Reifende
Wirtschaft
Arbeitswut
im Ruhestand

In den
USA arbeiten immer mehr Menschen über das Rentenalter hinaus -
meistens aus Geldnot
Man trifft
sie in den Nationalparks oder an den Informationsschaltern der Museen.
Grauhaarige Damen und Herren, die jeden mit einem freundlichen ,,Can
I help you?" begrüssen und Ratschläge für die besten
Wanderrouten oder Ausstellungsführungen parat haben. Sie nennen
sich " volunteers", denn sie erledigen diese Arbeit freiwillig
und ehrenamtlich. Viele kulturelle Einrichtungen in den USA sind auf
sie angewiesen, und für die eifrigen Senioren wiederum ist es erfüllender,
Zeit und Arbeitskraft einer gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit
zur widmen als Golf zu spielen oder Töpferkurse zu besuchen.
Glaubt man
einer Umfrage der American Association of Retired Persons (AARP), des
grössten Ruheständlerverbands in den USA, wird sich in den
folgenden Jahren eine zweite Gruppe aktiver Rentner dazu gesellen. Sie
werden ihren Lebensabend ebenfalls mit Arbeit füllen, allerdings
eher unfreiwillig und gegen Bezahlung. Denn sie schieben ihren Renteneintritt
nicht aus Freude an der Arbeit hinaus, sondern weil sie weiterhin auf
ein Einkommen angewiesen sind.
Die AARP
hat mehr als 2000 Personen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren interviewt.
Demnach planen sieben von zehn Amerikanern, über das übliche
Rentenalter von 65 Jahren hinaus zu arbeiten. 45 Prozent der Befragten
wollen bis in ihre Siebziger arbeiten, 18 Prozent sogar über das
achtzigste Lebensjahr hinaus. Geld spielt dabei die entscheidende Rolle:
Die Mehrheit, nämlich 22 Prozent derjenigen, die kurz vor dem Ausscheiden
aus dem Berufsleben stehen, und 35 Prozent der Ruheständler, gaben
für ihren verlängerten Arbeitseifer finanzielle Motive an.
Andere Begründungen - wie etwa der Wunsch, geistig aktiv zu bleiben
oder sich nützlich und produktiv zu fühlen - landeten weit
abgeschlagen auf dem zweiten oder dritten Platz.
Steigende
Gesundheitskosten, unzureichende Renten und verlustreiche Pensionsfonds
zwangen die Senioren dazu, weiter Geld zu verdienen, sagt der Forschungsdirektor
der Ruheständlervereinigung, Jeff Love. ,,Wir hatten bisher noch
nie mit Leuten zu tun, die bis zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag
arbeiten wollen."
Nach den
neuesten Regierungsstatistiken gehen fast fünf Millionen der über
65-jahrigen Amerikaner einer Beschäftigung nach. Das ist eine Steigerung
um acht Prozent seit März 2001. Ein Grund für die unfreiwillige
Arbeitswut der Senioren liegt darin, dass Unternehmen ihre Rentenfonds
umgeschichtet haben - von sicheren festverzinslichen Staatspapieren
zu risikoreicheren Unternehmensanleihen und Aktien. ,,Neue Ruhestandsmodelle
legen das Risiko in die Hände der Arbeitnehmer", erklärt Gary
Burtless, Rentenexperte der Brookings Institution, eines grossen Think
Tanks in Washington. Ausserdem bedeuteten das Platzen der Dotcom-Blase
und diverse Unternehmenspleiten in den letzten Jahren für so manchen
amerikanischen Angestellten auch das Ende vom Traum eines sicheren und
ruhigen Lebensabends.
Allerdings
scheint ihr Alter die Befragten nicht vor Unternehmungslust zu schützen:
Ein Drittel der angehenden Rentner plant, in einen ganz anderen Beruf
zu wechseln. Sechs Prozent der fleissigen Senioren wollen sogar ihr
eigenes Unternehmen gründen.
Viola
Schenz in der Süddeutschen Zeitung
Die
einzelnen Beiträge zur reifenden Wirtschaft:
1)
Zwischen Best-Agern und Senioren: eine
notwendige Differenzierung (Elke Verheugen)
2)
Wirtschaft wozu ? Abschied vom Mangel. Über
ein Buch von Hans Jecklin und Martina Köhler
3)
Plädyer für ein reifes Marketing
(Andreas Giger)
4)
Die graue Zielgruppe (aus der Münchner
Abendzeitung)
5)
LifeDesigning: für den Beruf und das Leben (Peter Kessler)
6)
Arbeitswut im Ruhestand (aus der Süddeutschen Zeitung)