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Winter 2003

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Reifende Wirtschaft

Wirtschaft wozu ?

Über ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler



Reifungsweg eines Unternehmers

Hans Jecklin im selbsterkundenden Zwiegespräch mit Martina Köhler

Das Ansinnen war mutig: Eine Unternehmer-Biografie zu schreiben, die sich nicht vom Ego, vom Erfolg und Renommé des Verfassers herleitet, sondern gleichsam die ‚Gegenrichtung’ einschlägt: Wege aus dem Ego hinaus in eine weiter verstandene Identität; Erfahrungen des Misserfolgs, als Reifeprüfung hinleitend zu einem visionären Verständnis des eigene (Lebens-)Auftrags, im Dienste der Gemeinschaft und Gesellschaft.

Sprachsensibel und von einem ganz anderen Werdeweg geprägt (Schauspielerin, Journalistin, Erwachsenenbildnerin), spielt Martina Köhler ihren Part beim Zustandekommen dieses Buches. Der Part ist gleichsam unsichtbar, die ‚Story’ bleibt diejenige des Unternehmers Hans Jecklin, der denn auch einleitend bemerkt:

In Martina traf ich einen Menschen, der die Welt der Wirtschaft aus einer mir noch wenig vertrauten Perspektive wahrnahm. Einen Menschen, der früh gelernt hatte, äusseren Absicherungen zu misstrauen und gerade dadurch Vertrauen ins Sein fand. Eine Frau, die schon in jungen Jahren ihren Idealen folgte, ohne vorher nach der Grösse des eventuellen Opfers zu fragen. Für mich, der ich in meinem Lebensverständn is und meiner äusseren Wohlbehaltenheit nie ernstlich in Frage gestellt worden war, bedeutete dies eine Herausforderung: echt zu sein. Ohne diese fruchtbare Auseinandersetzung und ihre sprachliche Umsetzung durch Martina wäre dieses Buch nicht möglich geworden.

Die nachfolgenden Buchauszüge mögen andeuten, welch breites Spektrum von Themen und Bezügen der unternehmerischen Gegenwart auf den rund 200 Seiten aufgenommen und reflektiert wird. Die enge Verbindung von praktisch-exemplarischer Realität mit grundsätzlichem Nachdenken — und darüber hinaus mit dem Aufzeigen eines von spiritueller Erfahrung genährten Lernprozesses — macht die Faszination des Buches aus.

Edmond Tondeur



Auszüge

Ausgewählt von Edmond Tondeur

Die Vision: Eine Wirtschaft, deren Aufgabe und Sinn die Herstellung und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft ist — und die ihren Gewinn als Folge dieses Dienstes statt als Selbstzweck versteht.

Die Vision ist immer eine Inspiration aus dem Unbekannten. Sie weist über die Stufe, auf der wir uns im Augenblick bewegen, hinaus. Sie eröffnet eine neue Bewusstseinsdimension, die vor dem bisherigen Erfahrungshintergrund allein nicht fassbar ist... Die Vision tritt ein, wenn unsere bisherigen Wünsche und Vorstellungen an die Grenzen ihrer Umsetzbarkeit geraten. Sie ist das Überschreitende. Die Vision ist ein Ausdruck der Evolution und deren Sogkraft.

Wenn wir heute ahnen, dass der nächste Bewusstseinssprung sich als Gemeinschaftsfähigkeit autonomer Individuen ausdrücken wird, dann, weil wir wissen, dass der als Egoismus missverstandene Individualismus für uns alle lebensbedrohliche Formen angenommen hat.

Das Verständnis der Evolution als unwiderstehlicher Sog zur Entfaltung in immer differenziertere Formen des Seins wirft auch ein neues Licht auf die gegenwärtig von Sorge und Angst begleiteten Wirkungen der Globalisierung. Als Chance betrachtet, ist die Globalisierung ein wesentlicher Ausdruck der Evolution des menschlichen Bewusstseins.

Der Wirtschaftsphilosoph John Rawls nimmt in seinem Buch "Theorie der Gerechtigkeit" den Begriff eines christlichen Msytikers aus dem 14. Jahrhundert auf, der von der "Wolke des Nichtwissens" sprach. Wir sollten, sagt er, unsere Herkunft, unser Land und unsere gewohnten Sicherheiten zunächst vergessen, um global gerechte Lösungen zu finden. Erst in diesem Vergessen würden unsere Illusionen, die alten Konzepte und Wunschvorstellungen aufhören, unser Handeln zu bestimmen ...

Visionen schöpfen aus dem Bewusstsein der Unbegrenztheit, aus unserem Einssein mit allem, was ist ... Die Evolution hat es weise eingerichtet, indem sie uns mit einer unstillbaren Sehnsucht nach diesem allumfassenden Bewusstsein versah, nach dem, was wir, zum Beispiel, Gott nennen. (S. 24)

Persönliche Evolution und also auch lebendiges Arbeiten ist für mich ein ständiges Finden und Loslassen von Regeln. Evolution beinhaltet immer einen Zuwachs an Bewusstheit und Freiheit durch zunehmend differenziertere Strukturen und komplexe Vernetzungen.

Wenngleich jedes Individuum seine eigene Persönlichkeit und Erinnerung hat, ist es doch mit jedem anderen im Urgrund verbunden. Wir brauchen lediglich die Geschichte des Universums zurück zu verfolgen, um uns alle im Sternenlicht wiederzufinden. Evolutionärer Fortschritt betont die Einzigartigkeit, die persönliche Entwicklung und die Neigungen jedes Individuums, indem es die Vereinigung (Austausch und Gemeinschaft) umso inniger anstrebt. Das klingt nur so lange paradox, wie wir im Entweder-oder verhaftet sind. Da in jedem unserer kleinsten Teilchen die Geschichte des ganzen Universums enthalten ist, haben wir auch eine gemeinsame Erinnerung, einen Ursprung. Das eine Licht — unser Licht — verdichtete sich in die Materie und gestaltete sich in verschiedene Erfahrungen oder Ausdrucksformen. Einzigartigkeit in der Form und Einheit im Geist bedingen sich. Um uns individuell zu entwickeln, schöpfen wir aus der kollektiven Fülle ...

Eine die weibliche Intuition unterdrückende, männlich-betonte Wirtschaft äussert sich in rücksichtslosem Wettbewerb, in Wachstum ohne Grenzen, kurz, in allem, was durch die einseitige Faszination unserer Ratio gesteuert wird. Lassen wir diese männliche Kraft ohne Verbindung zur empfangenden, weiblichen Energie schalten und walten, erzeugen wir unweigerlich Defizite, und es entsteht ein Ungleichgewicht. Jeder Organismus wird durch eine Art innerer Kommunikation in einem fliessenden Gleichgewicht gehalten...

Auf die Wirtschaft bezogen, entspricht die Ausweitung der Märkte um jeden Preis dem Verhalten einer Krebszelle im Organismus. Da sich eine Krebszelle isoliert und nicht mehr mit den gesunden Zellen kommuniziert, ist sie sich der katastrophalen Folgen ihrer Kommunikationsunfähigkeit nicht bewusst. Sie ist ihrer eigenen Dynamik verhaftet, greift gesundes Gewebe an, bildet Metastasen und zerstört schliesslich den gesamten Organismus ...

Die Vision von einer integralen Wirtschaft meint nichts anderes, als das Weibliche und Männliche, den Himmel mit der Erde zu verbinden. Das tun wir zunächst in uns selbst. Ich muss die Vision sein, wenn ich will, dass sie manifest wird.

Während der Macher über eine Lösung nachdenkt, serviert sie ihm die Intuition auf dem Silbertablett — allerdings nur, wenn wir ihr die Tür offen halten. Da wir dies unbewusst immer wieder tun, fügen sich scheinbar unvereinbare Dinge zu unserem Besten, obwohl wir gar nichts gemacht haben. Intuitive Impulse brauchen nur gestaltet, nicht aber gemacht zu werden. Zu gestalten bedeutet, sich zu er-innern, das heisst, sich für das zu öffnen, was bereits in uns lebt. Je mehr wir diesen inneren Fundus bewusst wahrnehmen, desto eher wächst unsere Bereitschaft, aus ihm heraus zu schöpfen und zu agieren. Der Macher wandelt sich dann zum Gestalter.

Dass ich mich als junger, erfolgsorientierter Mann vom Lied "Ave Maria no morro" berühren liess, hatte vielleicht mehr mit meiner Sehnsucht nach dieser Freiheit zu tun, als ich damals ahnte ... Erst viel später erfuhr ich, dass es der natürliche Atem einer Musik ist, der uns in diesen inneren Einklang führen kann, unabhängig davon, ob es ein einfaches Volkslied oder eine Sinfonie von Beethoven ist. In der Berührung mit dem Wesentlichen kann sich der Macher zum Gestalter wandeln.

In der Wirtschaft sind wir darauf angewiesen, uns dem natürlichen Gleichgewicht des Atems anzuvertrauen und in seinem Rhythmus zu handeln. Müssten wir atmen, wie wir wirtschaften, wäre uns allen längst die Luft ausgegangen. Mit den Gewinnen atmet die Wirtschaft zwar ein, aber sie atmet nicht genügend aus, um den Organismus gesund zu erhalten. Sie hält quasi die Luft an, und das droht uns inzwischen global den Atem zu verschlagen ...

Um immer wieder den Sprung vom Sachzwang zur Sinnerfüllung und vom Macher zum Gestalter zu wagen, gibt es letztlich nur eine Frage, auf die sich unser Tun ausrichten lässt: Handle ich aus Liebe oder handle ich aus Angst? Die Angst zu versagen, vor dem Verlust des bisherigen Status und Ansehens, kennen wir alle. Je mehr wir sie verdrängen, desto stärker wird der Ausgang einer Krise von dieser Angst bestimmt. Berufen wir uns auf vermeintliche Sachzwänge, so heisst das letztlich, die Verantwortung für die eigenen Ängste abzulehnen. Doch wenn wir unsere Ängste nicht annehmen, wer dann? Die Mitarbeiter, die Umwelt, die Gesellschaft? Sobald wir jedoch der Angst in uns gewahr werden und sie akzeptieren, sind wir frei, um zu gestalten.

Wir schöpfen aus den Dingen, die wir am liebsten tun, denn sie machen uns Freude, aus den Beschränkungen, denn durch sie werden wir kreativ, und aus unserer tiefsten Sehnsucht, denn sie führt uns zur Quelle des Seins.

Immer wieder war es die von Mitarbeitern geäusserte Kritik, von der ich mich behindert fühlte. Wenn von grossem Leistungsdruck, von zu viel Hierarchie, von zu wenig Raum für selbständiges Handeln, von mangelnder Freude am Job die Rede war, weckte das in mir eine Mischung aus Widerstand, Mutlosigkeit und Fluchtreflex. Aber solche Infragestellungen gehören zum ständig wachsenden Austausch im Unternehmen. Im Laufe der Umsetzung unseres Leitbildes wuchs meine Bereitschaft zur Veränderung. Dabei erlebte ich, wie fruchtbar es letztlich ist, Vorbehalte von Mitarbeitern ernst zu nehmen. Nur indem ich mich ihnen widmete, konnte ich herausfinden, ob sie Botschaften enthielten, die einen Richtungswechsel nötig machten, oder ob ihr Ursprung in der Angst vor Veränderungen lag.

Angst ist blockierte schöpferische Energie. Sie beginnt wieder zu fliessen, sobald sie statt mit Ungeduld und Aktionismus mit Annahme beantwortet wird. So lernte ich allmählich, wie viel kreatives Potenzial in den vordergründig als Beschränkung erlebten Gegebenheiten liegt und freigesetzt wird, sobald wir uns ihnen zuwenden.

Und ich erfuhr, wie notwendig es ist, dass die strukturelle Entwicklung eines Unternehmens mit einer Stärkung des Selbstwertgefühls der Mitarbeitenden einhergeht.


Die einzelnen Beiträge zur reifenden Wirtschaft:

1) Zwischen Best-Agern und Senioren: eine notwendige Differenzierung (Elke Verheugen)

2) Wirtschaft wozu ? Abschied vom Mangel. Über ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler

3) Plädyer für ein reifes Marketing (Andreas Giger)

4) Die graue Zielgruppe (aus der Münchner Abendzeitung)

5) LifeDesigning: für den Beruf und das Leben (Peter Kessler)

6) Arbeitswut im Ruhestand (aus der Süddeutschen Zeitung)