Reifende
Wirtschaft
Die
graue Zielgruppe
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Aus
der Münchner AZ, 24.10.03
Die
graue Zielgruppe: Ran an die Senioren
Sie
haben Zeit & Geld: Wie die Werbung die Generation "50
Plus" erreichen will
MÜNCHEN
In Tagen, da ältere Menschen hauptsächlich als Opfer
von Spar- und Kürzungsbeschlüssen vorkommen, sind die
Werber, Medienprofis und Zukunftsforscher längst weiter:
Die Alten im Lande sind reicher, konsumfreudiger und agiler, als
jede Jammer-Debatte vermuten lässt. Das ist die Erkenntnis
einer Diskussionsrunde auf den Münchner Medientagen.
"Best
Ager", "Well-off Old People" oder "Silversurfer" wurde
die Generation der über 50-Jährigen von den Werbern
getauft (Werber sind eine Berufsgruppe, die ohne Englisch zur
Sprachlosigkeit verdammt wäre).
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Ausriss
aus der Münchner AZ vom 24. Oktober 2003
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"Diese
reiferen Menschen haben alles, was man sich von einem Konsumenten wünsehen
kann", meint Andreas Giger, Zukunftsforscher aus der Schweiz: "Sie
haben Geld, Zeit und Aufmerksamkeit. Die Jungen sind eh immer gestresst."
Völlig überholt sei die Fixierung auf die Konsumentengruppe
der 14- bis 49-Jährigen. Dafür gebe es reihenweise Belege.
So ist der Durchschnittskäufer einer Harley-Davidson 50 Jahre alt.
Dennoch scheue sich die Werbung noch immer, diese "einzig wachsende
Zielgruppe" anzu¬prechen, kritisiert Giger.
Zwar gibt
es mittlerweile auch Frauen mit grauen Haaren in Anzeigen, oft aber
wird die Kundschaft falsch angesprochen: "Die Leute reagieren allergisch
auf plumpe Anmache." Also bloß nicht: Sie sind 50 und brauchen
jetzt eine neue Zahnpasta! "Niemand möchte über sein
Alter definiert werden", oder, wie Susanne Kunz, Media Director bei
Procter&Gamble, sagt: "Jeder möchte alt werden, niemand
möchte alt sein."
Und dafür
gibt es objektive Gründe: Noch immer gebe es "die Altersguillotine",
sagt Giger. So bekämen beispielsweise über 50-Jährige
keinen Immobilienkredit und 70-Jährige keine Leasing-Verträge.
Dass 60 Prozent der Unternehmen niemanden über 50 einstellten,
hält Giger für "volkswirtschaftlichen Unsinn".
"Alter
wird meist gleichgesetzt mit Siechtum, Defiziten, Abbau und Tod." Tatsächlich
stünden dem positive Eigenschaften wie Gelassenheit, Souveränität
und Selbstbewusstsein gegenüber. Und die muss man stärken,
meinen die Werbe-Fachleute. "Die Best-Ager trotzen", meint die
Marketing-Expertin Lisa Neuendorfer. Die Alten würden sich zunehmend
zu ihrem Alter bekennen, Ansprüche anmelden und sich "selbst
was Gutes tun" wollen. Procter & Gamble-Fachfrau Kunz hält
die Identifizierung mit dem eigenen Alter für begrenzt: "Alt
werden nur die anderen. Eine Erfahrung, die man persönlich auf
jedem Klassentreffen machen kann." Und grundsätzlich, das hätten
alle Umfragen ergeben, "fühlt sich innerlich nie jemand älter
als 35."
Matthias
Maus
Andreas
Giger (52) ist Sozialpsychologe, Zukunftsforscher und Buchautor aus
der Schweiz
Die Erfahrung
der Älteren nutzen
Über
die Aussichten für Ältere sprach die AZ auf den Münchner
Medientagen mit dem Zukunftsforscher Andreas Giger.
AZ: Herr
Giger, 60 Prozent der Unternehmer stellen niemanden über 50 ein.
Wird sich das ändern?
ANDREAS GIGER:
In diesem Jahrzehnt nicht mehr. Mittelfristig schon. Man wird auf die
Erfahrung der Älteren nicht mehr verzichten können.
Reagieren
die Älteren auf die derzeitige Krise anders als die Jüngeren?
Auf die zweite
Krise reagiert man oft besser als auf die erste. Wer mehr erlebt hat,
kann mit seiner Erfahrung gelassener reagieren. Das ist übrigens
ein Vorteil älterer Arbeitnehmer. Was die aktuelle Krise betrifft,
ist die Hilflosigkeit aber eher Generationen-übergreifend.
Sie haben
Individualisierung als "Megatrend" bezeichnet. Bedeutet das auf
lange Sicht das Ende von Solidarität ?
Das wäre
ein Missverständnis. Gerade Lebenserfahrung lehrt, dass man als
Egomane oder als Solist eben nicht zufrieden wird. Familienwerte werden
auch in Zukunft gelten - auch wenn die Oma vielleicht künftig eher
mal nein sagt, wenn sie Enkel nehmen soll.
Wenn die
Alten immer mehr werden, bedeutet das auf lange Sicht das Ende des Jugendwahns
in Werbung und Medien?
Ich fürchte
das Gegenteil! Es wird weniger Jugend geben. Die Volkswirtschaft lehrt:
Ein knappes Gut wird wertvoller. Deswegen wird die Werbung weiter darauf
setzen.
Interview:
mm.
Andreas
Giger, Zukunftsforscher, hat besondere Anstrengungen vor sich. Denn
die seien notwendig, so der Schweizer Forscher, um Konsumenten ab 50
anzusprechen. Wie im Zuge einer Diskussionsrunden bei den Münchner
Medientagen mal wieder bekannt wurde, rückt diese Generation zunehmend
in den Fokus der Werbewirtschaft. Die Älteren wollen besonders
umworben und nicht allein über das Alter angesprochen werden. Ganz
anders als die klassische Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen hätten
die Älteren hohe Ansprüche. Wenn sie erfüllt werden,
meint Giger, ist die Werbung in allen Altersgruppen erfolgreich. Falls
was von der Rente bleibt, versteht sich. (dpa)
Aus der "taz"
Reife als
Ressource
Stichworte
zu den Keynotes von Dr. Andreas Giger im Rahmen des Panels "Werbung
mit Falten" anlässlich der Medientage München (siehe AZ-Artikel
oben)
Es handelt
sich hier um Stichworte zur Strukturierung einer freien Rede, nicht
um ein wörtliches Vortragsmanuskript !
Wenn jemand
zu Ihnen käme mit einer Geschäftsidee, die auf der Überzeugung
fusst, die Erde sei eine flache Scheibe - was würden Sie tun ?
Ähnlich
überholt und von jeder Unterstützung durch Fakten verlassen
ist eine grundlegende Überzeugung in Marketing und Werbung: »Die
werberelevante Zielgruppe ist zwischen 15 und 49 Jahre alt«. Vor
allem in den elektronischen Medien basieren die meisten Werbegeschäfte
noch immer auf dieser Grundlage.
Konsequent
zu Ende gedacht bedeutet diese Grundsatz: Wenn jemand seinen fünfzigsten
Geburtstag feiert, hört er oder sie schlagartig auf, ein interessanter
Konsument zu sein, der es wert ist, dass man ihn umwirbt. Warum ? Weil
er schlagartig aufhört zu konsumieren ? Oder weil er nur noch Kukident
und Rollstühle kauft ? Oder weil er so stur ist, dass er ohnehin
nur noch kauft, was er immer schon gekauft hat ?
Alles purer
Unsinn. Die Fakten sind längst bekannt und zugänglich:
- Menschen
ab 50 erweisen sich in vielen Märkten als höchst konsumfreudig.
- Sie haben
mehr als die Jüngeren von den auf den Märkten entscheidenden
Ressourcen Geld, Zeit und Aufmerksamkeit.
- Sie sind
die einzige quantitativ wachsende Konsumentengruppe.
Wie kommt
es dann, dass diese Fakten immer noch weitgehend ignoriert werden ?
- Alter
ist nicht sexy. Das gängige Altersbild ist immer noch geprägt
von so unerfreulichen Dingen wie Abbau, Defizite, Siechtum und Tod.
Gebraucht wird deshalb ein neues Bild von Alter und älter Werden.
Mein Vorschlag: Reife.
- Marketing
und Werbung kommen mir vor wie jener Besoffene, der des Nachts seinen
runtergefallenen Schlüssel nicht dort sucht, wo er ihn verloren
hat, sondern dort, wo das Licht der Strassenlaterne hinfällt.
Übersetzt: Mit jüngeren Konsumenten kennen sich die meist
ziemlich jungen Menschen in Marketing und Werbung einfach besser aus,
sich in den Kopf reiferer Menschen zu versetzen fällt ihnen entsprechend
schwer.
Ausnahmen
gibt es natürlich auch hier, und so wurde flugs das Senioren-Marketing
erfunden, bald verbrämt durch positiv aufgemotzte Begriffe wie
"50plus", "Silver Age" oder "Best Agers". Und so verbreitet sich langsam
aber stetig die Einsicht: »50plus ist die ideale Zielgruppe mit
Zukunft !«
Doch auch
das ist - mit Verlaub - Quatsch. 50plus ist keine auch nur einigermassen
homogene Zielgruppe, weil:
- dazu mindestens
zwei Generationen mit sehr unterschiedlichen prägenden Lebenserfahrungen
gehören (Mangelbewusstsein und Überflussgesellschaft)
- der Faktor
biologisches Alter die Einstellungen und das Konsumverhalten viel
weniger stark beeinflusst als etwa die ökonomische Lage, der
Bildungs-Status oder das eigene Wertesystem
- sich der
Megatrend Individualisierung in reiferen Jahren noch viel stärker
auswirkt als in jüngeren
Zudem: Reifere
Konsumentinnen und Konsumenten sind anspruchsvoll und reagieren sehr
sensibel auf plumpe Anmache. Das bedeutet: Sie wollen keine Zielgruppe
mehr sein, auf die scharf geschossen wird. Wenn schon, dann wollen sie
den ursprünglichen Sinn von Werbung erleben: umworben zu werden.
Solange Menschen
ab 50 mit dem beglückt werden, was in manchem Unternehmen ganz
unverblümt als "Randgruppen-Marketing" bezeichnet wird, kann sich
dieses Gefühl natürlich nicht einstellen. Reife Menschen sind
anspruchsvolle Verbraucherinnen und Verbraucher, und zu ihren wichtigsten
Ansprüchen gehört der Wunsch, ernst genommen zu werden.
Dieses hohe
Anspruchs-Niveau der reifen Konsumenten - der vielleicht entscheidendste
Unterschied zwischen den alten Alten und den neuen Alten - lässt
sich vom Marketing auf zwei Arten interpretieren:
- Als Hindernis:
»Diese überkritischen Alten haben doch überall was
zu meckern !«
- Als Chance:
»Wenn ich die hohen Ansprüche reifer Konsumenten erfülle,
bin ich nicht nur in diesem Segment, sondern überall erfolgreich.«
Tatsächlich
spricht einiges für die zweite These. Reife Menschen sind erfahrene
Konsumenten. Sie wissen, was ihnen gut tut und was nicht. Sie wissen,
was sie wollen. Man kann ihnen nichts mehr vormachen. Und gerade deswegen
sind sie offen für wirklich überzeugende Angebote.
Noch etwas:
Reife Menschen wissen, was Lebensqualität bedeutet, was diese einschränkt
und was sie fördert. Und das wird zum entscheidenden Kriterium
für den Erfolg auf den Märkten von morgen, denn wie Horx sagt:
»Die Zukunft des Konsums lässt sich auf eine einfache Formel
bringen: Alle wirklich profitablen Märkte sind Lebensqualitätsmärkte.«
Das heisst:
Wer Lebensqualität vermindert, wird abgestraft, wer sie erhöht,
belohnt. Dazu muss man wissen, was für die Verbraucherinnen und
Verbraucher Lebensqualität bedeutet. Reife Konsumenten wissen das
am besten - und deshalb fragt man am besten sie. Nicht als Datenmelkkühe,
sondern als echte Dialogpartner.
Womit die
Kurzformel gilt: Von den Reifen lernen, heisst siegen lernen.
Senioren-Marketing:
Werbung für die Generation von morgen ? Zu einem aktuellen Beitrag
aus "ONE-to-ONE" kommen Sie hier.
Die
einzelnen Beiträge zur reifenden Wirtschaft:
1)
Zwischen Best-Agern und Senioren: eine
notwendige Differenzierung (Elke Verheugen)
2)
Wirtschaft wozu ? Abschied vom Mangel. Über
ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler
3)
Plädyer für ein reifes Marketing
(Andreas Giger)
4)
Die graue Zielgruppe (aus der Münchner
Abendzeitung)
5)
LifeDesigning: für den Beruf und das Leben (Peter Kessler)
6)
Arbeitswut im Ruhestand (aus der Süddeutschen Zeitung)