbetreibende
Unternehmen verhalten sich dennoch verhalten bis gar nicht. Nur wenige
Unternehmen
und Branchen haben bislang das enorme Potential entdeckt und setzen
es in gezielte Marketingmaßnahmen um.
Stellt sich
also die Frage, warum das so ist und ob der Markt /Werbemarkt so zurückhaltend
bleiben wird?
Die Gründe,
warum die Marketingverantwortlichen in Unternehmen und die Marketing-
und Werbeberater aus Agenturen Best-Age-Marketing nicht intensiver betreiben,
liegen zusammengefasst an folgenden Punkten: