Reifungs-Impulse
Ein altes Märchen
erzählt von den Göttern, die zu
entscheiden hatten, wo sie die grösste Kraft des Universums
verstecken sollten, damit sie der Mensch nicht finden kann, bevor
er dazu reif ist, sie verantwortungsvoll zu gebrauchen.
Ein Gott schlug vor, sie auf der Spitze des
höchsten Berges zu verstecken, aber sie erkannten, dass der
Mensch den höchsten Berg ersteigen und die grösste Kraft
des Universums an sich nehmen würde, bevor er dazu reif sei.
Ein anderer Gott sagte: "Lasst uns diese
Kraft auf dem Grund des Meeres verstecken." Aber wieder erkannten
sie, dass der Mensch auch diese Region erforschen und die grösste
Kraft des Universums an sich nehmen würde, bevor er dazu reif
wäre.
Schliesslich sagte der weiseste Gott: "Ich
weiss, was zu tun ist. Lasst uns die grösste Kraft des Universums
im Menschen selbst verstecken. Er wird niemals dort nach ihr suchen,
bevor er reif genug ist, den Weg nach innen zu gehen."
Und so versteckten die Götter die grösste
Kraft des Universums im Menschen selbst. Dort liegt sie noch immer
und wartet darauf, dass wir sie entdecken und weisen Gebrauch von
ihr machen.
(Quelle unbekannt; übermittelt
von Edmond Tondeur)
Advent:
Das ist mein Streit:
Sehnsuchtsgeweiht
durch alle Tage schweifen.
Dann, stark und breit,
mit tausend Wurzelstreifen
tief in das Leben greifen -
und durch das Leid
weit aus dem Leben reifen,
weit aus der Zeit!
Rainer Maria Rilke

Je älter ich werde
desto grösser wird
das Geheimnis in allem.
Aber noch etwas
geschieht:
Das Geheimnis
wird bewohnbar.
Romano Guardini

Nietzsche-Sätze (für reifende
Leser, Leserinnen)
Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich
laufen.
Ausgehend von einer ganzheitlichen Auffassung
des Menschen stellt Nietzsche Verbindungen her zwischen körperlichen
und geistigen Formen der Rhythmisierung. Nicht selten verdankte
er selbst ein grosser Wanderer seine Gedanken dem
Gehen. Es waren sozusagen Ge(h)danken
.
So wenig als möglich sitzen. Keinem
Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei
freier Bewegung, - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.
Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch ist
die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.

Beethoven komponierte gehend. Alle genialen
Augenblicke sind von enem Überschuss an Muskelkraft begleitet.
Gute Tage wollen auf guten Füssen gehen.
Auf jedem Seile gehen, auf jeder Möglichkeit
tanzen. Sein Genie in die Füsse bekommen.
Ich würde nur an einen Gott glauben, der
zu tanzen verstünde.
Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt
sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.
Der Mensch ist ein rhythmen-bildendes Geschöpf.
Sein Mittel, sich zu ernähren und die Dinge sich anzueignen,
ist, sie in Formen und Rhythmen zu bringen.
Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in
deiner besten Weisheit.
Als nicht nur denkendes, sondern empfindendes,
sinnliches Wesen sollte der Mensch seine Triebe und leiblichen Bedürfnisse
als Natur begreifen, sie achten und lieben lernen. Gegen eine lange
christliche Tradition der Leibverachtung rehabilitiert Nietzsches
Zarathustra den Leib, unsere "grosse Vernunft", deren
Bedürfnisse und Begehrlichkeiten die eigentlichen Lenker der
"kleinen Vernunft" unseres Bewusstseins seien.
Die ganze Ehrfurcht, die wir bisher in die Natur
gelegt haben, müssen wir auch empfinden lernen bei der Betrachtung
des Leibes.
In der Hauptsache gebe ich den Künstlern
mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die grosse
Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge dieser
Welt sie liebten ihre Sinne.
Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht
dein Leib und dein Selbst im Leibe: die terra incognita.

Das Vorurteil vom "reinen Geiste".
Überall, wo die Lehre von der reinen Geistigkeit geherrscht
hat, hat sie die Nervenkraft zerstört: sie lehrte den Körper
gering schätzen, vernachlässigen oder quälen
Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz
zum Leben
Der Begriff "Jenseits" erfunden, um die
einzige Welt zu entwerten, die es gibt. Der Begriff "Seele",
zuletzt gar noch "unsterbliche Seele" erfunden, um den
Leib zu verachten
Statt der Gesundheit das "Heil der
Seele"
Ich habe meine Schriften jederzeit mit meinem
ganzen Leib und Leben geschrieben: ich weiss nicht, was "rein
geistige" Probleme sind.
Wie alt ich schon bin und wie jung ich noch
sein werde
Wer Egoist genug ist, sich auf den Weg zu
sich selbst zu machen, lernt dabei, sich als ein Wesen in beständiger
Verwandlung zu betrachten. "Du bist immer ein Anderer",
erinnert der Philosoph seinen Leser, und wer den Mut zu dieser Ansicht
findet, beginnt bald dem Lob, das die Gesellschaft der Charakterfestigkeit
spendet, zu misstrauen
Kurze Gewohnheiten. Ich liebe die kurzen Gewohnheiten
und halte sie für das unschätzbare Mittel, viele Sachen
und Zustände kennen zu lernen und hinab bis auf den Grund ihrer
Süssen und Bitterkeiten
Dagegen hasse ich die dauernden Gewohnheiten
und meine, dass ein Tyrann in meine Nähe kommt und dass meine
Lebensluft sich verdickt, wo die Ereignisse sich so gestalten, dass
dauernde Gewohnheiten daraus erwachsen.
Aus: Friedrich Nietzsche,
Langsame Curen, Ansichten zur Kunst der Gesundheit. Zusammengestellt
von Mirella Carbone und Joachim Jung. HERDER Spektrum.
