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Winter06/07

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Reifungs-Impulse

Ein altes Märchen …

erzählt von den Göttern, die zu entscheiden hatten, wo sie die grösste Kraft des Universums verstecken sollten, damit sie der Mensch nicht finden kann, bevor er dazu reif ist, sie verantwortungsvoll zu gebrauchen.

Ein Gott schlug vor, sie auf der Spitze des höchsten Berges zu verstecken, aber sie erkannten, dass der Mensch den höchsten Berg ersteigen und die grösste Kraft des Universums an sich nehmen würde, bevor er dazu reif sei.

Ein anderer Gott sagte: "Lasst uns diese Kraft auf dem Grund des Meeres verstecken." Aber wieder erkannten sie, dass der Mensch auch diese Region erforschen und die grösste Kraft des Universums an sich nehmen würde, bevor er dazu reif wäre.

Schliesslich sagte der weiseste Gott: "Ich weiss, was zu tun ist. Lasst uns die grösste Kraft des Universums im Menschen selbst verstecken. Er wird niemals dort nach ihr suchen, bevor er reif genug ist, den Weg nach innen zu gehen."

Und so versteckten die Götter die grösste Kraft des Universums im Menschen selbst. Dort liegt sie noch immer und wartet darauf, dass wir sie entdecken und weisen Gebrauch von ihr machen.

(Quelle unbekannt; übermittelt von Edmond Tondeur)



Advent:

Das ist mein Streit:

Sehnsuchtsgeweiht

durch alle Tage schweifen.

Dann, stark und breit,

mit tausend Wurzelstreifen

tief in das Leben greifen -

und durch das Leid

weit aus dem Leben reifen,

weit aus der Zeit!

Rainer Maria Rilke

 

Je älter ich werde

desto grösser wird

das Geheimnis in allem.

Aber noch etwas

geschieht:

Das Geheimnis

wird bewohnbar.

Romano Guardini

 

Nietzsche-Sätze (für reifende Leser, Leserinnen)

Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen.

Ausgehend von einer ganzheitlichen Auffassung des Menschen stellt Nietzsche Verbindungen her zwischen körperlichen und geistigen Formen der Rhythmisierung. Nicht selten verdankte er — selbst ein grosser Wanderer — seine Gedanken dem Gehen. Es waren sozusagen Ge(h)danken ….

So wenig als möglich sitzen. Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.

Beethoven komponierte gehend. Alle genialen Augenblicke sind von enem Überschuss an Muskelkraft begleitet.

Gute Tage wollen auf guten Füssen gehen.

Auf jedem Seile gehen, auf jeder Möglichkeit tanzen. Sein Genie in die Füsse bekommen.

Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.

Der Mensch ist ein rhythmen-bildendes Geschöpf. Sein Mittel, sich zu ernähren und die Dinge sich anzueignen, ist, sie in Formen und Rhythmen zu bringen.

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.

Als nicht nur denkendes, sondern empfindendes, sinnliches Wesen sollte der Mensch seine Triebe und leiblichen Bedürfnisse als Natur begreifen, sie achten und lieben lernen. Gegen eine lange christliche Tradition der Leibverachtung rehabilitiert Nietzsches Zarathustra den Leib, unsere "grosse Vernunft", deren Bedürfnisse und Begehrlichkeiten die eigentlichen Lenker der "kleinen Vernunft" unseres Bewusstseins seien.

Die ganze Ehrfurcht, die wir bisher in die Natur gelegt haben, müssen wir auch empfinden lernen bei der Betrachtung des Leibes.

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die grosse Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge dieser Welt — sie liebten ihre Sinne.

Hinter deinen Gedanken und Gefühlen steht dein Leib und dein Selbst im Leibe: die terra incognita.

Das Vorurteil vom "reinen Geiste". Überall, wo die Lehre von der reinen Geistigkeit geherrscht hat, hat sie die Nervenkraft zerstört: sie lehrte den Körper gering schätzen, vernachlässigen oder quälen …

Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz zum Leben … Der Begriff "Jenseits" erfunden, um die einzige Welt zu entwerten, die es gibt. Der Begriff "Seele", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele" erfunden, um den Leib zu verachten … Statt der Gesundheit das "Heil der Seele"

Ich habe meine Schriften jederzeit mit meinem ganzen Leib und Leben geschrieben: ich weiss nicht, was "rein geistige" Probleme sind.

Wie alt ich schon bin und wie jung ich noch sein werde …

Wer Egoist genug ist, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen, lernt dabei, sich als ein Wesen in beständiger Verwandlung zu betrachten. "Du bist immer ein Anderer", erinnert der Philosoph seinen Leser, und wer den Mut zu dieser Ansicht findet, beginnt bald dem Lob, das die Gesellschaft der Charakterfestigkeit spendet, zu misstrauen …

Kurze Gewohnheiten. Ich liebe die kurzen Gewohnheiten und halte sie für das unschätzbare Mittel, viele Sachen und Zustände kennen zu lernen und hinab bis auf den Grund ihrer Süssen und Bitterkeiten …

Dagegen hasse ich die dauernden Gewohnheiten und meine, dass ein Tyrann in meine Nähe kommt und dass meine Lebensluft sich verdickt, wo die Ereignisse sich so gestalten, dass dauernde Gewohnheiten daraus erwachsen.

Aus: Friedrich Nietzsche, Langsame Curen, Ansichten zur Kunst der Gesundheit. Zusammengestellt von Mirella Carbone und Joachim Jung. HERDER Spektrum.