Reifende
Wirtschaft
LifeDesigning:
für den Beruf und das Leben
Von Peter
Kessler

LifeDesigning
lädt ein, alle Bereiche des Lebens zu gestalten. Die Frage
"Ist das schon alles gewesen?" soll nicht am Schluss der Karriere oder
sogar des Lebens stehen. Fokus dieses Artikels ist quasi stellvertretend
die Gestaltung der Berufslaufbahn. Jeder Einzelne kann für sich
Wege zur Lebens- und Arbeitszufriedenheit erarbeiten. Auch in einer
Welt mit veritablem Arbeitsweltbeben, wo Vertrauen und Mass wieder gefunden
werden müssen. Als Lebensunternehmer strebt er an, seinen selbst
definierten, mit den weiteren Lebensbereichen ausbalancierten "idealen
Job" zu finden und zu gestalten. Damit werden alle Seiten, auch der
Arbeitgeber, gewinnen.
Nachwort:
Es ist besonders interessant, diese Gedanken im Herbst 2003 im Lichte
der Entwicklungen in den letzten Monaten zu lesen.
Januar 2003.
Ich vergegenwärtige mir nochmals diverse Artikel in Zeitungen und
Zeitschriften, welche versuchen, die erschütternden Vorkommnisse
(work quake) vom letzten Jahr aufzuarbeiten. Aus einigen Artikeln geht
hervor, dass dieses Purgatorium für die Wirtschaft bereits für
einen Neuanfang genüge. Andere äussern die Ansicht, dass noch
weitere Säuberungen vonnöten seien, vor allem bei den andern,
natürlich. Vieles ruft nach einer Richtungsänderung.
Es ist erfreulich,
wenn wir Alarmzeichen, wie sie in letzter Zeit als Folge von
unverhältnismässigen Bezügen, Fehltritten von Wirtschaftsführern,
unrühmlicher Behandlung von Mitarbeitenden ertönten, zum Anlass
für Rückbesinnung nehmen: Selbsterkenntnis und -kritik kann
der Ausgangspunkt zur Gestaltung einer reiferen Epoche sein.
Arbeitgeber
und Arbeitnehmer: quo vadis?
Beide Seiten
sind aufgerufen, das ihre zu dieser neuen Epoche beizutragen, um Vertrauen
und Mass wieder herzustellen. Dass das Vertrauen in die Wirtschaft,
in ihre Führung und ihren Stellenwert gelitten hat, zeigt sich
nicht nur an der Börse, sondern auch an den Stammtischen und Parteiversammlungen.
Ein eindrückliches Abbild der Vernetztheit aller
Dinge....
Aufgefallen
sind mir in den letzten Wochen auch die zahlreichen Artikel, welche
sich mit den psychologischen Grundlagen der Ökonomie befassen.
Frühere Einsichten treten wieder aus der Versenkung hervor, z.B.
die Erkenntnis, dass finanzielle Anreize über ein gewisses Mass
hinaus nicht das erwartete Mehr gebracht haben. Oder, dass der Stakeholder-Ansatz
eben doch die zu bevorzugende Option darstellt. Und dass das Seelische
(Daniel Held in NZZ) wieder Platz haben muss.
Nun, nicht
nur andere, sprich "die dort oben", sollen über ihre Bücher
gehen, Nein, Introspektion ist auch dem Arbeitnehmer, der Arbeitnehmerin
(eingeschlossen natürlich das Top Management in der Funktion als
ArbeitnehmerInnen) anempfohlen. Und damit sind wir beim LifeDesigning.
LifeDesigning
hat mit dem Beruf im Kontext des Lebens zu tun
LifeDesigning
spricht zwei Dinge an: das Leben als Ganzes, ganzheitlich und
vernetzt. Und das Gestalten des Lebens. Der Philosoph Wilhelm
Schmid (Schönes Leben) meint zum "warum gestalten", dass die Endlichkeit
uns dazu auffordere. Die Erfahrung zeigt zur Genüge, dass Dahinplätschern
und Fahrenlassen im Leben nicht genügen. Das gilt für
die Geschäftsführung wie für die Lebensführung.
Es geht um die eigenverantwortliche Gestaltung des Lebens
Schmid nennt es "Aneignung des Lebens" - im Sinne der Selbstsorge
und Selbstvorsorge.
Also: Das
eigene Leben Gestalten im Sinne der Selbstsorge wird alle Lebensbereiche
umfassen: den Beruf/Arbeit, Beziehungen, Lernen, Freizeit, Gesundheit,
Materielles, Spiritualität und nicht zuletzt das älter Werden.
Die Verantwortung für diese Gestaltungsarbeit liegt klar beim Einzelnen.
Selbstverantwortung materialisiert sich hier in schönster Form.
Nur ich kann für Ich & Co. die Verantwortung übernehmen.
Und diese schliesst neben der Innenarbeit auch die Verantwortung für
mein Wirken nach aussen ein. Für meine Beiträge an die Mitwelt,
die kleine und grosse Welt um mich herum.
Und so sind
wir jetzt bei LifeDesigning und dem Beruf. Der beruflichen Laufbahn,
welcher in unserer Kultur - ein zentraler Stellenwert im Leben
zukommt. Im Ich & Co. bringe ich meine ganze Person an meinem Arbeitsplatz
ein. Und der Arbeitgeber erwartet seinerseits genau dies.
LifeDesigning
ist zuerst einmal eine Einstellung, eine Haltung. Die
Gaben, welche wir auf den Lebensweg mitbekommen und mitgenommen haben,
setzen wir in unserem Tätigsein ein. Damit sind der Berufseinstieg,
der erste bis zum letzen Job, die Karriere, die ehrenamtliche Tätigkeit,
die Freiwilligenarbeit vor und nach der Pensionierung gemeint. Unsere
besten und am meisten Befriedigung gebenden Fähigkeiten und Kenntnisse
setzen wir ein im Sinne unserer Berufung, für das, wozu wir gerufen
sind. Der grosse Mythologe Joseph Campbell spricht von einem "call",
einem Ruf, welcher dann zu vernehmen ist, wenn wir auch wirklich
in uns hineinhören.
Diese Sicht
des Be-Rufes ist nicht neu und doch ziemlich revolutionär. Erstens
meint sie Innensteuerung, also nicht vom Sich-Richten nach dem Mainstream,
nach dem was gerade gefragt und Mode ist. Ausgangspunkt ist das, was
ich beitragen will, wohin es mich zieht und nicht das, was mir
eine Instanz ausserhalb (Berater, Vorgesetzter, Arbeitsmarkt,
Testresultat, Personalchef, Tradition) aufdrängt.

|
Es
geht um den Einsatz von Ich & Co. dort, wo optimale Wirkung
und daraus hohe Arbeitszufriedenheit erzielt wird. Die besten
Chancen dazu zeigen sich dort, wo die am meisten Spass machenden
(Erfüllung bietenden) Fähigkeiten, Eigenschaften und
Kenntnisse
|
|
der
Mitarbeitenden in der richtigen und menschengerechten Umgebung
(Chef, Klima, Entwicklungsmöglichkeiten, KollegInnen, Materielles
etc.) auf ein für alle beteiligten Parteien sinnstiftendes
Ziel hin zur vollen Entfaltung kommen können.
|
Diese Sicht
verbindet sich mit einer Perspektive, welche in Richtung Demokratisierung
und Mitbeteiligung, beziehungsweise Mitverantwortung weist. Die Arbeitnehmerin
entscheidet für sich, wo und in welcher Balance mit andern Lebensbereichen
sie mitbeteiligt sein will, so wie das der Arbeitgeber auch tut.
Das bedeutet Machtverschiebung mit positiver Auswirkung auch
im Sinne von neuer Vertrauensbildung und Mass für beide
Seiten. Der Arbeitgeber hat dann den am besten beitragenden Mitarbeiter,
wenn dieser am Arbeitsplatz "glücklich" ist. Und das Glück
hat ja nach neusten Untersuchungen viel mit Demokratie und Föderalismus
(hier im individuellen Arbeitskontext gebraucht) zu tun (Bruno S. Frey:
Wir sehen..., dass direktdemokratische Rechte das Glück in statistisch
signifikanter Weise erhöhen...).
Prozess
des LifeDesigning
Das Lebenswerk
von Richard N. Bolles schlägt in den Werken "What Color Is Your
Parachute?" (best seller) und "The Three Boxes of Life And How To Get
Out Of Them" Wege zum LifeDesigning vor, welche für jedermann gangbar
sind. Voraussetzung ist der Wille, sich das Leben selbst anzueignen.
Und dieser Wille erwacht häufig erst dann, wenn die persönliche
Alarmglocke in der Form von Verlust, Krankheit, Trennung, Lebensübergänge
läutet. Meine eigene Erfahrung mit mir selbst und mit meinen Klienten
in der Beratung haben mir bestätigt, dass die Zeit der persönlichen
Transition ein mächtiger Verbündeter ist, um voranzukommen.
Eine herausfordernde Beziehung wie auch ein wohlwollendes Mentoring
und Coaching können dies ebenfalls sein.
Wer also
diesen Weg des bewussten Gestaltens des Lebens, hier nun des Berufes,
der Laufbahn (auch als älterer Mitarbeitender), gehen will, wird
sich die oben beschriebene Haltung immer mehr zu eigen machen. Und dann
nach dem Prinzip "Vergangenes sagt Zukünftiges voraus" zuerst und
immer wieder einmal ein Inventar seiner Stärken selbst machen.
Nicht anonyme Tests sagen ihm das Wesentliche über seine speziellen
Gaben (besondere Fähigkeiten, Eigenschaften und Kenntnisse),
nein, er kann diese aus bisherigen Erfahrungen (Introspektion) selbst
herausdestillieren. Diese, zusammen mit der Beschreibung seiner idealen
Arbeitsumgebung (wie Chef, Art der Firma, Klima) und gepaart mit seiner
Lebensmission ergeben dann das Idealbild seines Arbeitsplatzes.
Das ist das Bild, welches er einbringt, wenn es in der Welt des New
Work um Stellenwahl, Entwicklung, Lernen, Materielles, ja sogar um eine
Reorganisation mit Entlassungen geht.
Eine weise
Zusammenfassung der Hauptingredienzen jeder Lebens-Laufbahn- gestaltung
- hier in der Jobsuche - sagt: Jobsuche ist Informationssuche.
Zuerst eben die interne Suche nach den speziellen Gaben, nach dem Bild
der idealen Arbeitsumgebung, nach dem, was mich antreibt (Mission).
Dann die Recherche im Sinne von brainstorming mit Freunden über
Arbeitsfelder und Funktionen, welche diese speziellen Gaben zum vollen
Einsatz bringen. Danach die externe Suche nach Arbeitgebern, welche
solche idealen Jobs haben. Die Evaluation (nach extensiver Datensammlung)
solcher Möglichkeiten gemessen am Bild des idealen Jobs führt
dann zur Kontaktaufnahme mit Zielfirmen über die verschiedensten
Wege. Dabei hilft der Königsweg über das gepflegte Netzwerk
von persönlichen und neuen Kontakten am meisten, um sich mit seinem
Portfolio an Können, untermalt durch Erfahrung, als Problemlöser
ins Gespräch zu bringen. Die Suche richtet sich nicht primär
nach dem Mainstream von Inserat und Vermittlungsfirma, nein, der Suchende
nimmt die Kontaktnahme mit ausgewählten Firmen mit klarer eigener
Zielsetzung selbstverantwortlich an die Hand. Er weiss, was er zu
bieten hat.
Ich erfahre
oft grosses Erstaunen und Einwände beim Vorbringen dieses ungewohnten
Weges. Selbstverantwortung heisst aber hier (wie auch auf der Suche
nach dem geeignetsten Lernweg, dem geeignetsten Wohnort, dem besten
Partner, Arzt, spirituellen Lehrer, Vermögensverwalter): nicht
auf gebratene Tauben warten, wohl andere zur Unterstützung bitten,
jedoch im Sinne von "Selbstmächtigkeit" seinen eigenen Weg gehen.
Es ist dabei so viel neue Erfahrung zu machen, welche sich im nächsten
Portfolio gut auswirken wird. Zudem sei gefragt: sucht der reife Arbeitgeber
denn eine andere Person als den Lebensunternehmer?
LifeDesigning
in diesem Gebiet kann trotz gewissen möglichen Zielsetzungsdifferenzen
die beste Ausgangslage zwischen den Arbeitsparteien sein. Weil
es Klarheit schafft. Beide Seiten wissen, was sie aus tiefstem Herzen
wollen, bringen dies ein und handeln einen für beide gängigen
Weg aus. Immer wieder. Somit gewinnt und behält der Arbeitgeber
den (intrinsisch) motiviertesten Wissensträger, da dieser ja nur
zu einem (nahezu) idealen Job voll ja sagt und alles daran setzt, diesen
von seiner Seite auch so zu gestalten.
Es lohnt
sich, die Messlatte für sich hoch anzusetzen
Der Einwand
der Idealisierung kann nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Doch
ist zu bedenken, dass hohe Ziele in Forschungs- und andern Abteilungen,
in innovativen und überlebensfähigen Unternehmen hohe Wirkung
zeitigen. Warum nicht auch ähnliche Massstäbe für das
eigene Leben ob in jungen oder späten Berufsjahren, ja auch
nach der Pensionierung setzen? Die Anstrengung zahlt sich in
vielerlei Richtung aus. So weiss man, um ein Beispiel aus einem andern
Lebensbereich zu erwähnen, aus einer berühmten Harvard Studie
(Grant Study: The Talent for Aging Well), dass kein anderer Faktor einen
so starken Einfluss auf ein reifes Altern hat, wie der Life Style.
Und dieser ist eine Frage der Wahl. Ob LifeDesigning für
die Berufslaufbahn oder die ganze Lebens-Laufbahn mit allen ihren Facetten:
es gilt das Prinzip: mich ganz einbringen und das Beste von mir geben:
Mir selbst, meiner Familie, Freunden, der Gesundheit, dem Tätigsein,
dem Lernen und dem, was alles zusammenhält.
Ich halte
mich gerne an Dick Bolles' Empfehlung: Wer nicht wenigstens immer wieder
gewagt hat, hat nicht gelebt.
Der Autor
Peter Kessler,
lic.oec.HSG, war - nach zwei Jahren trial and error Jobs in USA - sechs
Jahre bei IBM Schweiz als Personalassistent tätig. Nach vier Jahren
als Gesamt-Personalleiter bei Siemens Schweiz und Siemens-Albis AG übernahm
er die Funktion Personaldirektor der Schering-Plough in Luzern, verantwortlich
für Europa, Afrika und Mittleren Osten. Nach der Freistellung wegen
Reorganisation entschloss er sich 1985 für einen Wechsel zur selbständigen
Tätigkeit als Outplacement Berater, wobei nach einem Sabbatjahr
die Themen Laufbahnberatung und Bewusstes Altern dazukamen.

Die
einzelnen Beiträge zur reifenden Wirtschaft:
1)
Zwischen Best-Agern und Senioren: eine
notwendige Differenzierung (Elke Verheugen)
2)
Wirtschaft wozu ? Abschied vom Mangel. Über
ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler
3)
Plädyer für ein reifes Marketing
(Andreas Giger)
4)
Die graue Zielgruppe (aus der Münchner
Abendzeitung)
5)
LifeDesigning: für den Beruf und das Leben (Peter Kessler)
6)
Arbeitswut im Ruhestand (aus der Süddeutschen Zeitung)