Reifende
Wirtschaft
Wirtschaft
wozu ?
Über
ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler

Reifungsweg
eines Unternehmers
Hans Jecklin
im selbsterkundenden Zwiegespräch mit Martina
Köhler
Das Ansinnen
war mutig: Eine Unternehmer-Biografie zu schreiben, die sich nicht vom
Ego, vom Erfolg und Renommé des Verfassers herleitet, sondern
gleichsam die Gegenrichtung einschlägt: Wege aus dem
Ego hinaus in eine weiter verstandene Identität; Erfahrungen des
Misserfolgs, als Reifeprüfung hinleitend zu einem visionären
Verständnis des eigene (Lebens-)Auftrags,
im Dienste der Gemeinschaft und Gesellschaft.
Sprachsensibel
und von einem ganz anderen Werdeweg geprägt (Schauspielerin, Journalistin,
Erwachsenenbildnerin), spielt Martina Köhler ihren Part beim Zustandekommen
dieses Buches. Der Part ist gleichsam unsichtbar, die Story
bleibt diejenige des Unternehmers Hans Jecklin, der denn auch einleitend
bemerkt:
In Martina
traf ich einen Menschen, der die Welt der Wirtschaft aus einer mir noch
wenig vertrauten Perspektive wahrnahm. Einen Menschen, der früh
gelernt hatte, äusseren Absicherungen zu misstrauen und gerade
dadurch Vertrauen ins Sein fand. Eine Frau, die schon in jungen Jahren
ihren Idealen folgte, ohne vorher nach der Grösse des eventuellen
Opfers zu fragen. Für mich, der ich in meinem Lebensverständn
is und meiner äusseren Wohlbehaltenheit nie ernstlich in Frage
gestellt worden war, bedeutete dies eine Herausforderung: echt zu sein.
Ohne diese fruchtbare Auseinandersetzung und ihre sprachliche Umsetzung
durch Martina wäre dieses Buch nicht möglich geworden.
Die nachfolgenden
Buchauszüge mögen andeuten, welch breites Spektrum von Themen
und Bezügen der unternehmerischen Gegenwart auf den rund 200 Seiten
aufgenommen und reflektiert wird. Die enge Verbindung von praktisch-exemplarischer
Realität mit grundsätzlichem Nachdenken und darüber
hinaus mit dem Aufzeigen eines von spiritueller Erfahrung genährten
Lernprozesses macht die Faszination des Buches aus.
Edmond
Tondeur

Auszüge
Ausgewählt
von Edmond Tondeur
Die Vision:
Eine Wirtschaft, deren Aufgabe und Sinn die Herstellung und Verteilung
von Gütern und Dienstleistungen zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft
ist und die ihren Gewinn als Folge dieses Dienstes statt als
Selbstzweck versteht.
Die Vision
ist immer eine Inspiration aus dem Unbekannten. Sie weist über
die Stufe, auf der wir uns im Augenblick bewegen, hinaus. Sie eröffnet
eine neue Bewusstseinsdimension, die vor dem bisherigen Erfahrungshintergrund
allein nicht fassbar ist... Die Vision tritt ein, wenn unsere bisherigen
Wünsche und Vorstellungen an die Grenzen ihrer Umsetzbarkeit geraten.
Sie ist das Überschreitende. Die Vision ist ein Ausdruck der Evolution
und deren Sogkraft.
Wenn wir
heute ahnen, dass der nächste Bewusstseinssprung sich als Gemeinschaftsfähigkeit
autonomer Individuen ausdrücken wird, dann, weil wir wissen, dass
der als Egoismus missverstandene Individualismus für uns alle lebensbedrohliche
Formen angenommen hat.
Das Verständnis
der Evolution als unwiderstehlicher Sog zur Entfaltung in immer differenziertere
Formen des Seins wirft auch ein neues Licht auf die gegenwärtig
von Sorge und Angst begleiteten Wirkungen der Globalisierung. Als Chance
betrachtet, ist die Globalisierung ein wesentlicher Ausdruck der Evolution
des menschlichen Bewusstseins.
Der Wirtschaftsphilosoph
John Rawls nimmt in seinem Buch "Theorie der Gerechtigkeit"
den Begriff eines christlichen Msytikers aus dem 14. Jahrhundert auf,
der von der "Wolke des Nichtwissens" sprach. Wir sollten,
sagt er, unsere Herkunft, unser Land und unsere gewohnten Sicherheiten
zunächst vergessen, um global gerechte Lösungen zu finden.
Erst in diesem Vergessen würden unsere Illusionen, die alten Konzepte
und Wunschvorstellungen aufhören, unser Handeln zu bestimmen ...
Visionen
schöpfen aus dem Bewusstsein der Unbegrenztheit, aus unserem Einssein
mit allem, was ist ... Die Evolution hat es weise eingerichtet, indem
sie uns mit einer unstillbaren Sehnsucht nach diesem allumfassenden
Bewusstsein versah, nach dem, was wir, zum Beispiel, Gott nennen. (S.
24)
Persönliche
Evolution und also auch lebendiges Arbeiten ist für mich ein ständiges
Finden und Loslassen von Regeln. Evolution beinhaltet immer einen Zuwachs
an Bewusstheit und Freiheit durch zunehmend differenziertere Strukturen
und komplexe Vernetzungen.
Wenngleich
jedes Individuum seine eigene Persönlichkeit und Erinnerung hat,
ist es doch mit jedem anderen im Urgrund verbunden. Wir brauchen lediglich
die Geschichte des Universums zurück zu verfolgen, um uns alle
im Sternenlicht wiederzufinden. Evolutionärer Fortschritt betont
die Einzigartigkeit, die persönliche Entwicklung und die Neigungen
jedes Individuums, indem es die Vereinigung (Austausch und Gemeinschaft)
umso inniger anstrebt. Das klingt nur so lange paradox, wie wir im Entweder-oder
verhaftet sind. Da in jedem unserer kleinsten Teilchen die Geschichte
des ganzen Universums enthalten ist, haben wir auch eine gemeinsame
Erinnerung, einen Ursprung. Das eine Licht unser Licht
verdichtete sich in die Materie und gestaltete sich in verschiedene
Erfahrungen oder Ausdrucksformen. Einzigartigkeit in der Form und Einheit
im Geist bedingen sich. Um uns individuell zu entwickeln, schöpfen
wir aus der kollektiven Fülle ...
Eine die
weibliche Intuition unterdrückende, männlich-betonte Wirtschaft
äussert sich in rücksichtslosem Wettbewerb, in Wachstum ohne
Grenzen, kurz, in allem, was durch die einseitige Faszination unserer
Ratio gesteuert wird. Lassen wir diese männliche Kraft ohne Verbindung
zur empfangenden, weiblichen Energie schalten und walten, erzeugen wir
unweigerlich Defizite, und es entsteht ein Ungleichgewicht. Jeder Organismus
wird durch eine Art innerer Kommunikation in einem fliessenden Gleichgewicht
gehalten...
Auf die Wirtschaft
bezogen, entspricht die Ausweitung der Märkte um jeden Preis dem
Verhalten einer Krebszelle im Organismus. Da sich eine Krebszelle isoliert
und nicht mehr mit den gesunden Zellen kommuniziert, ist sie sich der
katastrophalen Folgen ihrer Kommunikationsunfähigkeit nicht bewusst.
Sie ist ihrer eigenen Dynamik verhaftet, greift gesundes Gewebe an,
bildet Metastasen und zerstört schliesslich den gesamten Organismus
...
Die Vision
von einer integralen Wirtschaft meint nichts anderes, als das Weibliche
und Männliche, den Himmel mit der Erde zu verbinden. Das tun wir
zunächst in uns selbst. Ich muss die Vision sein, wenn ich will,
dass sie manifest wird.
Während
der Macher über eine Lösung nachdenkt, serviert sie ihm die
Intuition auf dem Silbertablett allerdings nur, wenn wir ihr
die Tür offen halten. Da wir dies unbewusst immer wieder tun, fügen
sich scheinbar unvereinbare Dinge zu unserem Besten, obwohl wir gar
nichts gemacht haben. Intuitive Impulse brauchen nur gestaltet, nicht
aber gemacht zu werden. Zu gestalten bedeutet, sich zu er-innern, das
heisst, sich für das zu öffnen, was bereits in uns lebt. Je
mehr wir diesen inneren Fundus bewusst wahrnehmen, desto eher wächst
unsere Bereitschaft, aus ihm heraus zu schöpfen und zu agieren.
Der Macher wandelt sich dann zum Gestalter.
Dass ich
mich als junger, erfolgsorientierter Mann vom Lied "Ave Maria no
morro" berühren liess, hatte vielleicht mehr mit meiner Sehnsucht
nach dieser Freiheit zu tun, als ich damals ahnte ... Erst viel später
erfuhr ich, dass es der natürliche Atem einer Musik ist, der uns
in diesen inneren Einklang führen kann, unabhängig davon,
ob es ein einfaches Volkslied oder eine Sinfonie von Beethoven ist.
In der Berührung mit dem Wesentlichen kann sich der Macher zum
Gestalter wandeln.
In der Wirtschaft
sind wir darauf angewiesen, uns dem natürlichen Gleichgewicht des
Atems anzuvertrauen und in seinem Rhythmus zu handeln. Müssten
wir atmen, wie wir wirtschaften, wäre uns allen längst die
Luft ausgegangen. Mit den Gewinnen atmet die Wirtschaft zwar ein, aber
sie atmet nicht genügend aus, um den Organismus gesund zu erhalten.
Sie hält quasi die Luft an, und das droht uns inzwischen global
den Atem zu verschlagen ...
Um immer
wieder den Sprung vom Sachzwang zur Sinnerfüllung und vom Macher
zum Gestalter zu wagen, gibt es letztlich nur eine Frage, auf die sich
unser Tun ausrichten lässt: Handle ich aus Liebe oder handle
ich aus Angst? Die Angst zu versagen, vor dem Verlust des bisherigen
Status und Ansehens, kennen wir alle. Je mehr wir sie verdrängen,
desto stärker wird der Ausgang einer Krise von dieser Angst bestimmt.
Berufen wir uns auf vermeintliche Sachzwänge, so heisst das letztlich,
die Verantwortung für die eigenen Ängste abzulehnen. Doch
wenn wir unsere Ängste nicht annehmen, wer dann? Die Mitarbeiter,
die Umwelt, die Gesellschaft? Sobald wir jedoch der Angst in uns gewahr
werden und sie akzeptieren, sind wir frei, um zu gestalten.
Wir schöpfen
aus den Dingen, die wir am liebsten tun, denn sie machen uns Freude,
aus den Beschränkungen, denn durch sie werden wir kreativ, und
aus unserer tiefsten Sehnsucht, denn sie führt uns zur Quelle des
Seins.
Immer wieder
war es die von Mitarbeitern geäusserte Kritik, von der ich mich
behindert fühlte. Wenn von grossem Leistungsdruck, von zu viel
Hierarchie, von zu wenig Raum für selbständiges Handeln, von
mangelnder Freude am Job die Rede war, weckte das in mir eine Mischung
aus Widerstand, Mutlosigkeit und Fluchtreflex. Aber solche Infragestellungen
gehören zum ständig wachsenden Austausch im Unternehmen. Im
Laufe der Umsetzung unseres Leitbildes wuchs meine Bereitschaft zur
Veränderung. Dabei erlebte ich, wie fruchtbar es letztlich ist,
Vorbehalte von Mitarbeitern ernst zu nehmen. Nur indem ich mich ihnen
widmete, konnte ich herausfinden, ob sie Botschaften enthielten, die
einen Richtungswechsel nötig machten, oder ob ihr Ursprung in der
Angst vor Veränderungen lag.
Angst ist
blockierte schöpferische Energie. Sie beginnt wieder zu fliessen,
sobald sie statt mit Ungeduld und Aktionismus mit Annahme beantwortet
wird. So lernte ich allmählich, wie viel kreatives Potenzial in
den vordergründig als Beschränkung erlebten Gegebenheiten
liegt und freigesetzt wird, sobald wir uns ihnen zuwenden.
Und ich erfuhr,
wie notwendig es ist, dass die strukturelle Entwicklung eines Unternehmens
mit einer Stärkung des Selbstwertgefühls der Mitarbeitenden
einhergeht.
Die
einzelnen Beiträge zur reifenden Wirtschaft:
1)
Zwischen Best-Agern und Senioren: eine
notwendige Differenzierung (Elke Verheugen)
2)
Wirtschaft wozu ? Abschied vom Mangel.
Über ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler
3)
Plädyer für ein reifes Marketing
(Andreas Giger)
4)
Die graue Zielgruppe (aus der Münchner
Abendzeitung)
5)
LifeDesigning: für den Beruf und das Leben (Peter Kessler)
6)
Arbeitswut im Ruhestand (aus der Süddeutschen Zeitung)